27.07.2010

Gefährtin unseres Reiches

Von Stegelmann, Katharina

Die Frauen der Staufer waren nicht nur auf ihre höfische Rolle beschränkt. Wie viel politischen Einfluss sie hatten, zeigt das Beispiel von Kaiserin Beatrix, der Gattin Barbarossas.

Noch mehr als 800 Jahre nach ihrem Tod inspirierte ihre sagenhafte Schönheit einen Italiener. Der Schriftsteller Umberto Eco, bekannt für seine historische Akribie, stieß bei den Recherchen für seinen Mittelalterroman "Baudolino" auf einen begeisterten Bericht: Die Kaiserin Beatrix, schrieb der Chronist Acerbus Morena, "hatte glänzendes und goldenes Haar, ein sehr schönes Antlitz, weiße und schön gebildete Zähne; sie ging aufrecht, hatte einen kleinen Mund, züchtigen Blick, leuchtende Augen, war zurückhaltend, besaß sehr schöne Hände und einen schlanken Körper".

Seinen frei erfundenen Titelhelden Baudolino lässt Eco bei diesem Anblick fast den Verstand verlieren. Der Bauernjunge mit dem sagenhaften Sprachtalent, der von Kaiser Friedrich I. Barbarossa gefördert wird, konnte "keinen Muskel mehr rühren und starrte sie mit aufgerissenen Augen an", als er sie zum ersten Mal sah.

Die um 1142 geborene Erbtochter des Grafen von Burgund, Rainald III., aus der Verbindung mit Agathe von Lothringen, war die zweite Frau Barbarossas. Von seiner ersten, Adela von Vohburg, hatte sich Friedrich 1153 scheiden lassen, die Ehe war kinderlos geblieben.

Durch die Heirat mit der Burgunderin kamen nun die reichen Länder Hoch-Burgund, Savoyen und die Provence in Barbarossas Herrschaftsbereich. Das stärkte die staufische Hausmacht und bot große strategische Vorteile. Zudem stammte Beatrix aus einer alten, hochgestellten Familie, die Verbindung steigerte das Prestige des Kaisers aus dem Schwabenland.

Bei der Hochzeit 1156 in Würzburg war Beatrix ungefähr 13, keinesfalls älter als 16 Jahre - ihr Bräutigam war etwa 20 Jahre älter. Kurz zuvor war die Braut, die 5000 Ritter in voller Rüstung mit in die Ehe gebracht haben soll, zur Königin gekrönt worden.

Die zweite große Zeremonie, die für Beatrix von entscheidender Bedeutung war, fand elf Jahre später statt: Sie wurde am 1. August 1167 in Rom zur Kaiserin gesalbt. Doch was als triumphaler Festakt gedacht war, geriet zum Desaster. Nach einem langen, blutigen Feldzug durch Italien belagerte Barbarossa die Stadt. Papst Alexander III. weigerte sich, den Deutschen zu empfangen; dessen Frau die Kaiserwürde zu verleihen war für ihn undenkbar. Kein Wunder - seit 1159 unterstützte der Rotbart stets den Gegenpapst.

Der aktuelle, Paschalis III., hatte praktischerweise den Italienfeldzug im kaiserlichen Gefolge begleitet und krönte nun Beatrix, nachdem die staufischen Truppen endlich die Peterskirche erobert hatten, im schwerbeschädigten Gotteshaus.

Viel Zeit, den Augenblick zu genießen, blieb Beatrix nicht. Die Sommermalaria grassierte; das Kaiserpaar ergriff die Flucht nach Norden. Bei Pontremoli kam es zu Kämpfen. Die Kaiserin selbst soll zu den Waffen gegriffen haben: Mit Schilden gedeckt, entkam sie nur knapp den Pfeilen der Angreifer - erzählt die Legende.

