26.01.2010

„Mann, bist du fähig, gerecht zu sein?“

Sie war wegweisend für den modernen Feminismus: Olympe de Gouges verfasste 1791 ihre berühmte Erklärung der Frauenrechte, mischte sich kühn und radikal in die Politik ein - und bezahlte dafür mit dem Leben.
Heftiger Regen peitscht durch Paris, als eine Frau am 2. November 1793 ins Gericht geführt und aufgefordert wird, ihre Personalien anzugeben. "Marie Olympe de Gouges", sagt sie stolz. "38 Jahre alt, Literatin, geboren in Montauban, wohnhaft in Paris." Was das Alter angeht, hat sie geflunkert, sie ist bereits 45, doch immer noch attraktiv und kämpferisch.
Man verliest die Anklageschrift, beschuldigt sie des Verrats an der Republik, wirft ihr vor, aufrührerische Schriften verfasst zu haben. Sie muss sich selbst verteidigen, gibt sogar vor, schwanger zu sein, um sich vor harter Strafe zu retten, doch es hilft nichts: Sie wird für schuldig befunden und zum Tode verurteilt.
Olympe de Gouges war schön, geistreich, mutig - also gefährlich. Und in den Augen vieler Männer blieb sie sogar noch gefährlich, nachdem sie auf dem Schafott hingerichtet worden war.
So finden einige, sie müssten sie über den Tod hinaus diffamieren. "Olympe de Gouges, geboren mit einer überspannten Phantasie, hielt ihren Wahnsinn für eine Eingebung der Natur ", heißt es in einem Nachruf. Der Schauspieler Joseph-A. Bernard Fleury von der Comédie-Française schreibt: "Madame de Gouges war eine dieser Schriftstellerinnen, denen man am liebsten ein Rasiermesser schenkte." Und ein Arzt namens Dr. A. Guillois sieht noch im Jahr 1904 in ihr einen Fall für die Psychiatrie.
Verrückt ist sie sicher nicht. Olympe de Gouges, Schriftstellerin, Theaterautorin und Vorkämpferin des Feminismus, hat ihre Widersprüche und Eitelkeiten. Gleichzeitig sind de Gouges' Ideen kühn und visionär - selbst innerhalb des damaligen revolutionären Zeitgeistes.
Doch bis zu ihren eigenwilligen, emanzipatorischen Ideen ist es ein langer Weg. De Gouges kommt aus einfachen Ver-hältnissen. 1748 wird sie in Montauban als eheliche Tochter des Metzgers Pierre Gouze und Anne-Olympe Mouisset geboren, auch wenn sie behauptete, sie entstamme der Liebschaft ihrer Mutter mit einem Schlossherrn und Künstler.
Die Eltern geben ihrer Tochter den Namen Marie, sie erhält die damals übliche dürftige Schulbildung - rund 85 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer sind schätzungsweise nicht in der Lage, ein Dokument zu unterschreiben.
Mit 17 Jahren wird de Gouges verheiratet mit dem jungen Koch eines Grafen, fast ein Jahr später bringt sie den gemeinsamen Sohn Pierre zur Welt. Dann verschwindet der Gatte auf ungeklärte Weise.
Die bildschöne junge Marie, die sich jetzt Olympe de Gouges nennt, bleibt mit ihrem Sohn zurück. Die Trauer um den Gatten hält sich in Grenzen.
Um 1770 folgt sie dem wohlhabenden Geschäftsmann Jacques Biétrix de Rozières nach Paris und lässt sich von ihm aushalten. Heiraten will sie ihn zwar nicht - und auch sonst niemanden -, doch besteht die Beziehung immerhin über 20 Jahre. Dazu kommen wechselnde Liebhaber, die sich um sie reißen. De Gouges ist groß, sehr schlank, sie geht in eleganten Seidenkleidern, einen Hut auf den dunklen Locken, in den Gärten von Paris spazieren, man sieht sie in der Oper und auf Bällen.
Sie begeistert die Herrschaften der höheren Kreise auch durch Temperament, unverstellte Natürlichkeit und Intelligenz. Als Femme galante, als Mätresse diverser Herren, führt sie ein sorgenfreies Leben. Später verkehrt sie in den Salons mit Künstlern, Schauspielern und Literaten. Sie bildet sich weiter und lernt, sich besser auszudrücken.
