26.07.2011

„Der Löwe aus Mitternacht“

Bei seinem Einmarsch in Deutschland präsentierte sich König Gustav II. Adolf von Schweden als Beschützer der Protestanten. Doch er betrieb vor allem Machtpolitik.
Eine bewegende Szene spielt sich am 29. Mai 1630 vor den Mitgliedern des schwedischen Reichsrates und Reichstages ab. König Gustav II. Adolf, ein hochgewachsener, blonder Mittdreißiger mit blauen Augen, nimmt seine dreieinhalbjährige Tochter Christina auf die Arme. Der Herrscher will die Versammlung auf das Mädchen als künftige Regentin Schwedens einstimmen, für den Fall, dass er nicht lebend zurückkehrt.
Der König hat sich zu einem folgenreichen Wagnis entschlossen. Gustav Adolf will in den Krieg eingreifen, der seit 1618 im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation tobt.
"Gott nehme ich zum Zeugen", ruft der begabte Redner den Männern zu, "dass ich das nicht aus Lust am Kriege tue, sondern dazu getrieben worden bin." Geboten sei eine Art humanitäre Intervention zugunsten der vom Kaiser bedrängten Protestanten: Wir "müssen unsere unterdrückten Religionsverwandten von dem päpstlichen Joche befreien".
Die Schweden, so ihr König, sollten sich "als wahre Erben und Abkömmlinge der alten Goten erweisen, die zu ihrer Zeit fast die ganze Welt erobert und über Hunderte von Jahren hinweg geherrscht haben". Der Goten-Mythos gilt den Schweden als geistiger Kraftquell. Der kommende Kampf, sagt Gustav Adolf, sei auch ein "Krieg zur Verteidigung unseres Vaterlandes. Entweder müssen wir gehen und den Kaiser in Stralsund aufsuchen, oder er wird kommen und uns in Kalmar begegnen", einer Hafenstadt im Südosten seines Landes.
Schwedens Stellung als Großmacht im Ostseeraum ist zunehmend bedroht, seit kaiserlich-katholische Truppen 1627 in Wismar einzogen, das sie zum "Reichskriegshafen" erklären. Im Jahr darauf fällt Rostock, und die Kaisertreuen beginnen, eine Flotte zu bauen. Schon wird ihr Feldherr Albrecht Wallenstein, seit 1628 auch Herzog von Mecklenburg, zum "General des baltischen und ozeanischen Meeres" ernannt. Der Schwedenkönig folgt daher der imperialen Logik, dass eine Seemacht die gegenüberliegende Küste kontrollieren sollte.
Ende Mai 1630 schifft sich Gustav Adolf im Hafen von Älvsnabben bei Stockholm an Bord des Segelschiffes "Tre Kronor" ein. Eine Flottille mit 13 000 Mann überquert die Ostsee und landet am 6. Juli bei heftigem Gewitter auf Usedom.
Nahe der Peenemündung lässt sich der König in einer Schaluppe ans Ufer rudern. Dort kniet er nieder und betet für den Sieg. Die kaiserlichen Gegner auf Usedom und der Nachbarinsel Wollin räumen kampflos ihre Posten.
So beginnt die Invasion eines fremden Heeres in Deutschland. Doch dessen oberstem Befehlshaber sind die Deutschen nicht fremd. Gustav Adolfs Mutter ist Deutsche, ebenso wie seine Frau, die Hohenzollern-Prinzessin Maria Eleonara von Brandenburg. Deutsch spricht er seit seiner Kindheit.
Deutsche umgeben ihn als Offiziere, Geistliche, Gelehrte und Beamte. Deutscher Herkunft sind führende Gestalten des Bürgertums in Schweden und dem von ihm beherrschten Finnland und Estland. Auf Deutsch schreibt seine Tochter dem "herzvielgeliebten Herrn Vater" und verspricht, sie werde "allzeit fromm sein und fleissig beten lernen". Überwiegend in deutscher Sprache korrespondiert er mit seinem Reichskanzler Axel Oxenstierna, der in Rostock, Wittenberg und Jena studiert hat.
