29.03.2011

Aktion Sarg und Asche

205 Jahre nach seinem Tod wurde der Alte Fritz dort bestattet, wo er es gewünscht hatte. Die Umbettung geriet zu einer Posse.
Seine Grabstelle hatte sich der junge König Friedrich II. schon 1744 ausgesucht, als er gerade 32 Jahre alt war. Am oberen Terrassenrand seines Potsdamer Lustschlosses Sanssouci wollte er beerdigt werden, und zwar "ohne Pomp, ohne Prunk und ohne die geringsten Zeremonien". Er wolle, verfügte er in seinem Testament, "der eitlen Neugier des Volkes nicht zur Schau gestellt" und "am dritten Tag" nach seinem Tod "um Mitternacht beigesetzt" werden, "beim Schein einer Laterne und ohne dass mir jemand folgt".
Eine klare Anweisung also. Aber erst 205 Jahre nach seinem Tod wurde ihm der letzte Wille halbwegs erfüllt: Ein Sarg mit Friedrichs Gebeinen wurde am 17. August 1991 in die lange ausgehobene Gruft gesenkt, pünktlich zur Geisterstunde immerhin und im Licht von vier Kutscherlaternen.
Doch so "ganz schlicht", wie Friedrich seine Bestattung gewünscht hatte, ging es nicht zu: Gleißende Fernseh-Scheinwerfer leuchteten die Szene aus, als der zentnerschwere Sarkophag, bedeckt mit der schwarz-weißen preußischen Flagge, polternd in die Erde glitt, weil das Fußende aus der Trageschlaufe rutschte. Neben dem greisen Kaiser-Enkel Louis Ferdinand, 83, dem damaligen Chef des Hauses Hohenzollern, der eigens zu diesem Anlass den Trauermarsch "Fridericus Rex" komponiert hatte, verneigte sich auch Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Feldherrn-König - "als Privatmann", wie er aus politischer Rücksichtnahme betonte.
Zuvor hatten 80 000 Schaulustige Friedrichs letzten Weg gesäumt, acht Bundeswehr-Offiziere Ehrenwache gehalten und ein Heeresmusikkorps aufgespielt. Unklar blieb, wer die Musik bestellt hatte: Der Preußen-Prinz wollte die Streitkräfte nicht gerufen haben; die widersprachen, sie hätten sich doch nicht selbst aufgedrängt.
Das Spektakel im Sommer 1991, eher peinlich als pietätvoll, beendete die mehr als zwei Jahrhunderte währende Odyssee einer Leiche. Denn schon die kaum trauernden Hinterbliebenen im Sommer 1786 hatten sich einfach nicht an die Order des Alten Fritz gehalten.
Nachfolger Friedrich Wilhelm II., sein Neffe, setzte sich darüber hinweg, dass "Frédéric le philosophe", der mit Religion nichts am Hut hatte, seine letzte Ruhestätte partout nicht in einem Kirchengewölbe haben wollte. Der neue König ließ den verlöteten Zinnsarg mit dem Leichnam am 1. September 1786 in der Potsdamer Garnisonkirche neben dem Marmorsarkophag des gehassten Vaters, des "Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelm I., bestatten. Die öffentliche Trauerfeier fand, mit Tschingderassabum, Ehrensalut und einem leeren Prunksarg, acht Tage später statt.
Aus Furcht vor Bomben ließ Adolf Hitlers Reichsmarschall Hermann Göring 1943 die Königssärge in einen nahe gelegenen Luftschutzbunker bringen. Kurz vor Kriegsende schienen die toten Monarchen dort nicht mehr vor der anrückenden Roten Armee sicher; deshalb wurde befohlen, sie weiter nach Westen zu schaffen. Amerikanische Besatzer fanden sie im Frühjahr 1945 in 563 Meter Tiefe in einem Kalibergwerk bei Bernterode im Eichsfeld und verfrachteten sie beim Rückzug aus Thüringen ins hessische Marburg, wo sie in der Elisabethkirche beigesetzt wurden.
In aller Stille ließ Louis Ferdinand 1952 die Überreste seiner Vorfahren auf die Burg Hohenzollern bei Hechingen bringen. Mit jedem Transport waren die Särge indes immer stärker beschädigt worden - in den engen Schachtaufzügen des Bergwerks etwa hatten sie hochkant gestellt werden müssen.
