31.05.2011

Der Fluch des Öls

Bodenschätze verhalfen vielen arabischen Staaten zu märchenhaftem Reichtum. Doch die Petrodollars erzeugten nicht breiten Wohlstand, sondern beförderten Unfreiheit und Misswirtschaft.
Wenn sich die Ölminister der Opec-Staaten zu ihrer halbjährlichen Sitzung in Wien treffen, läuft ein sonderbares Ritual ab. Am Morgen, kurz nach zehn, stürmt eine Hundertschaft Journalisten in den Konferenzsaal und hält den Exzellenzen Mikrofone vor die Nase. Die Herren reden ein paar Worte, sagen aber natürlich nichts, einige lächeln leicht angewidert, andere fühlen sich geschmeichelt ob ihrer offensichtlichen Bedeutung. Nach zehn Minuten ist der Rummel vorbei. Die Medienmeute zieht sich zurück, die Türen werden geschlossen.
Einige Stunden später tritt der Generalsekretär der "Organisation erdölexportierender Länder" (Opec) aus dem Raum und erklärt, wozu sich die Minister durchgerungen haben. In den vergangenen Jahren fiel Abdullah Salim al-Badri diese Aufgabe zu. Der Libyer weiß, wie schwer seine Worte wiegen. Deshalb formuliert er gern Sätze wie: "Wir wollen weder einen zu hohen noch einen zu niedrigen Ölpreis", bevor er zur Sache kommt.
Dann verkündet al-Badri, um wie viel hunderttausend Barrel (ein Barrel = 159 Liter) am Tag die Opec-Staaten die Förderung von Erdöl erhöhen oder drosseln wollen. Eine Sekunde später geht die magische Zahl um die Welt und bewegt die Märkte von New York bis Shanghai.
Nirgends wird die Macht der Opec sichtbarer als bei solchen Treffen. Die zwölf Minister sitzen scheinbar gleichberechtigt in alphabetischer Reihenfolge nebeneinander, doch nur wenige haben hier wirklich das Sagen: allen voran der saudi-arabische Ölminister, daneben seine Kollegen aus Kuwait, Irak, Libyen, Katar und aus den Vereinigten Arabischen Emiraten - kurzum: die Vertreter der arabischen Welt.
Diese sechs Staaten exportieren ein Drittel des weltweit verbrauchten Erdöls. Sie verfügen über Lagerstätten, die vergleichsweise leicht auszubeuten sind, der Rohstoff ist von guter Qualität.
Was noch wichtiger ist: Sie sind gesegnet mit den bei weitem größten Reserven, welche die Erde zu bieten hat. Saudi Aramco, die staatliche Gesellschaft Saudi-Arabiens, verfügt nach eigenen Angaben über Vorkommen von rund 260 Milliarden Barrel, heutiger Wert: rund 30 Billionen Dollar. ExxonMobil, der größte private Energiekonzern, hat gerade mal 8,9 Milliarden Barrel in der Hinterhand.
Die Araber werden also noch Öl verkaufen, wenn die Fördertürme am Golf von Mexiko oder in der Nordsee längst verrostet sind. Der Anteil der globalen Reserven, die sie kontrollieren, wird von Jahr zu Jahr automatisch immer größer, weil das der anderen schrumpft: Sie haben das Öl und damit die Macht.
Solange die Verbraucherländer abhängig sind von dem schwarz-glänzenden Rohstoff, bestimmen die Potenta-ten am Persischen Golf, mit welchen Energiekosten die mobile Gesellschaft und die industrielle Wirtschaft kalkulieren müssen. Sie entscheiden zu einem nicht unerheblichen Teil über den Wohlstand der Welt - und nicht zuletzt über ihren eigenen.
Im Jahr 2011 werden die Opec-Staaten aller Voraussicht nach Rekordeinnahmen verbuchen, dank hoher Preise und wachsender Produktion fließen die Petrodollars so üppig wie noch nie. Das Kartell der Exporteure kann nach Schätzung der Internationalen Energieagentur erstmals die Billionenmarke knacken. 2002 verdienten sie mit rund 190 Milliarden Dollar nicht einmal ein Fünftel davon.