1778, de Gouges ist 30 Jahre alt, wendet sie sich der Schriftstellerei zu, ermutigt und unterstützt von einigen Autoren. In ihren Werken zeigen sich Mitgefühl und huma-nistisches Engagement, sie verfügt über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
So sieht sie nicht ein, warum manche Menschen weniger Rechte haben sollen als andere. Sie schreibt ein Theaterstück gegen die Sklaverei, die zu jener Zeit auch von französischen Kolonialherren, Händlern und Seeleuten wie selbstverständlich praktiziert wird.
Das ist ein Tabubruch. Die Leute am Theater fühlen sich von der selbstbewussten Dame, ihrem Ehrgeiz und ihrem Stolz provoziert. Demut und Anpassung sind ihre Sache nicht - schon deshalb werden ihre Stücke kaum gespielt.
Im Jahr 1787 lauscht sie leidenschaftlich in den Pariser Salons den hitzigen Debatten über die Theorien der Aufklärung und ist fasziniert von den neuen, freiheitlichen Ideen.
Das Elend des Volkes nimmt dramatisch zu, de Gouges schlägt in ihren Schriften vor, staatliche Winterasyle für die Armen einzurichten, sie entwickelt Ideen für Steuerreformen.
Auch wenn sie bereits mit den politischen Ideen der späteren Revolution sympathisiert, ist sie keine Republikanerin der ersten Stunde. Sie stellt weder die Monarchie noch die Adelsprivilegien in Frage, thematisiert auch nicht die untergeordnete Stellung der Frau.
Doch im Laufe der Jahre werden ihre Schriften radikaler. 1788 beklagt sie in einer Schrift mit dem Titel "Vorrede für die Damen oder Porträt der Frauen" die mangelnde Solidarität unter den Frauen und formuliert hier bereits sinngemäß, was die Schriftstellerin Simone de Beauvoir fast 200 Jahre später sagt: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht."
1789 verfolgt sie aufmerksam die Versammlungen der Generalstände in Versailles. Sie verfasst Flugblätter und Streitschriften, die sie überall in der Stadt plakatieren lässt - es ist Frauen verboten, öffentliche Reden zu halten.
In einer ihrer Schriften fordert sie Ludwig XVI. zur Unterzeichnung der Verfassung auf und ermutigt Frauen, ihre Rechte bei der Revolution einzufordern. Sie ist überzeugt, der Umsturz könne sich keinesfalls ohne Rechtsgleichheit der Geschlechter vollziehen.
Ihr - und vielen anderen Frauen - wird schmerzhaft bewusst, dass in den 17 Artikeln der "Déclaration des droits de l'homme et du citoyen", der Menschen- und Bürgerrechtserklärung vom 26. August 1789, von Frauen keine Rede ist.
Im September 1791 publiziert sie ihr berühmtes Manifest "Die Rechte der Frau - An die Königin", beginnend mit der provokanten Frage: "Mann, bist du fähig, gerecht zu sein?" Ihre Proklamation der Frauenrechte zeigt Weitblick und Gedankenschärfe.
"Der Mann allein", kritisiert de Gouges polemisch, wolle von der Revolution profitieren. "Extravagant, blind, von den Wissenschaften aufgeblasen und degeneriert, will er in diesem Jahrhundert der Aufklärung und des Scharfsinns, doch in krasser Unwissenheit, despotisch über ein Geschlecht befehlen, das alle intellektuellen Fähigkeiten besitzt."
Kernstück des Manifests ist die "Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin". Systematisch erweitert sie darin die Erklärung von 1789 Artikel für Artikel im Sinne der Gleichberechtigung, gültig auch für ihr Geschlecht. "Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Mann gleich in allen Rechten", heißt es in Artikel I.
An anderer Stelle erklärt sie: "Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen; gleichermaßen muss ihr das Recht zugestanden werden, eine Rednertribüne zu besteigen."