Gustav Adolf kennt Deutschland aus eigener Anschauung seit einer Reise, die er 1620 inkognito unternahm. Erstklassige Informationen aus dem nahen Nachbarland liefern ihm die geheimen Berichte seiner Auslandsaufklärer. Ein Netz schwedischer Agenten und Unteragenten durchzieht das Reich.
Einer der besten Späher ist der Diplomat Anders Svensson. Von 1626 bis 1630 berichtet der nach Hamburg entsandte Resident über wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Der gebildete Bürgersohn stützt sich auf Informanten aus schwedenfreundlichen, protestantischen Kreisen.
So erfährt der König etwa im Mai 1627 von der antikaiserlichen Partisanenbewegung im Harz, den Harzschützen (siehe Seite 62), aber auch von einem Stimmungsumschwung in anderen protestantischen Regionen.
Immer mehr Deutsche, so heißt es in Berichten aus dem gleichen Jahr, hoffen angesichts der Stärke der Kaiserlichen und der katholischen Liga auf Hilfe von außen.
Dabei mischen sich Wunsch und Wunderglaube, verbunden mit biblischen Bildern. So wollen in Holstein zahlreiche Menschen Zeichen am Himmel gesehen haben, die das Heranrücken mächtiger Heerscharen "aus Mitternacht", also aus dem hohen Norden ankündigen. Viele Deutsche erwarten, nicht zum letzten Mal in ihrer Geschichte, von fremden Mächten Großes und Selbstloses.
Die schwedische Propaganda greift diese Stimmungen im Krieg auf, indem sie den schwedischen König als den rettenden "Löwen aus Mitternacht" präsentiert. Dessen Soldaten stoßen von Usedom aus zügig weiter vor.
Am 20. Juli 1630 ziehen sie in Pommerns Landeshauptstadt Stettin ein und verpflichten den nur mäßig begeisterten pommerschen Herzog auf ein "ewiges" Bündnis. Kurz darauf besetzen sie Anklam und Wolgast, am 20. September kommen die Schweden nach Stralsund und marschieren weiter nach Mecklenburg. Im April 1631 erobern sie Frankfurt an der Oder und bald darauf Landsberg an der Warthe, östlich der Oder.
Ende April gibt der König Befehl, durch Brandenburg nach Westen vorzudringen, um das von den Kaiserlichen bedrohte Magdeburg zu retten. Die Schweden bemächtigen sich Berlins und Potsdams. Sie halten Wache vor dem Berliner Schloss. Aber sie können nicht verhindern, dass der kaiserliche Feldherr Johann von Tilly Magdeburg zerstört, wobei der Großteil seiner Bevölkerung umkommt.
Dennoch erweist sich die Katastrophe von Magdeburg für die Schweden als politischer Vorteil. Viele Protestanten sehen in Gustav Adolf nun erst recht den Retter vor dem Terror katholischer Landsknechte. Des Königs Flugschriften, er kämpfe gegen die "ausschweifende Gewalt und unbarmherzige Tyrannei des Hauses Österreich", sprechen vielen Deutschen aus dem Herzen. Denn sie wissen, dass der habsburgische Kaiser Ferdinand II. mit dem "Restitutionsedikt" vom März 1629 für eine massive Rekatholisierung und die Rückgabe säkularisierter Güter an die Papstkirche sorgen will.
Diese Regelung, die selbst manchen katholischen Fürsten missfällt, ist politische Munition für die schwedischen Angreifer. Die dringen im Sommer 1631 weiter nach Südwesten in das Herz Deutschlands vor.
Im Juli besetzen sie Havelberg, im September 1631 rücken sie in Wernigerode am Nordharz ein, kurz darauf steht Gustav Adolf auf dem Marktplatz von Erfurt, als Sieger einer großen Schlacht.
In Breitenfeld nördlich von Leipzig hat das schwedische Heer dem kaiserlichen Feldherrn Tilly in den Tagen zuvor eine vernichtende Niederlage beigebracht. Die mit deutschen Kämpfern aufgefüllte Schwedentruppe, verbündet mit der Streitmacht Sachsens, führt 41 000 Mann ins Gefecht gegen 32 000 Söldner Tillys.