Diese gemeinsame Einnahmequelle bedeutet freilich nicht, dass sich die Förderstaaten untereinander besonders gewogen sind. Im Gegenteil: Wenn die Ölminister in der Wiener Runde sitzen, dann treffen auf neutralem österreichischem Boden Männer aufeinander, die mitunter eine erbitterte Feindschaft verbindet. Der Krieg zwischen Iran und Irak in den achtziger Jahren mit Millionen von Opfern sowie die Besetzung des Emirats Kuwait durch den Irak Anfang der neunziger Jahre sind die blutigsten Beispiele einer langen Geschichte von Täuschungen und Enttäuschungen in der arabischen Welt.
Nichts davon ist vergessen. Wenn ein saudischer Ölminister heute eine Opec-Konferenz besucht, dann wird ihm unweigerlich in Erinnerung gerufen, dass der libysche Kollege einen Machthaber vertritt, der 1975 aller Wahrscheinlichkeit nach seinen legendären Vorgänger Ahmed Saki al-Jamani mit dem Tode bedroht hat. Muammar al-Gaddafi war damals nach Aussage eines der beteiligten Terroristen der Strippenzieher des Überfalls auf die Ölminister-Runde in Wien, der Terrorist Carlos führte die Aktion aus. Jamani sollte eigentlich sterben, nur der Einfluss Algeriens verhinderte die Exekution.
Kein Zweifel, die Opec ist ein bloßes Zweckbündnis, eine Gemeinschaft von Staaten, deren Volkswirtschaften ganz und gar auf ein Exportgut fixiert sind. Sie verfügen über ungeheure Bodenschätze, gleichwohl herrschen in diesen Ländern meist Misswirtschaft und Unfreiheit - oder vielleicht gerade deshalb?
Als "Fluch der Ressourcen" bezeichnen Ökonomen dieses Phänomen. Wenn heute die Menschen in den Ländern Arabiens auf die Straße gehen, dann gilt ihr Protest auch dieser Paradoxie: Ihnen allen könnte es so ungemein gutgehen, doch nur eine neureiche Clique von Prinzen und Geschäftsleuten profitiert von den Öleinnahmen.
Wer den Ursprung dieser fatalen Entwicklung sucht, muss etwa acht Jahrzehnte zurückgehen. Anfang der dreißiger Jahre gehörte die Arabische Halbinsel zu den ärmsten Regionen der Welt. Ibn Saud, der Gründer Saudi-Arabiens, konnte das gesamte Staatsvermögen in den Satteltaschen eines Kamels unterbringen, hieß es damals. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise waren bis in die Wüste zu spüren, die Ströme der Mekka-Pilger dünnten aus. Ibn Saud brauchte dringend Geld. Eigentlich mochte er keine Ausländer an die vermuteten Bodenschätze heranlassen, und überhaupt interessierte ihn mehr die Suche nach Wasser als nach Öl.
Doch der klamme König hatte keine Wahl. Er verkaufte der Standard Oil of California 1933 eine Konzession für ein Gebiet, größer als ein Viertel des Königreichs. Die Amerikaner gewährten ihm dafür einen Kredit über insgesamt 50 000 Pfund in Gold (am Goldpreis gemessen heute etwa elf Millionen Euro) sowie eine Zahlung von gerade mal 5000 Pfund jährlich. Im Erfolgsfall, wenn also Öl entdeckt würde, waren weitere 100 000 Pfund fällig
Fünf Jahre später stießen die Ingenieure an Bohrloch Nummer sieben bei Dammam, an der Westküste des Persischen Golfs, tatsächlich auf Öl. Bis heute gehört es in die Kategorie der "Elefanten", der größten Felder der Erde.
