26.01.2010

Die Revolution frisst ihre Kinder

Nach der Hinrichtung des verräterischen Königs verteidigen die Franzosen ihre Republik gegen Bedrohungen von außen und innen - und siegten um einen hohen Preis: Der Terror verdüsterte das Bild der Befreiung.
Ein milder Mond leuchtet in der Nacht zum 10. August 1792 über Paris. Die Stadt macht einen ruhigen Eindruck, einen verdächtig ruhigen. Der König wacht in den Tuilerien, dem Schloss am Ufer der Seine. Mit seiner Familie und seinen Vertrauten erwartet er den Angriff der Bürger.
Die Bewohner der Hauptstadt haben sich in 48 Sektionen organisiert; alle bis auf eine haben für die Absetzung von Ludwig XVI. gestimmt. Nur mit der sofortigen und endgültigen Abschaffung der konstitutionellen Monarchie, davon sind die republikanischen Pariser überzeugt, lassen sich die Errungenschaften der Revolution retten. Gegen Mitternacht sind die ersten Sturmglocken zu hören, bald läuten Patrioten in der ganzen Stadt die Bürger aus den Betten.
Doch die Mobilisierung bleibt zunächst mäßig. "Es war nicht üblich, den Aufstand in der Nacht zu beginnen", heißt es in der klassischen "Geschichte der Französischen Revolution" von Jules Michelet. Gegen Morgen haben sich dann aber über 10 000 bewaffnete Bürger bei den Tuilerien versammelt.
Die unerfahrene Vorhut stürmt ins Schloss, direkt vor die Gewehrläufe der königlichen Gardetruppe. Die disziplinierten Verteidiger, die aus der Schweiz stammen, feuern eine Salve nach der anderen in die Menge. Der Blutgeruch sei so erstickend gewesen, dass man kaum atmen konnte, berichtete einer der Angreifer später. Mehrere hundert Revolutionäre lassen beim ersten Ansturm auf die Tuilerien ihr Leben.
Die Aufständischen sind allerdings den mehr als tausend Verteidigern des Schlosses zahlenmäßig so überlegen, dass sie bald die Oberhand gewinnen. Der König und seine Familie haben sich bereits vor dem Angriff in die benachbarte Reithalle geflüchtet, in der die Nationalversammlung tagte. Sowohl der Monarch als auch die mehrheitlich mit ihm sympathisierende Nationalversammlung haben jetzt ausgespielt. Die "Zweite Revolution", wie der Aufstand bald genannt wird, siegt innerhalb weniger Stunden.
Den Sturm auf die Tuilerien hatte König Ludwig XVI. nicht zuletzt sich selbst zuzuschreiben. Zunächst hatte er ins Ausland zu fliehen versucht, war aber kurz vor der Landesgrenze verhaftet worden. Dann hatte er sein Veto gegen zentrale Revolutionsgesetze eingelegt. Schließlich kollaborierte er mit emigrierten Anhängern und ausländischen Aristokraten, die die absolute Monarchie wiedererrichten wollten.
Schwer geschadet hatte Ludwig auch der Mann, der ihn und die alte Ordnung eigentlich retten wollte: Karl Wilhelm Ferdinand Herzog zu Braunschweig-Lüneburg. Der Kommandeur der preußischen und österreichischen Truppen, der in Koblenz den Einmarsch vorbereitete, ließ eine Erklärung gegen das revolutionäre Frankreich veröffentlichen, die helle Empörung im Volk auslöste.
Schon für den Fall, dass dem König oder einem Mitglied seiner Familie "die geringste Beleidigung" zugefügt werde, kündigte der deutsche Herzog "eine beispiellose und ewig unvergessliche Rache" an. Man werde "die Stadt Paris brandschatzen und dem Erdboden gleichmachen".
Nach dem Blutbad in den Tuilerien kocht in Paris der Hass gegen den König und seine Soldaten über. Ein Nationalgardist berichtet über die Rache an den Schweizern: "Der Grève-Platz war von Toten bedeckt, und die Köpfe wurden auf Piken herumgetragen."
