30.03.2010

Mörder aus dem Paradies

Mit bedingungslosem Gehorsam und kaltblütigen Anschlägen verbreiteten Ismailiten einst weithin Furcht. Heute gilt die schiitische Gruppierung als besonders liberal.
Ihre Waffe war stets der Dolch, ihre Opfer wählten sie sorgfältig aus - immer waren es Männer mit Macht. Fast zwei Jahrhunderte lang verbreiteten die Assassinen Angst und Schrecken unter den Herrschenden im Nahen Osten. Sie mordeten religiöse Würdenträger und weltliche Herrscher, Wesire, Feldherren, sogar Kalifen. Ihr Zentrum war die Bergfestung Alamut im Norden Irans, erbaut auf dem schmalen Grat eines 2000 Meter hohen Felsens im Elbors-Gebirge.
Die kleine Sekte, die ihre Lehre und religiösen Schriften geheim hielt, regte die Phantasie ihrer Gegner und auch der Europäer an. Mit Drogen, so wurde kolportiert, machten die Assassinen-Führer junge Männer willenlos und gefügig, versprachen ihnen das Paradies und schickten sie dann zum Morden aus.
Marco Polo beschreibt in seinem Reisebericht den damals schon zerstörten "größten und schönsten Garten der Welt", in den die berauschten Jünglinge angeblich gebracht wurden: "In den Brunnen floss Wasser, Honig und Wein. Die schönsten Jungfrauen und Edelknaben sangen, musizierten und tanzten dort."
Auch wenn solche Legenden nach dem Urteil des Orientalisten Bernard Lewis "fast mit Sicherheit unwahr" sind, ging die Geheimgesellschaft doch als "Assassinen" ("Haschischkonsumenten") in die Geschichte ein. Die mörderischen Eiferer nannten sich selbst Fedajin, die "Geweihten"; sie gehörten der islamischen Minderheit der Ismailiten an.
Entstanden war die Ismailija oder Siebener-Schia nach dem Tod des sechsten Imam Dschaafar al-Sadik im Jahr 765. Die Mehrheit der Schiiten hielt damals daran fest, dass sich die Reihe der Nachfolger über Mussa al-Kasim bis zum zwölften Imam fortsetzt; eine kleine Gruppe aber hielt sich an Ismail, einen anderen Sohn Dschaafars.
Im Zentrum des Glaubens steht der Imam; ihm und seinen Stellvertretern schulden die Anhänger absolute Loyalität. Die Ismailija brachte hervorragende Theologen hervor und entwickelte ein dogmatisches System auf hohem philosophischem Niveau.
Gleichzeitig wuchs sie zur gutorganisierten, mächtigen Oppositionsbewegung heran. Sie rief zum Widerstand bis zur Selbstopferung auf und berief sich dabei auf das Vorbild der leidenden Imame. Die als ungerecht empfundene sunnitische Herrschaft sollte beendet werden; mit partisanischem Eifer verfolgten die Ismailiten ihr Fernziel, die Einsetzung des wahren Imam.
Wie viele andere konkurrierende Lehren innerhalb des Islam rangen die Ismailiten auch politisch um Vormacht. In Gestalt der Fatimiden, die von Kairo aus einen Gegenpol zum Kalifat in Bagdad bildeten, und der Karmaten, die von Bahrain aus Mekka bedrohten, stellte die Siebener-Schia über geraume Zeit mächtige Dynastien.
Mit einer "neuen Verkündigung", die Kritik an der Orthodoxie mit militantem revolutionärem Anspruch verband, tat sich im 11. Jahrhundert der ismailitische Prediger Hassan-e Sabbah hervor.
Selbst Gegner beschrieben ihn als klug und bescheiden. Doch Hassan-e Sabbah war nicht nur ein scharfsinniger Denker, sondern auch ein Mann der Tat. Seine Strategie, von Burgen in schwer zugänglichen Bergregionen aus zu operieren, machte seine Gemeinschaft der Assassinen fast unverwundbar. Als Hauptquartier brachte er 1090 die Festung Alamut in seinen Besitz - und verließ sie bis zu seinem Tod im Jahr 1124 nicht mehr.
Von Alamut sandte Hassan Missionare und Agenten aus, weitere Anhänger und Burgen zu gewinnen. Oft konnten seine Männer auf die Unterstützung der Bevölkerung zählen. "Für die kriegerischen und rebellischen Bergbewohner war sein militantes Credo überaus attraktiv", erklärt Bernard Lewis. Bald verfügte die Gemeinschaft über Dutzende Festungen in Persien und auch im syrisch-libanesischen Bergland.
Im Oktober 1092 verübten die Assassinen den ersten jener Morde, für die sie weit über die Grenzen ihres Landes hinaus berühmt und gefürchtet werden sollten. Als Sufi verkleidet, näherte sich ein Mann der Sänfte Nisam al-Mulks und erstach den mächtigen Wesir auf dem Weg zum Zelt seiner Frauen. Der von Hassan-e Sabbah entsandte Killer wurde noch während der Tat selbst getötet.