Ähnlich legendär ist auch ihr Auftritt 1176 am Comer See, als Barbarossa seinen ungeliebten Vetter Heinrich den Löwen bewegen wollte, ihm Truppenunterstützung für den nächsten Italienzug zu gewähren. Beatrix traute ihren Augen nicht: Der Kaiser fiel auf die Knie - ein Skandal! Sie reichte ihrem Mann die Hand und forderte ihn auf, aufzuste-hen. Sie sagte: "Erhebe dich, mein Herr, und sei eingedenk dieses Falles, und der liebe Gott wird es sein." Die schöne, kluge Burgunderin, mit roten Flecken auf ihrem "milchweißen Hals", soll es nicht ertragen haben, dass sich der Kaiser des Römischen Reiches derart erniedrigte.

So schildert es Wilhelm von Giesebrecht, Historiker des 19. Jahrhunderts, aber das meiste ist wohl Phantasie. Die beiden Widersacher trafen sich zwar tatsächlich am Comer See und verhandelten - doch kam es zum Kniefall? War die Kaiserin überhaupt dabei?

Verbürgt ist, dass die machtbewusste Beatrix nicht nur mutig war, sondern auch politisch aktiv. Sie fungierte als Fürsprecherin von Verwandten, etwa ihres Onkels Graf Philipp von Flandern, sie gründete ein Asyl für kranke Frauen in Francheville und stiftete zahlreiche wertvolle Geschenke an Klöster und Kirchen. Eine beachtliche Zahl von Urkunden hat sie gemeinsam mit Barbarossa unterzeichnet.

Ab 1178, während Barbarossa durch die Lande zog, war sie de facto alleinige Regentin in ihrem Vaterland Burgund. Dort signierte sie selbständig Urkunden - als "Beatrix von Gottes Gnaden Römische Kaiserin".

Bis dahin war sie die meiste Zeit an Barbarossas Seite, und das bedeutete: reisen, reisen, reisen. Sie begleitete ihn nicht nur zu den diversen Hoftagen in Deutschland; sie hielt mit ihm Hof in Pavia, harrte vor den Mauern Mailands während der Belagerung aus und geriet in Susa fast in Gefangenschaft, als der Kaiser in einer Nacht-und-Nebel-Aktion flüchtete. Mehrmals überquerte sie die Alpen, ein Unterfangen, das im 12. Jahrhundert extrem beschwerlich und auch gefährlich war.

In 28 Ehejahren bekam Beatrix elf Kinder. Der Erhalt des Geschlechts der Staufer war gesichert, sie hatte ihre Hauptaufgabe beeindruckend erfüllt. Doch obwohl ihr als Kaiserin gewiss eine für damalige Verhältnisse hervorragende medizinische Betreuung zukam, forderten die vielen Schwangerschaften ihren Tribut. Am 15. November 1184 starb Beatrix in Burgund. Sie war höchstens 42 Jahre alt. Einen Monat zuvor war ihre jüngste Tochter, Agnes, im Alter von fünf Jahren verstorben.

Mit keinem ihrer Kinder hat Beatrix viel Zeit verbringen können. Es war nicht üblich, dass sich eine Kaiserin persönlich um den Nachwuchs kümmerte. Schon ihren ersten Sohn, Friedrich, der in Pavia geboren wurde, ließ sie in Italien in der Obhut eines Markgrafen zurück. Fünf der Kinder starben vor ihr.

Doch Beatrix scheint großen Einfluss auf die Erziehung ihrer Söhne und Töchter genommen zu haben. Sie selbst wusste, wie wertvoll eine umfassende Bildung war. Ohne ihr Wissen und ihre Sprachkenntnisse hätte Beatrix sich nie ihren herausragenden Platz im Hofstaat Barbarossas erarbeiten können. So dürfte die vielgerühmte Belesenheit von Heinrich VI., ihrem zweiten Sohn und Thronfolger Barbarossas, auch auf sie zurückgehen.