Rund 400 Kilometer nördlich plagten zur selben Zeit den Emir von Kuwait, Scheich Ahmed, ähnliche Finanzsorgen. Der Handel mit Perlen lag am Boden, seit Zuchtexemplare aus Japan den Weltmarkt überschwemmten. Also verkaufte der Emir Ölkonzessionen an Gulf Oil und die Anglo-Persian Oil Company. Die Briten entdeckten 1938 Burgan, ebenfalls ein Elefanten-Feld, aus dem noch heute Öl fließt.
Die neuen Quellen am Golf ergänzten nicht nur die alten Fördergebiete in den USA oder Lateinamerika, sie übertrafen sie sogar. Mit ihrer überragenden Ergiebigkeit schufen die Araber die Basis, um die steigende Ölnachfrage im Westen zu bedienen, sie machten den Aufschwung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt erst möglich.
US-Präsident Franklin D. Roosevelt äußerte anfangs noch Zweifel, ob der Nahe Osten tatsächlich als Nachschubbasis geeignet sei, "Saudi-Arabien liegt für uns ein bisschen sehr weit weg", meinte er noch 1943. Doch bald war auch ihm die Bedeutung klar, die das Öl für den weiteren Fortgang der Weltgeschichte spielen sollte - und welch überragende Rolle dabei der Golfregion zukam.
Im Weißen Haus skizzierte Roosevelt dem britischen Botschafter Lord Halifax auf einem Blatt Papier, wer den Rohstoff kontrollieren sollte: "Das persische Öl gehört Ihnen. Das Öl im Irak und in Kuwait teilen wir uns. Und was das saudische Öl betrifft, das gehört uns."
Diese unverblümt neokoloniale Haltung rief den Unmut der Förderstaaten hervor. Bis dahin hatten sie praktisch keinen Einfluss auf ihre eigenen Bodenschätze, das Öl stand unter Kontrolle der "Sieben Schwestern", Unternehmen wie Chevron, Shell oder Anglo-Persian, die spätere BP, die es an die Oberfläche pumpten, es transportierten, raffinierten und schließlich an der Tankstelle verkauften; sie kontrollierten alle Glieder innerhalb der Wertschöpfungskette.
Den Arabern war allerdings nicht entgangen, dass zur selben Zeit die venezolanische Regierung gegenüber den Amerikanern mutig Ansprüche erhoben hatte. Am Ende stand ein neues Abkommen, das Ergebnis kam einer Revolution gleich.
Die Vereinbarung sah eine hälftige Teilung der Öleinnahmen vor. 50 zu 50, diese Formel konnte der Westen nun auch den Arabern nicht mehr verweigern, zu groß war das Verlangen nach dem Treibstoff. Großbritannien werde kaum einen adäquaten Lebensstandard erreichen "ohne den Nahen Osten und sein Öl", räumte der britische Außenminister Ernest Bevin damals ein.
Je stärker der Energiehunger wuchs, umso mehr verschob sich die Macht von den Abnehmerstaaten zu den Produzentenländern. Die Araber emanzipierten sich in dem Maße, wie sie ihren globalen Marktanteil vergrößerten.
Von 1948 bis 1972 versechzehnfachte sich der Ausstoß im Nahen Osten: von 1,1 Millionen Barrel am Tag auf 18,2 Millionen Barrel; gleichzeitig verfünffachte sich der globale Energieverbrauch. Entsprechend sank der Anteil, den westliche Quellen zur Versorgung beisteuerten. In Saudi-Arabien, Kuwait oder im Irak reifte das Bewusstsein darüber, welch mächtiges Instrument man doch in der Hand hielt. "Erdöl ist die schärfste Waffe, welche die Araber haben", erklärte der saudische Ölminister Abdullah Tariki. Um dieser Waffe Schlagkraft zu verleihen, musste man allerdings gemeinsam vorgehen.
Das war die Geburtsstunde der Opec. Ihre Gründer versprachen sich davon, wirkungsvoll Einfluss auf die Preise zu nehmen. Auf geradezu brutale Weise tat dies die Organisation 1973, als sechs Golf-Produzentenstaaten nach Ausbruch des Jom-Kippur-Kriegs zwischen Ägypten, Syrien und Israel den Preis pro Barrel kurzerhand fast verdoppelten, von 2,90 auf 5,11 Dollar, und zugleich die Produktion um fünf Prozent drosselten.
