Von ANDRESEN, KAREN
Am Ende ist es vor allem ein Satz, der für die Nachwelt von ihr bleibt: "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen." Es ist ein zynischer Satz, gerichtet an ein Volk, in dem es vor allem Hass und Hunger im Überfluss gibt.
Marie Antoinette wird er zugeschrieben, doch in Wahrheit hat sie diesen Ausspruch wohl nie getan. Charakteristisch für das Leben der letzten Königin des Ancien Régime ist er dennoch, denn Maria Antonia Josepha Johanna, so die Taufnamen der jüngsten Tochter der Habsburger Herrscherin Maria Theresia, blieb am französischen Hof immer eine Fremde. Eine Österreicherin, der man alles zutraute und vieles unterschob, ein opulent herausgeputzter Sündenbock in einem seit langem heruntergewirtschafteten Reich.
Schon als sie den Emissären ihres Gatten im Mai 1770 auf einer Rheininsel bei Straßburg übergeben wurde, muss die junge Braut geahnt haben, welch schwieriges Leben ihr bevorstand in einem Land, dem Österreich über Jahrhunderte als der Erzfeind galt. Im Ehebett sollte sie nun nach dem Willen ihrer Mutter mit dem bourbonischen Dauphin Ludwig August das Bündnis besiegeln, zu dem sich Maria Theresia und der französische König Ludwig XV. einige Jahre zuvor entschlossen hatten.
Doch die Zeremonienmeister beider Seiten führten, schon ehe die delikate amouröse Allianz richtig begonnen hatte, vor, wie wenig von einvernehmlichem Umgang der lange verfeindeten Nationen die Rede sein konnte. Endlos stritten sie, in welchem Land die Übergabe der kleinen Wienerin stattzufinden habe. Schließlich einigte man sich auf eine unbewohnte Insel im Grenzfluss von Frankreich und Deutschland. Ein Pavillon wurde aufgestellt, mit Tapisserien ausgeschmückt und, natürlich, fein unterteilt: Österreich im Osten, Frankreich im Westen.
Im habsburgischen Teil hatte sich die Braut, ein Kind noch von 14 Jahren, ganz auszuziehen - kein Kleid, kein Accessoire ihres Heimatlandes durfte sie mitnehmen. Nackt wurde das Mädchen anschließend ihrer neuen Hofdame, der Gräfin von Noailles, übergeben, der sie schluchzend um den Hals fiel.
Eine Woche später dann die erste Begegnung mit dem Bräutigam am Waldrand von Compiègne: Ludwig August, gut ein Jahr älter als seine Braut, erschien mit seinem Großvater, König Ludwig XV., und seinen drei unverheirateten Tanten, denen er innigst verbunden war.
Mit einem tiefen Hofknicks begrüßte Marie Antoinette den Monarchen, Ludwig August hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. "Treffen mit Madame la Dauphine", schrieb er anschließend in sein Tagebuch, mehr nicht. Vielleicht blieb die Eintragung knapp, weil Marie Antoinette ihn nicht besonders beeindruckt hatte, vielleicht aber auch, weil der Junge ein ziemlich mürrischer Geselle war, menschenscheu und im Umgang mit hübschen jungen Mädchen vollkommen ungeübt.
Als Ludwig August im Sommer 1754 in Versailles geboren wurde, dachte niemand daran, den künftigen König vor sich zu haben. In der Thronfolge stand er an dritter Stelle, hinter seinem älteren Bruder und seinem Vater. Entsprechend mager fiel das bei Geburten übliche Feuerwerk zu seinen Ehren aus.
Dann aber starben Bruder und Vater, der kurzsichtige Elfjährige war der Kronprinz. Als sein Erscheinen zum ersten Mal mit dem Ruf "Platz dem Dauphin" angekündigt wurde, soll der unglückliche Junge in Tränen ausgebrochen sein.
Sein Leben lang wird er das Amt des Monarchen als große "Bürde" empfinden, für das er sich nicht ausreichend vorbereitet hielt. Dennoch fügte er sich pflichtbewusst und mit stoischem Gleichmut in sein Schicksal, als König - und als Ehemann Marie Antoinettes.