Bald hatte sich die Angst vor entschlossenen Fanatikern, die mit List und Verkleidung in die höchsten Kreise gelangten und den eigenen Tod nicht fürchteten, bis nach Europa herumgesprochen. Eingang in die europäische Literatur fand jedoch zunächst die unbedingte Loyalität der Verschwörer zu ihrem Anführer - als Ideal der Liebenden: "Wie die Assassinen ihrem Meister standhaft dienen, so habe ich Amor gedient in unverbrüchlicher Treue", rühmte sich ein provenzalischer Troubadour.
Entgegen ihrem späteren Ruf waren die Assassinen des Mittelalters nicht einfach eine isolierte Mörderbande, sondern anerkannte regionale Herrscher, die Allianzen eingingen, Kriege führten, Tribut forderten oder auch zahlten.
Obwohl die ismailitische Lehre eine esoterische Auslegung der "inneren Bedeutung" des Koran fordert, galten auch in der Ismailija die üblichen Regeln einer islamischen Gemeinschaft. Doch 1164 trat Hassan II., der vierte Herr von Alamut, feierlich vor seine Anhänger. Er wandte sich an "die Bewohner der drei Welten, Dschinn, Menschen und Engel", und erklärte: "Der Imam unserer Zeit hat euch seinen Segen und sein Erbarmen gesandt. Er hat euch von der Bürde des Heiligen Gesetzes befreit und euch zur Auferstehung geführt." Wer jetzt noch im Ramadan fastete oder zum Ritualgebet in eine Moschee ging, musste mit harten Strafen rechnen. Erst unter Hassans Enkel kehrten die Assassinen zum islamischen Recht, der Scharia, zurück.
Auch nach Syrien drang die Lehre von der Gesetzlosigkeit. Vielleicht wurden Marco Polos Paradiesgarten-Legenden von den Ausschweifungen dortiger Ekstatiker angeregt. Das Oberhaupt der Sekte in Syrien, Sinan Bin Salman, in Europa als "der Alte vom Berge" bekannt, schlug die Extremisten in den eigenen Reihen jedoch blutig nieder.
Der Kampf der Assassinen richtete sich fast ausschließlich gegen das sunnitische Establishment. Der syrische Zweig allerdings hatte die christlichen Kreuzfahrer zu Nachbarn, und so meuchelten die dortigen Assassinen neben muslimischer Prominenz auch christliche Potentaten. 1192 erstachen sie den Markgrafen Konrad von Montferrat, König von Jerusalem. Die Mörder hatten sich als christliche Mönche getarnt und so das Vertrauen des Königs und des Bischofs erschlichen.
Erst die Invasion der Mongolen im 13. Jahrhundert machte den Assassinen ein Ende. Ihr Oberhaupt ergab sich den neuen Herrschern, die meisten Bergfesten wurden kampflos übergeben. Alamut allerdings fiel erst 1256. Heute erinnern nur wenige Steine an die mächtige Festung.
Doch ausgestorben ist dieser Zweig der ismailitischen Glaubensgemeinschaft nicht: Auf einen Sohn des letzten Herrn von Alamut gründet sich eine neue Reihe von Imamen. Die Lehre verlor ihre militanten Anteile; heute gelten Ismailiten sogar als besonders liberale Gruppierung innerhalb des Islam. Die Ergebenheit gegenüber ihrem Oberhaupt steht freilich weiterhin im Zentrum des Glaubens.
1818 bekam ihr Imam Hassan Ali vom persischen König den Titel Aga Khan verliehen - führte allerdings bald darauf eine Revolte gegen den Monarchen an und floh nach Indien. Dort hatten Missionare aus Alamut einst gute Erfolge erzielt, so dass eine größere ismailitische Gemeinde bestand.
Knapp 20 Millionen Menschen in aller Welt bekennen sich heute als Anhänger der Ismailija. Ihr religiöses Oberhaupt, Karim Aga Khan IV., gilt als direkter Nachfahre der Assassinen von Alamut - und ist bekannt für Wohltätigkeit und Entwicklungshilfe.

BILDARCHIV STEFFENS / AKG
AKG
Von Anne-sophie Fröhlich

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 2/2010
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:39

Planespotter-Videos Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf

  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf" Video 02:17
    Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf
  • Video "Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf" Video 01:58
    Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg
  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA" Video 01:00
    Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA
  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf