26.01.2010

In Seide zum Schafott

Als Ministergattin im Hintergrund setzt sie auf Bildung und weibliche Waffen. In den blutigen Wirren ihrer Epoche wird aus der Kleinbürgerin Manon Roland eine Strippenzieherin der Revolution.
Das Kind ist krank. Die Mutter reicht der Sechsjährigen den Löffel mit Medizin. Der Geruch ist so eklig, dass die Kleine die Flüssigkeit verweigert. Die Mutter bittet, lockt, droht. Manon kneift die Lippen zusammen und schüttelt den Kopf.
Der Vater kommt, schlägt das Kind. Das Mädchen weint und schreit. Er schlägt es, bis es wimmert und plötzlich schweigt. Die Kleine stellt sich vor ihn hin und präsentiert dem Züchtiger das blanke Hinterteilchen. Soll er sie doch schlagen, sie wird die Medizin trotzdem nicht nehmen.
Jahrzehnte später erinnert sich Manon Roland an jede Einzelheit des Machtkampfes mit ihrem Vater, der sie danach nie wieder schlug, sogar zärtlich förderte. "Ich würde stolz auf das Schafott steigen", schreibt die erwachsene Manon, "so wie ich einst die barbarische Behandlung ertrug, die mich zwar töten, aber nicht besiegen konnte."
Ein stolzer und ein pathetischer Satz. Im August 1793 allerdings, als die 39-jährige Manon Roland ihn in ihren Erinnerungen schreibt, herrschen Krieg und Bürgerkrieg, und in Paris muss jeder mit der Guillotine rechnen, der dem aufständischen Volk verdächtig erscheint.
Auf den Straßen toben Machtkämpfe. Bürgerliche Patrioten, linke Rebellen, gemäßigte und radikale Republikaner, vertreten durch Girondisten und Jakobiner, kämpfen um die Vorherrschaft. Unter den Opfern befinden sich viele Freunde von Manon Roland. Aber auch die Herren der Guillotine sind der Dame bestens bekannt.
Einige der berühmtesten und verrufensten Namen der Revolution schmücken ihre Memoiren - Brissot, Danton, Marat, Robespierre. Minister und Abgeordnete der Nationalversammlung suchen ihren Rat. Führer der Girondisten wie der Jakobiner verkehren in ihrem Pariser Salon, wo Madame Roland, so ihr Biograf Guy Chaussinand-Nogaret, mit der ganzen "Verführungskraft ihrer sanften, lachenden Augen, ihrer schmeichelnden Stimme und ihrer gebieterischen Intelligenz" Hof hält.
Hof halten - der Ausdruck hätte ihr gar nicht gefallen. Er klingt nach Marie-Antoinette, der Königin des Pomp und der Pracht, die für all das stand, was der Roland zuwider war. Nach den gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit blieb die Welt für die Tochter eines Graveurs und einer mittellosen Mutter auf Küche, Kinderzimmer und Kirche beschränkt - allen revolutionären Umbrüchen zum Trotz. Und Manon bekennt sich zu den sogenannten weiblichen Tugenden: "Ich wusste, welche Rolle mir als Frau zukam, und vergaß das niemals."
Wie passt das zusammen? Revolutionäre Zeitgenossen beschuldigen die "hassenswerte Intrigantin", sie habe das Innenministerium "als unumschränkte Herrscherin in ein Freudenhaus verwandelt". Der Historiker Chaussinand-Nogaret hingegen hebt Manon Roland in den Rang von Danton. Die beiden seien "die faszinierendsten Akteure der Revolution".
Ränkeschmiedin oder Heldin: Auf jeden Fall hat die anmutige Frau mit den dunklen Locken und dem energischen Kinn viel zu dem widersprüchlichen Bild beigetragen, das die Geschichte von ihr zeichnet. Wie eine Selbstbeschwörung zieht sich die Roland in ihren Erinnerungen auf die traditionelle Rolle der unsichtbaren Frau im Hintergrund zurück.
Dabei begehrt schon die kleine bildungshungrige Jeanne-Marie Phlipon gegen die strikten Regeln für wohlgeratene Töchter auf. Lesen kann Manon im Alter von vier Jahren. Mit neun schmökert sie in der Kirche heimlich in einem Werk ihres Lieblingsautors Plutarch. Rückblickend meinte sie, diese Lektüre habe sie "zur Republikanerin" gemacht, "ohne dass ich es zu werden gedachte".