Die notwendig gewordene Reparatur brachte den Hohenzollern immerhin Gewissheit: Wo "Friedrich der Große" draufstand, war auch Friedrich der Große drin. Der Hechinger Flaschner Adolf Rudolph öffnete den Sarg und staunte, dass der König dalag wie eben erst hineingelegt, mit Stulpenstiefeln bis zum Oberschenkel, ordentlich gelockter Perücke und perfekt einbalsamiert. "Nur die Nase war eingeknickt", stellte der Handwerker fest.
Die wiedergewonnene deutsche Einheit ermöglichte die Heimholung der beiden Preußenkönige - nicht in die Potsdamer Garnisonkirche, die bei einem Bombenangriff der Briten zerstört und 1968 auf Weisung von DDR-Staatschef Walter Ulbricht vollends abgetragen worden war, sondern diesmal wirklich zum Weinbergschloss.
Allerdings rankten sich um den Sargtransfer auch politische Bedenken. Würde die Rückführung - wenige Wochen nach dem Beschluss des Bonner Bundestags, Berlin wieder zur Hauptstadt zu machen - neue Ängste bei den Nachbarn vor deutscher Großmannssucht schüren? Würde, wie der Publizist und Preußenkenner Sebastian Haffner fürchtete, die Teilnahme des Kanzlers an jenen "Tag von Potsdam" 1933 erinnern, als sich Hitler an der Grabstätte Friedrichs vor dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg verbeugte und so die Brücke zwischen Kaiserreich und "Drittem Reich" schlug?
Die Organisatoren der Umbettung sprachen bisweilen despektierlich über die Staatsaktion. "Umtopfung" hieß sie bei Spöttern im Kanzleramt, in der brandenburgischen Staatskanzlei witzelte man über die "Aktion Sarg und Asche".
Minutiös wurde das Zeremoniell vorbereitet. Unter "Trommelwirbel" und "Glockengeläut", so die Regieanweisung, wurden die Särge von der Hechinger Burg zu einem historischen Sonderzug gebracht. Alle Präzision verhinderte jedoch nicht eine Panne: In Stuttgart wurde der alte Gepäckwagen verkehrt herum an die Museumslok angekoppelt; bei der Ankunft am alten Potsdamer Kaiserbahnhof Wildpark standen die Särge daher vor den falschen Kutschen und mussten vor dem Ausladen im Waggon umgewuchtet werden. Dann rumpelten die von Pferden gezogenen Fuhrwerke mit ihren Holzrädern übers Kopfsteinpflaster zum Ehrenhof des Schlosses, wo die Totenschreine unter schwarzem Baldachin zum Volksdefilee ausgestellt wurden.
Während Royalistenclubs die Gelegenheit nutzten, für die Wiederherstellung der Monarchie in Deutschland zu werben, und Burschenschaftler in vollem Wichs alte preußische Tugenden beschworen ("Treue zum Vaterland, Pflichterfüllung, Tapferkeit und Ordnungspflicht"), demonstrierten Linke gegen den Mummenschanz. "Heute Fritzens olle Beine, im nächsten Krieg sind's deine" stand auf einem Transparent. Jugendliche trugen einen Pappsarg herum, aus dem ein grinsender Friedrich Kamellen und Konfetti ins Volk streute.
"Die Särge der Preußenkönige sind mit einem Pfeifkonzert in Potsdam empfangen worden", notierte der Schriftsteller Walter Kempowski in seinem Tagebuch. "Das sei", meinte er unwirsch, "nun auch wieder nicht richtig" - nach vielen Kriegen habe es ja auch "die langen Friedensjahre an seinem Lebensende" gegeben. "Und letzten Endes", meinte der Dichter, habe "sein Leben dazu getaugt, Menzel schöne Bilder malen zu lassen".
Von Norbert F. Pötzl

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
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