28.09.2010

Kampf um Mohammeds Erbe

Die äußeren Triumphe der neuen Religion gingen mit blutigen inneren Fehden über die Propheten-Nachfolge einher. Sie mündeten in dauerhafter Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten und in dynastischer Erbfolge.
Solange Mohammed lebte, befehligte allein der charismatische Herrscher den Ausbau des ersten islamischen Gemeinwesens. Die junge Glaubensgemeinschaft ("Umma") in Medina war auf die Zeit nach ihrem Propheten nicht vorbereitet.
Wie sollte es nach dem Tod des Religionsgründers im Jahr 632 weitergehen? Die Nachfolge des Anführers, um den sich alles drehte, blieb zunächst ungeklärt. Die anfangs meist mündlich überlieferten Verse des Koran waren thematisch kaum geordnet und keineswegs voll ausgedeutet; sie lieferten für die Nachfolge keinen Anhaltspunkt. Dennoch musste rasch ein Nachfolger gefunden werden. Die noch lockere Gemeinschaft der Gläubigen in Medina, dann in Mekka und im überall wachsenden Machtbereich der Muslime, drohte zu zerfallen. Ganze Stämme kündigten ihre Loyalität auf. Nicht zufällig war es zuvor noch keinem gelungen, die arabischen Stämme zusammenzuhalten.
Nach Ansicht des französischen Islamexperten André Miquel glichen sie damals einem Mosaik "nebeneinander lebender Völkerschaften". Die Sprecher einflussreicher Großfamilien, bekannte Mitstreiter des Propheten und seine vielen Blutsverwandten einigten sich zuletzt auf den hochangesehenen Abu Bakr, einen der ältesten Gefährten Mohammeds und zugleich dessen Schwiegervater: Abu Bakrs junge Tochter Aischa war die Lieblingsfrau des Propheten. Der soll noch selbst seinen Schwiegervater als Nachfolger vorgeschlagen haben. Der neue Gemeindechef war so respektiert, dass er von der Umma einstimmig akzeptiert wurde. Er kümmerte sich zuerst um die Rückgewinnung verlorenen Terrains und abtrünniger Stämme auf der Arabischen Halbinsel.
Doch Abu Bakr war nur eine kurze Amtszeit vergönnt. Schon nach zwei Jahren, 634, starb auch er. Immerhin hatte er es geschafft, das sich entwickelnde theokratische Staatswesen mit Vorstößen auf byzantinisches und persisch-sasanidisches Gebiet auszubauen.
Der betagte Abu Bakr hatte beizeiten seine Nachfolge regeln wollen und der jungen Gemeinde empfohlen, im Falle seines Todes den erfahrenen Heerführer Umar Bin al-Chattab, einen Schwiegervater Mohammeds, zum Oberhaupt der Muslime zu erheben. So geschah es. Während Umars Herrschaft wurden unter anderem Damaskus und Jerusalem erobert.
Doch die Einmütigkeit der Islamführer hielt nicht lange. Die grundsätzliche Frage, wer künftig Nachfolger werden durfte und welche Vollmachten ihm zustanden, entzweite die inzwischen stark angewachsene Gemeinde. Zwar waren für die meisten Führungskompetenz, moralische Integrität und charakterliche Stärke die entscheidenden Kriterien - nach der Losung "der Rechtschaffenste unter euch ist der Geeignetste". Noch bis ins 20. Jahrhundert sollte diese Formel aus der - im Rückblick vergoldeten - Gründerzeit des Islam zur Rechtfertigung der Machtübernahme arabischer Potentaten bemüht werden.
Aber je weiter die persönliche Erinnerung an den Propheten verblasste, desto lauter wurde die Kritik derjenigen, die darauf pochten, dass nur Blutsverwandte des Gottgesandten das Recht hätten, die islamische Gemeinschaft zu leiten. Diese Idee stieß jedoch vor allem bei großen Kaufmannsfamilien aus Mohammeds Vaterstadt Mekka auf wenig Gegenliebe. Die inneren Spannungen waren derart heftig, dass die verfeindeten politischen Lager sich bemühten, bindende Regeln für die Auswahl künftiger Nachfolger auszuarbeiten. Die Auseinandersetzungen nahmen die Form perfider Rufmordkampagnen, gelegentlich auch bewaffneter Kämpfe an, die das spätere Schisma in der islamischen Welt vorwegnahmen. Die Heftigkeit der Interessenkonflikte und Clan-Kämpfe verschärfte sich in dem Maß, in dem islamische Reiterheere dem byzantinischen Kaiserreich und dem Sasaniden-Imperium weitere reiche Provinzen entrissen.
Im Jahr 642 eroberten muslimische Truppen die ägyptische Hauptstadt Alexandria. Der dortige koptische Patriarch unterzeichnete einen Beistandspakt mit dem arabischen Heerführer Amr Bin al-Ass. Die Eroberungszüge der Muslime in Richtung Nordafrika und Iran sicherten der Zentrale in Medina nun mit atemraubender Geschwindigkeit eine Region nach der anderen. Die Atmosphäre daheim aber vergiftete sich immer mehr. Machtkämpfe und Intrigen rivalisierender Clans wurden alltäglich.
Die damalige Situation in Medina hat der ägyptische Publizist Farag Foda, der wegen seiner scharfen Kritik am Islamismus 1992 ermordet wurde, einmal so beschrieben: "Der Kampf um Macht und Pfründe war sicher nicht weniger schlimm als im Rom der Soldatenkaiser: Auch wenn dabei religiöse Motive bemüht wurden, trug man die Auseinandersetzungen mit brutaler Gewalt aus."
