01.06.2010

Der Krieg von unten

Von Bönisch, Georg

In Feldpostbriefen, Tagebüchern und mit Fotografien hielten Wehrmachtsoldaten ihre Kriegserlebnisse fest. Als Quellen lange unterschätzt, dokumentieren sie häufig die seelischen Qualen der Kämpfer.

Es ist Mittwoch, der 27. August 1941, Tag Nummer 727 seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Das "Unternehmen Barbarossa" läuft, der Überfall deutscher Truppen auf die Sowjetunion. Zwar sind im Protokoll des Oberkommandos der Wehrmacht "schwere Kämpfe" notiert, auch "schwere Verluste für den Gegner". Ansonsten jedoch sei dieser Tag an manchem Frontabschnitt "ein ruhigerer als bisher" gewesen.

"Keine wesentlichen Neuigkeiten", merkt Franz Halder an, Adolf Hitlers Generalstabschef fürs Heer. Heißt: keine besonderen Vorkommnisse.

Die Wahrheit ist eine andere, und sie ist kaum vorstellbar. An diesem Tag wurde das Infanterie-Regiment 37 nahe Smolensk in das schlimmste Gefecht seiner Geschichte verwickelt, 187 Soldaten fielen, 141 erlitten schwere Verwundungen, 16 blieben vermisst, der Kommandeur starb auf dem Transport zum Hauptverbandsplatz. Exzesse tobten, aus Wut töteten sowohl die Deutschen als auch die Russen etliche ihrer Gefangenen.

Der offizielle Bericht des Regiments darüber ist 24 Schreibmaschinenseiten lang, angesichts einer solchen Orgie aber eigentümlich inhaltsleer. Kein Wort über brutalste Gewalt, kein Wort über die Exzesse. Wie es den Soldaten wirklich erging, offenbarte nur eine Quelle - der Feldpostbrief des Leutnants Heinz Söffker.

Es sind wenige Sätze, die der Offizier schrieb. Und doch sind sie Zeugnis barbarischer Stunden. Nur mit Glück, teilte er seiner Frau Änny mit, sei er diesem "Hexenkessel" entkommen, dem "grausamen Abschlachten durch die Russen" - unverwundet, zutiefst erschüttert. Denn plötzlich sah er "graue Soldaten, die das Lachen verlernt" hätten.

Und er schrieb, Kameraden seien "bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt" worden, "auf viehische Weise: Ausstechen der Augen, Abschneiden von Nasen, Ohren, Zungen, Bajonettstiche in Beine, Leib, Brust, Kopf …" Der Leutnant mahnte: "Benütze diesen Brief bitte nur für Dich. Leider ist alles wahr u. nicht übertrieben … Gute Nacht, Liebling."

Offizielle Kriegsgeschichte ist Geschichte von oben, deshalb demonstrieren Akten in aller Regel Kälte und Mitleidlosigkeit, ja Ignoranz und Desinteresse. "Konkretes Leiden" werde "nicht deutlich", schreibt der Historiker Peter Knoch. Solche Dokumente hätten "keine Ohren für die Schreie der Sterbenden" gehabt - und "keine Augen für die leeren, blutigen Höhlen der in die Schläfen getroffenen Kämpfer".

Briefe aus dem Feld in die Heimat, auch überlieferte Tagebücher, lassen einen anderen Blick auf den Zweiten Weltkrieg zu - den von unten nach oben, auf der Mikroebene. Und gerade die Subjektivität des Geschriebenen und Gedruckten liefert ein Bild davon, was Soldaten erleben, erdulden und erleiden mussten in einem Szenario der Vernichtung, das alle Vorstellungen von Moral und von Werten umkrempelte. Und wie sie in dieser höchsten Bedrohung ihre Lage einschätzten.

Angst und Trauer, Verzweiflung und Verbitterung, natürlich auch Siegeswille, Hoffnung und die Zuversicht, der "Führer" werde es am Ende zum Wohle der Deutschen doch noch richten. Oftmals wurden auch die eigenen Kameraden kritisiert. "Die Moral und Disziplin haben stark gelitten" , konstatierte ein Offizier, der im Winter 1941/42 vor Moskau lag. "Solche Verfallserscheinungen sind selbst 1918 nicht bei der kämpfenden Truppe beobachtet worden." 1918, das Jahr der Niederlage im Ersten Weltkrieg: eine vielfach empfundene Schmach, die im Krieg danach getilgt werden sollte.