Mit leichten und schnell feuernden Geschützen und kleinen, mobileren Formationen erringen die Schweden den Sieg. Durch persönlichen Mut beflügelt Gustav Adolf den Kampfgeist seiner Soldaten. Er selbst führt in der Schlacht einen Trupp seiner finnischen Reiter. Mit ihnen stürmt er eine zentrale Artilleriestellung des Gegners.
Tilly verliert mehr als 13 000 Mann und alle Kanonen. Er gelangt als Geschlagener mit nur 600 Mann nach Halle an der Saale. Der Sieg von Breitenfeld verstärkt den Mythos vom siegreichen "Löwen" aus dem Norden und eröffnet dem Schwedenherrscher den Weg in den Westen und Süden Deutschlands.
Anfang Oktober überqueren Gustav Adolfs Truppen den Thüringer Wald und erreichen Schweinfurt. Dessen protestantische Bewohner streuen den einrückenden Soldaten zur Begrüßung Gras und Binsen aus.
Gefeiert von begeisterten Deutschen, setzt der Schwedenkönig seinen Siegeszug fort und marschiert Ende November 1631 nach Frankfurt am Main und Mainz, das er im Dezember einnimmt. Prunkvoll feiert der König seinen Einzug in die erzkatholische Stadt. Am Domturm lässt er die schwedische Fahne hissen und in der Schlosskirche einen Dankgottesdienst abhalten. Die Siegesfeier gipfelt in einem Bankett, nach dessen Ende der König in der Mainzer Martinsburg Quartier nimmt.
Im Winter 1631/32 befindet sich Gustav Adolf im Zenit seiner Macht. Im Norden nehmen seine Truppen Wismar, Rostock und Dömitz ein. Die Feinde können den Schweden als Seemacht nicht mehr gefährlich werden. Im Herzen Deutschlands residiert der schwedische Beherrscher weiter Reichsgebiete, mäch-tig fast wie ein Kaiser.
Seinen Ruf als fähiger Feldherr hatte er noch vor dem Fall von Mainz durch den Rheinübergang im Dezember 1631 gesteigert. Die Flussquerung bei Erfelden südlich von Mainz ist eine pioniertechnische Meisterleistung: Die Soldaten bauen in Windeseile aus Booten und Scheunentoren eine Pontonbrücke.
Doch auf dem Höhepunkt der Macht treten die Schattenseiten des königlichen Charakters immer stärker hervor. Der Kriegsherr im Lederwams ist ein fröhlicher Gastgeber und liebenswürdiger Gesprächspartner, aber oft auch ein jähzorniger Polterer.
Gustav Adolf verletzt andere Menschen nicht nur verbal. Dem Kammerjunker Erik Ralamb, der sich wegen einer geschwollenen Hand weigert, an der Tafel Dienst zu tun, schlägt er im Dezember 1631 die Klinge seines Degens so heftig auf den Kopf, dass sie in Stücke bricht.
Weit schlimmer aber als der cholerische König mit dem Spitzbart treiben es immer wieder seine Soldaten. Zwar bescheinigen wohlwollende protestantische Historiker, darunter auch Friedrich Schiller in seiner "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges", den schwedischen Kämpfern später "Mannszucht", also hohe Disziplin. Ein Lob, das Schiller wohlweislich auf die "ersten Zeiten" des Vormarsches in Deutschland beschränken wird.
Denn dass sich die schwedische Armee in Deutschland schon früh wenig sittsam verhält, zeigt ein Bericht des königlichen Sekretärs Lars Grubbe an Kanzler Oxenstierna vom Sommer 1630. Darin wird über Exzesse und Unregelmäßigkeiten im besetzten Pommern geklagt. Die Schweden plündern Frankfurt an der Oder im April 1631.
Übel ergeht es auch Würzburg. Die dort einquartierten Schweden verzehren die letzten Lebensmittelvorräte der Bewohner, die "dazu erbärmlich mit Schlägen traktiert" werden, wie ein Chronist notiert.
