30.03.2010

Plastikschlüssel zum Paradies

Der irakisch-iranische Krieg von 1980 bis 1988 forderte Hunderttausende Opfer - auch Kinder wurden in die Minenfelder geschickt.
Die Wunden sind fürchterlich: Eiterblasen, verätzte Schleimhäute und nässende Geschwüre - schockierende Beweise für den Einsatz von Chemiewaffen. Die Soldaten, die Ende 1983 im Teheraner Hilton-Hotel ausländischen Medizinern vorgeführt werden, sind Opfer von Senfgas. Die Iraner waren vom Kampfstoffeinsatz völlig unvorbereitet überrascht worden, sie hatten oft nicht einmal Gasmasken. Obwohl der Irak das Genfer Protokoll zum Verbot der Anwendung chemischer Waffen unterzeichnet hat, setzt er sie dennoch ab Sommer 1983 immer wieder ein. Sogar die hochgiftigen Nervengase Tabun und Sarin kommen zum Einsatz. Die Zahl der Gasopfer betrug 50 000, jedes zehnte von ihnen starb.
Jahrzehntelang schwelende Grenzstreitigkeiten hatten im Spätsommer 1980 zum Krieg geführt. Die Beziehungen waren längst gespannt, nun eskaliert die Lage. Im März zieht Iran seinen Botschafter ab, im April macht der Irak das Regime in Teheran für einen Anschlag auf Vizepräsident Tarik Asis verantwortlich. Am 23. September 1980 schließlich marschiert die irakische Armee ein.
Der Zeitpunkt sei günstig, glaubt Diktator Saddam Hussein: Die Mullahs sind erst kurze Zeit an der Macht, das iranische Offizierskorps ist nach dem Umsturz dezimiert. Saddam will den Grenzfluss Schatt al-Arab wieder völlig unter irakische Kontrolle bringen und sich die ölreiche Grenzprovinz Chusestan am Persischen Golf einverleiben.
Dazu kommen innenpolitische Motive: Saddam fürchtet ein Übergreifen der schiitischen Revolution auf sein Land. Neun Divisionen setzt Bagdad in Marsch; in zwei Wochen längstens sollte die Angelegenheit erledigt sein. Ein verhängnisvoller Irrtum: Was als Blitzkrieg geplant war, zieht sich über acht Jahre hin. Dem iranischen Regime kommt die Eskalation gelegen - so kann man von innenpolitischen Problemen ablenken.
Militärisch sind die Kräfte ungleich verteilt. Beide Seiten haben bei Kriegsausbruch rund eine Viertelmillion Mann unter Waffen, aber Iran hat mit einer dreimal so großen Bevölkerung weitaus größere Reserven. Irans Waffen stammen aus der Schahzeit, als die USA alles lieferten, was gut und teuer war. 450 Kampfflugzeuge besitzt Teheran auf dem Papier. Aber seit dem Waffenembargo fehlen Ersatzteile. Saddams Armee wurde von den Sowjets ausgerüstet und besitzt 2500 Kampfpanzer, seit einigen Jahren liefert auch Frankreich modernes Gerät.
Bald erkennt die irakische Militärführung, dass sie sich verkalkuliert hat: Nach Anfangserfolgen stockt die Offensive, der Vormarsch wird zum Stellungs- und Abnutzungskrieg am fast 1500 Kilometer langen Frontverlauf. Das Blatt wendet sich sogar: Vom Frühjahr 1982 an erobert Iran in vier Großoffensiven verlorenes Terrain zurück, im Mai schließlich die strategisch wichtige Hafenstadt Chorramschahr. Der Uno-Sicherheitsrat fordert einen Waffenstillstand - vergebens. Iran will stürmen, bis "Satan Saddam" vertrieben ist. International isoliert und vom Embargo schwer getroffen, gehen Chomeini und sein Regime dazu über, die Reserven ihres 40-Millionen-Volkes rücksichtslos auszubeuten. Um genügend "Menschen- material" zu bekommen, senkt der Wächterrat 1980 den Beginn der Volljährigkeit auf 15 Jahre. Schüler werden direkt aus den Klassenzimmern rekrutiert, Mütter liefern ihre Söhne freiwillig ab. Viele der Kriegsfreiwilligen in den Bassidsch-Milizen sind Kinder.
