27.09.2011

Mit verstecktem Kompass

Schlau und akribisch sammelte der deutsche Naturforscher Engelbert Kaempfer Ende des 17. Jahrhunderts geheime Informationen aus dem abgeschotteten Inselreich der Shogune.
Zu sehen gab es schon einiges in der schmalen Bucht von Nagasaki: Links, vor der bergigen Kulisse des Landvorsprungs mit dem Inasa-Gipfel, sah man Wachtposten und am Ufer ein Pulvermagazin, rechter Hand lag der Chinesenhafen. Überall lugten aus der grünen Natur Tempelchen und Gehöfte hervor. Und geradeaus führte eine Brücke direkt ins quirlige Stadtzentrum.
Am liebsten wäre Engelbert Kaempfer gleich dorthin aufgebrochen und hätte sich umgesehen. Doch das war Fremden streng verboten. Nur die Holländer durften seit 1641 zumindest einen festen Stützpunkt unterhalten: die kleine künstliche Hafeninsel Dejima.
Hier hauste Kaempfer seit dem 26. September 1690 mit den Kollegen von der "Vereinigten Ostindischen Compagnie" (VOC), der mächtigen Handelsgesellschaft der Niederländer. Hier blieb er als Stationsarzt fast zwei Jahre isoliert; Japan selbst betrat er nur auf zwei scharf reglementierten Reisen in die Residenz. Und dennoch sollte es ihm gelingen, mehr Informationen über das geheimnisvolle Ost-Reich zusammenzutragen als alle früheren Reisenden.
Zugegeben, der Pfarrerssohn aus Lemgo war dafür bestens trainiert: Nach ausgedehnten naturkundlichen Studien, vor allem in Krakau und Königsberg, war der hochbegabte Nachwuchswissenschaftler in einer schwedischen Gesandtschaft über Russland bis nach Persien gelangt; viele hundert Seiten hatte er dort mit Notizen und Zeichnungen gefüllt. Palastgrundrisse und Dattelpalmen, Musikinstrumente und verwitterte Keilschrift - alles weckte sein Interesse.
In Isfahan hatte sich Kaempfer 1685 mangels besserer Alternativen bei der global operierenden VOC verdingt, hatte Indien gesehen, Ceylon umschifft, Java bereist. Nun schickten ihn seine zielstrebigen Arbeitgeber auch noch nach Dejima.
Ein Traumjob war es nicht: Vom hekischen Treiben während der Anwesenheit holländischer Frachter zwischen August und Okto-ber einmal abgesehen, hausten die wenigen Dauerbewohner eingepfercht in Häuslein aus Lehm und Tannenholz, ständig beaufsichtigt und abhängig von über hundert japanischen Dolmetschern. Forschungen zu unternehmen schien aussichtslos.
Doch Kaempfer, damals 39, hatte enormes Glück. Er wusste die Spitzel zu gewinnen, indem er ihnen schmeichelte, Unterricht anbot und auch mal "europäische Liqueurs" kredenzte. Bald entwickelte einer der Überwacher geradezu sportlichen Ehrgeiz, Auskünfte heranzuschaffen: Imamura Genuemon Eisei, etwa 24 Jahre alt, lernte von Kaempfer Holländisch, Anatomie und Heilkunde, bekam obendrein Lohn - und revanchierte sich mit Informationen über seine Heimat. Selbst Fachbücher schmuggelte er dem Gelehrten ins Haus, allen offiziellen Todesdrohungen zum Trotz.
Ein verblüffend genaues Kompendium kam so zusammen, von der Geografie des Landes - samt detaillierten Provinzkarten und sogar Stadtplänen - über seine Pflanzen- und Tierwelt, Sprache, Religion und die Verfassung des Tokugawa-Reiches bis zur Geschichte der Inseln. Speziell würdigte Kaempfer einheimische Therapien wie die Akupunktur. Über 500 Pflanzen beschrieb er akkurat, mehr als 200 zeichnete er auf großen Blättern ab. Ein gründliches Sonderkapitel widmete er dem japanischen Tee.
Natürlich erwähnte er auch das Spitzengewächs, das in bester Lage unter der Obhut eines "Oberhofteemeisters" allein für das Herrscherhaus angebaut wurde. Schließlich hatte er von der Luxussorte, für die pro Schluck ein Goldstück gerechnet wurde, selbst kosten dürfen - auf den beiden offiziellen Gesandtschaftsreisen der Holländer zum Regierungssitz Edo (dem heutigen Tokio).