Mit dem Sturm auf die Tuilerien drängen in der Zweiten Revolution neue Akteure auf die Bühne der Geschichte. Angesichts der tödlichen Gefahr für die Republik diktieren nicht mehr die besitzenden Bürger, sondern die einfachen Leute das Geschehen. Da sie nicht die Kniebundhosen (culottes) der Aristokraten tragen, sondern die langbeinigen Hosen von Handwerkern, heißen sie Sansculotten ("Ohnehosen"). In den Sektionen der Pariser Kommune organisieren sich die Radikalen der Hauptstadt und verlangen soziale Gerechtigkeit.
Die Sansculotten schmücken sich mit der roten Freiheitsmütze und der Kokarde; ihr Kampflied wird die Marseillaise. Zum Banner der Radikalsten avanciert die rote Fahne; zunächst als Zeichen derer, die für die Revolution gefallene Angehörige betrauern, dann allgemein als Symbol der Rebellion, der Radikalität und der Rache.
Die Bourgeoisie braucht die Sansculotten, um Frankreich gegen Europas Aristokratie zu verteidigen. Gleichzeitig steht das Volk mit seinen Interessen aber gegen die sich formierende Klasse der Kapitalisten. Ein gemäßigter Abgeordneter malt die Gefahr einer "Hydra der Anarchie" an die Wand, ein anderer warnt die Besitzenden: "Euer Eigentum ist bedroht."
Aus der Pariser Kommune kommt auch Georges Danton, der als Justizminister in dieser Phase der Revolution einer der populärsten Politiker wird. Der charismatische Anwalt - ein Koloss mit pockennarbigem Gesicht, ausschweifender Lebensart und hohen Schulden - ist ein mitreißender Redner, von dem es heißt, er berausche sich am Wein und an der Revolution gleichermaßen.
Von ganz anderem Schlag ist ein weiterer Radikaler, der sich jetzt immer mehr in den Vordergrund schiebt: Maximilien Robespierre, auch er von Beruf Jurist, führt ein asketisch-unauffälliges Leben und ist im Gegensatz zu den Sansculotten stets pedantisch nach alter Mode gekleidet. In der Revolution sieht er seine Mission - die Neigung, den Umsturz mit Lebenslust zu verbinden, liegt dem strengen Mann und glühenden Rousseau-Verehrer gänzlich fern. Seine Popularität und seinen Ehrennamen "Der Unbestechliche" hat Robespierre vor allem mit dem Ruf erworben, im Land der traditionellen Ämterkäuflichkeit für Schmiergelder und Geschenke völlig unempfänglich zu sein.
Zwei Tage nach der Zweiten Revolution zieht die Nationalversammlung Konsequenzen: Die Parlamentarier beschließen nach 27 Stunden Debatte, den König seines Amtes zu entheben. Zusammen mit seiner Familie wird Ludwig XVI. in einem einst von Tempelrittern erbauten Turm festgesetzt. Im ganzen Land stürzen Bürger Standbilder des Herrschers und seiner Vorfahren. "Plus de roi! Jamais de rois!" lautet ihr Schlachtruf: Der König ist weg! Nie mehr Könige!
Der Bruch mit dem Alten war radikal. Ein neugewähltes Parlament, der Nationalkonvent, rief die Republik aus. Wenig später wurde die Einführung einer neuen Zeitrechnung beschlossen, der zufolge mit der Ausrufung der Republik das Jahr 1 begann.
Anfang September 1792 fiel eine entfesselte Menge über die Pariser Gefängnisse her, wo sie die konterrevolutionären Bundesgenossen der äußeren Feinde Frankreichs vermutete. Bei den berüchtigten "Septembermorden" wurden die Häftlinge meist wahllos abgeschlachtet - die etwa 1300 Opfer waren mehrheitlich keineswegs Revolutionsfeinde und Verräter, sondern aus ganz unpolitischen Gründen inhaftiert.
Während die radikalsten Teile der Sansculotten jeden Exzess als Rettungs- oder Vorbeugeakt rechtfertigten, zitterten die liberalen Vertreter des Besitzbürgertums vor der sozialen Radikalisierung. Sie mussten um ihre materiellen Interessen fürchten. Weil einige ihrer Anführer aus der Gironde stammten, wurden sie Girondisten genannt; ihre politische Machtbasis hatten sie eher auf dem Land als in der Hauptstadt.