Die hochgebildete Grafentochter, die - im Gegensatz zu ihrem Mann - Latein sprechen, schreiben und lesen konnte, pflegte regen Umgang mit den großen Dichtern ihrer Zeit. Sie trat als Gönnerin auf, empfing gern Barden und andere Künstler zu ihren Festen und entlohnte sie großzügig. Die dankten es ihr, indem sie die hohe Herrin auch mal als "Madonna" beschrieben. Der berühmte Gautier d'Arras widmete ihr gleich ein ganzes Heldenepos, "Ille et Galeron".

Mit ihrer Neigung zu den schönen Künsten, der Etablierung der (französischen) höfischen Kultur im Staufer-Haus stellte Beatrix die kulturellen Weichen - und setzte sich selbst ins rechte Licht. Dafür zu sorgen, dass die Zeitgenossen den Herrscher als edel, ruhmreich und mächtig wahrnahmen, sah sie offenbar als eine ihrer vornehmsten Pflichten an. Und dass sie selbst als strahlender Stern gepriesen wurde, passte in ihr kluges PR-Konzept.

Ihre Beziehung mit Barbarossa wird in zeitgenössischen Quellen als glücklich und liebevoll dargestellt; sie beschreiben den Umgang der Eheleute miteinander jedenfalls nicht nur als höflich und respektvoll, wie es ihrem Stand entsprach, sondern zitieren Anreden wie "Geliebte", "liebe Freundin", "unsere Geliebteste". Historiker glauben gar, diese Verbindung sei die "glücklichste innerhalb der staufischen Familie" gewesen.

Beatrix' großer Einfluss auf den Staufer war ein offenes Geheimnis, und Bittsteller wussten sich das zunutze zu machen. Es war keineswegs unüblich, dem Kaiser Geldgeschenke zu machen, um ihn für eine Sache zu gewinnen. Bemerkenswert ist aber, dass auch Beatrix als Empfängerin solcher Zuwendungen genannt wird.

1167, so wird berichtet, habe sie bei der Beratung um die Nachfolge des Bischofs Nikolaus von Cambrai ihren Gemahl vor zahlreichen Gesandten aufgefordert, er möge einem Verwandten von ihr den Vorzug geben. Es kam zu einer Doppelwahl, und Petrus von Flandern, über die mütterliche Linie mit Beatrix verwandt, ging als Sieger hervor.

Wie andere Königinnen und Kaiserinnen agierte Beatrix immer wieder als Fürsprecherin, bei Bitten um Steuernachlass, Heiratsvermittlung, Streitschlichtung - das gehörte zu den Aufgaben der Herrscherfrauen. Wer das Ohr der First Lady hatte, konnte auf Gehör des Chefs bauen.

So war es wohl Beatrix zu verdanken, dass die Mailänder, deren Stadt nach Barbarossas Belagerung 1162 zerstört wurde, mit dem Leben davonkamen und auch einen Teil ihres Besitzes behalten konnten. Eine Abordnung war vor den Kaiser getreten und hatte alle Zeichen der Unterwerfung gezeigt. Der Kaiser blieb unbewegt. Da wandten sich die Anführer an die Gemahlin und flehten um ihren Beistand.

Regierungsakte, die Beatrix gemeinsam mit Friedrich beurkundete, weisen sie als "consors imperii nostri", "Gefährtin unseres Reiches", aus. Dass Beatrix' Einfluss das übliche Maß für den Geschmack manches Zeitgenossen überstieg, ist auch überliefert, etwa aus Anlass ihrer Krönung zur Königin von Burgund 1178. Als "vir uxorius", eine Art Pantoffelheld, wurde der Ehemann bespöttelt.

Dabei stärkte die burgundische Krone nicht nur Beatrix' gewiss ausgeprägtes Rangbewusstsein. Sie war auch ein sichtbares Zeichen für die Herrschaftsansprüche, die sie als Erbin wahrzunehmen gedachte. Und Barbarossa sollte davon profitieren, denn Beatrix bereitete die Übernahme der burgundischen Länder für den gemeinsamen Sohn Otto vor.

Der regierte allerdings glücklos und starb dann auch noch jung.


SPIEGEL GESCHICHTE 4/2010
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