Für das Ehejoch ist ein so eigensinniger Mensch schwer zu begeistern. Zum Glück ist die kleine Amazone - nach eigenem Urteil - hübsch. "Frische, Sanftmut und Ausdruckskraft" sieht sie in ihrem Gesicht. Der Mund sei zwar "ein bisschen groß, aber keiner hat ein zarteres und verführerischeres Lächeln". Über den Augen wölbten sich "schön geschwungene Augenbrauen vom selben Braun wie das Haar", die "ihren Ausdruck wandeln, wie die empfindsame Seele".
So porträtiert Manon sich selbst. Der Mann, an den sie sich binde, erklärt sie den besorgten Eltern, müsse ihr "gleichen und außerdem besser sein als ich". Finde er sich nicht, wolle sie "als alte Jungfer" sterben.
So weit kam es nicht. Mit Mitte zwanzig, für damalige Begriffe fast im letzten Moment, erhört Manon den zwei Jahrzehnte älteren Verwaltungsinspektor Jean-Marie Roland de la Platière. Er vereine in sich "die verbindliche Höflichkeit des Mannes aus gutem Hause mit dem Ernst des Philosophen", schreibt sie.
Sie darf für den Gatten schreiben, offiziell als Sekretärin. Tatsächlich ist sie es, die viele seiner Texte formuliert. Sie freut sich, wenn er für seinen Stil gelobt wird, "ohne eigentlich recht zu bemerken, dass ich es selbst gemacht hatte". Die Rolands gewöhnen sich daran, dass sie ihre Talente in seinem Namen einsetzt. Er verlässt sich auf seine Souffleuse.
Die Handwerkertochter steigt in die Klasse der Bürger und Beamten auf - ganz in die Nähe jener Intellektuellen, die ihre republikanischen Ideale teilen. "Die Revolution brach los und begeisterte uns", bekennt die leidenschaftliche Reformerin.
Manon hat Glück. Als sich die revolutionären Gruppen 1792 zusehends spalten, setzt Ludwig XVI. den besonnenen Beamten Roland als Innenminister ein. "Mit kaum vorstellbarem Interesse" erlebt seine Frau die Sitzungen der Nationalversammlung.
Zu Hause bewirten sie regelmäßig die Revolutionäre. Während die Männer diskutieren, widmet sich die Frau des Hauses, abseits sitzend, einer Handarbeit oder Korrespondenz. Es ärgert sie, dass die Herren weder mit einem republikanischen Verfassungsentwurf noch mit den Reformen zügig vorankommen und mit "Rederei und Laxheit ... drei oder vier Stunden verbrachten".
Dennoch: So engagiert sie für die Freiheit streitet, so wenig traut sie ihren Geschlechtsgenossinnen zu. Während der Amtsperioden ihres Gatten hat Madame es sich kurioserweise sogar "zur Pflicht gemacht, keine Frau zu empfangen". Nicht etwa, weil sie das angeblich starke Geschlecht für überlegen hält; Frauen würden erst "offen handeln können", meint sie, "wenn alle Franzosen die Bezeichnung freie Menschen verdienen". Bis dahin, davon ist Madame überzeugt, können Frauen im Tarnkleid bescheidener Weiblichkeit weit mehr bewegen als mit Demonstrationen und Sprechchören. Hatte nicht die sechsjährige Manon gerade durch ihr demonstratives Stillhalten den prügelnden Vater gebremst - und aus dem Zuchtmeister einen ergebenen Bewunderer gemacht?
Auch ihren Mann, den Herrn Minister, hat Manon nun im Griff. Er sei "ihr Geschöpf" geworden, schreibt Biograf Chaussinand-Nogaret, "vollständig domestiziert, subtil bezwungen, widerstandslos ergeben". Als Monsieur Roland ins Kabinett eintritt, schleust seine Regisseurin zusätzlich zwei ihrer Vertrauten ein, den Bankier Étienne Clavière und den General und zeitweiligen Kriegsminister Joseph Servan de Gerbey. Die dem bürgerlichen Mittelstand nahestehenden Girondisten, zeitweise Rolandisten genannt, dominieren jetzt den Ministerrat. Die Linken sind empört. "Wir brauchen Minister", donnert Georges Danton, "die durch andere Augen sehen als durch die ihrer Frau."