Dabei sind viele der Berserker, die den Ruf der Schweden ruinieren, gar keine Skandinavier. In der Söldnertruppe des Königs, die im Sommer 1632 etwa 150 000 Mann zählt, stellen sie nur noch zehn Prozent der Kämpfer. Die Masse der Soldaten sind anfangs Schotten, Iren, Engländer und Waliser, später vor allem Deutsche. Schlechte Besoldung verwandelt die Männer des Königs in Räuber, welche die örtliche Bevölkerung eher von Essbarem als vom kaiserlichen Joch befreien.
Der König weiß, was der Geldmangel anrichtet. Im Juli 1631 klagt er in einem Brief an Kanzler Oxenstierna über "widerliches Plündern und Rauben" seiner Soldaten. Die Ursache liege in der "größten Armut", unter der die Kriegführung der Schweden leide.
Mit immer weniger Geld beschäftigt der Schwedenkönig in Deutschland immer mehr Soldaten.
Gustav Adolf, der im Frühling 1632 seinen Vormarsch nach Süddeutschland fortsetzt, ist knapp bei Kasse. Wie knapp, zeigt sich, als er im März 1632 in Nürnberg einmarschiert. Der hohe Herr verlangt von den Stadtvätern sofort einen Vorschuss für Soldzahlungen und die Lieferung von Brot, Bier, Fleisch, Wein und Hafer.
Dennoch wird der Einzug in die alte Reichsstadt zu einem Volksfest, bei dem sich die Menschen zu Tausenden in den Straßen drängen. Farbenprächtig gekleidete Bürger säumen die Straßen, Mütter heben ihre Kinder dem Herrscher entgegen. Porträts des Schwedenkönigs, in Kupfer gestochen oder in Holz geschnitzt, finden massenhaft Absatz.
Das nächste größere Ziel des Heerführers ist Augsburg, Zentrum der Hochfinanz seit dem Aufstieg der Fugger und Welser. Die mehrheitlich protestantische Stadt unterwirft sich im April 1632 nach einer kurzen Kanonade. Der bayerischen Besatzung wird freier Abzug gewährt.
Beim Griff nach diesem Wirtschaftszentrum zeigt der halbdeutsche König, dass er ganz schwedische Politik macht: Die Augsburger sollen durch einen Eid zu "getreuen Untertanen" der schwedischen Krone werden. Sie müssen hohe Abgaben zahlen. Und sie sollen einen schwedischen Statthalter akzeptieren, einen Vetter des Kanzlers Oxenstierna. Über der vermeintlichen Befreiungsmission des Schwedenkönigs liegt der Fluch der Fremdherrschaft.
Die Augsburger fügen sich. Sie wählen auf Befehl des Königs einen neuen Stadtrat, dem nur Protestanten angehören. Nach einem Dankgottesdienst in der Sankt-Anna-Kirche zeigt sich der König am Fenster des Marquart-Fugger-Hauses. Die auf dem Platz versammelten Bürger huldigen ihm mit der gewünschten Eidesformel.
Augsburg ist wegen der Nähe zur Donau von militärstrategischer Bedeutung. Die Handelsmetropole hat für den Schwedenkönig zudem hohen symbolischen Wert, als Stadt des Religionsfriedens von 1555.
Bald ist auch München greifbar. Im Mai 1632 reitet der Kriegsherr mit drei Regimentern von Ismaning her in die bayerische Metropole ein. Während seine Soldaten beim Vormarsch im Umland rauben, brennen und morden, verblüfft er die katholische Landeshauptstadt durch "Manneszucht" seiner Kämpfer. Die veräußern in der Stadt ungeniert Beutegut, vom Geschirr bis zum Rind. Viele Münchner kaufen die billige Hehlerware und bereichern sich so auf Kosten ihrer Nachbarn in den eingeäscherten Dörfern.
Am 19. Mai setzt der König ein Signal zur Versöhnung mit den Katholi-ken. Nach einem Ritt zum Neuhauser Anger nimmt er in der Michaelskirche an einem katholischen Gottesdienst teil. Dabei lässt er sich vom Rektor des Jesuitenkollegs den Ritus erklären und stellt sogar Zwischenfragen auf Latein.
