27.09.2011

Böse Bombe, gutes Atom

Etwa 200 000 Japaner starben 1945 durch die Bomben von Hiroshima und Nagasaki, aber schon bald danach baute das Land Atomreaktoren in Serie. Politiker und Experten schufen eine Sicherheitslegende, die in die Katastrophe von Fukushima führte.
Als Japans Premierminister Naoto Kan an diesem heißen Augustmorgen im Friedenspark von Hiroshima ans Pult tritt, weiß er, dass er nicht mehr lange im Amt sein wird. Er hat gerade gemessenen Schrittes einen Kranz mit Chrysanthemen am Mahnmal für die Opfer der Atombom-be niedergelegt, die an diesem Tag vor 66 Jahren fiel. Er hat den Friedenstauben nachgeschaut, die in den Himmel aufgeflattert sind. Er hat die Mächte der Welt aufgefordert, ihre Atomwaffen abzuschaffen. Er hat all das gemacht, was ein japanischer Regierungschef routiniert macht an so einem Gedenktag.
Aber dann spricht der Premier noch von Fukushima und sagt: "Ich bedaure zutiefst, dass ich an den Sicherheitsmythos der Atomkraft geglaubt habe."
Es ist nur ein Satz, aber er bricht mit einer japanischen Lebenslüge. Mit einem Mantra, das die Regierung den Bürgern jahrzehntelang gepredigt hat. Danach gibt es ein böses Atom: jenes der Bombe. Und es gibt ein gutes Atom: Das liefert die Kraft für Japan als Wirtschaftsnation von Weltrang.
Die Lüge ist längst mit der Wirklichkeit kollidiert. Bei der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März dieses Jahres trat nach Berechnungen von Experten ein Vielfaches an strahlendem Cäsium der Hiroshima-Bombe aus. Auch weil Kan die Lüge ansprach, musste er abtreten. Die Führungselite der beiden großen japanischen Parteien ist nicht bereit für eine solche Einsicht.
Die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki haben in Japan einen Namen - Hibakusha, die "von der Explosion Betroffenen". Monate nach Fukushima begannen Japaner auch die Menschen von dort so zu bezeichnen.
Der Bürgermeister von Nagasaki ging bei der Gedenkfeier seiner Stadt noch weiter. "Als Menschen einer Nation, die nukleare Verwüstung erlebt hat, haben wir immer appelliert: keine neuen Hibakusha. Wie ist es gekommen, dass wir wieder von der Angst vor Radioaktivität bedroht werden?", fragte Tomihisa Taue. "Sind wir zu selbstsicher, dass wir als Menschen alles kontrollieren können?"
Solche Nachdenklichkeit ist in der Regierung in Tokio selten. Denn die Geschichte der Atomkraft in Japan ist auch die Geschichte einer Elite, die ihre eigenen Ziele verfolgt - und auf die Bürger wenig Rücksicht nimmt.
Am Morgen des 6. August 1945 war Japan noch ein Täterland. Es hatte einen Expansionskrieg geführt, dem allein mindestens 15 Millionen Chinesen zum Opfer fielen.
An diesem 6. August 1945 um 2.45 Uhr startet der US-Bomber "Enola Gay" von Tinian Island im Pazifik. Die 350 000 Menschen von Hiroshima, Japans siebtgrößter Stadt, schlafen zu der Zeit in noch unzerstörten Häusern, andere Städte liegen längst in Trümmern. Hiroshima haben die Amerikaner geschont; die Atombombe soll ihre Zerstörungskraft in einer unversehrten Stadt beweisen.
Pilot Paul Tibbets hat die "Enola Gay" nach seiner Mutter benannt. Im Bauch liegt eine einzige Bombe, über drei Meter lang und 4,4 Tonnen schwer: "Little Boy" - von den Wissenschaftlern des Manhattan-Projekts so genannt, weil sie kleiner geworden war als geplant. 64 Kilogramm angereichertes Uran 235 warten in zwei getrennten Teilen.
Der dreijährige Masamoto Nasu frühstückt wie jeden Tag schon zeitig mit seinen Eltern in ihrem bescheidenen Haus im Nishi Bezirk. Vor acht Uhr macht sich der Vater auf den Weg zur Mädchenschule, in der er Kalligrafie und Sport unterrichtet. Seine Schülerinnen sollen erst abends kommen - sie fahren Straßenbahn und Bus, Männer gibt es kaum noch in Hiroshima.
Um 8.09 Uhr kann die Besatzung der silbrigglänzenden "Enola Gay" Hiroshima erkennen. Es ist schon 27 Grad warm. Ein paar Bewohner sehen das Flugzeug und wundern sich, warum es keinen Fliegeralarm gibt. Um 8.15 Uhr öffnet der Bomben-Schütze über der Aioi-Brücke die Luke. 43 Sekunden fällt "Little Boy" Hiroshima entgegen.