Etliche suchten eine Rechtfertigung vor sich selbst; ein Mittel war es, sich auf die soldatische Pflicht zu berufen. Dieser vermeintlichen Pflicht zu genügen bestimmte weitgehend das Weltbild der Kriegsgeneration.

"Hilf mir Gott" , vertraute der junge Literat und Banklehrling Willy Peter Reese seinem Tagebuch an, "dass ich dieses Ja und Amensagen, das ich so bitter erkämpft, nicht wieder verliere, denn aus der Verneinung entsteht erst der tiefe, dumpf brennende Schmerz." Reese wurde nur 23, er starb irgendwo in der Weite Russlands.

Die Perspektive der Betroffenen galt der Wissenschaft jahrzehntelang als wenig interessant und ergiebig, und beim Publikum sorgten eher knallige Heldenepen oder "lustvoll präsentierte farbige Kino- und Fernsehkriege" (Knoch) als Ersatz für die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ein Argument der Historiografen war, Briefe einfacher Soldaten etwa könnten höchstens dazu beitragen, das operative Handeln der Generalität einzuordnen oder es zu erklären. Als Teilstück der Geschichtsbetrachtung von oben gewissermaßen.

Erst seit Mitte der achtziger Jahre ist der Blick zurück ein anderer, Diarien und Briefe spielen seither eine immer größere Rolle, das Leben des einfachen Soldaten wird öffentlich diskutiertes Thema. Und zwei neue Quellengattungen ergänzen viele Jahre nach Kriegsende die in Schriftform gegossene Wahrnehmung (manchmal auch Nichtwahrnehmung) dieses Großereignisses Krieg, das Millionen Menschen traumatisierte, lähmte - und zerstörte.

Da sind Fotos, von Tag zu Tag kommen mehr zum Vorschein, Kinder und Enkel von Hitlers Soldaten beschäftigen sich plötzlich damit, um etwas zu erfahren über den Vater oder den Großvater; eine Wanderausstellung in deutschen Museen hat großen Zulauf. Sie trägt den Titel "Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg" und konterkariert die heroischen Inszenierungen der damals visuell marktbeherrschenden NS-Propaganda.

Denn die Fotos spiegeln, als Gegenbilder, die Realität wider. Viele von ihnen sind Belegstücke für eine besondere "Form der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse", sagt die Kunsthistorikerin Petra Bopp, die Macherin der Ausstellung. Ein Unteroffizier etwa, er war 20, schoss während einer Kampflage "in psychisch schwieriger Situation" in Nordfrankreich 16 Fotos, "um zu Hause" eines beweisen zu können: "unter welchen Bedingungen wir angreifen mussten" .

Und das gesprochene Wort ist, was Befindlichkeiten angeht, wahrscheinlich das beste Zeugnis - wenn es denn im Kreis der Kameraden fällt, ohne Argwohn. Jahrelang hörten Nachrichtendienstler der US-Armee Kriegsgefangene ab, die im Speziallager Fort Hunt südlich von Washington interniert waren, es waren Lauschangriffe der besonderen Art.

Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich haben diesen Quellenbestand mit finanzieller Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung ausgewertet, bald schon werden erste Forschungsergebnisse publiziert. Die Soldaten redeten oftmals untereinander so, wie ihnen der Schnabel gewachsen war - geradeheraus, ohne Umschweife.

"Was haben deine Eltern von ihrem Leben gehabt?", fragte im August 1944 ein Panzerjäger einen Mitgefangenen von der Artillerie. Und antwortete selbst: "Nichts. Was hast du? Nichts. Was haben unsere Kinder? Nichts. Naja, was sind wir?"

"Wir sind halt sehr blöde."

"Wir sind wie ein Maschinengewehr. Eine Ware, um den Krieg damit zu führen."

