24.11.2009

Zitadelle der Einsamkeit

Für Spanien war die düster-strenge Architektur des Escorial beispiellos. Anregungen für das Klosterschloss holte sich Philipp II. unter anderem in Flandern und Bayern.
Das Geviert aus graubräunlichem Granit, 207 Meter lang und 161 Meter breit, wirkt abweisend mit seinen gestauchten Türmen an den vier Seiten. Inmitten der schützenden Mauern ragt die Kuppel einer Basilika auf. Der "Real Sitio de San Lorenzo del Escorial", der sich in der Sierra de Guadarrama erhebt, ist zugleich Wehrburg, Kloster und Palast.
Gerade mal 56 Kilometer entfernt von seiner neuen Hauptstadt Madrid ließ der spanische Habsburger Philipp II. die gewaltige Anlage errichten. Mehr als 21 Jahre arbeiteten seine Architekten, der Michelangelo-Schüler Juan Bautista de Toledo und nach dessen Tod vor allem Juan de Herrera, an der Klosterresidenz, bis der damals 57-jährige Monarch 1584 einziehen konnte. Es ist der größte Renaissance-Bau der Welt.
Der Escorial, zu Deutsch: Halde, wie die Anlage nach dem kastilischen Flecken genannt wird, den der König mit Hilfe von Astrologen für sein Schloss ausgeguckt hatte, wurde stets gesehen als Spiegel der Persönlichkeit seines Bauherrn: streng, abweisend, militärisch und katholisch. "Kaltprächtig" nannte der Schriftsteller Lion Feuchtwanger die Residenz in seinem Roman "Goya".
Das "Time Magazine" sah hier "das Symbol des spanischen Geistes, der sich dem Wandel widersetzt", ein zu Stein gewordenes Dogma.
Kein Wunder, dass ausgerechnet der Diktator Francisco Franco den asketischen Monarchen bewunderte und an den Imperialismus von damals anknüpfen wollte. Deshalb ließ der Generalissimus das Denkmal für seine im Bürgerkrieg gefallenen Falangisten, das Valle de los Caidos, ganz in der Nähe aus den Felsen hauen und wählte dort seine eigene Grabstätte.
Gerade in den vergangenen Jahren aber haben Historiker versucht, Abstand von der "schwarzen Legende" zu gewinnen. Der britische Hispanist Henry Kamen etwa widerspricht in seinem jüngst erschienenen Buch "Das Rätsel des Escorial" der lange Zeit vorherrschenden Idee, der Bau sei ein "treues Abbild der spanischen Nation und des Monarchen, der sie regierte", wie ein Mönch im 19. Jahrhundert geschrieben hatte. Dieser Mythos sei geschaffen worden, "um die Touristen, aber noch viel mehr, um den spanischen Nationalstolz zu befriedigen". Kamen hingegen fragt unvoreingenommen, welche Vorbilder der Monumentalbau hat.
Auf der iberischen Halbinsel sind die allerdings nicht zu finden. Weder Philipps Vorfahren, die sogenannten Katholischen Könige, noch sein Vater Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, hatten hier Paläste oder Kathedralen errichten lassen. Prägend war für den damals 21-jährigen Prinzen, schon seit fünf Jahren Regent über Spanien, eine Reise in den Norden des Imperiums im Oktober 1548, die bis Juli 1551 dauerte.
Die Reiseerfahrungen sollten seinen Geschmack ausprägen: In Norditalien beeindruckte ihn die militärische Architektur der Festungsanlagen. In Bayern logierte er in den opulenten Palästen von Fürsten und bestaunte die umfangreiche Bibliothek der Kaufmannsfamilie Fugger. Besonders aber gefiel ihm die Benediktinerabtei Ettal am Rande der Alpen. In Flandern lernte er Renaissance-Schlösser und ausgeklügelt angelegte Gärten kennen. All das Gesehene wollte er nach seiner Rückkehr in der spanischen Heimat umsetzen.
Als Anlass diente ihm 1557 sein erster großer Triumph, die Schlacht von Saint-Quentin am Tag des Heiligen Laurentius, an der er persönlich teilgenommen hatte. "Aus Dankbarkeit für den Sieg, den unser Herr mir gewährte", so schrieb Philipp, wolle er ein Kloster errichten, San Lorenzo geweiht. Es sollte fünf Jahre dauern, bis der ideale Standort nahe der Hauptstadt gefunden war, im Jagdrevier des Königs. Als Grundriss wählten die Architekten die Form eines Gitters, da der Märtyrer auf einem Rost über dem Feuer gestorben war.
Mit Granitblöcken aus der Sierra de Guadarrama entstand auf einer Grundfläche von 33 000 Quadratmetern - nur der Vatikanpalast ist größer - ein Kloster für 100 Mönche des Hieronymus-Ordens. Die sollten stets für die Seelenrettung der Königsfamilie beten. Dazu ein Seminar und eine Schule, eine Basilika, unter deren Hauptaltar ein Mausoleum für die Königsfamilie eingerichtet wurde, ganz nach der in Aachen bewunderten Grabstätte von Karl dem Großen. Um die Apsis der Kirche wurden die bescheidenen Wohnräume für den König angelegt, gegenüber eine Bibliothek. Die Fassaden folgen streng der klassizistischen Manier. Denn dem nüchternen Bauherrn missfiel die Verspieltheit des frühen italienischen Barock.