Die "Enola Gay" fliegt eine scharfe Wendeschleife, so schnell wie möglich weg von der Explosionsstelle. Pilot Paul Tibbets setzt später seinen Funkspruch ab: "Angriff bei 1/10 Bewölkung gemacht. Kein Gegenangriff oder Feindfeuer. Alle Ziele klar erreicht, kehre jetzt zur Basis zurück."
Im Innern der fallenden Bombe hat die Zündphase begonnen. In 580 Meter Höhe, direkt über dem Shiwa-Krankenhaus, zerreißt die Explosion mit der Sprengkraft von etwa 11 000 Tonnen TNT die Luft. Im Epizentrum der Explosion ist es mehrere Millionen Grad heiß, auf dem Boden immer noch 4000 Grad. Dachziegel und Glasflaschen schmelzen wie weiches Wachs.
Der kleine Masamoto sitzt gerade mit seiner Mutter draußen auf der überdachten Terrasse. Da zuckt der gewaltige Lichtblitz auf, zugleich kommt die brennend heiße Luft und eine Druckwelle, die noch 25 Kilometer entfernt die Glasscheiben zerstört. Das schmale Terrassendach rettet Masamoto und seiner Mutter das Leben. Es schützt sie vor der Hitze- und Druckwelle. Doch berstende Fensterscheiben zerschneiden ihre Gesichter und Arme. Die Wäsche im Garten, eben gerade nass aufgehängt, verbrennt. Ein Teil des Hausdaches wird weggerissen.
Deshalb kriecht Masamoto mit einem Märchenbuch in den Schrank des Wohnzimmers, als draußen dann schwarzer Regen fällt. Diese Momente im Schrank sind seine früheste Erinnerung.
Tausende Menschen versuchen, die Stadt zu verlassen. Sie kommen am Haus der Nasus vorbei. Masamoto sieht völlig verbrannte Menschen, die Gliedmaßen schwarz verkohlt wie Asphalt. Viele tragen die Arme waagerecht erhoben vor sich, die verbrannte Haut hängt in Fetzen herab. Ein Mensch verdampft auf der Treppe der Sumitomo Bank nahe dem Epizentrum. Er hinterlässt nur einen schwarzen Schatten auf den Steinen, der noch heute sichtbar ist.
Masamoto Nasu, der Junge mit dem Märchenbuch, ist heute 69 Jahre alt. Er schreibt Geschichten für Kinder, über drei 12-jährige Jungen, die zusammen Abenteuer erleben. Fast jeder in Japan kennt sie. 200 Bücher hat er geschrieben: Sie haben sich 27 Millionen Mal verkauft.
Er ist groß und schmal, er trägt ein Polohemd und Fitnesslatschen, jeden Abend geht er eine Stunde spazieren. Nun greift er mit Daumen und Zeigefinger an seinen Arm und zeigt, wie damals die Bombe die Haut von Händen und Armen ablöste. "Die Leute haben gefragt, ob sie sich bei uns ausruhen können", erinnert sich Nasu. Er half, Futons über die verbrannten, vor Schmerzen wimmernden Menschen zu decken. "Sie waren grau und die Haare standen ab, wie bei einem Afro."
Zehn Jahre später veröffentlicht Nasus Vater Gedichte über das, was er auf der Suche nach seinen Schülerinnen erlebt hat. "Ich sah Straßenbahnen, aus den Schienen gerissen, total ausgebrannt, lauter Tote", heißt es in einem. "Entlang den Straßen fragen sie nach Wasser, sie stöhnen, aber ich kann ihre Gesichter nicht erkennen. Am Fluss ist das Wasser auf dem Grund ganz klar, aber ich kann die vielen Leichen nicht einmal zählen."
Am 9. August 1945 werfen die USA die zweite Atombombe auf Nagasaki ab. Der Spaltstoff in ihrem Innern besteht aus Plutonium. Die Wirkung ist ähnlich verheerend. In den Monaten danach sterben viele Verletzte an den Verbrennungen und an Strahlenkrankheit. Auch Masomotos Vater wird krank, sein Zahnfleisch blutet. Es gibt kein Mittel gegen die Strahlenkrankheit, doch der Vater erholt sich wieder. Bis Ende 1945 sind in Hiroshima und Nagasaki zwischen 150 000 und 246 000 Menschen gestorben, genauere Todeszahlen ließen sich nicht ermitteln.
"Der Bombenabwurf der Amerikaner machte aus einem Tätervolk mit einem Schlag eine Opfernation", schreibt der deutsche Politologe Peter Reichel. In den USA rechtfertigte sich Präsident Harry Truman, er habe mit dem Einsatz der Atombombe das Leben von mindestens einer halben Million amerikanischer GIs gerettet.