Die Wienerin nämlich war eigentlich ebenfalls seinem älteren Bruder zugedacht, nach dessen Tod musste der kleine Ludwig auch bei ihr das Erbe antreten. Für den Dauphin gleich in doppelter Hinsicht eine Last: Unter dem Einfluss seiner tiefreligiösen Eltern und seiner altjüngferlichen Tanten war aus ihm ein verklemmter Jüngling geworden, für den schon das Wort Bett höchst anstößig klang. Dass sich Großvater Ludwig XV. mit Mätressen wie der berühmten Madame de Pompadour einem ausschweifenden Liebesleben hingab, verstärkte seine Hemmungen noch.
Hinzu kam die Herkunft der Braut. Hatte man ihm zu Hause nicht immer wieder eingeprägt, sich vor allem Österreichischen zu hüten?
Tatsächlich war das Misstrauen gegenüber der importierten Braut nicht ganz unbegründet. Maria Theresia hatte ihre Tochter natürlich mit politischen Hintergedanken nach Frankreich geschickt. Ständig schrieb sie ihr lange Briefe mit Rügen, Ratschlägen und Forderungen.
Die junge Frau solle, riet die Mutter, eine folgsame Gattin sein, gleichzeitig aber auch "eine gute Deutsche" bleiben. Anders ausgedrückt: Sie solle bei allen Ehepflichten die Interessen Wiens nicht vergessen. Eine derart heikle Mission hätte auch gerissenere Charaktere, als Marie Antoinette es war, überfordert. Der lebenslustigen, sprunghaften und nicht besonders gebildeten Österreicherin fehlte ganz die politische Raffinesse ihrer resoluten Mutter in Wien.
Also bemühte sie sich zwar, ihrem Gemahl Kandidaten für die Besetzung von Ministerposten aufzuschwatzen, die Habsburg genehm waren, doch der junge König, seit 1774 Ludwig XVI., hörte nicht auf sie.
Geschadet haben Marie Antoinette die Versuche dennoch. Bald schon munkelte man bei Hofe, die Fremde, die Österreicherin, führe im Schloss das Regiment - Vorboten einer Hetzkampagne, die das Königspaar bis an sein Lebensende begleiten sollte.
Arglos befeuerte Marie Antoinette die üble Nachrede noch. Sie bemühe sich, schrieb sie an ihre Mutter, den Eindruck zu erwecken, als sei ihr Einfluss bei Hofe in Wirklichkeit doch größer.
In Wien machte man sich da ohnehin schon Sorgen um das heikle Eheprojekt. Jahre waren ins Land gegangen seit der Hochzeit, ohne dass sich ein Thronfolger eingestellt hatte. Schlimmer noch: Im königlichen Bett passierte nichts, was für die Zukunft Hoffnungen auf ein solches Ereignis hätte machen können.
Schon die Hochzeitsnacht verlief wenig verheißungsvoll: Nachdem der Erzbischof das Bett des Brautpaares ausgiebig mit Weihwasser besprüht und schließlich zusammen mit dem König und den vielen Höflingen den Raum verlassen hatte, wälzte sich der junge Bräutigam auf die Seite und schlief sofort ein. Sogar laut geschnarcht haben soll der Frischvermählte.
Später nächtigte Ludwig XVI. dann, wie es am Hof von Versailles Sitte war, getrennt von seiner Frau. Für seine seltenen Besuche im Schlafzimmer Marie Antoinettes musste er einen Korridor entlanggehen, verfolgt von den neugierigen Blicken des Personals. Wie peinlich, wenn er dann auch noch gleich wieder den Rückzug anzutreten hatte, weil die Königin von einer der vielen Vergnügungen noch nicht zurückgekehrt war, mit denen sie Einsamkeit und Leere in ihrem Leben zu füllen suchte.
Natürlich machten die Nachrichten vom desolaten Eheleben des Paares in Versailles die Runde, auch in Wien war man schnell im Bilde, denn Marie Antoinette war von Spitzeln umstellt. Er habe, rühmte sich Wiens Botschafter in Frankreich, Graf Florimond Claude de Mercy-Argenteau, "drei Personen, die im Dienst der Erzherzogin stehen", als Informanten gewonnen. Mindestens einmal wöchentlich strickte der aalglatte Höfling daraus einen Bericht für Maria Theresia.