"Für die Konsumentenstaaten schien es, als hätte sich das Tor zur Hölle aufgetan", beschreiben heute die Opec-Experten Jan Martin Witte und Andreas Goldthau den Schock über den Einsatz der Ölwaffe. "Ihr werdet alles verlieren", prophezeite der saudische König Faisal den westlichen Ölfirmen und beantwortete damit die Kernfrage jener Tage: Wem gehört eigentlich das Öl?
Die Förderländer gaben eine klare Antwort: Sie verstaatlichten die Ölindustrien. Für westliche Unternehmen verschlechterten sich die Bedingungen zusehends, ein immer größerer Teil der Erträge verblieb in den Kassen der Verkäufer. Die staatlichen Ölgesellschaften übernahmen die Regie am Bohrloch.
Es war eine außergewöhnliche Entwicklung, die da ihren Lauf nahm: Jede andere Industrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten globalisiert, nur die Ölbranche ist den umgekehrten Weg gegangen. Das ökonomische Kraftfeld hat sich zu den Produzentennationen hin bewegt, zu autoritären Regimen mit unberechenbaren Führern.
So zog der junge Oberst Gaddafi ganz neue Saiten auf, nachdem er 1969 die Macht in Libyen übernommen hatte. Geschickt spielte er die westlichen Firmen gegeneinander aus, die besonders begierig auf den Bodenschatz aus dem Wüstenstaat waren: Das libysche Öl zeichnet sich dadurch aus, dass es süß ist, wie die Ingenieure sagen, also leicht und schwefelarm.
In der Folge erlebten die OpecStaaten ihr goldenes Zeitalter. Die Einnahmen der Ölexporteure versechsfachten sich zwischen 1972 und 1977. Sie gewöhnten sich an die Macht und den Wohlstand, den ihnen ihre Bodenschätze ermöglichten. "Sie schickten sich an, die neuen Bankiers der Welt zu werden", so der amerikanische Ölexperte Daniel Yergin. Sie wurden umworben und verwöhnt, aber auch satt und träge. Der Ressourcenfluch begann seine Wirkung zu entfalten.
Denn bald erfuhren die Produzenten eine schmerzhafte Lektion: Ihre Kunden setzten alles daran, eigene Förderprojekte zu entwickeln, in Alaska, im Golf von Mexiko oder in der Nordsee. Die Kohle erlebte ein Comeback, auch die Gasförderung wurde forciert. "Projekt Unabhängigkeit" nannte schon US-Präsident Richard Nixon den neuen Kurs. Sein Außenminister Henry Kissinger kam zu der berühmten Erkenntnis, die Ressource Öl sei "zu wichtig, um sie den Arabern zu überlassen".
Nun ertrank die Welt förmlich in Öl. Die Preise fielen ins Bodenlose, sie bewegten sich Mitte der achtziger Jahre kurzzeitig unterhalb der Zehn-Dollar-Marke. Verantwortlich dafür war aber nicht nur die schwächere Nachfrage der Konsumenten, sondern auch die mangelnde Förderdisziplin der Produzenten.
Sie waren gefangen im klassischen Dilemma: Wenn alle an einem Strang ziehen, können sie die Notierungen beeinflussen; schert aber auch nur einer aus, brechen die Preise ein, und alle leiden darunter. Genau das passierte, immer wieder. Irgendeiner der Produzentenstaaten erlag der Versuchung, den schnellen Dollar verdienen zu wollen.
Gerade die kleineren Exporteure neigten dazu, den Hahn weiter aufzudrehen, als es abgesprochen war. Saudi-Arabien glich dann seinerseits das Überangebot aus, indem es die Produktion drosselte. Irgendwann aber war Ölminister Jamani nicht mehr gewillt, den sogenannten Swing-Producer zu spielen und stillschweigend den Preis für die notorischen Betrüger zu zahlen. Am 13. September 1985 ließ er die Förderung sprunghaft erhöhen. Der Ölpreis kollabierte, Länder wie Libyen oder Algerien sahen ihre Einnahmen innerhalb eines Jahres mehr als halbiert.