Als der Konvent, für den diesmal alle mindestens 21 Jahre alten männlichen Bürger wahlberechtigt sind, sich am 20. September 1792 zum ersten Mal versammelt, nehmen die Girondisten auf der rechten Seite Platz. Alles, was irgendwie jakobinisch ist, setzt sich auf die linke Seite, wo die Sitzreihen steil ansteigen, und heißt deshalb fortan auch Bergpartei ("Montagne"). Zwischen beiden Fraktionen residiert, meist schweigend, eine Gruppe unentschiedener Abgeordneter, oft als "Plaine" ("Ebene") bezeichnet. Der eskalierende Streit zwischen "Montagne" und "Gironde" entzündet sich zuerst an der Frage, was mit dem abgesetzten König geschehen soll.
Die Vertreter der Bergpartei verlangen die Todesstrafe für Ludwig XVI. Die Girondisten hingegen schlagen eine lebenslange Haft oder eine Volksabstimmung über eine etwaige Todesstrafe vor.
Die Sansculotten - geführt von einem Generalrat der Kommune von Paris, der zum eigentlichen Machtzentrum geworden ist - sehen die Konventsabgeordneten schlicht als "Treuhänder der nationalen Rache" und halten einen Prozess für überflüssig. Jacques Roux, ein Priester und Anführer der "Enragés" (" Zornige"), predigt: "Es ist an der Zeit, die Völker der Erde zu lehren, dass die Nationen nicht länger Eigentum der Könige sind, dass allein die Tugend den Menschen unverletzlich macht, dass aber das Verbrechen die Tyrannen auf das Blutgerüst bringt."
Die Jakobiner vertreten die Auffassung, der König sei kein Bürger, sondern ein außerhalb der Gesellschaft stehender politischer Feind. Robespierre verkündet im Konvent: "Ludwig muss sterben, weil es nottut, dass das Vaterland lebe."
Der König wird vor dem Parlament verhört. Ein Komitee des Konvents verfasst eine Anklageschrift. Es stützt sich dabei vor allem auf Dokumente, die man in einem eisernen Geheimschrank in den Tuilerien gefunden hat. Sie zeugen von Ludwigs Verschwörung mit europäischen Monarchen - also von Hochverrat. Nach tumultuösen Debatten beschließt der Konvent, namentlich und offen abzustimmen.
Offiziell wird der gestürzte König inzwischen als gewöhnlicher Sterblicher mit Vor- und Nachnamen behandelt und Ludwig Capet genannt, weil seine Vorfahren ihre Abstammung auf das Geschlecht der Kapetinger zurückführten. "Ist Ludwig Capet", haben die Abgeordneten zunächst zu entscheiden, "der Verschwörung gegen die öffentliche Freiheit und an Anschlägen gegen die Sicherheit des Staates schuldig?" Eine überwältigende Mehrheit verwirft die Ratifizierung des Urteils durch Volksabstimmung. Mit 387 gegen 334 Stimmen stimmt der Konvent im Januar 1793 für die Todesstrafe. Von den Befürwortern sind allerdings 26 für einen eventuellen Vollzugsaufschub, so dass für die sofortige Hinrichtung die knappestmögliche Mehrheit von 361 zu 360 votiert.
In einer im selben Jahr in Basel erschienenen "Geschichte des peinlichen Prozesses gegen Ludwig XVI." wird sein Ende so beschrieben: "Der Scharfrichter griff ihn an und schnitt ihm die Haare ab. Dies erschütterte ihn sichtbar. Er wandte sich nun gegen das Volk und sagte mit sehr starker Stimme: ,Franken, ich sterbe unschuldig.'" Dann habe ein Trommelwirbel ihn übertönt. "Der Scharfrichter vollzog sein Amt. Ludwigs Kopf fiel. Der Scharfrichter nahm ihn vom Boden auf, trug ihn zweimal um das Gerüste herum zur Schau, und ein ungestümes Geschrei ertönte: Es lebe die Nation! Es lebe die Freiheit! Es lebe die Gleichheit!"
