27.09.2011

König Wilhelm im Kimono

Missionare und Wissenschaftler erschlossen ab dem 16. Jahrhundert Japans Kultur für den Westen, doch Nippon blieb den Europäern fremd.
Es klang nicht sonderlich freundlich, was Johann Gottfried Herder da über die Japaner schrieb. Und aufgeklärt schon gleich gar nicht: Die "Japonesen", heißt es in seinem Werk "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit", seien "fast durchgehends übel gewachsen, von dickem Kopf, kleinen Augen, stumpfen Nasen, platten Backen, fast ohne Bart und meistens von schiefen Beinen".
Vor allem aber waren Herders Zeilen wenig kenntnisreich. Ein tieferes Quellenstudium hat er offenbar nicht betrieben, geschweige denn das Reich der aufgehenden Sonne je betreten. Seine harschen Worte gegen die Japaner widersprechen auch seiner eher freundlich-enthusiastischen Idee von der Menschheit als solcher.
Während sich der Philosoph und studierte Theologe recht platt auf rassistisch anmutende Beschreibungen beschränkt, war das Bild von Japan, zumindest bei anderen gebildeten Europäern, bereits um einiges differenzierter und vielschichtiger, als Herders Volkskunde der krummen Beine vermuten ließ.
Japan, so viel steht fest, ist höchst unterschiedlich betrachtet worden. Mal galt Nippon Europäern als Ideal, als Vorzeigemodell einer besseren und friedlicheren Welt. Mal sahen die Bewohner des Okzidents in Japan nicht viel mehr als den stumpfsinnigen Abklatsch des chinesischen Reichs.
So wurden denn auch entweder das Tafelporzellan, die Kunstfertigkeit und mit ihr die gesamte japanische Hochkultur gelobt - wie es zum Beispiel der erste Österreicher tat, der 1625 japanischen Boden betrat. Dann wieder wurden die Japaner vom hohen Ross der Alten Welt herab der geradezu "knechtischen Verehrung ihrer Herren" bezichtigt.
Die Frage, ob denn "die Organe der Asiaten anders gestimmt sind als die unsrigen", stellte sich etwa ein Autor in der 1782 erschienenen Abhandlung "Bemerkungen über Japan und die Japaner", nachdem er japanischer Musik gelauscht hatte.
Es ist wohl Ironie der Geschichte: Gerade zur Zeit der europäischen Aufklärung, der allgemeinen Horizontweitung also, war es um die Wahrnehmung dieser so anderen Kultur besonders schlecht bestellt.
Die Herablassung der Ahnungslosen gipfelte in einem Brief Friedrichs des Großen an Voltaire: Es gebe keinen Zweifel, ausschließlich Europa sei maßgeblich für die Geschicke der Weltpolitik - alles, was man über Japan und die Bevölkerung des Inselreichs wisse, sei reine "curiosité", schrieb der Alte Fritz.
Seinem Urteil folgte die "Deutsche Enzyklopädie", die das Japan-Bild im ausgehenden 18. Jahrhundert so knapp wie tumb zusammenfasste: Gegenüber Europa sei Japan zurückgeblieben, der Japaner an sich sei schlicht nicht schöpferisch.
Dabei war Japan schon früh kein weißer Fleck auf der Weltkarte und bald auch wirklich erkundetes Gebiet. Im Mittelalter hatte der venezianische Weltenbummler Marco Polo in seinem Reisetagebuch noch Märchen über das Land kolportiert, das er selbst nie betreten hatte: Hier sei alles aus reinem Gold gefertigt, selbst Dachziegel und Treppen.
Die ersten Europäer, die japanischen Boden betraten, waren wohl einige Portugiesen, die 1542 durch einen Sturm vom Kurs abkamen und Zuflucht auf der Insel Tanegashima, südlich von Kyushu, suchten. Der Inselfürst zeigte sich insbesondere beeindruckt von ihren Feuerwaffen - der Handel Japans mit Europa begann.
Der Mann, der das Japan-Bild in Europa als erster tatsächlich zu formen begann, war ein spanischer Jesuit in portugiesischen Diensten, Franziscus Xaverius. Er war, anders als Herder später, voll des Lobes für die fremde, aus seiner Sicht zwar heidnische, aber doch bewundernswerte Kultur, die sich ihm da offenbarte.
