24.11.2009

Baden ohne Hose

Kaiser Franz Joseph musste sich mit manch schrulligem Erzherzog herumschlagen, der das gesellschaftliche Korsett sprengte - beispielsweise mit „Luziwuzi“, „Poldi“ und dem „schönen Otto“.
So etwas hatte Charlottenburgs Kabarett-Szene noch nicht erlebt: "Die Sensation" hieß es da 1922 in fetten Buchstaben, der Schaukasten annoncierte "Seine Hoheit", und das Programmheft breitete genüsslich Einzelheiten aus: Der neue Star sei "Kaiserlicher Prinz und Erzherzog von Österreich, Königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, Großherzog von Toskana und Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies".
Peinlicherweise stimmte das - und noch schlimmer: Der Prinz gehorchte nicht seiner Neigung, sondern der Not. Erzherzog Leopold Ferdinand Salvator hatte kaum Text, aber er brauchte das Geld.
Die Zuschauer zahlten fürstliche Preise, 75 Mark für eine Karte und 106 Mark für eine Flasche Wein. Das Stück jedoch war alles andere als standesgemäß: Drei knapp bekleidete Damen räkelten sich auf einer plüschigen Sitzgruppe im Empfangszimmer eines Halbwelt-Etablissements; an einem Sekretär saß die alte Chefin des Hauses, genannt "die Gräfin". Der Erzherzog spielte einen Erzherzog, gekleidet in eine weiße Tropenuniform, der ebenjene "Gräfin" sucht: seine Jugendfreundin.
Die Geschichte war erfunden, aber sie hatte wohl einen wahren Kern: Leopold gilt als eines jener schwarzen Schafe, die das Imperium unter Kaiser Franz Joseph bis heute zur sprudelnden Klatsch-und-Tratsch-Quelle machen. Einschlägige Breviere tragen Titel wie "Habsburgs schräge Erzherzöge" (geschrieben von Hanne Egghardt).
Geboren 1868 als ältester Sohn von Ferdinand IV., der als Großherzog von Toskana nie an die Macht kam, hatte Leopold auf politische Verantwortung weder Lust noch Aussicht. Erst schwängerte der junge Prinz die Tochter eines Zuckerbäckers, dann verliebte er sich in Wilhelmine Adamovic, eine Prostituierte mit tizianrotem Haar und dunklen Augen, die ihn "Poldi" nannte oder auch "Bubi" - wie ihren Kanarienvogel.
Der Kaiser versuchte alles, um ihn zu disziplinieren, versetzte ihn in eine weit entfernte Garnisonsstadt, schickte ihn gar in eine Nervenheilanstalt - vergebens. Leopold hielt an seiner Liebe fest und heiratete Wilhelmine, trotz harter Bedingungen: Er musste auf die Erbfolge verzichten und formal den Rang des Erzherzogs ablegen; genau genommen hieß er nun Leopold Wölfling.
Die Ehe hielt zwar nur bis 1907, aber Leopold blieb sich treu: Als Nächste heiratete er die Prostituierte Maria Magdalena Ritter, die er zuvor von ihrem Zuhälter freigekauft haben soll. Nach der Trennung von ihr bemühte er sich 1912 bei der Polizei darum, die Prostituierte Maria Schweikhardt aus der Aufsicht zu entlassen; er wolle für sie sorgen.
Noch konnte er sich das leisten, dank einer Erbschaft und Zahlungen seines Vaters, doch nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Apanage weg. Leopold musste sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen - und landete schließlich 1922, im Alter von 53 Jahren, auf der Bühne. Der Name des Kabaretts hätte nach diesem Absturz unpassender nicht sein können: "Rakete". Und dennoch: Leopold Wölfling, einst Offizier und Erzherzog von Österreich, hatte seinen Schlag bei den Frauen noch nicht verloren. 1933 heiratete er in Berlin ein drittes Mal, die 24 Jahre jüngere Klara Hedwig Pawlowski.