Mit der Hinrichtung des Königs vollzog sich Robespierres Aufstieg zum mächtigsten Mann der Republik. Nicht zuletzt er war dafür verantwortlich, dass der Konvent im Frühjahr 1793 eine Reihe von Notstandsgesetzen beschloss. Ein "Revolutionstribunal" genanntes Sondergericht wurde ebenso begründet wie das "Comité de salut public", der Wohlfahrtsausschuss. Wer diese Institutionen kontrollierte, konnte diktatorisch herrschen.
Robespierre besaß den Willen zur Macht, und sein wichtigster Verbündeter, der Anwalt Antoine de Saint-Just, befand: "Was die Republik ausmacht, ist die vollständige Vernichtung dessen, was gegen sie ist."
Für die Sansculotten wie für Robespierre und seine jakobinischen Freunde waren jetzt die Girondisten die größten Feinde der Republik. Als 80 000 Nationalgardisten den Konvent umstellten und Prozesse gegen 27 dieser "Verräter" forderten, stimmten die Jakobiner zu. Das Revolutionstribunal klagte Anfang Oktober 1793 die meisten von ihnen an. Um sie der Möglichkeit zu berauben, sich wirkungsvoll zu verteidigen, beschloss der Konvent ein Sondergesetz. Nun konnten Prozesse nach drei Tagen abgeschlossen werden, wenn die Geschworenen befanden, "dass ihr Gewissen genügend erleuchtet" sei.
Am 30. Oktober 1793 verurteilte das Revolutionstribunal die führenden 21 Girondisten zum Tode. Die liberalen Repräsentanten der vorausgegangenen Revolutionsetappe starben tags darauf, mit der "Marseillaise" auf den Lippen, innerhalb von 40 Minuten unter dem Fallbeil. Eines der Opfer, Pierre Vergniaud, ist heute nur noch Historikern bekannt -berühmt aber wurde ein von ihm stammendes Wort: "Die Revolution frisst ihre Kinder."
Als 76 Abgeordnete gegen die blutige Säuberung des Konvents protestierten, wurden diese aus dem Parlament ausgeschlossen und inhaftiert, soweit sie nicht fliehen konnten. Der Terror wuchs sich zum organisierten Bürgerkrieg aus.
Die Jakobiner wollten nicht einfach ihre politischen Gegner ausschalten. Sie wollten sie in aller Öffentlichkeit aburteilen und hinrichten. Die demonstrative Diktatur sollte alle Gegner abschrecken und sämtliche Zweifler und Zögernden einschüchtern. "Man muss nicht nur die Verräter bestra-fen", forderte Saint-Just, "sondern auch die Gleichgültigen, jeden, der passiv ist und nichts für die Revolution tut."
Der Terror ist nur zu verstehen als radikale Reaktion auf die existentielle Krise der Republik. Die Deutschen marschierten im Norden und Osten ein, die Briten im Süden und Westen. Frankreich drohte ein ähnliches Schicksal wie Polen, das dessen Nachbarstaaten am Ende des 18. Jahrhunderts unter sich aufteilten. Obendrein war das Land im Juni 1793 vom Bürgerkrieg zerrissen. Fast zwei Drittel der 83 Departements revoltierten gegen die Jakobinerherrschaft.
Der tödlichen Bedrohung von außen setzten die Revolutionäre das Konzept eines Volkskrieges entgegen. Der Konvent beschloss am 23. August 1793 die "Levée en masse" (Massenaushebung). Die Franzosen führten damit in einem Europa der Söldnerheere als Erste die allgemeine Wehrpflicht ein, was entscheidende Folgen für die Motivation und Kampfkraft der republikanischen Truppen haben sollte.
"Die jungen Männer werden in den Kampf ziehen", hieß es im Aufruf, "die verheirateten werden Waffen schmieden, das Heer versorgen und den Unterhalt der Nation sichern. Die Frauen werden Uniformen und Zelte nähen und in den Krankenhäusern Dienst tun. Die Kinder werden Leinen zupfen und ihre reinen Hände zum Himmel erheben. Die Greise werden das Beispiel der alten Völker nachahmen, sich auf die öffentlichen Plätze tragen lassen, den Kriegern Mut und Hass gegen die Könige zu predigen. Die Republik ist nur noch eine belager-te Festung. Frankreich darf nur noch ein einziges Zeltlager sein."
