26.07.2011

Hunger, Flöhe, Hass

Erst die Verkettung vieler Unglücksfaktoren hat das Desaster heraufbeschworen. Eine der Ursachen war die „Kleine Eiszeit“.
Causa belli, Kriegsvorwand, Kriegsanlass - Kriegsgrund. Das Warum, die Frage aller Fragen. Nie zuvor in der deutschen Geschichte hatte es eine längere Pe-riode friedlicher Zeiten gegeben als jetzt, immerhin währte sie von 1555 bis 1618. Und dann: Verzweiflung, Verbitterung, Verelendung, Terror und Tod.
Warum? Warum mussten Millionen Menschen sterben, warum wurden ganze Landstriche verwüstet und entvölkert? Während der vielen Schlachten, bei Raubzügen, in Feuersbrünsten, auch als Opfer von Seuchen?
Gewiss, dieser Krieg gilt als ein Krieg zwischen Christen: hier Katholiken, da Protestanten. Und jede Partei hätte für sich reklamieren können, einen "gerechten Krieg" geführt zu haben, wie ihn einst der römische Staatsmann und Philosoph Marcus Tullius Cicero definierte oder Jahrhunderte später der Kirchenvater Augustinus. "Gerecht" war ein Krieg immer dann, wenn er des Seelenheils wegen geführt wurde.
Ein ganz spezieller Glaubenskrieg also unter dem Dach einer Religion? Oder doch ein Krieg, der stattfand, weil die "Feudalgesellschaft" kriselte? Weil der große wirtschaftliche Aufschwung Europas im 16. Jahrhundert "die sozialen Spannungen verschärfte", so die These des Geschichtsforschers Heiner Haan, und die "feudalen Führungsschichten" dazu verleitete, ihren "Anteil bei der Verteilung des Sozialproduktes zu vergrößern"? Was sich am "rationellsten und schnellsten" durch einen Krieg habe machen lassen?
Diese durchaus marxistisch grundierte Beschreibung widerstrebt wahrscheinlich den allermeisten Historikern. Nein, nein, hält zum Beispiel Haans Kollege Axel Gotthard dagegen. Der Krieg sei ausgebrochen, weil die konfessionellen Gegner nur noch übereinander schrieben, statt miteinander zu sprechen, und damit die Verfassungsorgane des Reiches zunehmend blockierten. "Die politische Kommunikation im Reichssystem um und nach 1600 war großflächig gestört", und diese "Sprachlosigkeit" habe zwangsläufig dazu geführt, "die Waffen sprechen" zu lassen.
Kein Krieg aus wirtschaftlichem Interesse also. Ein Konfessionskrieg.
Gotthards Kollege Johannes Burkhardt, einer der führenden Kenner dieser dunklen Jahrzehnte mitten im Herzen Europas, ist da völlig anderer Meinung. Er diagnostiziert für jene Zeit eine "frühneuzeitliche Kriegsverdichtung", gerade weil es noch kein etabliertes europäisches Staatensystem gab. Und "wenn es sich um unfertige Staaten handelte", sagt Burkhardt, stehe "nicht die staatliche Organisation, sondern eher ihre Unfertigkeit unter dem Verdacht, der kriegstreibende Schwachpunkt zu sein".
Kein Staatenkrieg mithin. Sondern, und damit schuf der Wissenschaftler ein neues Wort: "Staatsbildungskrieg". Der religiös-konfessionellen Variante misst er vergleichsweise wenig Bedeutung bei, konzediert freilich alles in allem eine "schwer überschaubare Konfliktbündelung".
Vielleicht war alles ganz anders. Vielleicht lebten hier einfach nur zu viele Menschen, was die ökonomischen Strukturen stark veränderte und zu scharfen Versorgungskrisen führte. Oder das Wetter spielte verrückt, bis hin zur klimatischen Katastrophe, die in die Geschichte als "Kleine Eiszeit" eingegangen ist. Bis hin zum Verderben.
Die deutschen Lande waren, in den Jahrzehnten vor dem Dreißigjährigen Krieg, Einwanderungsland - wegen der vergleichsweise liberalen Bedingungen, die seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 hierzulande für Protestanten galten. Zwischen 1500 und 1618 hat sich die Bevölkerung fast verdoppelt; Wissenschaftler glauben, dass eine solch spürbare Bevölkerungsvermehrung zumindest zwei Folgen zeitigt: Bezahlte Arbeit wird knapp, und zu gleicher Zeit steigt die Nachfrage, besonders nach Lebensmitteln.
Auch wenn der britische Ökonom John Maynard Keynes die Phase kurz vor und kurz nach 1600 als "eine der größten Aufschwungszeiten" beschreibt, gar als Start in den "Kapitalismus" - die neuere Geschichtsforschung sieht jedoch bereits in den letzten Dekaden dieses Jahrhunderts deutliche Krisenphänomene.