Der zweite Mohammed-Nachfolger Umar Bin al-Chattab fiel 644 einem Attentat zum Opfer. Über das Motiv des Mörders gibt es bis heute unterschiedliche Ansichten; mehrheitlich sehen die Historiker einen Akt persönlicher Rache. Betrachtet man aber das damalige politische Klima, liegen Machtkämpfe und Sippen-Fehden als Ursache nahe.
Umar ließ noch auf dem Sterbebett einen Nachfolger wählen: Uthman (Osman) Bin Affan, Mitglied einer angesehenen mekkanischen Familie, ein zSchwiegersohn Mohammeds. Er förderte Eroberungsfeldzüge im Osten, Norden und Westen des im Entstehen begriffenen islamischen Großreichs.
Der dritte der vier frühen Prophetennachfolger, die in der islamischen Genealogie unter dem ehrenden Beinamen "Die Rechtgeleiteten" eine Sonderstellung einnehmen, machte mit einer religionshistorischen wie soziopolitischen Großtat Epoche: Alle mündlichen und schriftlichen Überlieferungen über Mohammeds Offenbarungen ließ Uthman zu einem einheitlichen Kodex zusammenfassen. Gut 20 Jahre nach dem Tod des Propheten, um das Jahr 653, lag erstmals die Gesamtversion des Korans vor. Das ist unter den monotheistischen Weltreligionen die kürzeste Spanne zwischen dem Tod der Religionsstifter und dem Erscheinen des heiligen Buchs. Bis dahin hatten die arabischen Eroberer im Gegensatz zu Juden und Christen über keine gut nutzbare Ausgabe ihres Urbuchs verfügt, obwohl sie binnen wenigen Jahren ein weitläufiges Imperium geschaffen hatten, das den Anspruch erhob, die Menschheit durch eine neue Offenbarungsreligion zu retten. Nun besaßen deren Verkünder ihre heilige Schrift - wie die Juden ihre Tora und die Christen ihre Bibel.
Ungeachtet dessen waren die zerstrittenen Lager der Muslime weit auseinandergedriftet, als Uthman 656 ermordet wurde, angeblich beim Lesen heiliger Koransuren. Ihm wurden Vetternwirtschaft und Korruption vorgeworfen, und seinem Tod folgte eine Welle bürgerkriegsähnlicher Konflikte. Vor allem im steuerträchtigen Damaskus eskalierte der Kampf zwischen Uthmans Gefolgsleuten und rivalisierenden Muslimen, die über die ungenierte Selbstbereicherung des Uthman-Clans empört waren.
Die Verhandlungen über die Bestimmung des vierten Mohammed-Nachfolgers waren mühsam. Die Mehrheit des Wahlgremiums sprach sich jetzt für Ali Bin Abi Talib aus, den Vetter und Schwiegersohn des Propheten (siehe Kasten), verheiratet mit dessen Tochter Fatima. Zahlreiche Heerführer und Sippenchefs waren jedoch entschieden gegen die Wahl Alis.
Der Statthalter des reichen Syrien, Muawija Bin Abi Sufjan, sagte Ali den Kampf an und erwies sich in einem blutigen Bürgerkrieg als der Stärkere.
In der Nähe des Euphrat, auf dem Schlachtfeld von Siffin, konnte Alis Armee 657 die Truppen des Rebellen Muawija nicht besiegen. Ali beging den krassen Fehler, einen trickreichen Schiedsspruch zu akzeptieren und sich auf einen Kompromiss mit den Rebellen über die Führung der Umma einzulassen.
Das sollte ihm, dem rechtmäßigen Umma-Führer, zum Verhängnis werden. Einige enttäuschte extremistische Anhänger, genannt "die Abtrünnigen", schimpften Ali einen Verräter und ermordeten ihn in der Moschee des irakischen Kufa - weil er vor dem Herausforderer Muawija eingeknickt war. Als "Partei Alis" ("Schiat Ali") aber gingen jene Muslime in die Geschichte ein, die weiterhin allein in Ali und seinen Nachkommen die rechtmäßigen Nachfolger des Propheten sahen.
Die meisten Muslime akzeptierten jedoch Muawijas Inthronisierung als Kalif. Die Spaltung zwischen Sunniten, wie diese Mehrheit fortan hieß, und Alis Anhängern, den Schiiten, dauert bis heute an: Etwa zehn Prozent der weltweit 1,4 Milliarden Muslime sind Schiiten, die große Mehrheit Sunniten.
Im Libanon, im Irak, in Saudi-Arabien, Afghanistan und Pakistan führt der alte Gegensatz immer wieder zu Spannungen und ernsten politischen Problemen. Die schiitische Islamische Republik Iran verleiht den Schiiten heute erstmals seit Jahrhunderten wieder großen Einfluss.
Mit der Ermordung des Kalifen Ali begann der Aufstieg der Umajjaden-Dynastie in Damaskus. Der Usurpator Muawija schaffte das System der kollektiven Kalifenwahl ab. Mohammeds Nachfolger wurden fortan nicht mehr durch eine Art Ältestenrat der islamischen Gemeinde ("Schura") ausgesucht, sondern in der Regel in dynastischer Erbfolge bestimmt. Erst Mustafa Kemal Atatürk schaffte das Kalifat im neuen Nationalstaat Türkei 1924 gänzlich ab.
Von Volkhard Windfuhr

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2010
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