Die Levée en masse nahm die wesentlichen Elemente eines "totalen Krieges" vorweg, wie ihn 1916 General Erich Ludendorff im Deutschen Reich proklamieren sollte. Nachdem die unverheirateten Franzosen zwischen 18 und 25 zum Kriegsdienst herangezogen worden waren, erreichte die Armee binnen eines Jahres eine Stärke von 750 000 Mann. Den Mangel an Kampferfahrung glichen die Soldaten mit einer hohen Moral aus. Sie riskierten ihr Le-ben nicht für den Sieg eines Feudalherrn, sondern für Vaterland und Nation.
Die Anhänger der Gegenrevolution waren nicht davor zu-rückgeschreckt, sich mit den ausländischen Mächten zu verbünden, die die Monarchie wieder etablieren wollten. Die Notabeln von Toulon öffneten den Hafen für englische Schiffe. Auch Marseille hatte englische Truppen zu Hilfe gerufen, doch diese wurden von regierungstreuen Soldaten in die Flucht geschlagen. Fünf Kommissare des Konvents sorgten dafür, dass in der Hafenstadt 800 Konterrevolutionäre unter das Fallbeil geschoben wurden. Marseille sollte geächtet werden und künftig "Stadt ohne Namen" heißen.
In Lyon, das Regierungstruppen erst nach einer Belagerung von 66 Tagen erobern konnten, kommandierte unter anderem Joseph Fouché, der spätere Polizeiminister Napoleons, einen harten Rachefeldzug. Nahezu 2000 Todesur-teile wurden vollstreckt. Da das Töten mit der Guillotine nicht schnell genug ging, ließ man zum Tode Verurteilte vor die von ihnen geschaufelten Gräber stellen, zusammenbinden und mit Kanonen zerfetzen. Der Konvent beschloss, die Häuser der Reichen abreißen zu lassen und Lyon künftig "Befreite Stadt" zu nennen.
Am blutigsten verlief der Bürgerkrieg im Westen des Landes, in der Vendée. Nachdem Bauern und Royalisten Anhänger der Republik umgebracht hatten, nahm der Konvent brutale Rache. Es genügte den Republikanern nicht, die "große katholische und königliche Armee" zu besiegen. Sie ertränkten ihre Feinde in Massen in der Loire. Um einer erneuten Rebellion vorzubeugen, brannten sie systematisch Dörfer und Wälder nieder.
Es gleicht einem Wunder, dass die Regierung innerhalb von gut einem Jahr das ganze Land unter Kontrolle gebracht und die Invasoren wieder vertrieben hatte. Der britische Historiker Eric Hobsbawm spricht von einem "übermenschlichen Erfolg" der Jakobiner.
Im Konvent waren nach der Ausschaltung der Girondisten in der Mehrheit nur noch Jakobiner vertreten. Immer mehr spalteten sich diese in verschiedene Fraktionen.
Auf dem äußersten linken Flügel strebten der Journalist Jacques René Hébert und seine radikalen Unterstützer nach sozialer Gleichheit und führten mit ihrer populären Zeitung "Le Père Duchesne" eine rabiate Kampagne gegen die Kirche.
Georges Danton und seine Anhänger plädierten nach der Abwehr der gegenrevolutionären Angriffe von außen und innen für ein Ende des Terrors und für Milde, weshalb man sie die "Nachsichtigen" nannte, "indulgents". Seit dem Sturm auf die Bastille sei nun genug Blut geflossen, meinten sie und riefen zur nationalen Versöhnung auf.
Zwischen Danton und Hébert standen Robespierre, Saint-Just und deren Leute. Sie wollten die Revolution weiter vorantreiben - wenn auch nicht ganz so zügellos wie die extreme Linke - und glaubten, dies nur mit Terror tun zu können. Robespierre befand: "Wenn die Aufgabe der Volksregierung im Frieden die Tugend ist, so besteht die Aufgabe der Volksregierung während der Revolution zugleich in der Tugend und dem Terror."