Es ist eine unvorstellbare Zahl, und dennoch scheint sie noch zu niedrig angesetzt. Mindestens 40 Milliarden Feldpostbriefe, schätzen Experten, wechselten die Soldaten der deutschen Wehrmacht mit ihren Angehörigen und Freunden, das Regime förderte diese besondere Form einer Korrespondenz, weil sie die Brücke schlagen sollte zwischen Front und Heimat - gleichzeitig checkten "Feldpostprüfstellen" im Stichprobenverfahren solche Briefe.

Jene, die mitlasen, sollten auf "Haltung und Stimmung" achten, auf den "Stand der Disziplin", auch auf "Zersetzung" und "Spionage und Sabotage". Vielleicht bekamen sie dabei schon mit, was Historiker erst sehr viel später analysierten: dass die Stimmung der Briefeschreiber zumeist dem Verlauf des Krieges entsprach, abzulesen "wie auf einem Barometer", so das Autorenduo Ortwin Buchbender und Reinhold Sterz.

"Betroffenheit" bei Kriegsausbruch, "nüchterne Zurückhaltung" bis zu Beginn der Westoffensive, "fast euphorische Freude" nach den Blitzsiegen, "leichte Resignation", als England nicht, wie erhofft, zusammenbrach.

Der Feldzug gegen Stalin war dann eine völlige Überraschung, und mit der Niederlage von Stalingrad kam die Ernüchterung, auch wenn etliche dem Regime treu ergeben blieben. "Seit Monaten eingeschlossen, werden wir morgen zum letzten Kampf Mann gegen Mann antreten", teilte ein Hauptmann seiner Frau mit. "Ich bin sehr stolz, bei diesem einzigartigen Heldenepos der Geschichte als deutscher Offizier teilhaben zu dürfen." Und er nahm Abschied von ihr, "die Du mir eine liebe Kameradin warst".

Generell gilt für die meisten Frontsoldaten, dass sie eher zurückhaltend, fast trivial über all das schrieben, was sie erlebten. Dies war eine Art Kontrastmittel zu erlebter Kriegsrealität. Aber ungezählte Briefe und andere schriftliche Zeugnisse berichten ungeschminkt. Wer sie liest, der spürt den Wahnsinn des Krieges, die Bedrängnis, die Ohnmacht, etwas ändern zu können.

Ein junger Landser schrieb am 31. August 1939:

"Abends teilte unser Leutnant … mit, dass morgen früh halb fünf Uhr die Grenze überschritten wird und wir gleich dabei sein werden … Keiner redet ein Wort, jeder dachte, was wird nun werden. Dann fahren wir ab - nach Polen. Ich sah den ersten getöteten Menschen! Nicht gestorben, weil er krank oder alt war - nein! Ein gesunder Mensch wie die neben mir im Auto. Ein Mensch, tot, nicht aufgebahrt, nicht in einem Bett - auf der Straße! Auf der Straße seines Landes. In einer Uniform aus graubraunem Tuch. Mit einem Helm, anders geformt als der, den wir trugen. Wir, die auf allen Straßen ostwärts fuhren - auch ich.

Ein anderer hielt, in strenger Chronologie, dramatische Ereignisse fest:

30.06.1941: "Minsk - das Bild, das sich uns bietet, kann ich nicht beschreiben - grauenvoll. Zum Schluss haben wir acht Mann erschossen."

16.07.1941: "Es ist grauenhaft - diese Vernichtung! … Es gibt keine Helden, nur Opfer."

17.07.1941: "Die Ordenskreuze verwandeln sich langsam zu Holzkreuzen."

17.09.1941: "Ich glaube, man hat uns belogen, und wir haben uns begeistern lassen."

03.02.1942: "Die Lage ist verdammt ernst. Das wahre Gesicht des Krieges, kein Mythos. Die Wirklichkeit besteht aus Giftgas, Ratten, Verstümmelungen, unerträglicher Angst und großen seelischen Verletzungen. Der Krieg hat nichts Ehrenvolles an sich."

Ein Stalingrad-Kämpfer notierte, und sein seelischer Zustand ist spürbar:

"Die Wahrheit ist das Wissen um den schwersten Kampf in hoffnungsloser Lage. Elend, Hunger, Kälte, Entsagung, Zweifel, Verzweiflung und entsetzliches Sterben. Mehr sage ich darüber nicht."

