28.09.2010

Ein Elefant für Karl

Harun al-Raschid, der legendäre Kalif von Bagdad, war einer der mächtigsten Herrscher seiner Zeit.
Bagdad - das war einmal ein Name, der die Welt bezauberte. Wochenlang waren die Karawanen unterwegs, die Juwelen und Gewürze, golddurchwirktes Tuch und zuckersüße Datteln aus allen Himmelsrichtungen in die Stadt am Tigris brachten. Den Fluss hinauf segelten Schiffe, beladen mit wertvollen Hölzern und Alabaster, Wein und Getreide.
Schon wenige Jahre nach ihrer Gründung im Sommer des Jahres 762 galt die "runde Stadt" als größte und prächtigste Metropole auf dem Erdkreis. Hunderttausende Menschen lebten hier, vielleicht sogar eine Million, Händler, Handwerker und Tagelöhner, Bettler und Diebe. An der Spitze der märchenhaft reichen Oberschicht standen die Kalifen.
Der berühmteste von ihnen war Harun al-Raschid ("Aaron der Rechtgeleitete"). Zur Legende wurde er durch die Geschichten aus 1001 Nacht, in denen er als weiser Herrscher dargestellt wird, der unerkannt durch die Straßen von Bagdad spaziert, um zu erfahren, was sein Volk bewegt.
Der wirkliche Harun wurde 763 im heutigen Iran geboren, Sohn des Kalifen Mahdi aus einer Verbindung mit der jemenitischen Sklavin Chaisuran. Mit 23 Jahren gelangte er an die Macht, nachdem sein Bruder Hadi unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war. Es heißt, die Mutter habe Hadi vergiftet und dazu mit Kissen ersticken lassen, um den Weg für ihren jüngeren Lieblingssohn freizumachen.
Harun aus dem Geschlecht der Abbasiden war nun Nachfolger des Propheten und Herrscher über ein Reich, das sich vom Hindukusch bis in den Maghreb erstreckte. Der Luxus, in dem er mit seinen Ehefrauen und Sklavinnen lebte, war unermesslich. Kunstreichen Dichtern wurde der Mund mit Perlen gefüllt. In einem seiner Paläste soll sich der Kalif 100 Löwen gehalten haben.
Aber war das genug? Als junger Mann war Harun zweimal gegen Byzanz zu Felde gezogen. Und auch jetzt ließ ihm der Basileus in Konstantinopel, der Kleinasien und das östliche Mittelmeer beherrschte, keine Ruhe. Weil die aus seiner Sicht fälligen Tributzahlungen ausblieben, kommandierte Harun seine Soldaten nach Kleinasien und besetzte Zypern. Entscheidende Schläge waren das nicht.
Auch das Bündnis mit dem Feind des Feindes suchte der Kalif. Das war, im fernen Reich der Franken, Karl der Große. Zweimal tauschten die beiden Mächtigen Gesandtschaften aus. Es blieb bei diesen diplomatischen Gesten ohne reale Folgen.
Aufsehen erregten aber die Geschenke des Orientalen an den westlichen Kaiser. Berühmt wurde ein Elefant namens Abu al-Abbas, der im Juli 802 in Karls Aachener Residenz eintraf. Auch eine höchst geistreich ersonnene Wasseruhr verblüffte die Franken.
Als Harun al-Raschid Mitte vierzig war, wurde er schwer krank, vermut-lich ein Magenleiden. Er starb am 24. März 809.
Von Dietmar Pieper

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2010
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