30.03.2010

FIGUREN IM WELT-SPIEL

Von Persien aus verbreiteten arabische Eroberer den Denksport Schach.
Nur allzu gern hätte das stolze Persien sich damit geschmückt, das Ursprungsland des königlichen Spiels zu sein, des Schachs. Es gibt Hinweise, die eine solche Annahme stützen: Aus dem persischen Sprachraum stammen die ältesten archäologischen Fundstücke, die als Schachfiguren gelten. In der persischen Literatur finden sich zudem die frühesten Hinweise auf dieses Spiel.
Die meisten Historiker sind jedoch überzeugt, dass die Idee, schwarze und weiße Regimenter auf 64 Feldern gegeneinander marschieren zu lassen, in Indien ersonnen wurde, als strategisches Sandkastenspiel, als Kriegssimulation - wobei eine Experten-Minderheit wiederum glaubt, ein 2700 Jahre altes chinesisches Spiel namens Liubo, die frühe Form des China-Schachs Xiangqi, könnte die wahre Wurzel des Denksports sein.
Unbestritten ist hingegen, dass Persien eine zentrale Mittlerrolle bei der Verbreitung des Schachs zukommt. Hier lernten die arabischen Eroberer das Spiel kennen, und ihre Armeen trugen es bis nach Europa. Von hier aus wurde es dank seiner faszinierenden Tiefe und Komplexität zum globalen Brettspiel.
Der Dichter Ferdausi hat in seinem Nationalepos "Schahname" überliefert, wie es nach Persien gelangt sein soll, nämlich in Gestalt eines Rätsels, das zu lösen eine hohe, eben schachtypische Abstraktionsleistung erforderte.
Ein im nordindischen Kannauj herrschender König hat der Legende zufolge eine Karawane von 1000 Kamelen und 90 Elefanten gen Persien geschickt, beladen mit Schwertern, Gold, Seide und anderen Kostbarkeiten und einem Exemplar jenes den Persern unbekannten Brettspiels. Die Hälfte der Figuren war aus rotem Rubin gefertigt, ihre Gegnerschaft aus grünem Smaragd. Eine Anleitung fehlte allerdings; der Inder wollte die Intelligenz seines persischen Kollegen Chosrau I. testen. Dessen Fachleute entschlüsselten zwar das Regelwerk (es unterschied sich noch erheblich vom heutigen), Chosrau aber blieb vom Schach-Virus offenbar verschont - er war kein königlicher Förderer, nichts deutet darauf hin. Und als die Araber im 7. Jahrhundert das Perserreich der Sasaniden eroberten, da fehlte der angegriffenen Armee nicht zuletzt eine ausreichende taktische wie strategische Schulung, wie sie das Schach ermöglicht hätte.
"Tschaturanga" hieß das Spiel ursprünglich in Indien, die Perser nannten es "Tschatrang" und seine beiden Könige "Schah". Als heldenhaft, fast königlich galten bald auch jene Könner, die sich in seiner Kunst bewiesen. Schach war ein Oberschichten-Zeitvertreib. Die Stadt Gundischapur soll sogar von einem Sasaniden-Herrscher nach dem Schachbrettmuster angelegt worden sein - einem arabischen Geschichtsschreiber zufolge bereits im 3. nachchristlichen Jahrhundert, was ein Licht wirft auf die vage historische Quellenlage.
Ähnlich ungewiss ist, ob Omar Chajjam (Omar der Zeltmacher), ein bedeutender persischer Dichter, Mathematiker und Astronom, wirklich als Erster die philosophische Symbolik des Schachs erkannt hat. Zumindest hat er sie, wohl im 11. Jahrhundert, ansatzweise formuliert: "Welt ist ein Schachbrett, Tag und Nacht geschrägt / wo Schicksal Menschen hin und her bewegt / sie durcheinanderschiebt, Schach bietet, schlägt / und nacheinander in die Schachtel legt."
Das Schach internationalisierte sich; große Spieler brachte Persien nicht hervor. Und erst sehr viel später, auf dem Höhepunkt der Revolution des Ajatollah Chomeini, wurde es noch einmal zum Thema, als die religiösen Führer in Teheran den Denksport als gottlos, weil im Westen kommerzialisiert, verboten. Wer sich erwischen ließ, musste sogar mit Prügeln rechnen.
Glücklicherweise dauerte diese Episode nur wenige Jahre. Chomeini selbst machte eine Kehrtwende und verkündete, Schach sei zu tolerieren. Nicht nur Schachnarren waren da erleichtert - bald schoben in Iran dreimal mehr Menschen in Vereinen die Holzfiguren als zur Zeit des letzten Schahs Mohammed Resa Pahlewi.
In jedem Land der Welt spielen Menschen "chess" (Englisch), "échecs" (Französisch) oder "schachmaty" (Russisch) - eine Reverenz an Persien wie auch der deutsche Name "Schach". Rüdiger Falksohn

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Von Rüdiger Falksohn

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2010
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