Das Vorgehen Saudi-Arabiens macht deutlich, wie schwer es den Förderländern fällt, gemeinsam zu handeln. Bis heute hat sich daran nichts geändert, nach wie vor ist ihr Verhältnis zueinander geprägt von Misstrauen und Neid. Sie mögen zwar dieselbe Sprache sprechen und derselben Religion angehören, doch ansonsten sind die Gemeinsamkeiten rar. Am deutlichsten scheiden sich die Geister an der Frage, wie man es mit den Vereinigten Staaten hält.
Saudi-Arabien hat sich früh entschieden. Das Königreich steht an der Seite der Amerikaner, seit Präsident Roosevelt gegen Ende des Zweiten Weltkrieges an Bord der USS "Quincy" mit König Saud zusammentraf und die beiden sich glänzend verstanden; der König bezeichnete den Präsidenten gar als Zwillingsbruder. Diese Allianz machte das Königreich von Anfang an hochgradig verdächtig, vor allem bei Libyern, Algeriern und bis zum Sturz von Saddam Hussein auch bei den Irakern. Sie halten die Saudis für Lakaien der USA.
"Die Prinzen in Saudi-Arabien und Kuwait sollen sich vorsehen", warnte Saddam einmal die Herrscher in Riad und Kuwait City bei einem Fernsehauftritt: "Ihren Verrat am gemeinsamen Anliegen der Araber und ihre niederträchtige Zusammenarbeit mit den Amerikanern werden sie noch bereuen."
Es ist ein fragiles Geflecht, das die arabischen Akteure im internationalen Ölgeschäft zusammenhält. Alle ihre Volkswirtschaften sind ausgesprochen krisenanfällig, da sie von den Exporteinnahmen aus dem Rohstoffgeschäft abhängen. In Saudi-Arabien beträgt der Anteil 85 Prozent, in Kuwait 95 und in Algerien sogar 98 Prozent. Das ist bequem. Und es macht bequem.
Den Regimen mangelt es an jeglichem Veränderungswillen. Sie geben viel für Militär und Sicherheit aus, aber wenig für Forschung und Investitionen oder gar die Bildung der Bürger. Ihre Verwaltung ist ineffizient und korrupt. Ihre Industrie, sofern überhaupt vorhanden, beschränkt sich auf den petrochemischen Sektor: Außer Ölprodukten ist kaum eine andere Ware exportfähig.
Weitsichtig und verantwortlich zu handeln ist schon gar nicht ihre Sache. Ansonsten wäre ihnen bewusst, dass der Verkauf von Öl letztlich dazu führt, dass der Klimawandel voranschreitet und die Meeresspiegel steigen: keine gute Nachricht für Küstenstädte wie Algier, Tripolis oder Abu Dhabi.
Es sind "Rentenstaaten", wie die Ökonomen sagen: Sie leben von der Substanz. Ihnen fehlt der Druck, sich anzustrengen, sich fortzuentwickeln. Sie brauchen sich um ihr Auskommen nicht zu scheren, zumindest solange die Preise stimmen. Die Drecksarbeit machen andere: Millionen von Indern, Filipinos oder Afrikanern, die befristet ins jeweilige Land gelassen werden.
Sollte die eigene Bevölkerung doch einmal aufbegehren, dann erkaufen sich die Machthaber ihre Gunst. Sie gewähren freie Krankenversorgung, sie subventionieren Löhne und Lebensmittel, die Wasserversorgung, sogar Kraftstoff: In Saudi-Arabien kostet der Liter Benzin knapp zehn Cent.
