28.09.2010

Zynisch verheizte Menschen

Selbstmordattentäter sind die schrecklichste Waffe des Dschihadismus - ein wirksames Gegenmittel wird noch gesucht.
Der Mensch als lebende Bombe - diese fürchterliche Waffe gehört seit Jahren fest zum Arsenal des islamistischen Terrors. Im Koran allerdings, auf den sich die Täter gern berufen, ist Selbsttötung ebenso kategorisch untersagt wie die Ermordung Unschuldiger: "Und tötet euch nicht selber, siehe Gott ist barmherzig gegen euch. Und wer das in Frevelhaftigkeit oder Ungerechtigkeit tut, den werden Wir ins Feuer stoßen", heißt es in Sure 4. Die übergroße Mehrheit der Muslime zieht daraus den Schluss, dass es sich bei Selbstmordanschlägen schlicht um Verbrechen handelt.
Muslimische Gelehrte versuchen, dies zum Konsens zu erheben. Leider hat das kaum etwas gebracht: Dschihadisten verherrlichen Selbstmordattentate als "unsere Smart Bombs" oder als ultimative Antwort auf die Drohnen der CIA. Die Anschläge vom 11. September 2001 sowie der Afghanistan- und der Irak-Krieg wirkten dabei wie Brandbeschleuniger: Von 1840 Selbstmordattacken seit 1983, so die "Washington Post" 2008, haben über 86 Prozent nach 2001 stattgefunden.
Die Apologeten des Terrors versuchen, Selbstmordanschläge mit verschiedenen argumentativen Tricks zu rechtfertigen. Sie trichtern ihren Rekruten etwa ein, in Israel gäbe es wegen der dortigen allgemeinen Wehrpflicht gar keine Zivilisten, sondern nur Besatzer. Oder sie versichern, der Selbstmordattentäter begehe, wenn er den Knopf drückt, gar nicht Suizid, sondern ziehe bloß in eine Schlacht - und zwar ohne Angst, darin umzukommen. Schließlich entscheide allein Gott, ob er sterbe oder nicht. Oft wird eine Art Geschäft mit Gott versprochen: Der Täter erkaufe sich die Heilsgewissheit im Jenseits um den Preis des Lebens im Diesseits.
Weil der Koran Rechtfertigungen partout nicht hergibt, behelfen sich die Ideologen meist mit Überlieferungen aus der Frühzeit des Islam. Mohammed, heißt es dann etwa, habe Kämpfer gelobt, die mit dem Vorsatz in den Kampf zogen, ihr Leben zu lassen.
Mitunter läuft die Argumentation auch einfach darauf hinaus, dass Selbstmordanschläge erlaubt sein müssen, weil sie militärisch funktionieren. In den Worten eines Talibankommandeurs kann das dann so klingen: "Der heilige Koran verbietet Selbstmord, aber nicht die Fedajin", sagte Qari Bashir Haqqani im Mai 2008 zu einem SPIEGEL-Redakteur, der in Afghanistan recherchierte. Die Fedajin, die Opferbereiten, so der Befehlshaber weiter, strebten nämlich im Gegensatz zum Lebensmüden zum "höchsten Ziel, dem Islam".
Ähnliche Begründungen finden sich in nahezu allen Abschiedsvideos, die Selbstmordattentäter heute gewöhnlich drehen, bevor sie ihre Autos mit Sprengstoff beladen oder ihren Gürtel anlegen. "Ich habe ein Haus, ein Auto, zwei Frauen und acht Kinder. Ich habe alles", erklärte etwa Abu Umar al-Kuwaiti in seiner letzten Botschaft. Aber erst der Kampf im Dschihad habe sein Herz mit Freude gefüllt. Sprach's und starb als Selbstmordattentäter im Irak.
Die Taliban in Afghanistan und Pakistan sind besonders aktiv im Rekrutieren von Selbstmordattentätern und verheizen sie mit dem größten Zynismus - zum Beispiel, um Elitekämpfern den Zugang zu einem Gebäude freizubomben.
Auch ein Islamist aus Deutschland ist schon als Selbstmordattentäter in die Annalen des Terrors eingegangen: Cüneyt Çiftçi aus dem fränkischen Ansbach. "Mein Ziel ist es, dass meine Botschaft, so Gott will, bei jungen Gotteskriegern in der Türkei und in Europa ankommt. Durch diese Aktion möchte ich sie dazu bewegen, … Selbstmordoperationen durchzuführen", erklärte er in seinem Abschiedsvideo. Vier Menschen riss der 28-Jährige 2008 in der ostafghanischen Provinz Khost mit in den Tod.
Al-Qaida & Co. tun das ihre, um die Erinnerung an die "Märtyrer" zu erhalten. Terrorgruppen geben spezielle Online-Magazine mit Nachrufen heraus. Stets wird darin betont, dass die "Brüder" ihre Existenz im nichtigen Diesseits eingetauscht haben gegen das Leben im Paradies. Gern ergänzen Klischees diese Darstellungen: Der Märtyrer weint vor Freude vor seinem Einsatz, sein Leichnam duftet nach Moschus.
Bisher hat keine Studie nachweisen können, dass Selbstmordattentäter sich in puncto Bildung oder Wohlstand signifikant von jenen Terroristen, die am eigenen Leben hängen, unterscheiden. Manchmal spielt es eine Rolle, dass Terrorgruppen Familien von Suizidbombern finanziell unterstützen.
Die Ursprünge des Selbstmordattentats liegen im Dunkeln. Einige Forscher ziehen Verbindungen zu japanischen Kamikaze-Piloten im Zweiten Weltkrieg oder zur mittelalterlichen muslimischen Mördersekte der Assassinen. Sicher ist: In den letzten knapp 30 Jahren haben neben islamistischen auch marxistische und andere weltliche Gruppen diese menschenverachtende Taktik angewandt. Allein die Tamil Tigers sollen auf Sri Lanka über 250 Selbstmordattentäter eingesetzt haben. Heute geht die Angst aber vor allem von Osama Bin Ladens al-Qaida und ähnlichen Gruppen aus.
Ein Suizidbomber, der Ende 2009 acht Menschen, darunter vier CIA-Mitarbeiter im afghanischen Khost im Alleingang auslöschte, schrieb in der Nacht vor seinem Anschlag eine Art Testament. Darin heißt es: "Es gibt nur ein Problem mit Märtyrer-Operationen, und dafür gibt es keine Lösung. Es besteht darin, dass man es nur einmal machen kann."
Von Yassin Musharbash

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2010
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