Oftmals zeugen Briefe von einem inneren Wandel, der sich langsam vollzog. Soldat Hellmut Klußmann war 18, als er zu den Fahnen eilen musste. Mit Genugtuung, erkennbar ohne Skrupel, teilte er am 9. Juli 1941 seinen Eltern mit:

"Gestern … schossen aus zwei Häusern Flintenweiber auf uns. Wir hielten an, und ich ging von hinten auf ein Schuppendach, sah ein Weib und knallte sie ab."

Zwei Jahre später, der Gefreite lag daheim im Lazarett, berichtete er dem Vater:

"Ein solches Blutbad wie diesen Krieg dürfte die Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts eigentlich nicht dulden. Warum sind die maßgebenden Männer, sagen wir mal, geistig so schwach, um solch ein Morden einfach laufen zu lassen, wie es läuft? Manch Pfarrer würde vielleicht sagen, der Herr will, dass die Menschen seine Stärke und Macht erkennen. Ein Staatsmann wieder wird sagen, meine Macht besteht darin, dass ich siege. Ein anderer Staatsmann sagt, ich muss mich gegen meinen Feind wehren. Ja, jeder Mensch weiß für sein Tun und Lassen eine Rechtfertigung. Nun, wir können ja doch nichts ändern am Weltgeschehen."

Wie Klußmann verachtete auch Willy Peter Reese das System - obgleich der sich freiwillig zur Front gemeldet hatte und vier Auszeichnungen an seine Brust stecken durfte, darunter das Eiserne Kreuz II. Klasse. "Ich wollte das Feuer durch das Feuer besiegen", schrieb er, "den Krieg durch den Krieg … Ich warf mich fort, weil ich den Glauben an Geist und Seele verlor."

Seiner Familie gegenüber gab Reese zu, als Besiegter würde er sich "innerlich" wohler fühlen denn als Sieger, und doch lehnte er sich nicht auf, blieb dabei, verweigerte sich nicht. "Seine Waffen gegen den Wahnsinn des mörderischen Feldzugs" (Publizist Stefan Schmitz) waren Bleistifte und Papier, die die Mutter ihm schickte, und Reese legte Zeugnis ab.

Nach zwei Jahren im Feld fasste er seine Gedanken so zusammen:

"Wir sind der Krieg. Weil wir Soldaten sind / Ich habe alle Städte verbrannt / Alle Frauen gewürgt / Alle Kinder geschlagen / Allen Raub genommen vom Land / Ich habe Millionen Feinde erschossen / alle Felder vernichtet, die Dome zerstört / die Seelen der Menschen verheert / aller Mütter Blut und Tränen vergossen."

Die letzten Worte lauteten: "Ich habe es getan. - Ich tat / Nichts. Aber ich war Soldat."

Obschon jeder wusste, dass es eine Überwachung der Feldpostbriefe gab, legten viele einen erstaunlichen Mut an den Tag - auch auf das Risiko hin, wegen "Wehrkraftzersetzung" oder anderer Delikte vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden. Es wäre "für ganz Europa besser, wenn die Herren Hitler, Göring und Goebbels gingen", schrieb ein Soldat nach Hause. "Laut schreien möchte man: Hört auf mit eurem Schwindel, ihr Familienmörder!", formulierte ein anderer.

"Den letzten Sonntag, als ich in der Kirche war",so im August 1944 ein Obergefreiter,"da dankte tatsächlich der Prediger Gott, dass er den Führer vor dem Attentat gnädig behütet und bewahrt hatte. Ich hätte ihm am liebsten den Mund zugestopft mit Heu. Unser Volk sieht nicht, wie es gehalten wird von satanischer Macht."

Der Zensor in der Feldpostprüfstelle legte den Brief der Militärjustiz vor, "zur Weiterverfolgung".

Wie viele Kriegsgerichtsverfahren es gab, weil Soldaten die Wahrheit schrieben, ist nicht bekannt - auch nicht, wie viele wegen eines Briefes über den Krieg und über jene, die ihn auslösten, ihr Leben lassen mussten. Nur eine Zahl existiert, sie entstammt einem Geheimpapier der Nazi-Führung. Bis Ende November 1944 sind 9523 Wehrmachtsoldaten standrechtlich erschossen worden.