Ohne militärische Ausbildung schickt man sie an die Front. Sie bilden "menschliche Wellen", die mit Todesverachtung Hand in Hand durch die Minenfelder ins feindliche MG-Feuer gehen. Fanatisiert von der Propaganda des Regimes, das einen "heiligen Feldzug" beschwört, sehnen sie sich danach, als Märtyrer mit ihrem Blut die "Saat der Revolution zu bewässern".
Rechtzeitig hatte das Regime 500 000 taiwanische Plastikschlüssel geordert, Pfennigartikel mit enormer Symbolkraft. Sie schließen dem "Schahid", dem Märtyrer, die Paradiespforte auf. Um den Kampfesmut der Kindersoldaten anzufachen, erscheinen reitende Schauspieler an der Front, geschminkt und kostümiert. Für die Bassidsch sind sie eine Reinkarnation des geheimnisvollen zwölften Imam. Historisch ist er zwar 874 im Alter von fünf Jahren verschwunden; die Schiiten aber glauben fest an seine Wiederkehr.
Chomeini nutzt diesen messianischen Glauben aus und verbindet die Erlösungsidee mit Opferwillen: Je größer die Bereitschaft zum Märtyrertod, desto eher wird der Imam wiederkehren. Mit blutroten Stirnbinden gehen schon Zwölfjährige in den Tod, um den Hals das Schlüsselchen.
Aber alle Angriffe bleiben in der Wüste oder im überfluteten Sumpfland rasch stecken, die Verluste steigen. Zudem gewinnt der Irak beim Kriegsgerät mehr und mehr die Oberhand. Ob aus den USA, Brasilien oder China, Frankreich oder Großbritannien, Waffenproduzenten aus aller Welt liefern Nachschub. Finanziell massiv unterstützt von den Golfstaaten, die 50 Milliarden Dollar überweisen, kann etwa die Luftwaffe im letzten Kriegsjahr über fast 500 Jets verfügen; Iran hat nur noch 60 einsatzbereit.
Saddam antwortet auf die anbrandenden Menschenwogen mit dem Einsatz chemischer Kampfstoffe an der Front.
Auch die Zivilbevölkerung ist nicht sicher. Sie wird zu Opfern des moralzermürbenden Städtekriegs, den beide Seiten gegeneinander führen. Scud-Raketen, Granaten und Bomben - alles, was zur Verfügung steht, regnet jahrelang auf Wohngebiete, Schulen und Kindergärten herab. Im Frühjahr 1984 erreicht der Krieg gegen die Ölanlagen und Tanker eine neue Phase. Mit dem Beschuss panamaischer und saudischer Tanker macht der Irak klar, dass jeder, der iranisches Öl transportiert, zum Feind wird. Iran antwortet mit Attacken auf Öltanker und Frachter, die unter der Flagge von Ländern fahren, die den Irak unterstützen. Eine scharfe Verurteilung durch den Uno-Sicherheitsrat bleibt wirkungslos. Die Saudis greifen zur Selbsthilfe und schießen einen iranischen Jet ab. Schließlich intervenieren die USA und eskortieren Tanker mit ihren Kriegsschiffen. Lloyd's in London schätzt später die Zahl der beschädigten Handelsschiffe auf rund 550; über 400 Seeleute sterben.
In Iran werden die Menschen mit brutaler Direktheit an den Blutzoll erinnert: Auf dem riesigen Teheraner Friedhof Behescht-e Sahra sprudelt der schaurige "Blutbrunnen", plätschert die tiefrote, dicklich-schäumende Flüssigkeit über die Stufen - symbolisches Blut der Märtyrer an der Front. Unablässig muss das Gräberfeld erweitert werden.
Dass es in diesem Krieg keine Sieger geben wird, ist seit Jahren klar. Aber erst am 20. August 1988 tritt der von der Uno geforderte Waffenstillstand in Kraft. Der längste Staatenkrieg des 20. Jahrhunderts ist zu Ende. Er hat über eine halbe Million Menschen das Leben gekostet.

JACQUES PAVLOVSKY / CORBIS SYGMA
POLARIS (O.); ESLAMI RAD / GAMMA / STUDIO X (U.)
Von Thorsten Oltmer

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2010
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