29.09.2009

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KRONZEUGE DES VÖLKERMORDS

Die millionenfache, unerhört grausame Ausrottung der Einheimischen überlieferte ein mutiger Mönch in einem Skandalbuch.

Man schreibt das Jahr 1520. Unter dem jungen spanischen König Carlos, der seit einem Jahr in Personalunion als Kaiser Karl V. das Heilige Römische Reich Deutscher Nation beherrscht, ist die Eroberung Spanisch-Amerikas in vollem Gang. Da findet am Hof in Madrid eine nicht alltägliche Zusammenkunft statt. Neben dem Monarchen sind die verantwortlichen Spitzenbeamten für die amerikanischen Provinzen anwesend, darunter der Generalnotar Conchillos, der die Interessen des Sklavenhandels vertritt.

Es spricht der zu diesem Zeitpunkt 36-jährige Dominikanermönch Bartolomé de las Casas (1484 bis 1566), als Priester langjähriger Augenzeuge der Conquista. Nach vielem Antichambrieren hat er die Audienz beim Kaiser erwirkt. Sein Bericht schildert den Eroberungsalltag mit all seinen unvorstellbaren Grausamkeiten und Blutbädern. Der flammende Protest des Gottesmannes provoziert Entsetzen und heftigen Disput - und zeigt kurzzeitig Wirkung: Generalnotar Conchillos offeriert seinen Rücktritt. Der Monarch nimmt ihn an, erklärt das bisherige Vorgehen der Eroberer für ungesetzlich und fordert von seinem "Indischen Rat" die Ausarbeitung eines Planes, nach dem die amerikanischen Besitzungen ohne Waffengewalt regiert werden sollen.

Aber Amerika ist weit, die Lobby der transatlantischen Ausbeuter übermächtig. An der Praxis der Conquista ändert sich praktisch nichts. Las Casas lässt sich nicht entmutigen. Alle Beschimpfungen als Wahnsinniger, Verräter, teuflischer Ketzer, als Lutheraner prallen an seinem heiligen Zorn über den Massenmord im Namen Christi ab. 1523 zieht er sich für zehn Jahre in ein Dominikanerkloster auf Hispaniola (Haiti) zurück, wo er Zeugnisse über die Eroberung Amerikas sammelt und seine Hauptwerke beginnt.

Nachdem der Priester im Jahr 1539 mit einer Predigt in Nicaragua die Soldaten eines spanischen Expeditionskorps zur Fahnenflucht veranlasst hat, bezichtigt ihn dessen Kommandeur des Hochverrats. Man zitiert ihn ins Mutterland, doch der Prozess in Spanien wird niedergeschlagen. Las Casas bleibt vier Jahre und erreicht tatsächlich den Erlass von Reformgesetzen, die 1542 als "Nuevas Leyes de las Indias" in Sevilla verkündet werden. Zitat: "Es soll mit den Bewohnern der Westindischen Länder in allen Dingen so verfahren werden wie mit den freien Untertanen der Krone von Kastilien: Denn zwischen diesen und jenen ist kein Unterschied."

Die Gesetze stoßen auf den erbitterten Widerstand der spanischen Kolonien und werden nie angewandt. Unter dem Druck der Lobbyisten muss Karl V. seine Reform im November 1545 widerrufen. Las Casas gibt nicht auf. Bevor er, zum Bischof geweiht, nach Lateinamerika zurückkehrt, verfasst er den "Kurzgefassten Bericht über die Verwüstung der Westindischen Länder" - das erschütternde Protokoll eines Völkermords.

Als Bischof von Chiapas in Mexiko greift er zum letzten Mittel, das ihm geblieben ist: Er gibt eine Anweisung an die ihm unterstellten Priester mit Vorschriften für Conquistadores heraus, die am Ende ihres Lebens von ihren Sünden freigesprochen werden wollen, um der Hölle zu entgehen. Bis in juristische Details wie die Aufsetzung eines notariellen Protokolls legt diese "Handreichung für alle Beichtväter" fest, wie jeder sterbende Conquistador, der seine Seele vor ewiger Verdammnis retten will, sein Vermögen unter seine einheimischen Sklaven zu verteilen hat. Die Alternative ist der Kirchenbann.