Ende des Jahres 1793 stritten sich die Fraktionen, wie mit dem Christentum zu verfahren sei. Da ein Großteil der Priester sich auf die Seite der Girondisten oder der Konterrevolutionäre in der Vendée geschlagen hatte, neigten viele Jakobiner dazu, die Vertreter des Christentums pauschal als Staatsfeinde und Stützen des alten Regimes zu behandeln.
Robespierre war aber keineswegs Atheist; er wollte eine neue, aufgeklärte Religion schaffen. Die Konventsabgeordneten und andere bedeutende Pariser versammelten sich am 10. November 1793 in Notre-Dame, um einen Kult der Vernunft zu begründen. Das Opernballett tanzte, eine Aktrice gab die Göttin der Vernunft.
Er folgte eine bis dahin nie gesehene Verhöhnung des Christentums. Mancherorts dekorierten Revolutionäre Vieh mit christlichen Symbolen oder steckten Betrunkene in Priesterkleider und trieben sie durch die Stadt. Radikale Republikaner funktionierten Kirchen in Vernunfttempel um und schmückten sie mit den Büsten von Philosophen und Märtyrern. Besonders beliebt waren Standbilder des radikalen Journalisten Jean-Paul Marat: Den hatte die girondistische Republikanerin Charlotte Corday kurz zuvor nach dem Vorbild des Cäsar-Mörders Brutus erstochen, weil sie in ihm einen Vertreter der Tyrannei sah.
In Religionsfragen waren die Jakobiner zerstritten. Während Hébert das Christentum liquidieren wollte, plädierte Robespierre für Religionsfreiheit. Im Konvent erklärte er: "Der Atheismus ist aristokratisch. Der Gedanke eines Höchsten Wesens, das über die bedrückte Unschuld wacht und das siegreiche Verbrechen straft, ist ganz volkstümlich." Unter Beifall fügte der "Unbestechliche" sogar hinzu: "Gäbe es keinen Gott, so müsste man ihn erfinden."
Der Wohlfahrtsausschuss, in dem Robespierre die Fäden zog, ließ Mitte März 1794 Hébert und 19 seiner Anhänger verhaften. Die Todesurteile und Hinrichtungen - ein Polizeispitzel wurde verschont - waren dann nur noch Formsache. Und schon wenige Wochen später setzten Robespierre und seine Verbündeten zum nächsten, deutlich riskanteren Schlag an: zur Verhaftung von Georges Danton und seinen Anhängern.
Danton war gewarnt worden. Aber er wolle, wie er sagte, "lieber guillotiniert werden als selbst guillotinieren". Freunde rieten ihm zur Flucht. Er entgegnete mit der Frage: "Nimmt man sein Vaterland an den Sohlen seiner Schuhe mit?"
Robespierre setzte im Konvent durch, dass die Angeklagten sich nicht öffentlich verteidigen durften. Die Anklage, von ihm entworfen, von seinem Paladin Saint-Just vorgetragen, war absurd: Zusammen mit ausländischen Agenten sollte Danton eine Verschwörung zur Wiederherstellung des Königtums angezettelt haben.
Auf die Frage nach seiner Adresse antwortete der Todgeweihte vor dem Revolutionstribunal: "Bis jetzt rue Marat. Bald wird sie im Nichts sein. Und dann im Pantheon der Geschichte." Der Prozess war eine Farce. Der Robespierre ergebene Vorsitzende des Revolutionstribunals hatte die Geschworenen nicht ausgelost, sondern sich eine willfährige Jury zusammengesucht. Die Angeklagten bekamen keine Akten, Entlastungszeugen waren nicht zugelassen.
Danton verteidigte sich grandios, doch Robespierres Leute hatten das Urteil schon vor dem Spruch der Jury drucken lassen. Danton gebot dem Henker vor seiner Hinrichtung am 16. Germinal (5. April) 1794: "Du wirst meinen Kopf dem Volke zeigen. Er ist es wert."
Nach dem Tod Dantons ließ Robespierre ein pompöses Fest ausrichten unter dem Motto "Das französische Volk erkennt das Höchste Wesen und die Unsterblichkeit der Seele an". Nicht wenige Pariser argwöhnten, der Machtrausch habe den "Unbestechlichen" größenwahnsinnig gemacht - er wolle sich womöglich zum neuen König krönen.
