27.07.2010

TOD DURCH DAS SCHWERT

Konradin, der letzte Staufer, war noch nicht erwachsen, als ihn die Reichsfürsten fallen ließen. Mit 15 traf ihn der Kirchenbann, mit 16 verlor er die entscheidende Schlacht.
Zwei blonde Jünglinge sitzen versunken beim Schachspiel, es sind wohlgekleidete Edelleute: Konradin von Schwaben, der Sohn König Konrads IV., und sein Freund Friedrich von Baden. Die Umstände sind traurig: Ihr Heer ist geschlagen, sie sind Gefangene Karls von Anjou, der sie in Neapel festhält. Da trifft ein Bote ein. Er überbringt das Urteil: Tod durch das Schwert.
So brutal kommt das Ende der Staufer. Mit Konradin geht ihre Ära zugrunde. Seine Vorfahren waren Kaiser und deutsche Könige, sie hatten den staufischen Herrschaftsanspruch vorgelebt. Doch der junge Konradin war, wie schon sein Vater, daran gescheitert: Er hatte es nicht geschafft, sich unter den Reichsfürsten eine Koalition zu schmieden, die ihn zum allseits anerkannten König machte, der Papst hatte ihn früh gebannt. Sein Italien-Feldzug scheiterte militärisch.
Ob das Schicksal Konradin wirklich beim Schach ereilte, ist ungewiss. Zumindest setzte der Maler Johann Anton Tischbein die Nachricht vom Todesurteil 1784 so in Szene. Konradin hat die Phantasie nationaler Romantiker jahrhundertelang beschäftigt. Wurde doch sein Tod auf dem Schafott als endgültiger Niedergang der "deutschen Kaiserherrlichkeit" wahrgenommen.
Mit Konradin sei ein "Held des Vaterlands" gestorben, so sehen es deutsche Nationalhistoriker bis ins 20. Jahrhundert - als hätten die Staufer nicht vor allem die eigene Macht im Auge gehabt, sondern ein nationales Interesse verfolgt: ein starkes Staatsgebilde als Verwirklichung der deutschen Nation.
Konradin wird am 25. März 1252 auf Burg Wolfstein nahe Landshut geboren. Heute steht auf den Grundmauern und einem letzten erhaltenen Tonnengewölbe der Feste ein Bauernhof. Seine Mutter ist Elisabeth von Wittelsbach, den Vater lernt Konradin nie kennen: Konrad IV. stirbt 1254 auf einem Italienzug an Malaria. Der Sohn erbt ein politisches Programm: Als Enkel Kaiser Friedrichs II. hat er Anspruch auf das Herzogtum Schwaben und auf drei Königskronen, die römisch-deutsche, die sizilianische und die Jerusalems - theoretisch jedenfalls.
Als der Vater stirbt, ist Konradin zwei Jahre alt. Er wächst in der Obhut seines Vormunds Herzog Ludwig des Strengen von Bayern auf. Der Beiname des Oheims beschönigt dessen wahren Charakter: Ludwig ließ seine Gattin Maria von Brabant samt zwei Kammerfrauen 1256 hinrichten, weil er sie des Ehebruchs beschuldigte. Zu spät stellte sich heraus, dass alles nur ein Irrtum war. Vielleicht ließ Ludwig seine Frau aber auch knallhart aus politischen Gründen ermorden, mutmaßen Geschichtsschreiber heute. Als Sühne stiftete Ludwig das Kloster Fürstenfeld.
Dieser Mann nun nimmt sich der Interessen Konradins an. Sein Mündel wächst am Hof der Wittelsbacher auf. Über seine Erziehung ist wenig bekannt. Er wird wohl wie ein Ritter an Schwert und Lanze ausgebildet, lernt, wie man Rösser tummelt und verfasst sogar Minnelieder. "Ich weiß nicht, Herrin, was Liebe bedeutet", dichtete einer Überlieferung nach der kaum 15-Jährige. In Urkunden wird er als Herzog Schwabens genannt.
Doch König wird er nicht. Oheim Ludwig scheint ihn durchaus zeitweise gefördert zu haben, kann aber die Erbansprüche bei den anderen Fürsten nicht durchsetzen. 1256/57 werden gleich zwei Gegenkönige gewählt; Ludwig stimmt für einen der beiden. Er erhält dafür 12 000 Mark, eine gewaltige Summe, und handelt für Konradin aus, dass dieser wenigstens weiter als Herzog Schwabens anerkannt wird.
In Italien lebt noch ein weiterer Stauferspross: Manfred, der damals einzige noch lebende legitime Sohn Friedrichs II. Der Kaiser hatte ihn zum Verweser Reichsitaliens und Siziliens gemacht. Ganz im Geist seines Vaters schützt er die Sarazenen auf Sizilien und versucht den Einfluss Roms in Oberitalien zurückzudrängen. 1258 lässt er sich listenreich gegen die Erbansprüche Konradins zum König Siziliens krönen.