"Japan war am Ende und hätte kapituliert", sagt Ikuro Anzai, Kernphysiker und lange Direktor des Friedensmuseums von Kyoto. "Die Amerikaner hatten zwei Waffen entwickelt und die wollten sie ausprobieren. Vor allem die Bombe auf Nagasaki war komplett unnötig." Amerika wollte den Russen zeigen, welche Macht es nun habe: "Es war der Beginn des Kalten Krieges im heißen Krieg."
Die amerikanische Besatzungsmacht, die nach der Kapitulation im September 1945 einrückt, verordnet Japan zwar die Demokratie. Aber sie führt eine Zensur ein: jegliche Berichterstattung über Hiroshima und Nagasaki ist verboten, bis 1952.
Schon 1946 gründen die USA die "Atomic Bomb Casualty Commission", die Atombombenopfer-Kommission. In Baracken hoch auf einem Berg am Rande Hiroshimas untersuchen amerikanische und japanische Wissenschaftler systematisch die Überlebenden der Bombe. Ihre Erkenntnisse gelten heute als Meilensteine der Forschung. Japans Behörden ermitteln 280 000 Überlebende von Hiroshima und Nagasaki. 120 000 von ihnen werden in einer Studie erfasst, die so lange laufen soll, bis die letzten Überlebenden gestorben sind.
Die Forscher berechnen nachträglich, wie viel Radioaktivität sie ausgesetzt waren - gewaltig höheren Dosen auf einmal als in Fukushima. Auch 3600 Kinder, die bei der Explosion noch im Mutterleib waren, werden untersucht. Eins wird den Wissenschaftlern schnell klar: Wer als Embryo verstrahlt wird, kommt häufiger geistig behindert zur Welt, mit einem zu kleinen Gehirn.
Auch der Grundschüler Masamoto Nasu wird regelmäßig untersucht. Abends zieht er im Schein der Deckenlampe mit einer Pinzette winzige Glassplitter aus dem Rücken des Vaters, noch viele Jahre später. Eine Mitschülerin stirbt 1954 an Leukämie.
Anfang der fünfziger Jahre kommt es zu einer Leukämiewelle. Die Menschen erkrankten um so häufiger, je näher sie sich am Epizentrum befanden und je jünger sie waren, erkennen die Ärzte. Nach ihren Untersuchungen sind bis zum Jahr 2000 rund 200 Überlebende an Leukämie gestorben, etwa die Hälfte davon führen sie auf die Strahlung zurück. Kinder siechen in den Krankenhäusern in Hiroshima und Nagasaki einem elenden Tod entgegen.
Doch auf der Weltbühne wandelt sich das Atom zur selben Zeit vom Inbegriff der Zerstörung zum Hoffnungsträger. Der Technikglaube der Nachkriegszeit stärkt das Vertrauen in die friedliche Nutzung der Nuklearkraft. Am 8. Dezember 1953 tritt US-Präsident Dwight Eisenhower vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York. "Wenn das nukleare Wettrüsten umgekehrt werden kann, dann kann die schlimmstmögliche Zerstörungskraft zu einem Segen entwickelt werden, zum Wohle der ganzen Menschheit." Eisenhower schlägt vor, eine Uno-Atomenergiebehörde zu gründen. Sie soll Nationen radioaktives Material für friedliche Zwecke zur Verfügung stellen.
Dem US-Präsidenten geht es auch darum, Verbündete enger an die USA zu binden und den Westen zu stärken. Gleichzeitig will er die Abscheu vor Atomwaffen mindern. Seine Berater regen an, die friedlichen Aspekte zu betonen: "In der jetzigen Weltmeinung könnten wir Atombomben nicht benutzen. Wir sollten jede Anstrengung unternehmen, dieses Gefühl abzubauen."
In Japan haben die USA zwei Verbündete, sie werden die Väter des japanischen Atomprogramms. Einer von ihnen ist Yasuhiro Nakasone, ein ehrgeiziger Politiker mit hochfliegenden Plänen für die nun aufstrebende Nation. Nakasone wird später Premierminister, er brüstet sich, alle wichtigen Atomgesetze Japans auf den Weg gebracht zu haben.
Der andere ist Matsutaro Shoriki. Er sitzt als Kriegsverbrecher im Gefängnis, wird aber bald freigelassen und von den Amerikanern wegen seines entschlossenen Antikommunismus geschätzt. Shoriki wird Japans Medienmogul, Eigentümer der größten Tageszeitung "Yomiuri Shimbun" und des neuen Senders Nippon TV. Und er arbeitet offenbar mit der CIA zusammen. Der Geheimdienst führt ihn unter dem Decknamen Podam. "Er ist eine Art japanischer Rupert Murdoch", sagt Toru Takeda, Medienwissenschaftler an der Tokioter Keisen Universität. Takedas letztes Buch heißt: "Wie wir eine Nuklearenergie-Supermacht geworden sind."