Robespierre aber witterte überall Verschwörungen und steigerte die "Terreur" in den letzten sieben Wochen der Jakobinerdiktatur zur "Grande Terreur". Täglich rollten im Sommer 1794 die Köpfe. Allein in Paris fielen 1376 Bürger der Guillotine zum Opfer. Der Schrecken hatte sich verselbständigt, er war zum Selbstzweck geworden. Die Blutjustiz ließ sich auch nicht mehr durch die Bedrohung von außen rechtfertigen, denn Ende Juni 1794 hatten die Revolutionstruppen alle Invasoren vertrieben.
Nun beschlichen auch Robespierre düstere Ahnungen. "Lasst nur einen Augenblick die Zügel der Revolution locker", prophezeite er, "und ihr werdet den militärischen Despotismus sich ihrer bemächtigen sehen; wir werden zugrunde gehen, weil wir in der Geschichte der Menschheit einen gewissen Zeitpunkt versäumten, die Freiheit zu begründen."
Die Jakobiner hatten sich unter den Sachzwängen des Krieges zu Entscheidungen hinreißen lassen, mit denen sie ihre Anhänger von sich entfremdeten. Ihr hierarchischer Zentralismus frustrierte die nach freier Diskussion und Partizipation fiebernden Demokraten. Die dirigistische Preispolitik verärger-te die Bourgeoisie, das Einfrieren der Löhne die Sansculotten, die Beschlagnahme von Lebensmitteln wiederum die Bauern.
Endgültig um Kopf und Kragen redet sich Robespierre am 8. Thermidor, dem 26. Juli 1794, mit Andeutungen über eine ungeheure Verschwörung im Konvent. Von kaum mehr versteckter Todessehnsucht getrieben, sagt er: "Ich hinterlasse Ihnen als Erbe den Schrecken der Wahrheit und den Tod."
Die Abgeordneten begegnen seinen pauschalen Verdächtigungen mit dem Ruf: "Namen nennen, Namen nennen." Doch Robespierre schweigt. Zwei Hinterbänkler verlangen schließlich die Verhaftung Robespierres. Die Abgeordneten beschließen sie einstimmig - und schwenken ihre Hüte. "Es lebe die Freiheit!", rufen sie. "Es lebe die Republik!" Die Pariser Kommune lässt in einem Versuch zur Rettung Robespierres die Sturmglocke läuten. Aber die Sansculotten sind desillusioniert. "Seine Macht war die des Volkes - der Pariser Massen; sein Terror ihrer", schreibt Historiker Hobsbawm. "Als sie ihn im Stich ließen, fiel er." Der Konvent beschließt die Ächtung Robespierres und seiner Freunde. Jetzt können sie, sobald sie verhaftet sind, ohne Prozess hingerichtet werden.
Als die Truppen des Konvents ins Rathaus eindringen, wird Robespierres Kiefer von einem Schuss zerschmettert. Nie wird geklärt, ob er selbst oder ein anderer gefeuert hat. Gegen zwei Uhr morgens wird der "Unbestechliche" auf einem Brett in die Tuilerien getragen, wo nun der Wohlfahrtsausschuss haust. Vor der Tür drängen sich die Neugierigen, um einen Blick auf den gefürchteten Mann zu erhaschen, der jetzt so hilflos auf einem Tisch liegt.
Am nächsten Morgen - es ist der 28. Juli 1794, nach dem Revolutionskalender ein arbeitsfreier Tag - säumt eine unüberschaubare Menschenmenge den letzten Weg von Robespierre und 21 weiteren "Verrätern des Vaterlandes". Eineinhalb Stunden brauchen die Karren für die drei Kilometer bis zum Platz der Revolution. Der eben noch mächtigste Mann Frankreichs hält krampfhaft die Augen geschlossen.
Am Abend begrüßen die Schaulustigen jeden gefallenen Kopf mit Freudengeschrei. Als der Henker Robespierre den Verband vom zerschmetterten Kiefer herunterreißt und das Blut herausschießt, stößt der noch einen gellenden Schrei aus. Dann fällt der Kopf des Unbestechlichen in den Korb.