Die Wirkung der "Handreichung" war kurzzeitig enorm. Doch die kirchliche Hierarchie sorgte dafür, dass sie bald in Vergessenheit geriet, während Las Casas ihretwegen ein zweites Mal des Hochverrats bezichtigt und nach Spanien zurückbeordert wurde. Auch diesmal verlief der Prozess gegen ihn im Sande. Der Bischof, inzwischen ein alter Mann, blieb fortan in Spanien - und feierte im Jahr 1550 in der von Karl V. anberaumten Disputation von Valladolid sogar einen Triumph: Den scharfen öffentlichen Schlagabtausch mit Dr. Ginés de Sepúlveda, dem Hofchronisten und Chefideologen der Conquista, beherrschte er auf der ganzen Linie.

Wie alle früheren Erfolge erwies sich aber auch dieser als Scheinsieg, wie Hans Magnus Enzensberger in einem engagierten Nachwort zum "Kurzgefassten Bericht" resümiert hat. In der Praxis änderte sich nichts. Doch unbeugsam setzte der Mönch, an den sich heute nur noch wenige erinnern, seinen einsamen Kampf für die Menschlichkeit bis zum Tod im Alter von 81 Jahren fort. Rainer Traub

BARTOLOMÉ DE LAS CASAS: "KURZGEFASSTER BERICHT ÜBER DIE VERWÜSTUNG DER WESTINDISCHEN LÄNDER" (AUSZÜGE):

Die sogenannten Christen, welche hier landeten, wählten zwei ganz untrügliche Mittel, diese bejammernswürdigen Nationen auszurotten, und sie gänzlich von der Oberfläche der Erde zu vertilgen. Fürs Erste bekämpften sie dieselben auf die ungerechteste, grausamste, blutgierigste Art; und zweitens brachten sie alle diejenigen ums Leben, von denen sie fürchteten, dass sie nach Freiheit seufzen, danach schmachten, nur daran denken, oder den Martern, welche sie erdulden mussten, entspringen möchten. So verfuhren sie mit allen den Großen des Landes und allen freigeborenen Untertanen: Im Kriege aber ließen sie überhaupt nur Weiber und Kinder am Leben. Sie bürdeten denselben die härtesten, schwersten, drückendsten Lasten auf, die nicht einmal Vieh ertragen kann, geschweige denn Menschen. Unter diese zwei Hauptarten mehr als satanischer Tyrannei lassen sich alle übrigen mannigfaltigen und unzählbaren Qualen, gleichsam als untergeordnete Gattungen bringen, wodurch sie jene Völker zu vertilgen suchten.

Die einzige und wahre Grundursache, warum die Christen eine so ungeheure Menge schuldloser Menschen ermordeten und zugrunde richteten, war bloß diese, dass sie ihr Gold in ihre Gewalt bekommen wollten ...

Die Insel Hispaniola (Haiti) war es, wo die Christen zuerst landeten. Hier ging das Metzeln und Würgen unter den unglücklichen Leuten an. Sie war die erste, welche verheert und entvölkert wurde. Die Christen fingen damit an, dass sie den Indianern ihre Weiber und Kinder entrissen, sich ihrer bedienten, und sie misshandelten. Sodann fraßen sie alle ihre Lebensmittel auf, die sie mit viel Arbeit und Mühe sich angeschafft hatten ...

Nun fingen die Indianer an, auf Mittel zu sinnen, vermittelst deren sie die Christen aus ihrem Land jagen könnten. Sie griffen demnach zu den Waffen, die aber sehr schwach sind, nur leicht beschädigen, wenig Widerstand leisten, noch weniger aber zur Verteidigung dienen. Die Spanier hingegen, welche zu Pferde und mit Schwertern und Lanzen bewaffnet waren, richteten ein gräuliches Gemetzel und Blutbad unter ihnen an. Sie drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf, und hieben alles in Stücke, nicht anders, als überfielen sie eine Herde Schafe, die in ihre Hürden eingesperrt wäre. Sie wetteten untereinander, wer unter ihnen einen Menschen auf einen Schwertstreich mitten voneinander hauen, ihm mit einer Pike den Kopf spalten oder das Eingeweide aus dem Leib reißen könne. Neugeborene Geschöpfchen rissen sie bei den Füßen von den Brüsten ihrer Mütter und schleuderten sie mit den Köpfen wider die Felsen. Sie machten auch breite Galgen, so dass die Füße beinahe die Erde berührten, hingen zu Ehren und zur Verherrlichung des Erlösers und der zwölf Apostel je 13 und 13 Indianer an jedem derselben, legten dann Holz und Feuer darunter und verbrannten sie alle lebendig ...

Alle diese beschriebenen Gräuel, und noch unzählige andere, habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.


SPIEGEL GESCHICHTE 5/2009
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