Die Zeiten, in denen Manon sich unsichtbar glaubte, sind endgültig vorbei. Mit ihrem Sinn für politische Ränkespiele umgarnt sie den Mann, den sie zu Recht für den gefährlichsten hält: Maximilien Robespierre. Meist "höhnisch lächelnd und an den Nägeln kauend" sah sie ihn und lässt ihn nun wissen, sie wolle mit ihm die Lage "zum Guten" wenden: "Kommen Sie schnell, es drängt mich, Sie zu sehen", formuliert sie kokett-heuchlerisch, "und Ihnen den Ausdruck meiner unveränderlichen Gefühle zu wiederholen".
Furchtlos umwirbt sie ausgerechnet den Mann, der argwöhnisch wie kein anderer auf diplomatische Manöver reagiert und überall den Hinterhalt wittert. Zumal in einem Klima gegenseitiger Verleumdung, wo jeder jedem misstraut und die Guillotine droht. Ein Angebot Dantons, mit den Girondisten zu paktieren, stößt bei ihr auf taube Ohren - Madame verabscheut den Volkstribun als Lebemann, der in Frauen und Luxus schwelge, um "gleichzeitig Sansculottentum zu predigen und auf Haufen von Leichen zu schlafen".
Die nationale Krise eskaliert, die Rolands geraten politisch wie gesellschaftlich ins Abseits. Manon gesteht ihrem Mann, dass sie einen Abgeordneten liebe. Auch wenn sie als treue Ehefrau auf die Liebe ihres Lebens verzichten will, wird der kranke, alte Minister darüber endgültig zum gebrochenen Mann.
Das radikale Volksblatt "Père Duchesne" verhöhnt die Abendgesellschaften der Rolands als Lasterhölle, in der die diabolische Kurtisane Manon ihrem "tugendhaften Roland" Hörner aufsetze. Marats Kampfblatt "L'Ami du Peuple" enthüllt frei erfundene konterrevolutionäre Komplotte des Paares. Nach dem Todesurteil gegen den König reicht Roland, lange ein Anhänger der konstitutionellen Monarchie, den Rücktritt ein.
Seine Frau Manon ist erschöpft. Sie will sich im Mai 1793 mit der Tochter aufs Land zurückziehen. Zu spät.
Die Aufständischen in den Straßen und im Konvent haben die Girondisten vertrieben, die revolutionäre Kommune ist an der Macht. Roland soll verhaftet werden. Manon traut sich zu, mit einem einzigen Auftritt im Konvent die Republik zu retten. "Jenseits aller Furcht, entflammt für mein Vaterland mit Leichtigkeit mich ausdrückend", glaubt sie sich "in einer einzigartigen, günstigen Lage". Todesmut? Vermessenheit?
In den frühen Morgenstunden wird Madame Roland ins Gefängnis der Abtei von St.-Germain-des-Prés gebracht. Fast fünf Monate wartet sie auf ihren Prozess. Stolz bis zum Ende, ruft sie ihren Richtern zu: "Sie halten mich für würdig, das Los der großen Männer zu teilen, die Sie ermordet haben."
Zur Urteilsverkündung am 8. November 1793 kleidet sich die Delinquentin in das, was sie sich als "Todesgarderobe" hat zurechtlegen lassen: ein Kleid nach englischer Mode aus weißem Mousseline, mit Seidenspitze, das von einem schwarzen Samtgürtel zusammengehalten wird. Einen Mitverurteilten, der vor ihr den Karren besteigen will, ermahnt sie trocken: "Du bist nicht galant, ein Franzose sollte nie vergessen, was er den Frauen schuldet." Hübsch sieht sie aus, wirkt auf dem Weg zum Schafott auf Augenzeugen beinahe gutgelaunt. Bis zum letzten Atemzug ist die Tochter des Graveurs erfüllt von jenem Selbstwertgefühl, das sie zur ungekrönten Königin von Paris gemacht - und schließlich zu Fall gebracht hat.
In diesem Geist hat Manon Roland auch ihr Schicksal für die Nachwelt kommentiert: "Wenn die Unschuld den Opfergang antritt, zu dem Irrtum und Perversion sie verurteilen, dann erreicht sie den Ruhm."

BRIDGEMANART.COM
RMN / BPK
Von BETTINA MUSALL

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2010
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