27.09.2011

SEITENBLICKUnruhiges Palmenparadies

Auf der japanischen Inselgruppe Okinawa sind noch immer US-Militärs stationiert - zum Unwillen der Bevölkerung.
Die Schlacht um die Inselgruppe Okinawa, so schien es, war Ende Juni 1945 beendet. Da hatten US-Truppen den erbitterten Widerstand der Japaner gebrochen. 12 520 amerikanische und mindestens 66 000 japanische Soldaten starben, mehr als 100 000 Zivilisten wurden getötet. "Insel des Todes" hieß Okinawa hernach.
Doch auch 66 Jahre nach Kriegsende ist der Kampf um Okinawa nicht zu Ende. US-Militärs nutzen immer noch rund ein Fünftel des Inselgebiets, gegen anhaltenden Widerstand der Bevölkerung.
Mehr als 22 000 GIs sind auf Okinawa stationiert, und sie sind nicht beliebt. Viele der 1,35 Millionen Einwohner belästigen das Dröhnen der Militärhubschrauber und die Umweltverschmutzung. Sie erregen sich über Diebstähle und Verkehrsunfälle von US-Soldaten, bei denen schon Japaner starben. Für öffentlichen Protest sorgen häufig Nachrichten von US-Bediensteten, die sich an Minderjährigen vergehen. Zwar versuchen US-Militärs, Straftaten mit Hilfe ihrer Militärpolizei zu verhindern. Doch die Japaner erbost, dass die Soldaten überwiegend der japanischen Rechtsprechung entzogen sind.
Auf ihre Regierung in Tokio können die Bürger von Okinawa nicht zählen. Denn obwohl sie schon 90 000 Menschen aller politischer Richtungen zu einer Kundgebung für den Abzug der US-Armee mobilisierten, ändert sich nichts. Das Problem ist: Japan hat die Stationierung der US-Soldaten 1960 in einem Truppenabkommen akzeptiert. Im Jahr 2010 scheiterte der Versuch des damaligen Premierministers Yukio Hatoyama, eine US-Basis aus Okinawa zu verlegen, kläglich unter dem Druck einer mächtigen US-Lobby. Als er sein Wahlversprechen zum Truppenabzug gebrochen und sein Koalitionspartner ihm das Vertrauen entzogen hatte, trat Hatoyama zurück.
Als ärmste Präfektur Japans ist das Palmenparadies auf Hilfsgelder aus der Staatskasse angewiesen. Die Löhne auf Okinawa liegen deutlich unter denen von Tokio. Für die Regierung aber ist die Sicherheitsallianz mit den USA ebenso wichtig wie für diese der strategische Stützpunkt Okinawa.
Dieser liegt näher an der Insel Taiwan, dem chinesischen Festland und Korea als an Tokio. Während des Korea-Krieges und im Vietnam-Krieg diente die Inselgruppe als Sprungbrett für Kampfeinsätze der U. S. Marines. Auch in die Kriege im Irak und in Afghanistan entsandten die USA Soldaten, die sie zuvor im subtropischen Trainingslager auf Okinawa ausgebildet hatten.
Nur eine "Partei zur Realisierung des Glücks" wirbt auf Okinawa ungeniert für einen Verbleib des US-Militärs: Sie verbreitet in Propagandavideos Schreckensbilder einer nordkoreanischen und chinesischen Bedrohung. Schon der Name der US-Freunde klingt verdächtig nach dem "pursuit of happiness" - dem Recht, nach Glück zu streben, das die amerikanische Unabhängigkeitserklärung jedem Bürger garantiert. Uwe Klußmann
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2011
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