Mit der Kontrolle über die bayerische Landeshauptstadt erweist er sich als der größte Eroberer seines Jahrhunderts in Europa - und das nicht nur auf dem Felde der Ehre. In den eingenommenen süddeutschen Städten gibt er den Party-Löwen aus Mitternacht, als flirtender Tänzer umschwärmt von aparten Patrizierinnen.
Doch das Wohlleben währt nicht lange.
Die taktischen Prestigeerfolge verdecken Gustav Adolfs strategische Schwäche. Er hat nur wenige Verbündete unter den deutschen Fürsten, denn die müssen fürchten, dass ein starker Schwede sie dauerhaft schwächt. Zudem überfordert der zwei Jahre lange Feldzug in Deutschland die Finanzkraft der immer noch rückständigen Heimat. Das Land hoch im Norden stützt sich vor allem auf Forstwirtschaft und Bergbau.
Militärisch bleibt trotz vieler Erfolge der endgültige Sieg aus. Dass die schwedische Expansion an ihre Grenzen stößt, zeigte sich bereits Ende April 1632, als die Königlichen bei dem Versuch scheiterten, Ingolstadt einzunehmen. Im westlichen Bayern und in Schwaben setzen sich bewaffnete Bauern gegen die fremden Drangsalierer zur Wehr. Für eine Offensive nach Österreich reichen die schwedischen Kräfte nicht aus.
In dieser Lage bricht der König Ende Mai von München nach Westen auf und erreicht Anfang Juni in Memmingen den südlichsten Punkt seines Feldzuges. Dort bringt ihm ein Bote die Nachricht, dass Wallenstein die mit den Schweden verbündeten Sachsen in Böhmen zum Rückzug gezwungen hat.
Damit droht der Zusammenschluss des Wallensteinschen Heeres mit den ligistischen Truppen Maximilians von Bayern. Gustav Adolf kann nicht verhindern, dass sich seine beiden Gegner am 1. Juli bei Tirschenreuth in der Oberpfalz vereinigen.
Jetzt diktiert Wallenstein dem siegesgewohnten Schweden das Gesetz des Handelns.
Die Schweden verschanzen sich von Anfang Juli an in Nürnberg. Dort schaufeln 6000 Bürger in wenigen Tagen einen Verteidigungsgraben um die Stadt. Dem König gelingt es, Nürnberg bis Ende August gegen Wallensteins Truppen zu verteidigen - gerade so lange, bis ein schwedisch-sächsisches Entsatzkorps eintrifft und die Belagerung scheitern lässt.
Die beiden Heere liegen sich nun in ihren befestigten Stellungen gegenüber. Doch die Schwedentruppen, die unter Proviantmangel und Krankheiten leiden, müssen den Stellungskrieg abbrechen und das Feld räumen. Beim Marsch durch Thüringen Anfang November begrüßt das Volk sie begeistert. Menschen werfen sich vor dem König auf den Boden und wollen seine Stiefel küssen.
Gustav Adolf sucht die Entscheidungsschlacht mit den Kaiserlichen. Die findet südwestlich von Leipzig statt, bei Lützen. Am Abend des 15. November 1632 trifft die schwedische Armee auf Fel-dern vor der Stadt ein. In der Ferne sind die Wachtfeuer der Soldaten Wallensteins zu sehen.
Der Schwedenkönig verbringt die Nacht in einer Kutsche gemeinsam mit seinem Bundesgenossen Bernhard von Sachsen-Weimar, einem der wenigen deutschen Fürsten, die seit Sommer 1630 treu an seiner Seite stehen.
Als der Morgen des 16. November graut, steigt Gustav Adolf in seinem Wams aus Elchleder auf seinen braunen Hengst und reitet dem Feind entgegen. Über neblige Felder führt er seine rund 19 000 Kämpfer gegen 17 000 Söldner des Kaisers und der Liga, zu denen während der Schlacht noch weitere 2000 Reiter stoßen.
