27.09.2011

Jagd auf jeden

Das Massaker von Nanjing wurde zum Sinnbild für japanische Kriegsverbrechen.
Friedlich stehen die Offiziere vor dem Tor beieinander, die Hände auf die Schwerter gestützt. Eine Tokioter Zeitung hat das Bild am 13. Dezember 1937 abgedruckt, es zeigt zwei Männer, die eine heimtückische Mission betreiben. Die japanische Armee befindet sich auf dem Vormarsch ins chinesische Nanjing, und die beiden Leutnants Toshiaki Mukai und Tsuyoshi Noda haben öffentlich darum gewettet, wer es als Erster schafft, 100 Chinesen mit dem Schwert zu töten. Das Interesse daheim ist groß, die Presse hält die Leser mit der aktuellen Kopfzahl auf dem Laufenden.
Einen Sieger gibt es nicht, der eine hat schließlich 105, der andere 106 Menschenleben auf dem Gewissen - niedergemetzelte chinesische Gefangene, wie Noda in der Heimat offen zugibt. Es habe sogar "Spaß" gemacht, erklärt er großspurig. Die perverse Wette - auch wenn Japan sie später als Propaganda darstellte - gibt einen Vorgeschmack auf das, was die kaiserliche Armee in der damaligen Hauptstadt Nanjing anrichten wird.
Schon lange hat das vom Bürgerkrieg zerrissene China japanische Begehrlichkeiten geweckt. Nach einem inszenierten Anschlag auf die südmandschurische Eisenbahn im September 1931 besetzt Japan die Mandschurei und gründet den Marionettenstaat Mandschukuo. Kriegsbetriebe mit einheimischen Sklavenarbeitern entstehen.
Dem Vormarsch der Japaner haben die Chinesen wenig entgegenzusetzen: Am 8. August 1937 fällt Peking, Ende November die Hafenstadt Shanghai. Mit der Eroberung von Nanjing beauftragt Kaiser Hirohito Prinz Asaka, seinen Onkel. Eine unheilvolle Entscheidung, denn Asaka selbst oder einer seiner Offiziere ordnet kurz vor dem Fall der Stadt am 13. Dezember an: "Tötet alle Gefangenen."
Für die Truppe legitimiert der Befehl die nun beginnenden Massaker. Einige hunderttausend Menschen, denen die Flucht nicht gelang, sind der Brutalität der Invasoren schutzlos ausgeliefert; sechs Schreckenswochen lang machen die Japaner Jagd auf jeden. Über 100 000 Chinesen werden getötet.
Zeitgenössische Berichte beschreiben grauenhafte Szenen: Gefangene werden zusammengebunden, mit Benzin übergossen und angezündet. Männer und Frauen dienen, an Pfählen festgezurrt, als lebende Objekte für Bajonettübungen oder zur Verfeinerung der Enthauptungstechnik. Menschen werden lebendig begraben, manche nur teilweise, um ihre Leiden zu verlängern. Anderen wird, so haben Überlebende berichtet, das Fleisch in langen Streifen vom Körper geschnitten, Augäpfel herausgerissen, Nasen und Ohren abgehackt.
Inmitten dieser Hölle, im Stadtzentrum, gibt es Zuflucht, vier Quadratkilometer nur. Der Deutsche John Rabe, Siemens-Vertreter für China und NSDAP-Mitglied, ist Vorsitzender eines internationalen Komitees, das die "Nanjing-Sicherheitszone" ausgerufen hat. Hierhin flüchten geschätzte 200 000 Menschen. Das Parteiabzeichen mit dem Hakenkreuz am Revers verschafft Rabe bei den Besatzungstruppen Respekt, aber oft genug ist auch er machtlos. Entsetzt notiert Rabe, der als "guter Nazi" von Nanjing in die Geschichte eingehen wird, in sein Notizbuch: "Sechs Personen getötet, weil sie sich vor der Tür ihres Hauses auf die Knie warfen und baten, ihre Töchter zu verschonen. Nachdem die Alten erschossen waren, wurden die Mädchen vergewaltigt ..."
Fast überall in den besetzten Gebieten kommt es zu Kriegsverbrechen - darunter der berüchtigte "Todesmarsch von Bataan". Am 9. April 1942 kapituliert nach monatelanger Belagerung die auf der philippinischen Halbinsel eingeschlossene US-Armee, rund 70 000 GIs und einheimische Truppen gehen in Gefangenschaft. Die Japaner schicken sie auf einen Todesmarsch: Zehntausende geschwächter Männer schleppen sich fast hundert Kilometer durch die tropische Hitze der Insel Luzón, ohne Nahrung und Wasser. Rund 15 000 von ihnen stehen die Strapazen nicht durch. Wer liegen bleibt, den benutzen japanische Offiziere für Schwertübungen, "Putzkolonnen" erschießen die Übrigen.