"Die Lebenswelt der Frühmoderne", notiert der Freiburger Geschichtsprofessor Johannes Arndt, sei "eine Welt des Mangels" gewesen, und dies galt speziell hierzulande.
In jedem Jahrzehnt kam es gewöhnlich zu drei unterdurchschnittlich guten Ernten; wenn die schlechten Erträge ungünstigerweise aufeinanderfolgten, schossen die Preise gefährlich hoch, "nicht selten lebensgefährlich" (Arndt). Zu wenig Geld für zu teure Waren, zu wenig Arbeit für zu viele Menschen - etliche konnten sich vielleicht gerade noch Brot leisten.
Kein Wunder, dass derlei existentielle Bedrohungen sich widerspiegelten in der beherrschenden Symbolik jener Zeit: den vier apokalyptischen Reitern aus der Johannes-Offenbarung, Boten des nahenden Weltuntergangs. Pest, Krieg, Tod. Und Hunger.
Die Natur sorgte dafür, dass sich die Krisen verschärften. Seit etwa 1570 gingen die Temperaturen stetig zurück. Die Sommer waren in aller Regel nass und kalt, die Winter oft extrem lang, eine Katastrophe für Landwirte und Fischer, Winzer oder Viehbauern.
Der Geograf Rüdiger Glaser hat die "Klimageschichte Mitteleuropas" beschrieben, sein Blick auf den Vorabend des Dreißigjährigen Krieges ist sicherlich nur ein Ausschnitt der Zeit. Dennoch lässt dieser Blick die Dramatik jener Jahre aufscheinen:
1608 Sehr strenger Winter, im Süden und im Norden. Katastrophale Überschwemmungen im Binnenland, Hochfluten im Küstenbereich.
1609 Kühler Sommer, sehr trocken, dennoch zahlreiche Starkregen. Saurer Wein, starke Herbstfröste in Norddeutschland.
1611 Im Februar milder als sonst üblich. Kälteeinbruch Anfang Mai, starke Schädigung der Vegetation.
1612 Gegen Ende des Jahres auffallend häufig Stürme über Mitteleuropa.
1614 Chronisten berichten, es sei kalt "wie seit Menschengedenken nicht mehr". Das Wintergetreide verfault unter den Schneemassen. Selbst im Mai blüht noch nichts.
1615 Brunnen versiegen unter Eisschichten. Im späten Frühjahr erfrieren Bäume und Weinstöcke, im trockenen Sommer versiegen Bäche - und Mühlen stehen still, wegen des Wassermangels.
1617 Im Stuttgarter Raum war es Anfang des Jahres "so warm, dass man in der fünfften Wochen mit pflügen und hacken das Feld angriffen", notierte ein Zeitgenosse. Dann schlug es um: Der Wein sei dermaßen "saur/dass man ihn ... nicht zu Gelt bringen kundt ...".
Der Bodensee, eines der größten Binnengewässer Westeuropas, vereiste in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zweimal - "Seegfrörni" heißt dieses Spektakel. "Selbst Insekten und Mikroorganismen", schreibt Glaser, seien "von der Abkühlung betroffen" gewesen, die Anopehelesmücke etwa, die Malaria auslösen kann, verschwand erst einmal.
Stattdessen machten sich Läuse und Flöhe breit, weil sie in der dicken Kleidung der frierenden Menschen geeigneten Unterschlupf fanden - Flöhe gehören zu den Überträgern der Pest, die wieder einmal wütete. "Krankheit, Hunger und entsprechende Mortalitätskrisen" seien ständige "Begleiter der Kältephasen" gewesen, so Glasers Befund.
Vielleicht lag es daran, dass es, wie von Zeitgenossen beobachtet, kaum Sonnenflecken gab - was wiederum Einfluss auf das irdische Wetter gehabt haben dürfte. Denn wenige Sonnenflecken, dies freilich ist eine ganz junge wissenschaftliche Erkenntnis, zeigen an, dass die Wärmeabstrahlung des fernen Zentralgestirns Richtung Erde abnimmt.
Das Misstrauen der damals lebenden Menschen galt genauso den am Himmel streifenden Kometen. Oder Erdbeben. Daniel Schaller, ein Pfarrer aus Stendal in der Altmark, protokollierte mindestens elf schwere Erschütterungen seit dem Jahr 1510 - und folgerte, sie seien "gewisslich Vorträb des Jüngsten Tages und letzten Erdbebens, darin / alle Toten aufwachen / aus ihren Gräbern herfür gehen / vor den Richterstuhl Jesu Christi".
Und der Geistliche will bemerkt haben - auch dies ein historisch-handfester Hinweis auf die dramatisch veränderte Wetterlage -, dass "das Holz im Walde" nicht "mehr wächset wie in Vorzeiten", es sei "so vertrocknet und verdorret ... Ja, Kalk, Leim und Stein ist nicht mehr so fest als ehemals gewesen ... Eisen und Stahl nicht mehr so hart ... darum muss ruina mundi vor der Tür sein".