Das ist der Moment für den Papst, sich endlich von den Ansprüchen der Deutschen in Süd- und Norditalien freizuschlagen. Urban IV., Pontifex seit 1261, ruft schließlich Karl von Anjou, einen Bruder des französischen Königs, ins Land. Sein Nachfolger Clemens IV. belehnt Karl gegen Manfred mit Sizilien. 1266 brechen französische Ritter von Rom zum Feldzug gegen den Staufer auf. Am 26. Februar kommt es zur Entscheidungsschlacht bei Benevent. Manfred fällt mit dem Schwert in der Hand. Seine Kinder und die Witwe lässt Karl von Anjou inhaftieren und in der Öffentlichkeit für tot erklären. So sollen die Erbansprüche der Staufer ausgelöscht werden.
Konradin, inzwischen mündig geworden, will daraufhin offenbar Sizilien und den Einfluss in Norditalien zurückerobern: Im Sommer 1267 zieht er in Begleitung des strengen Ludwig, Friedrichs von Baden und anderer Ritter über die Alpen. Dafür trifft den 15-Jährigen und etliche seiner Mitstreiter im November der Bann des Papstes.
In Italien kann sich Konradin auf die Unterstützung einer wohl mehr papstkritischen als staufertreuen Partei verlassen. Mastino I. della Scala, Herr über die Stadt Verona, hilft ihm. Doch dort bleibt das Heer Konradins zunächst untätig liegen.
Um sich die Gefolgschaft der adligen Mitstreiter und ihrer Ritter zu sichern, hatte Konradin große Teile seines Besitzes verpfänden, verkaufen und verschenken müssen. Dieser Besitztransfer ist als Konradinische Schenkung in
die Geschichte eingegangen.
In Verona geriet der junge Staufer dann wohl in Geldschwierigkeiten, manche seiner Getreuen gehen ihm von der Fahne. Selbst Oheim Ludwig verlässt das Heer seines Mündels und kehrt nach Deutschland zurück.
Trotzdem zieht Konradin weiter nach Rom. Dort empfängt ihn freundlich Heinrich von Kastilien, Senator und damit Herrscher über die Stadt und Gegner von Papst Clemens.
Konradins Heer rückt, durch Heinrichs Truppen verstärkt und nun über 4500 Mann zählend, weiter dem Feind Karl von Anjou entgegen.
Am 23. August kommt es auf der Palentinischen Ebene bei Tagliacozzo zum Treffen. Karls Truppen sind zahlenmäßig unterlegen, doch streiten auf seiner Seite Veteranen der Kreuzzüge, kampferprobte und taktisch gewiefte Ritter.
Zunächst schlagen die Soldaten des Staufers das Heer Karls in die Flucht - zumindest scheint es so. Doch hinter einem Hügel hat er eine Falle gestellt. Konradin zieht seine Truppen zu weit auseinander. Die deutschen Ritter und ihre Verbündeten galoppieren ins Verderben. Sie werden von Karls Reserve angegriffen und aufgerieben.
Konradin flieht mit einigen Getreuen, darunter Friedrich von Baden, übers Meer. Sein Schiff fällt Giovanni Frangipani in die Hände. Der römische Adlige liefert seine Gefangenen an Karl von Anjou aus, der den Staufer in Neapel festsetzt. Nach einem fragwürdigen Verfahren ergeht das Todesurteil.
Es ist der 29. Oktober 1268, als Konradin das Schafott auf der späteren Piazza del Mercato besteigt. Ein schöner junger Mann soll er gewesen sein, groß und gefasst. "Mutter, welch schmerzliche Nachricht wirst du von mir erfahren", soll er ausgerufen haben, bevor ihn das Richtschwert in den Nacken trifft. Da hatten etliche Fürsten daheim im Reich schon begonnen, sich über den Stauferbesitz herzumachen.
Karl von Anjou verweigert seinem Kontrahenten sogar ein würdiges Begräbnis in geweihter Erde, schließlich ist Konradin als "Häretiker" gebannt.
Erst zehn Jahre später werden seine Gebeine in der Kapelle Santa Maria del Carmine beigesetzt. 1847 stiftet der bayerische König Maximilian II. ein Denkmal. Es zeigt den jungen Staufer, wie ihn sich deutsche Nationalisten damals vorstellen: Hochgewachsen, Rittergewand, die Linke auf den Schwertknauf gestützt, die Rechte trutzig in die Hüfte, eine Lichtgestalt.
Von Jan Puhl

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2010
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