Die Zellen im Kriegsgefängnis von Fort Hunt sahen alle gleich aus, und sie waren auch gleichermaßen ausgestattet: Zum Inventar gehörten, gut versteckt, zwei Mikrofone. Zwei Wanzen waren für die Spezialisten des amerikanischen Militärgeheimdienstes MIS eine technische Notwendigkeit: Der Stereoeffekt machte nämlich auch geflüsterte Unterhaltungen gut hörbar.

Fast 3300 Soldaten der Hitler-Armee, die meisten Deutsche, auch etwa 250 Österreicher, waren hier von 1942 bis Kriegsende eingesperrt. Ständig liefen Tonbänder, die MIS-Mitarbeiter, die sie aufschreiben mussten, hatten einen schweren Job. 100 000 Seiten stark ist das Konvolut, und die Wissenschaftler destillieren daraus Antworten auf die-se Fragen: Wie dachten die Soldaten über den Krieg? Wie schätzten sie die Nazi-Führung ein? Wie weit ging ihre Loyalität?

Den Quellenwert beschreiben die Experten als hoch. Schließlich, sagt der Historiker Felix Römer, der anhand der Abhörprotokolle die Mentalitätsgeschichte erforscht, hätten die Kriegsgefangenen untereinander "mit einmaliger Offenheit" und "unverstellt" geredet - in Feldpostbriefen hingegen sei häufiger "eine Gegenwelt zu ihrem Erleben an den Fronten" konstruiert worden.

"Wir kamen an die Front mit 35 Mann",vertraute beispielsweise im August 1944 ein Infanterist einem Kameraden an,"dann wurden wir … gefangen, hätten noch 2 - 3 Runden schießen können, aber das wäre Selbstmord gewesen. Konnten dem Vaterland nicht mehr helfen. Aber viele, viele sind mit Absicht in die Gefangenschaft gegangen, traurig so was."

Hitlers Propagandisten hätten nie eine solche Fahnenflucht zugegeben - genauso wenig wie taktisches Missmanagement. "Die richtigen Einheiten sind auseinandergerissen worden", schimpfte der Soldat, "dann sind sie dort und da zusammengekratzt worden, Männer, die sich vorher noch nie gesehen hatten … Manche hatten noch nie einen Schuss vorher abgegeben … Es gibt nichts neben einem alten, eingespielten Haufen."

In etlichen dieser Dialoge wurde die NS-Führung heftig attackiert. "Weißt du, ich möchte dem Goebbels gerne eine reinhauen. Aber so richtig mit der flachen Hand", empörte sich ein Panzerjäger.

"Ja, der Mann hat viel Schuld am Krieg."

"Und das Volk hat auch alle Brücken hinter sich abgebrochen. Damals … fragt er: Wollt ihr den totalen Krieg? Ja, hat alles gebrüllt. Und sie haben ihn auch bekommen. Jetzt ist er sogar ganz total."

"Ja, jetzt ist er ganz total."

"Jetzt machen sie auch die deutsche Frau kaputt. Es genügt heute nicht mehr, dass der deutsche Mann kaputt geht, sie müssen auch noch die deutsche Frau und das deutsche Kind kaputt machen. Und das tut der Nationalsozialismus …Nimmt er denn überhaupt noch Rücksicht auf einen einzigen Deutschen? In keiner Weise."

Ein Obergrenadier stellte die Vermutung an, in ein paar Jahren würden die Amerikaner auch Krieg führen gegen die Sowjets. "Russland will ja ganz Europa, und Amerika braucht Europa für den Handel. Die kämpfen doch nur für das Geld. Deutschland ist doch Europa, Europa ist Deutschland."

"Überleg dir bloß mal, wie viel Geld dieser Krieg kostet",antwortet sein Zellengenosse."Bolschewismus und die Demokratie, die passen auch nicht zusammen."

"Genau wie Demokratie und Nationalsozialismus. Die passen nicht zusammen."

"Aber immer noch nicht so gefährlich wie der Bolschewismus."