Namhafte Maler der Epoche sollten die Basilika ausgestalten. El Greco aus Toledo erhielt Weisung, das Martyrium des heiligen Mauritius darzustellen. Doch sein Auftraggeber war nicht zufrieden mit dem Werk. Der Grieche hatte die Leidensgeschichte in den Bildhintergrund verbannt und zeigte im Vordergrund eine Gruppe von Männern, denen er die Züge von Zeitgenossen verlieh. Philipp II. jedoch, der damals schon zum Vorkämpfer der Gegenreformation geworden war und sogar seinen ältesten Sohn Don Carlos, dem man Sympathien mit den protestantischen Aufständischen in Flandern nachsagte, im Kerker sterben ließ, bestand auf strenger Interpretation der Heiligenlegende. Er verbannte den Meister der langgezogenen weißen Figuren in die Sakristei.
Insgesamt 1150 Gemälde versammelte der Monarch im Escorial, darunter eines seiner Lieblingsbilder, den "Kalvarienberg" des Niederländers Rogier van der Weyden. Unter den Spaniern bevorzugte er Juan Fernández de Navarrete. Doch auch der erregte Missfallen mit einer Heiligen Familie, zu deren Füßen Tiere spielen. Bevor Navarrete wieder einen Auftrag erhielt, musste er schriftlich versprechen, "weder Hunde noch Katzen noch andere unschickliche Figuren" in sakralen Werken zu malen. Denn das hatten die Kirchenfürsten beim Konzil von Trient verboten.
Gleich zweimal war Philipp auf seiner Reise in Trient mit kirchlichen Würdenträgern zusammengekommen. Daher war er bestrebt, die Beschlüsse zur Abgrenzung gegen die Reformatoren durchzusetzen. Er verbot das Studium im Ausland und die unzensierte Einfuhr von Büchern, organisierte die Inquisition auch im Norden seines Reichs. Er gab alle jene preis, die gegen die orthodoxen Weisungen des Papstes verstießen, und übernahm mehrmals bei Autodafés persönlich den Vorsitz.
Wegen seiner unbeugsamen Rückendeckung noch für die brutalsten Auswüchse des Katholizismus lehnten Liberale und Demokraten späterer Generationen den Herrscher ab. Der Premier der Republik, Manuel Azaña, erklärte die Habsburger-Herrschaft in einer Rede 1932 zum "monströsen Irrweg der spanischen Geschichte", weil sie die Spanier "in den Dienst einer Dynastie stellt, die ihrerseits einer imperialistischen und katholischen Idee untertan ist".
Heute sehen spanische Historiker den meist in seiner schwarzen Hoftracht porträtierten König etwas milder: als einen Mittelmäßigen, der früh mit zu viel Macht belastet wurde, von seinem Schicksal überfordert und von seiner Epoche überrollt.
Die Besucher des Escorial können noch immer erahnen, wie der damals mächtigste und vielleicht einsamste Herrscher Europas lebte, wenn sie seine schlichten Räume im ersten Stock besichtigen. Gegenüber sollte seine Frau wohnen. Doch seine vier Gemahlinnen (die letzte Ehe schloss er 1570 mit seiner Nichte Anna von Österreich) und fünf seiner acht Kinder waren vor dem Einzug gestorben. In einer engen Schreibkammer arbeitete er bis in die Nacht beim Schein einer Kerze. Dort las er religiöse Schriften oder Texte über Astrologie und Alchimie aus seiner Bibliothek.
Im Alkoven nebenan steht sein kurzes Himmelbett mit rotem Baldachin und flämischen Teppichen an den Seiten. Es ragt so in den Raum, dass der von Arthritis und Gicht geplagte König im Liegen durch zwei Balkontüren zu seiner Linken über die Gärten in die weite gebirgige Landschaft blickte. Zu seiner Rechten konnte er über seinen kleinen Andachtsraum hinweg gerade auf den Hauptaltar der Basilika sehen.
Hier zog Philipp während der letzten zehn Jahre seines Lebens meist die Fäden zwischen den Niederlanden und Mexiko, Neapel und den Philippinen. Und in diesem Raum starb der unglückliche Weltenherr auch mit 71 Jahren am 13. September 1598, "nahezu genau über seiner Grabstätte, um fünf Uhr morgens", so ein Chronist, "als die Morgenröte im Osten durchbrach und die Knaben aus dem Seminar die Morgenmesse sangen".
Von HELENE ZUBER

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2009
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