Seit Beginn des arabischen Aufruhrs versuchen die Regierungen mit immer neuen, teuren Versprechen den Unmut der Bürger zu kanalisieren und den Freiheitswillen zu unterdrücken. Kuwait geht so weit, seinen Bürgern für ein gutes Jahr die Grundnahrungsmittel ganz zu spendieren, ausgenommen natürlich den Gastarbeitern. Und Saudi-Arabien hat angekündigt, 129 Milliarden Dollar auszugeben, um seine Bevölkerung bei Laune zu halten: für mehr staatliche Jobs und billigere Wohnungen. Bei dreistelligen Ölnotierungen kann sich das Königreich solche Geschenke leisten.
Doch was geschieht, wenn die Preise an den Rohstoffbörsen in New York oder London wieder fallen? Dann gelangt laut einer Rechnung des Institute of International Finance (IIF) in Washington selbst der märchenhaft reiche Wüstenstaat an die Grenzen seiner Möglichkeiten.
Saudi-Arabien ist inzwischen auf einen Ölpreis von 88 Dollar je Barrel angewiesen, um Löcher in seinem Staatshaushalt zu vermeiden; 2015 werden schon 110 Dollar nötig sein, so die IIF-Prognose. Vor zehn Jahren genügten für ein ausgeglichenes Budget noch 20 bis 25 Dollar.
Es ist eine hochgefährliche Strategie, die die Rohstoffexporteure in den vergangenen Monaten eingeschlagen haben. Sie sind mehr denn je von hohen Ölpreisen abhängig, um die Prasserei der Oberschicht zu alimentieren und die Bevölkerung ruhigzustellen. Zugleich aber animiert jeder Dollar, den ein Barrel mehr kostet, die Verbraucherländer dazu, nach alternativen Energiequellen zu forschen.
In jedem Preisanstieg steckt schließlich der Keim des Niedergangs, weil die Abnehmer darauf reagieren, indem sie weniger konsumieren und damit den Preis drücken. So war es 1973, 1979, 1990 und auch 2008. Bislang folgte noch jeder Inflation der Ölpreise erst eine Rezession der Weltwirtschaft und darauf ein Einbruch der Rohstoffnotierungen.
Zudem übt heute die internationale Finanzwirtschaft fast ähnlich großen Einfluss auf die Ölpreise aus wie die Förderländer, zumindest kurzfristig: So wie die Spekulanten die Ölpreise in die Höhe treiben, können sie die Notierungen auch nach unten prügeln, weit unter das Preisniveau, das die Förderländer benötigen, um die Bevölkerung bei Laune zu halten. Gegen die geballte Finanzkraft der Hedgefonds haben auch die arabischen Ölminister keine Chance.
So bedroht heute vor allem die Sprunghaftigkeit der Preise die politische Stabilität in den arabischen Förderländern. Wird Öl wieder deutlich billiger - und dafür genügt die Nachricht einer Wachstumsdelle in China -, droht das gesamte System zu kollabieren. "Öl wird uns in den Ruin führen", warnte der damalige venezolanische Ölminister Juan Pablo Pérez Alfonso schon in den siebziger Jahren, als die Preise Kapriolen schlugen: "Öl, das sind die Exkremente des Teufels."
Auf Dauer, das ist ohnehin klar, können die Förderstaaten nicht abhängig bleiben von einem Stoff, den sie Tag um Tag, Stunde um Stunde dezimieren. Vielleicht lässt sich das Ende etwas hinauszögern, einige Jahre noch, im Fall von Saudi-Arabien wohl auch noch Jahrzehnte. Doch der Welt bleibt nichts anderes übrig, als loszukommen von der Droge Öl, schon aus ökologischen Gründen. Die Zeiten unbeschwerter Verschwendung sind vorbei. Und ebenso die Zeiten ungebremster Förderung.
Der härteste Entzug wird dabei den arabischen Potentaten bevorstehen. Mit Hilfe der kostbaren Bodenschätze haben sie ihr Übermorgenland aufgebaut, mit den teuersten Hotels, den größten Flughäfen, den höchsten Bürotürmen. Die Frage ist bloß, was davon übermorgen noch bleibt, wenn das Ölzeitalter vorüber ist.
Von Alexander Jung

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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