Was sie da zu lesen bekam, konnte der Wiener Regentin nicht gefallen. Ihre Tochter widme sich so leidenschaftlich dem Kartenspiel, dass der König gelegentlich ihre Spielschulden begleichen müsse, meldeten die Kundschafter. Sie liebe Oper und Theater und gehöre zur Avantgarde der Modeszene.
Drei oder vier Kleider kaufte sich Marie Antoinette jede Woche, und bei den exaltierten Frisuren, die damals in Frankreich en vogue waren, wollte die junge Herrscherin auch mithalten. 1,50 Meter waren die Kreationen manchmal hoch und gepudert, als seien die Trägerinnen kopfüber in einen Mehltopf gefallen. Mächtige Gebilde aus Haar, Wolle, Drähten und allerlei Zierrat. Straußenfedern, Bändern, die Herzogin von Chartres balancierte sogar das gesamte Kinderzimmer ihres Sohnes in Miniaturausgabe im Haarturm.
Eine junge hübsche Frau habe derlei "Unsinn" nicht nötig, zürnte Maria Theresia und mahnte die Tochter, sich mehr ihrem Mann zu widmen. Großen Erfolg hatte die Habsburgerin damit nicht: Sie habe nun einmal andere Neigungen als ihr Gemahl, entgegnete Marie Antoinette. Der sei von einer "Unbekümmertheit und Trägheit, welche ihn nur bei der Jagd verlässt", und liebe zudem die Arbeit in seiner Schlosserei. "Ihr werdet beipflichten", fügte sie hinzu, "dass ich in einer Schmiede keine anmutige Figur abgeben würde."
Maria Theresia mag das alles eingeleuchtet haben, um ihr Bündnis mit Frankreich sorgte sie sich dennoch. Eine Ehe, die nicht vollzogen wurde, konnte nach katholischem Recht annulliert werden, und in Versailles tat sich, stolze sieben Jahre nach der Hochzeit, immer noch nichts.
Zwar meldete Marie Antoinette zwischendurch nach Wien, das "seltsame" Verhalten ihres Mannes werde bald ein Ende haben und die Ehe dann vollzogen werden, aber das waren Nachrichten, die Maria Theresia nicht wirklich beruhigen konnten, weder als Mutter noch als machtbewusste Kaiserin.
Also beschloss man in Wien, dass es so nicht weitergehen könne. Marie Antoinettes Bruder Joseph II. machte sich auf, um dem jungen Paar ins Gewissen zu reden.
Von einer Phimose beim König war die Rede, aber auch davon, dass der fettleibige Herrscher, zu dessen Leidenschaften neben der Jagd opulente Mahlzeiten zählten, für den Sex zu träge war. Oder mangelte es Ludwig XVI. einfach an Aufklärung? Schwager Joseph behauptete Letzteres, und da Diskretion bei Hofe nicht zu den bevorzugten Eigenschaften gehörte, schilderte er die Malaise ziemlich drastisch seinem Bruder Leopold: Der König führe sein Glied zwar ein, verharre dann aber regungslos.
Ob die Geschichte tatsächlich stimmt, ist unklar. Joseph liebte es, seinen französischen Verwandten als rechten Deppen hinzustellen, schon weil er glaubte, dann eher mit Hilfe seiner Schwester in Frankreich mitregieren zu können. Und auch am Hofe in Versailles hatten die jüngeren Brüder des Königs und deren Familien ein großes Interesse daran, Ludwig XVI. lächerlich zu machen, um ihre eigenen Aussichten auf den Thron zu verbessern.
Tatsache ist jedoch, dass sich das junge Paar, kaum war Joseph wieder zurück in Wien, artig für dessen Unterstützung bedankte. Gut eineinhalb Jahre später wurde die kleine Marie Thérèse Charlotte geboren, 1781 ihr Bruder, der Thronfolger.
Es folgten noch zwei Kinder, darunter ein weiterer Junge, der spätere Ludwig XVII. Das Ansehen des Paares, vor allem das Marie Antoinettes, konnten die Nachkommen jedoch nicht mehr retten.
Ständig wurden neue Spottverse in Umlauf gebracht, in denen der König ein Hahnrei, die Königin eine verschwenderische Hure geschimpft wurde, die dem König Kuckuckskinder unterschob und es sogar mit Frauen trieb.