De Gouges fordert weiter für Frauen den Zugang zu allen Ämtern und vollkommene Gedanken- und Meinungsfreiheit. "Ein Dokument", schreibt die Historikerin Susanne Petersen, "das heutzutage zu den klassischen Texten der Frauenrechtsbewegung zählt."
De Gouges ist bei weitem nicht die einzige Vorkämpferin für die Gleichberechtigung ihres Geschlechts. Zu den herausragenden Frauengestalten der Französischen Revolution gehört zum Beispiel auch Etta Palm d'Aelders, eine Wahlpariserin holländischer Abstammung. "Wir sind eure Gefährten, nicht eure Sklaven", erklärt diese gebildete Bürgerin den Männern. In der Nationalversammlung fordert sie Scheidungsfreiheit für alle, Schutz vor männlicher Gewaltausübung und politische Gleichberechtigung bis hin zum Recht auf alle militärischen Dienstgrade.
Schließlich haben Frauen die Revolution wesentlich mit erkämpft wie bei jenem legendären Marsch von Paris nach Versailles am 5. Oktober 1789, mit dem sie die Königsfamilie unter die Kontrolle des Volkes und in die Hauptstadt zwangen: An die 10 000 Marktfrauen, Dirnen, Handwerkerfrauen, Dienstmädchen sowie Bürgerinnen und Aristokratinnen hätten damit "das Recht auf Teilnahme am öffentlichen Leben nicht nur gefordert, sondern bereits ausgeübt", schreibt die Soziologin Ute Gerhard in ihrem neuen Buch*.
De Gouges marschierte jedoch nicht mit nach Versailles. Die Methoden und teils auch Forderungen der "Weiber", die zu "Hyänen" werden, wie es später im
"Lied von der Glocke" bei Friedrich Schiller über die revolutionären Frauen heißt, lehnt sie ab - sie empfindet die Frauen als vulgär und gewalttätig.
Und doch müssen Frauen, solange sie von Verboten umstellt und von Politik und Gesellschaft in vieler Hinsicht ausgeschlossen sind, Regeln verletzen, um sich Gehör zu verschaffen. De Gouges ist sich dieses Widerspruchs bewusst.
Im Fortgang der Revolution organisieren sich rund 60 revolutionäre Frauenclubs im ganzen Land. Militante Frauen gründen in Paris am 12. Mai 1793 den Club der "Citoyennes Républicaines Révolutionnaires".
Als Frankreichs neue republikanische Verfassung im Juni 1793 verabschiedet wird, sind de Gouges' Forderungen nicht berücksichtigt. Frauen haben weiterhin einen lediglich passiven Bürgerstatus.
Frauen bleiben Menschen zweiter Klasse - auch wenn ihnen der Konvent zunächst einige neue zivile Rechte zugesteht. Beispielsweise das Scheidungsrecht und das Recht auf einen Anteil am Erbe. Mehr war zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich.
Zu lästig ist es für Männer, alle ihre Privilegien aufzugeben, zu sehr ist in ihren Köpfen verankert, dass Frauen in der Öffentlichkeit allenfalls als jubelndes Publikum in Betracht kommen. Und zu sehr irritiert die meisten Herrschenden das neue weibliche Selbstbewusstsein und die daraus resultierende Kritik.
Kein Wunder, dass streitbare Frauen, die den Mund nicht halten wollen, gefährlich leben. Als Olympe de Gouges den Terror der Jakobiner kritisiert und namentlich Jean Paul Marat und Robespierre deshalb scharf attackiert, vor allem aber öffentlich die Einheit der Republik in Frage stellt, wird ihr der Prozess gemacht.
Aus dem Kerker wendet sie sich an ihren Sohn Pierre - doch der, inzwischen beim Militär, bangt um seine Karriere und distanziert sich von seiner Mutter.
"Meine Stimme wird sich noch aus des Grabes Tiefe Gehör zu verschaffen wissen", erklärt Olympe de Gouges selbstbewusst vor dem Revolutionstribunal.
Sie hat recht behalten.

THE GALLERY COLLECTION/CORBIS
ULLSTEIN BILD
* Ute Gerhard: "Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789". C. H. Beck Verlag, München; 128 Seiten; 8,95 Euro.
Von ANGELA GATTERBURG

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2010
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