Als sich am Vormittag um 11 Uhr die Sonne zeigt, eröffnet schwedische Artillerie das Feuer; königliche Infanteristen stürzen sich auf kaiserliche Musketiere. Die Schweden erbeuten schwere Geschütze und töten den Liga-Feldherrn Gottfried Heinrich zu Pappenheim, ein Jahr zuvor Belagerer Magdeburgs.
Während der schwedische Sieg über die geschockten Feinde greifbar nahe scheint, hüllt gegen Mittag gespenstischer Nebel das Schlachtfeld ein. Der kurzsichtige König gerät zu nahe an die vorrückenden Kaiserlichen und wird von einem Reitertrupp seiner Landsleute getrennt. Da zerschmettert ihm eine feindliche Kugel den linken Ellenbogen.
Kurz darauf treffen weitere Kugeln den König in Rücken und Hinterkopf. Gustav Adolf stürzt zu Boden und stirbt. Kaiserliche Soldaten rauben dem Leichnam Siegelring, Goldkette und Uhr. Plötzlich ist der tote König nur noch einer von 9000 Gefallenen beider Seiten.
Militärisch haben die Schweden gewonnen, doch politisch sinkt ihr Stern nach dem Tod ihres Führers. Der hinterlässt, "in seinem Adlerfluge unerbittlich dahingestürzt", seine "verwaiste Partei trostlos hinter sich", wie Friedrich Schiller später schreiben wird.
Für die deutschen Protestanten endet mit Gustav Adolfs Tod abrupt der "zweideutige Beistand eines übermächtigen Beschützers", so Schiller. In der Nacht zum 17. November wird des Königs Leiche in einer Dorfkirche gewaschen und nach Weißenfels gebracht, ins Geleitshaus. Dort werden noch fünf Jahrhunderte später Besucher das Zimmer besichtigen, in dem der König einbalsamiert wurde. In dem Haus bleibt der Getötete noch bis Dezember 1632 aufgebahrt. Erst dann erfährt der Reichsrat in Stockholm die Todesnachricht. Das Protokoll der Versammlung vermerkt dazu skandinavisch kühl: "Der Senat verbrachte diesen Tag in Weinen und Klagen."
Es ist, als könne selbst der tote König sich nur allmählich vom deutschen Boden lösen, auf dem sich sein Schicksal vollendete. Tausende von Trauernden begleiten seinen Leichnam, der eine Nacht lang in der Schlosskirche zu Wittenberg aufgebahrt wird.
An diesem Ort hatte Martin Luther mehr als hundert Jahre zuvor die Reformation begonnen. Der kurze Aufenthalt in der Lutherstadt symbolisiert das bleibende Verdienst des schwedischen Königs: Er hat den Sieg der katholischen Reaktion und Gegenreformation in Deutschland verhindert.
Monatelang steht sein Sarg im Schloss Wolgast, einer später zerstörten Residenz der Pommernherzöge. Im Juni 1633 endlich überführen ihn die Schweden per Schiff in die Heimat. Dort lässt ihn seine Frau ein Jahr lang im Schloss der Hafenstadt Nyköping aufbahren, bis er am 2. Juli 1634 in der gotischen Riddarholmskirche in Stockholm beigesetzt wird.
Was Gustav II. Adolf den Schweden bedeutet, sagt sein Kanzler Oxenstierna: "In Schweden hat niemals einer regiert, der ihm gleich genannt werden dürfte. Wir wissen das. Aber auch alle fremden Nationen, Freund und Feind, müssen davon Zeugnis geben."
Mehr als ein Jahrhundert später wird der preußische König Friedrich II., der Große, sich im Kampf gegen die Habsburger auf Gustav Adolf berufen. Denn der Schwedenkönig hat dazu beigetragen, jenes protestantische Gemeinwesen zu bewahren, aus dem das für seine religiöse Toleranz bekannte Preußen hervorgeht. Friedrich wird Gustav Adolf würdigen als einen Kämpfer gegen den "Despotismus" des Wiener Hofes und als einen "König, dem man nichts vorwerfen kann als zu viel Ehrgeiz, einen Fehler, der leider den meisten großen Männern eigen ist".
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2011
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