Bis zum Ende des Jahres lässt der Konvent die Clubs der Jakobiner schließen, die politischen Gefangenen kommen frei. Die dirigistischen Maximallöhne und -preise werden wieder abgeschafft.
Das Pendel der Revolution schlägt zurück.

Vom Pöbel ermordete Prinzessin de Lamballe Gemälde von Léon Maxime Faivre
CHRONIK 1793-1794
KRIEG UND TERROR
1793
21. Januar
Ludwig XVI. wird auf der Place de la Révolution hingerichtet.
1. Februar
Frankreich erklärt England und den Niederlanden den Krieg.
24. Februar
Erlass über die Einberufung von 300 000 Freiwilligen als Soldaten.
7. März
Kriegserklärung an Spanien.
10. März
Errichtung des Pariser Revolutionstribunals.
11. März
Beginn eines gegenrevolutionären Aufstands im Département Vendée.
21. März
Bildung von Überwachungsausschüssen.
6. April
Der erste "Wohlfahrtsausschuss" konstituiert sich als Spitze der Exekutive.
4. Mai
Das "kleine Maximum" bringt Höchstpreise für Getreide und Butter.
31. Mai
Beginn des Aufstands der Pariser Sansculotten. Führende Girondisten werden verhaftet.
6. Juni
Aufstände gegen die Jakobiner in Marseille, Nîmes und später auch anderswo.
10. Juli
Danton scheidet aus dem Wohlfahrtsausschuss aus.
13. Juli
Ermordung Marats.
17. Juli
Alle verbliebenen feudalen und grundherrlichen Rechte werden entschädigungslos abgeschafft.
27. Juli
Robespierre wird Mitglied im Wohlfahrtsausschuss.
23. August
Mit dem Dekret über die "levée en masse" wird die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.
4./5. September
Aufstand der Sansculotten gegen den Konvent, Bildung der "armées révolutionnaires".
17. September
Gesetz gegen die "Verdächtigen", Beginn der zweiten Terrorwelle.
29. September
Einführung des "großen Maximums": Allgemeine Höchstpreise für Lebensmittel werden festgesetzt.
16. Oktober
Marie Antoinette stirbt auf dem Schafott.
31. Oktober
Führende Girondisten werden hingerichtet.
10. November
"Fest der Freiheit und der Vernunft" in der Pariser Kathedrale Notre-Dame.
23. Dezember
Sieg über die Aufständischen in der Vendée. Massenhinrichtung in Nantes.
1794
4. Februar
In den Kolonien wird die Sklaverei aufgehoben, nachdem die Schwarzen beim siegreichen Aufstand in der Zucker-Kolonie Sainte Domingue Tatsachen geschaffen haben.
26. Februar
Ein Dekret verfügt, die Güter von "Verdächtigen" einzuziehen.
13. März
Der Revolutionär Jacques-René Hébert wird mit Gesinnungsgenossen festgenommen und elf Tage später hingerichtet.
30. März
Festnahme Dantons und seiner Anhänger. Anfang April wird er zum Tode verurteilt und exekutiert.
8. Juni
Auf dem "Fest des Höchsten Wesens" lässt sich Robespierre als Führer der Revolution feiern.
10. Juni
Verschärftes Terrorgesetz. Der "Grande Terreur" fallen Tausende zum Opfer.
28. Juli
Robespierre und 105 seiner engsten Gefolgsleute werden hingerichtet.
September
Beginn des "Weißen Terrors" gegen Sansculotten und Jakobiner.
12. November
Schließung des Jakobinerclubs.
8. Dezember
Mit den Girondisten kehren die gemäßigten Revolutionäre in den Konvent zurück.
24. Dezember
Abschaffung der Maximum-Gesetze.

S. 98/99: AKG; RMN / BPK (L.); INTERFOTO (R.)
ERICH LESSING / AKG (L.); THE ART ARCHIVE (U.); GIANNI DAGLI ORTI / CORBIS (O.)
RUE DES ARCHIVES / SüDDEUTSCHER VERLAG (L.); MUSÉE CARNAVALET / ROGER-VIOLLET (R.)
AKG

Von SONTHEIMER, MICHAEL

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2010
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