Im Frühling jedes Jahres mussten die Bewohner von Dejima dem Landesherrn ihre Aufwartung machen. Nach umständlicher Vorbereitung durch vorausgesandte Geschenke brach die kleine Gruppe nach Norden auf, streng bewacht und gerüstet wie für eine Weltreise, mit Fächern, Sonnenhüten, aber auch großen Regenmänteln "von gefirnissetem und ins Oel getunkten doppeltem Papier".
Eigentlich sollten die Europäer ihre Route durch Japan nicht nachvollziehen können. Doch Kaempfer dachte sich einen riskanten Trick aus: In einer "rindenen Schachtel" hielt er "einen großen Compas" versteckt, "womit ich unvermerkt die Wege, Berge und Thäler allemal abmaß". Äußerlich wirkte das Utensil "wie ein Schreibzeug", so dass keiner der vielen Aufseher Verdacht schöpfte.
Einen Monat dauerte die von Zwischenstopps verzögerte Reise zu Land und Wasser; drei Wochen blieb die Abordnung in Edo. Bürokratie und mancherlei Gefälligkeiten - bis hin zur Bitte eines "Reichsrats" um holländischen Käse - kosteten ihre Zeit. Der Fußfall des holländischen "Opperhooft" vor dem mächtigen Shogun war nur ein Akt von Minuten. Danach aber ließ der Machthaber die Fremden regelrecht vorführen:
Bald musten wir nämlich aufstehen und hin und her spatzieren, bald uns unter einander komplimentiren, dann tanzen, springen, einen betrunkenen Man vorstellen, Japanisch stammeln, malen, Holländisch und Deutsch lesen, singen … ich an meinem Theile stimte hierbei eine Deutsche Liebesarie an.
So erniedrigend er solche "Affenpossen" fand, auch das eigens verfasste Gedicht hat Kaempfer akribisch festgehalten. Jede freie Minute verwendete er auf seinen geheimen Faktenschatz. Das Ergebnis ist, etwa in den Landschaftsschilderungen, von einer "unvergänglichen Vitalität", schwärmt zu Recht der Germanist und Kaempfer-Biograf Detlef Haberland.
Bei der Abreise am 30. Oktober 1692 mit dem Admiralsschiff "Pampus" befanden sich die Aufzeichnungen gut verteilt zwischen Warenballen; der abschließende Rundgang japanischer Kontrolleure hätte den Forschungscoup ja noch auffliegen lassen können. Erst als das Schiff die hohe See erreicht hatte, raffte Kaempfer stolz die vielen engbeschriebenen Blätter zusammen.
Als er ein knappes Jahr später wieder zurück in Europa war, wollte er seine Entdeckungen natürlich bald veröffentlichen. Doch daran war nicht zu denken: Der unbemittelte Gelehrte musste Geld verdienen. Nach einer eiligen Promotion an der Universität Leiden ließ er sich als Landarzt bei Lemgo nieder; 1698 wurde er immerhin Leibmedikus des örtlichen Grafen.
Zur Aufarbeitung des Materials blieb ihm allein die karge Freizeit, seit 1700 zusätzlich vergällt durch traurigen Ehekrieg mit einer über 30 Jahre jüngeren Frau. Fertig wurde lediglich eine dicke Sammlung von Studien zu Asien und seiner Vegetation, die 1712 erschienenen "Amoenitates exoticae". 1716 starb Kaempfer, zermürbt und verbittert, mit 65 Jahren.
Zum Glück meldete sich nun ein Experte, der Kaempfers Leistung einzuschätzen vermochte: Der britische Naturforscher Sir Hans Sloane, aus dessen Sammlungen später das Britische Museum entstehen sollte. Sloane kaufte Kaempfers Nachlass, und schon 1727 kam in London "The Histo-ry of Japan" heraus, die Europas Bild des Inselreiches mehr als ein Jahrhundert lang prägen sollte. Heute kümmern sich in Bonn, London und anderswo mehrere Forscherteams um das faszinierende Erbe des deutschen Japan-Pioniers. Johannes Saltzwedel
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2011
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