25.01.2011

Breslauer Apokalypse

Von Klußmann, Uwe

ALS "FESTUNG" VERTEIDIGTE SICH DIE SCHLESISCHE LANDESHAUPTSTADT FAST DREI MONATE LANG GEGEN DIE ROTE ARMEE.

Der Feind sitzt mitten in der Festung. Die hektografierten Flugblätter, welche die Geheime Staatspolizei Karl Hanke, dem niederschlesischen NSDAP-Gauleiter und "Reichsverteidigungskommissar" von Breslau, im Februar 1945 vorlegt, sind eindeutig. Der Aufruf mit dem Titel "Der Freiheits-Kämpfer", das "Organ der Freiheitsbewegung", fordert: "Macht Schluss mit dem verlorenen Krieg!!! Richtet eure Waffen gegen die, die den Krieg verlängern", und zwar "gegen Hitler und seine Terroristen". Ein weiteres Flugblatt der kommunistischen Widerstandsgruppe versichert den Breslauern: "Habt keine Angst vor den Soldaten der Roten Armee." Denn die kämen als Befreier.

Gauleiter Hanke nimmt die Untergrundkämpfer so ernst, dass er öffentlich gegen sie polemisiert. In der "Schlesischen Tageszeitung" wettert er am 19. Februar gegen den "anonymen Wisch" und dessen "Agitationslügen". Über die Rotarmisten, höhnt der frühere Staatssekretär im Reichspropagandaministerium, brauchte man "nur die in Breslau eingetroffenen Flüchtlinge zu befragen". Auch sei es ein "plumper Schwindel", wenn die Sowjets Flugblätter des "Nationalkomitees Freies Deutschland" (NKFD) in schwarz-weiß-roter Umrandung, den deutschen Reichsfarben, über der Stadt abwürfen. In einem NKFD-Flugblatt hatte Oberst Luitpold Steidle, später DDR-Gesundheitsminister, verkündet, Breslau könne "gerettet werden", falls "die Stadt kampflos übergeben" werde.

Um Breslau, das am 15. Februar von der Roten Armee eingeschlossen wird, tobt eine Material- und Nervenschlacht. Etwa 200 000 Zivilisten, darunter auch Kriegsgefangene, und 50 000 Soldaten befinden sich in der noch unzerstörten schlesischen Metropole, die Hitler zur "Festung" hat ausrufen lassen. Die Festung kämpft gegen eine dreifache Übermacht.

Von den Breslauern und den Soldaten verlangt der Gauleiter: "Wir müssen Breslau halten, bis Hilfe von außen kommt!" Hanke, der die Eingekesselten "mit einem fanatischen Widerstandsgeist beseelt", wie die "Deutsche Wochenschau" tönt, gelingt es, die Festung mit Propaganda und Terror eisern zu kontrollieren. Und Hitler verspricht den Eingeschlossenen Ende Februar in einem Funkspruch gar den "endgültigen Sieg".

Doch wer vernehmlich an den Worten des "Führers" zweifelt - wie der 30-jährige Breslauer Fritz Wernicke, der den sowjetischen Rundfunk hört, wie der Grenadier Stefan Konzek, der sich aus Verzweiflung selbst in die linke Hand schießt, oder der Volkssturmmann Fritz Schulz, der sich mit einem Kameraden zum Überlaufen verabredet -, den verurteilt ein Standgericht zum Tode. Auch 17 Angehörige der Widerstandsgruppe, die den "Freiheits-Kämpfer" verbreiten, werden von den Nazis umgebracht. Hanke gibt die Parole aus: "Wer den Tod in Ehren fürchtet, stirbt ihn in Schande."

Während die Rote Armee die Stadt täglich mit Artillerie, Panzern und Fliegerbomben angreift und Rotarmisten mit Flammenwerfern Haus um Haus stürmen, mobilisiert Hanke selbst Kinder für den Kampf. Vom 7. März an werden zehnjährige Jungen und zwölfjährige Mädchen "arbeitspflichtig", etwa für Küchendienste. Das Festungsleben spielt sich vor allem in Kellern und Ruinen ab.

Die Wehrmacht sprengt Häuser, ganze Straßenzüge und sogar Kirchen, um freies Schussfeld zu haben und eine Landebahn für Flugzeuge zu bauen. Kinder und Alte errichten Barrikaden aus Pflastersteinen und Straßenbahnwaggons, aus Kellerfenstern werden Schießscharten.

Vielen Jungen ergeht es wie dem 14-jährigen Schüler Horst Gleiss. In einem verqualmten Kellerquartier wird er zunächst einer "Kampfgruppe Hitlerjugend" zugeteilt, mit der Aussicht, Sowjetpanzer anzugreifen. Den Jungen quält Todesangst. Schließlich landet er als Melder beim Volkssturm. Den Untergang seiner Heimatstadt wird Gleiss später in der zehnbändigen Dokumentation "Breslauer Apokalypse 1945" akribisch nachzeichnen.

Der Appell der Sowjets in Flugblättern und aus Großlautsprechern an die Verteidiger Breslaus, sie seien "Hitlers letztes Kanonenfutter", verhallt wirkungslos. Selbst nach Hitlers Selbstmord am 30. April und der Kapitulation Berlins am 2. Mai kämpft Breslau weiter.

Doch "bis zum letzten Blutstropfen und bis zur letzten Patrone", wie ein Leitartikel der "Schlesischen Tageszeitung" am 1. April 1945 fordert, will Gauleiter Hanke denn doch nicht durchhalten. Der Parteifunktionär steigt am sonnigen Morgen des 6. Mai in die gläserne Kuppel eines "Fieseler Storch" und blickt beim Abflug ein letztes Mal auf das zerbombte Breslau.

Die Festung kapituliert noch am selben Tag. Die Soldaten ziehen in sowjetische Gefangenschaft, die Zivilbevölkerung erleidet Plünderungen, Hunger, Vergewaltigungen und schließlich die Vertreibung. Selbst die Nazi-Gegner, die unter Lebensgefahr den "Freiheits-Kämpfer" verteilt hatten, müssen im Juli 1945 ihre Heimat verlassen, auf Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten. Uwe Klußmann


SPIEGEL GESCHICHTE 1/2011
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