Dass sie abgehört wurden, wussten die Kriegsgefangenen nicht. Ein Soldat befürchtete jedoch, in den Zellen könnten Mikrofone eingebaut sein - sein Kumpel beruhigte ihn: "Nee, die gibt's hier nicht."

Das Foto hat Charme, und der Betrachter darf durchaus glauben, er sehe eine Urlaubsidylle. Eine junge Frau watet durchs Wasser, sie trägt ein Kopftuch, den Rock hat sie leicht geschürzt. Ihre Schritte haben kleine Wellen ausgelöst, ein Baum spiegelt sich auf der glatten Oberfläche. Wenige Meter noch, dann hat sie das Ufer erreicht (siehe Seite 79).

Ein deutscher Soldat hat dieses Bild geschossen, im Sommer 1942, während des sogenannten Russlandfeldzuges. Das Motiv könnte ein fast zärtlicher Blick auf ein fremdes Land sein oder ein bewusster fotografischer Kontrapunkt zur Brutalität des Krieges und den dumpfen NS-Parolen vom sowjetischen "Untermenschen". Könnte, doch die Realität ist anders. Auf der Rückseite ist als Legende in blassblauer Tinte notiert: "Die Minenprobe".

Die junge Frau schwebte in Lebensgefahr, weil sie als menschliches Räumgerät missbraucht wurde; für sie galt, einem tödlichen Befehl gehorchen zu müssen - dass nämlich "Juden und Bandenangehörige" durch vermintes Terrain zu "jagen" seien.

Bilder vom Krieg müssen keine Kampfszenen zeigen, um die Dramatik des Augenblicks zu demonstrieren. Sie zeigen, wie der Krieg von den einfachen Soldaten gesehen wurde - nicht, wie er sich der Generalität darstellte. Und die Anordnung solcher Fotos in Alben einschließlich der Beschriftung sei "Narrationsraum für die subjektive Konstruktion der Erinnerung", sagt Petra Bopp. Selbst wenn viele Soldaten mit ihren Fotos in Konkurrenz treten wollten zur "Ideologie der Bildpropaganda des Nationalsozialismus" und versucht hätten, deren "Ästhetik und Aussage zu imitieren".

Die Fotoausstellung belegt eindrucksvoll, dass solcherlei Erinnerungsspuren gewöhnlicher Soldaten eine ganz besondere Quelle für die Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs sein können. Hunderttausende hatten neben der Knarre eine Kamera dabei, "Knipser", so hießen sie, waren durchaus erwünscht in der Diktatur; denn Fotos galten, wie auch Feldpostbriefe, als Verbindungslinie zur Heimat.

Für die Profis der Propagandakompanien gab es Tabus, eines lautete, keine toten Soldaten abzulichten. Knipser hingegen bezeugten schwarz-weiß, auch in Farbe, brutale Wirklichkeiten. Viele hielten sich nicht an die Weisung der Wehrmachtführung, "außerdienstliches Fotografieren im Operationsgebiet" zu unterlassen, vor allem keine Fotos von Exekutionen zu machen.

"Gestern haben sie hier … wo wir gelandet sind, 5 Russen aufgehängt, sie haben einen Kameraden erschossen",schrieb ein Landser im September 1941 seiner Frau."Ich habe mit zugesehen …wir haben eine Aufnahme gemacht, hoffentlich ist sie gut ausgefallen."

Ein Kanonier fotografierte in Polen, wie Häftlinge aus den verbarrikadierten Waggons eines Güterzuges heraus ihre Näpfe streckten und um Wasser bettelten, es waren wohl Kriegsgefangene - oder deportierte Juden. "Hier stand das Dorf Ljubatschj b. Szolzy" steht unter einem Foto, das nur einen verbrannten Baumstumpf zeigt; mehr braucht es nicht, um sich vorstellen zu können, was geschah.

Manche Alben wurden gesäubert, ein Bildersturm im Kleinen. "Erschossene Partisanen in Pleskau", Pskow im Nordwesten Russlands, steht auf einer Seite, das Bild dazu fehlt. Ein anderes wurde, so scheint es, überhastet herausgerissen - zurück blieb ein Fetzen, der ausgerechnet den Kopf eines Erhenkten zeigt, die Schlinge um den Hals.