Wie ruiniert Marie Antoinettes Ruf war, zeigte sich in der "Halsbandaffäre": Charles Böhmer, der Hofjuwelier, hatte auf seine Kosten ein prächtiges Collier mit 647 hochkarätigen Diamanten angefertigt, in der Hoffnung, es bei Hofe verkaufen zu können. Doch die Hoffnung trog. Sie habe Diamanten genug, beschied ihn Marie Antoinette. Der Juwelier, der sich für das Collier verschuldet hatte, blieb auf seiner Pretiose sitzen.
Das war Stand der Dinge, als die Betrügerin Jeanne de La Motte sich einmischte. Mit allerlei Intrigen gelang es der Comtesse, eine ganz andere, für die Königin peinliche Version in die Welt zu setzen: Marie Antoinette habe das Collier über einen Mittelsmann doch erwerben wollen, habe sich dafür eines Kardinals bedient und sich mit diesem sogar nächtens im Park getroffen.
Die Geschichte stimmte nicht, aber sogar ein vom Königshof eingeschaltetes Gericht urteilte 1786 implizit, der schlechte Ruf der Regentin lasse diese Version durchaus wahrscheinlich erscheinen. In Wahrheit hatte Madame de La Motte das Geschmeide an sich gebracht und die Diamanten mit Hilfe ihres Mannes verkauft.
Im aufgewühlten Frankreich jedoch wurde am Vorabend der Revolution auch das absurdeste Gerücht über die ungeliebte Monarchin umgehend in Schmähschriften verbreitet und von den Menschen geglaubt.
Verzweifelt versuchte das überforderte Monarchenpaar zwischen übler Nachrede, revoltierenden Volksmassen und aufgebrachten Höflingen seinen Weg zu finden. Mal beanspruchte Marie Antoinette für sich, die Königin des Dritten Standes zu sein, um wenig später zu fordern, mit aller Härte gegen das gemeine Volk vorzugehen. Auch der König schlug sich mal eher auf die Seite der Revolutionäre, um sich bald darauf doch der Konterrevolution zuzuneigen. Am Ende machte sich der wankelmütige Mann alle zum Feind.
Am Morgen des 21. Januar 1793 brachten die Revolutionäre ihn, den sie nun Bürger Capet nannten, zur Guillotine auf der Place de la Révolution, der heutigen Place de la Concorde. Als sein Kopf um 10.24 Uhr gefallen war, tanzten die Schaulustigen auf den Straßen.
Marie Antoinettes letzter Gang folgte neun Monate später. Noch einmal führte die revolutionäre Presse sie als unersättliche Nymphomanin vor, die sogar vor dem Missbrauch des eigenen Sohnes nicht Halt gemacht habe, um sich die Herrschaft über Frankreich zu sichern. Die Fremde, die Österreicherin, sei an allem schuld, wofür Ludwig XVI. hingerichtet worden sei, wütete das Tribunal.
Dem König hatten die Revolutionäre die Demütigung erspart, im Schinderkarren zur Hinrichtung gebracht zu werden, Marie Antoinette aber musste in dem offenen Gefährt Platz nehmen. Um Haltung bemüht saß sie dort, ergraut und gefesselt, mit dem Rücken in Fahrtrichtung, eine alte Frau von gerade 37 Jahren.
Allein das Paar eleganter blauer Schuhe an ihren Füßen zeugte noch vom Glanz früherer Tage.
FINANZKLEMME
Sparen à la Silhouette
In Versailles hatte man weit über seine Verhältnisse gelebt, lange bevor Ludwig XVI. und Marie Antoinette den Thron bestiegen. Ein Finanzminister mit Namen Étienne de Silhouette versuchte 1759 Abhilfe zu schaffen: Durch höhere Steuern, aber auch mit der Vorgabe, Hosen ohne Taschen und Kleider ohne üppige Volants zu schneidern, um so Stoff zu sparen. Sein Schloss schmückte der sparsame Mann statt mit Ölgemälden mit Scherenschnitten. Bald hieß alles, was als karg galt, à la Silhouette.
RMN (L.); STUDIO X (R.)
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SPIEGEL GESCHICHTE 1/2010
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