Soldaten, die kapitulieren, verlieren für die japanische Armee jedes Recht auf menschliche Behandlung. Auch die Einwohner der besetzten Gebiete degradieren die Ideologen Großjapans zu "Untermenschen" und "Tieren". Ein japanischer Journalist beschreibt seine Gefühle gegenüber gefangenen GIs: "Bei ihrem Anblick denke ich an Schmutzwasser, das aus den Abflussrohren einer Nation läuft, die von Bastarden abstammt und ihren Stolz verloren hat."
Die ungeheure Machtausdehnung Japans im pazifischen Raum und in Südasien erfordert den schnellen Bau von Flugplätzen, Eisenbahnen und Häfen als Nachschublinien und zum Abtransport der geplünderten Rohstoffe. Ob auf Borneo, den Philippinen, in Thailand oder Burma, überall müssen einheimische Zwangsarbeiter und alliierte Gefangene unter unmenschlichen Bedingungen härteste Arbeit verrichten.
Beim Bau der 415 Kilometer langen Burma-Eisenbahn durch dichtesten Dschungel kommen 102 000 Kriegsgefangene und Sklavenarbeiter zu Tode, Burmesen, Javaner und Tamilen - mehr als ein Drittel aller Arbeiter. Der Bau der Bahn wird 1946 bis 1948 vom Tokioter Tribunal als Kriegsverbrechen verfolgt, ebenso der Todesmarsch von Bataan. Für das Massaker von Manila, bei dem japanische Truppen Anfang 1945 trotz eines Rückzugsbefehls noch 100 000 Zivilisten töteten und die Stadt zerstörten, wird General Tomoyuki Yamashita hingerichtet. Das Massaker von Nanjing lässt Chinas Führung 1946 bis 1947 von einem Tribunal ahnden.
In den besetzten Gebieten Nordostchinas betreibt Japan während des Krieges auch die Entwicklung international geächteter Waffen. In Pingfang, einem südöstlichen Vorort von Harbin, errichten sie Ende der dreißiger Jahre eine Forschungsanstalt für biologische und chemische Kampfstoffe. Leiter ist der 40-jährige Militärarzt Major Shiro Ishii, der sich zuvor unter anderem in Deutschland über die Fortschritte bei der biologischen Kriegführung informiert hatte.
Getarnt als "Amt für Wasseraufbereitung", produzieren die Wissenschaftler seiner geheimen "Einheit 731" in großem Maßstab Pest-, Milzbrand-, Typhus- und Choleraerreger. Deren Wirksamkeit erproben sie vor Ort. "Maruta" - Holzklötze - nennen die Japaner verächtlich ihre Versuchsobjekte, meist Chinesen, aber auch Koreaner, russische Emigranten und Mongolen. Die Qualen der Infizierten beobachtet und protokolliert man genau, auch bei tödlichen Operationen, Kälte- und Hitzeexperimenten. Über 3000 Gefangene sterben elendig. Aus der Luft lassen die Japaner Giftgas und Krankheitserreger auf die nichtsahnende Zivilbevölkerung und Soldaten regnen, Zehntausende sterben.
Als die Sowjets im August 1945 in die Mandschurei einrücken, lässt Ishii die Anlagen sprengen und alle Gefangenen exekutieren. Er selbst flieht mit den wichtigsten Akten nach Japan. Die Amerikaner stöbern ihn auf, doch er kommt davon: Im beginnenden Kalten Krieg forschen die USA mit Hochdruck an Massenvernichtungswaffen, und Washington interessiert sich für Ishiis Unterlagen aus Pingfang. Der Oberkommandierende, General Douglas MacArthur, setzt sich für ihn ein, 1946 erhält er Immunität.
Shiro Ishii baut nach dem Krieg die erste Blutbank Japans auf und verdient im Korea-Krieg ein Vermögen. 1959 stirbt er mit 67 Jahren an Krebs. Auch Prinz Asaka wird für Nanjing nie zur Rechenschaft gezogen - er fällt unter die Generalamnestie der Amerikaner für die kaiserliche Familie. Friedlich entschläft er 1981 mit 93 Jahren. Die beiden Schwertmörder dagegen werden vom Tokioter Kriegsverbrechertribunal an China ausgeliefert, verurteilt und im Januar 1948 erschossen. Thorsten Oltmer
Von Thorsten Oltmer

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2011
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