Welches Motiv es auch gab für die Manipulation - "der blinde Fleck", sagt Petra Bopp, "legt Zeugnis ab für etwas, das nicht mehr bezeugt werden sollte".

Briefe aus dem Feld, Tagebücher und auch Fotos der "Knipser" sparten in aller Regel ein Thema aus - selbst beim Töten dabei gewesen zu sein. Ein Motiv dafür war, die Angehörigen daheim verschonen zu wollen mit jenen Hässlichkeiten an der Front. Außerdem, merkte die Wissenschaftlerin Isa Schikorsky an, seien "Sterben, Tod und Leiden traditionelle Tabuthemen" in Deutschland stets gewesen. Obschon ein Krieg das Töten rechtlich legitimiert, belastete es natürlich viele Soldaten bis hin zur psychischen Verwerfung.

Solch Seelenqual erklärten deutsche Mediziner unmittelbar nach dem Krieg gern als Folgen einer "Dystrophie", einer Krankheit des Organismus, ausgelöst etwa durch den Hunger in der Gefangenschaft. Und damit erklärten sie auch Wutausbrüche, Konzentrationsschwächen, Impotenz oder Verfolgungsängste - und Depressionen. Offenbar glaubten viele Ärzte, der Mensch an sich sei in der Lage, alles zu verarbeiten, die Psychosomatik fristete in Deutschland immer noch ein Schattendasein.

Längst ist klar, dass es kaum einen Unterschied gab zwischen Soldaten, die in Gefangenschaft waren, und jenen, die ohne Gefangenschaft nach Hause kamen. Die Angst während des Krieges war das entscheidende Trauma, und sie blieb "ein nach außen hin unsichtbarer Begleiter", analysiert die Historikerin Svenja Goltermann. "Wie viele Soldaten von ihr ergriffen wurden, blieb verdeckt."

Und der Krieg entfaltete seine zerstörerische Macht bis lange nach seinem Ende. Die meisten Soldaten schwiegen, wie in Eis gehüllt. Oder sie waren Gefangene ihrer Alpträume. Kaum einer gab zu, dass er die Bilder nicht loswurde von getöteten Menschen, vom Elend des Schützengrabens. Das Tabu gehörte zum Überleben, vielfach blieb nur die Konstruktion einer falschen Wirklichkeit.

Vermutlich deshalb auch steckten Zehntausende Hitler-Soldaten solche Erinnerungsstücke in Kellern oder auf Dachböden weg - oder vernichteten sie. Wie jener Mann, der sechs Jahre lang den Krieg erlebte, kein Kampfsoldat, er war Fahrer höherer Offiziere. Wenn er vom Krieg sprach, dann nur in unverfänglichen Episoden. Wenige Monate, bevor er mit fast 90 starb, fragte ihn seine Enkeltochter, eine Gymnasiastin: "Opa, hast du was aus der Kriegszeit, Briefe, Fotos? Ich könnte sie für eine Arbeit brauchen."

Lange senkte der alte Mann seinen Kopf. Er schwieg. Er kämpfte mit sich. Dann sagte er, ganz leise: "Alles ist weg."

"Und warum?", fragte das Mädchen. Wieder schwieg der Großvater, schließlich brach es aus ihm heraus. "Weil ich gesehen habe, wie Frauen und Kinder getötet wurden. Ich habe es aus zehn Meter Entfernung gesehen. Nichts sollte mich daran erinnern."

Zum ersten Mal hatte er über dieses schreckliche Ereignis gesprochen. Im Todeskampf wenig später schrie er immer wieder: "Nein, nicht, bitte nicht, es sind doch Frauen, Kinder." Es war der letzte Gedanke seines Lebens.

WANDERAUSSTELLUNG

"Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg"

Bis zum 28. August im Historischen Museum Frankfurt, anschließend vom 23. September bis 14. November im Stadtmuseum Jena. Dazu ist ein Begleitband erschienen:

Petra Bopp: "Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg". Kerber Verlag, Bielefeld; 160 Seiten mit 176 Abbildungen; 29,80 Euro.



SPIEGEL GESCHICHTE 3/2010
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