Im fernöstlichen Inselreich sah der Missionar Mitte des 16. Jahrhunderts ein Vorbild fürs zerstrittene, kriegslüsterne Europa. Die Japaner seien tugendhafter als die Europäer, auch disziplinierter. Sie trügen in sich vereint die Vorzüge vieler europäischer Völker. Vorzüge, wohlgemerkt, die den gelehrten Jesuiten zum Schwärmen verleiteten und zu internationalen Vergleichen: Den Engländern zum Beispiel seien die Japaner ähnlich in ihrer stoischen Standhaftigkeit, den Franzosen hingegen in ihrer Liebe zum Luxus, zum Verschwenderischen. Die "Redlichkeit" wiederum, "die sie in Geschäften beweisen", schreibt der weltläufige Missionar, sei ihnen "nicht weniger natürlich als den Deutschen". So waren es vor allem diese Jesuiten-Briefe, die der europäischen Heimat frühe Vorstellungen vom Inselreich vermittelten.
Bald wetteiferten Betuchte der Alten Welt miteinander um die teuersten und luxuriösesten Exportgüter aus Nippon. Ferdinand II. von Tirol besaß eine edle Ryukyu-Lackschale, Maria Theresia hatte für heiße Schokolade eine Tasse aus Arita-Porzellan. Nicht nur der niederländische König Wilhelm III. trug gern Kimono, im Libretto zu Mozarts "Zauberflöte" steht die Regieanweisung, Tamino solle nach Möglichkeit einen "javonischen Jagdrock" tragen.
Was die Verbreitung der christlichen Lehre in Japan anging, waren Xaver und die Jesuiten erfolgreich. Die Zahl der Christen wuchs schnell, besonders in den Städten. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts soll es in Japan bereits über 300 Kirchen gegeben haben; die Zahl der Gläubigen war auf über 300 000 gestiegen.
Weil die Portugiesen und Spanier, wie später die Holländer und Engländer, von Süden übers Meer nach Japan kamen, nannten die Japaner sie "Nambanjin", was übersetzt etwa "Südbarbaren" bedeutete.
Immer erfolgreicher verbreitete sich die christliche Lehre, und eine brutale Unterdrückung begann, bis sich Japan sogar nach außen abschloss. Allerdings drangen selbst während dieser Zeit Augenzeugenberichte aus Japan nach Europa, vor allem über die Niederländer, denen es als einzigen Europäern erlaubt war, auf dem nahen Handelsposten Dejima zu bleiben.
Auf einem Schiff der "Allgemeinen Niederländischen Privilegierten Ostindischen Kompanie" kam auch ein Deutscher 1823 ins immer noch abgeschottete Japan, der bis heute als eine Art Alexander von Humboldt Japans gilt: Philipp Franz von Siebold schrieb sowohl auf Deutsch als auch in Latein über Botanik, Zoologie, über die Sprache und die Kultur Japans.
Siebold, geboren 1796, studierte in Würzburg Medizin und kam als junger Stabsarzt der niederländischen Armee zum Handelsposten auf Dejima vor Nagasaki. Hier liegt immer noch ein Gedenkstein, der Siebolds Verdienste ehrt: "Sein Name ist unsterblich durch seine große Tat, dass er das Edelste unseres Landes und Volkes erkannte und die Kunde davon den Nationen vermittelt hat."
Siebold ging so auf in seinem japanischen Leben, dass ein befreundeter Gesandter aus Preußen überzeugt war, er würde nie wieder nach Europa zurückkehren; er blieb insgesamt fast zehn Jahre. Anders als Siebolds Vorgänger Engelbert Kaempfer, den Theodor Heuss in seinen "Randfiguren der Geschichte" als den Mann benennt, der Ende des 17. Jahrhunderts "als erster den Europäern systematisch und gründlich Japan beschreibt" (siehe Seite 42), urteilt Siebold nicht über die Japaner. Er konzentrierte sich auf seine Beobachtungen und seinen "Atlas vom Japanischen Reiche", führte Tagebuch und untersuchte umfassend die Tier- und Pflanzenwelt. Seine ethnografische Sammlung machte er in Europa zum Grundstock eines Museums.
Maßgeblich als Zeitzeugen aus Japan wie auch für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung waren beide, Kaempfer und Siebold.
So variierte das Japan-Bild der Europäer stark über die Jahrhunderte - es war selten so schlicht wie in Herders Idee zur Menschheitsgeschichte. Julia Amalia Heyer
Von Julia Amalia Heyer

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2011
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