Ruina mundi, der Einsturz der Welt, das Ende. Das könnte ein Krieg nie gekannten Ausmaßes sein. Vielleicht aber könnte er auch das Ende hinauszögern.
Aus moderner Sicht sind solcherlei Vorstellungen schwerlich nachvollziehbar, doch existierten sie in den Köpfen der meisten Menschen. Jedwedes Ereignis, sei es Blitz oder Donner, sei es zu viel Regen oder zu wenig, sei es zu warm oder zu kalt, wurde als Symptom der Weltlage insgesamt gedeutet - und zudem eingeordnet in ein persönliches Sündenregister. Nur der da oben blieb regelmäßig außen vor.
Es kann durchaus sein, dass all dies die Charaktere formte, bis hin zu religiösen Verwerfungen, die wohl auch jene beispiellose Welle der Hexenverfolgungen auslösten. Mit Sicherheit führten eine "fatale Anhäufung struktureller Gegebenheiten" (so der Historiker Heinz Schilling), demografischer Wandel eben, massive Krisen der Versorgung in Zeiten widriger Klimaverhältnisse, Hunger also und Epidemien, zum radikalen Umbruch der Gesellschaft. Parallel dazu polarisierten sich, trotz (oder gerade wegen) des Augsburger Religionsfriedens, immer stärker die Konfessionen.
Ein explosives Gemisch - und fast wäre es schon früher hochgegangen, über eine Dekade vor dem Prager Fenstersturz. Im süddeutschen Donauwörth, damals Schwäbischwerd, einer von jenen acht Freien Reichsstädten, in denen die Anhänger beider Konfessionen sich lange gegenseitig duldeten. Hier die protestantische Mehrheit, da die katholische Minderheit, nur ein gutes Dutzend Familien.
Welche religiös-politischen Rechte diese Minderheit besaß, war nirgendwo schriftlich festgehalten. Wohl deswegen hatten es die katholischen Geistlichen auch nicht gewagt, an Feiertagen vor aller Augen Prozessionen zu organisieren, sie verkrümelten sich auf Seitengassen. Dann, am Markustag 1606, dem 25. April, für Bauern ein entscheidender Tag ("Leg erst nach Markus Bohnen / er wird's dir reichlich lohnen"), zeigten sich die Katholiken plötzlich selbstbewusst in aller Öffentlichkeit.
Und es kam zum Eklat. Schwäbischwerds Protestanten, die wie alle ihre Glaubensgenossen Prozessionen verabscheuten, griffen sich die Fahnen der Katholiken und schleiften sie durch den Straßenkot, ein fürchterliches Sakrileg. Und als ihre katholischen Mitmenschen aus der Ortschaft zogen, schrien sie hinterher: "Die Friedensstörer, die Pfaffen, die Abgötter, die Halunken, sie mögen sehen, wie sie wieder hereinkommen."
Der Augsburger Bischof beschwerte sich, der Kaiser drohte, verhängte alsbald über die Stadt die Reichsacht, schließlich ließ er (katholische) Truppen einmarschieren. Schwäbischwerd war, wie es der Name sagt, ein schwäbisches Gemeinwesen, und doch exekutierte in Gestalt von Herzog Maximilian ein bayerischer Fürst die Strafe, robust und rücksichtslos.
"All das", analysiert der Historiker Gotthard, "musste Deutschlands Protestanten empören, auch, und zumal in Süddeutschland, ängstigen."
Es ist ein Erklärungsansatz unter vielen, ob die Donauwörther Ereignisse wirklich, wie von manchen vermutet, den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges mit vorbereiteten. Wenige Jahre danach, 1617, jährte sich zum hundersten Mal Martin Luthers revolutionärer Akt. In seinem "Zeytregister" vermeldete ein Ulmer Chronist: "Dieses Jubelfest ist ein Anfang des Krieges gewesen, wie bey den catholischen Scribenten weitläuffig darvon zu lesen ist, da das Jubelfest sie übel in die Augen gestochen hat."
Auch dies ein Erklärungsversuch, und so addieren sich die Modelle auf: Glaubenskrieg, Wirtschaftskrieg, Staatsbildungskrieg, Sprachlosigkeit, "Kleine Eiszeit", Hunger und Verderben und vielleicht unausgesprochen die Überzeugung, ein gewaltiger Schnitt nur könnte eine Lösung bringen - irgendwie.
Geschichtsprofessor Burkhardt, der als causa belli die Geburtswehen der "Staatsbildung" ausgemacht hat, sagt auch, die Forschung müsse "ihre Aufgabe noch einmal tun" und sich nach all jenen "exogenen Kriegsursachen fragen lassen, die von Anfang diesen Großkonflikt bestimmt haben".
Ein ehrliches Bekenntnis. Burkhardts Kollege Gotthard resümiert es genauso ehrlich, nur etwas knapper: Bis heute sei diese Zeit einfach "unterbelichtet".
Von Georg Bönisch

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2011
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