Solch einen Adligen auf Brautschau, einen notorischen Schwerenöter, könnten sich heute die Macher der Sat.1-Schmalz-Doku "Gräfin gesucht" quotenträchtiger nicht wünschen. Und er wäre nicht der einzige Bilderbuchkandidat: Erzherzog Otto Franz Joseph beispielsweise, Bruder des Thronfolgers Franz Ferdinand, galt als feschester Habsburger aller Zeiten. Der "schöne Otto" soll einst sturzbetrunken durchs Hotel Sacher spaziert sein, bekleidet nur mit einem Säbelumhang. Verheiratet mit Maria Josepha von Sachsen, verliebte er sich in eine Tänzerin der Wiener Hofoper und dann in eine Schauspielerin; mit jeder Dame bekam er mehrere Kinder.
Erzherzog Ludwig Viktor, der jüngste Bruder des Kaisers, setzte noch eins drauf: "Luziwuzi" soll sich im "Centralbad", der heutigen Schwulensauna "Kaiserbründl" in der Wiener Weihburggasse, 1868 einem Offizier so anzüglich genähert haben, dass dieser ihn ohrfeigte. In Salzburg bewohnte er später ein Palais mit Swimmingpool, das bis ins Detail blau-weiß eingerichtet war, von den Teppichen und Tapeten über das Porzellan und die Billardkugeln bis zum Zigarrenlöscher und der Nagelfeile.
Einer Anekdote zufolge lud er häufig Offiziere zum Baden ein, legte ihnen in den Umkleiden aber bewusst keine Schwimmhosen bereit. Der Kaiser soll das mit einem Scherz kommentiert haben: "Man müsst ihm als Adjutanten eine Ballerina geben, dann könnt nix passieren." Wenn er sich da mal nicht irrte: Die Tänzerin Claudia Couqui jedenfalls dankte "Luziwuzi" per Billett für eine gemeinsame Nacht.
Wie aber kam es zu all diesen Sonderlingen, die Habsburg zur Gerüchteküche machten und die heute ein Schmankerl für Paparazzi wären?
Nun, Liebesheiraten waren nicht vorgesehen, das förderte die Neigung zum Seitensprung. Zudem bedeutete erzherzogliche Erziehung oft harte Zucht - kein Wunder, dass so etwas zu Neurosen und Aufmüpfigkeiten führte.
Vor allem aber waren einige der hochgebildeten Erzherzöge unterfordert. Sie bezogen zwar fürstliche Apanagen, hatten aber kaum eigene politische Aufgaben und sollten sich dem starrsinnigen Kaiser beugen, der ein dem Untergang geweihtes Reich regierte. So sprengte mancher Außenseiter das habsburgische Korsett, in das er hineingeboren worden war - koste es, was es wolle.
Erzherzogin Luise etwa, Tochter des Großherzogs von Toskana, Ferdinand IV., eiferte ihrem Bruder Leopold nach. Sie verlor den Namen Habsburg, weil sie nach einer Liebelei mit dem Sprachlehrer ihrer Kinder, André Giron, die Ehe mit Prinz Friedrich August von Sachsen beendete. Rastlos reiste sie in der Welt umher, heiratete 1907 den 12 Jahre jüngeren Musiker Enrico Toselli, ließ sich aber auch von ihm wieder scheiden.
Erzherzogin Elisabeth Marie, das einzige Kind von Kronprinz Rudolf und Stephanie von Belgien, soll sich während der Ehe mit Prinz Otto Windischgraetz an junge Marineoffiziere herangemacht haben; noch während des Scheidungsverfahrens verliebte sie sich in den sozialdemokratischen Lehrer Leopold Petznek. Die "rote Erzherzogin" trat in die Partei ein, gab sich beim Aufmarsch zum 1. Mai aber erst gar nicht die Mühe, proletarisch zu wirken, und fuhr im Luxuswagen vor.
Der größte Aussteiger von allen aber war Erzherzog Ludwig Salvator, der sich auf Mallorca niederließ, mit der Dampfyacht "Nixe" über das Mittelmeer schipperte und etliche geografische und kulturhistorische Bücher schrieb. Der gelehrte Naturfreund schwamm nackt, schlief unter freiem Himmel und trug abgewetzte Klamotten, trotz der jährlichen 100 000 Kronen Apanage.
Als ihn einmal ein Grundbesitzer zu einer Feier bat, so jedenfalls will es eine der vielen Anekdoten über ihn, kam der Renommiergast auf ausdrücklichen Wunsch im eleganten Anzug. Kaum aber waren die ersten Teller aufgetragen, schüttete er sich die Suppe in die Taschen, stand auf und verabschiedete sich: "Sie haben nicht mich, sondern meinen Anzug eingeladen - und der ist satt."
Von TOBIAS BECKER

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2009
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