Die Freunde Nakasone und Shoriki glauben, nur die Kraft des Atoms könne dem kriegsgeschwächten Japan wieder aufhelfen. Und beide wissen, dass bei der Erzeugung von Nuklearstrom auch Material für Atombomben anfällt. Schon 1954 hat Nakasone die erste Atomförderung durchs Parlament gepaukt. 235 Millionen Yen, umgerechnet 12,5 Millionen Euro, Forschungsetat hat er dafür loseisen können - eine Summe, für die sich Nakasone von der Nukleonenzahl von Uran 235 inspirieren ließ. "Nakasone sagte sich: Wenn die Wissenschaftler so langsam sind, dann werde ich sie eben mit dem Geld ohrfeigen", so der Atomingenieur Hiroaki Koide aus Kyoto.
Weil die japanische Öffentlichkeit aber skeptisch ist, beginnen die US-Botschaft in Tokio, der US Information Service USIS und die CIA eine gewaltige PR-Kampagne für Atomkraft. Unterstützt von der Zeitung des Ex-Kriegsverbrechers Shoriki bringen sie 1955 das Atom in einer Ausstellung nach Japan zurück. Die Schau reist von Tokio auch nach Hiroshima und in sechs andere Städte. In Kyoto wollen 155 000 Menschen sehen, wie Atomkraft schier unerschöpflich Strom erzeugen kann.
Die liberale Zeitung "Mainichi Shimbun" kommentiert die Kampagne beißend als "gewitzte Geldmacherei, verkleidet als Atome für den Frieden aus dem Ausland". Aber die Japaner lassen sich beeindrucken. Sie wollten, "dass ihr Land eine moderne wissenschaftlich-industrielle Macht ist, und wissend, dass Energierohstoffe fehlten, ließen sich die Menschen überzeugen, dass Atomkraft sicher und sauber war. Sie vergaßen die Lehren von Hiroshima und Nagasaki", schreibt der US-Historiker Peter Kuznick im April im Fachmagazin "Bulletin of the Atomic Scientists".
"Weil wir so sehr unter der Schattenseite des Atoms gelitten haben, haben wir ein umso stärkeres Anrecht auf die Lichtseite", erklärt Medienforscher Toru Takeda die japanische Denkweise.
1956 wird die japanische Kernenergiekommission gegründet. Es ist wieder Nakasone, der das Gesetz durchgebracht hat. Den Abgeordneten erzählt er: "Atomenergie war einmal ein gewalttätiges Tier, nun ist sie ein zahmes Nutztier geworden." Kaum verhüllt appelliert er an den Nationalismus der Politiker: "Japan sollte seine nationale Stärke mit Hilfe der Atomkraft vergrößern, um einen rechtmäßigen Platz in der internationalen Gemeinschaft zu erlangen."
Erster Chef der neuen Kernenergie-kommission wird Medien-Mogul Shoriki. Das Amt macht ihn auch gleich zum Staatsminister für Atomenergie. Ein Jahr später hat Japan schon Verträge für 20 Reaktoren unterschrieben. Shoriki preist seinen Landsleuten die Atomkraft als friedensstiftend an: Schließlich habe man doch den Zweiten Weltkrieg aus Mangel an Rohstoffen geführt.
In der Wiederaufbauzeit fühlen sich viele idealistische junge Männer zur Kernkraft hingezogen. Zu ihnen gehört auch Hiroaki Koide, der als Schüler fasziniert die Atom-Ausstellungen in Tokio besucht. "Ich war viele, viele Male da", sagt Koide. "Die Atombombe war so stark und schrecklich, aber ich dachte, es wäre wundervoll, diese Kraft friedlich zu nutzen." Heute ist Koide Nuklearingenieur an der Universität von Kyoto und einer der profiliertesten Atomkritiker des Landes. "Den japanischen Bürgern wurde vorgegaukelt, dass die Bombe und die Energie zwei komplett verschiedene Dinge sind."
Im Juli 1966 geht nach fünf Jahren Bauzeit der erste kommerzielle Atom-reaktor in Tokaimura ans Netz, ein britisches Modell. Schon ab 1970 produzieren drei weitere Reaktoren Strom: Tsuruga, Mihama und Fukushima. Praktisch jedes Jahr kommen weitere hinzu.
Der Wirtschaftsboom der sechziger Jahre wertet Japan auf. Bei einigen leben schon wieder Großmachtphantasien auf. "Japan sollte wieder ein großes Land werden", sagt Koide. Der Ingenieur glaubt, dass Nakasone schon 1954, als er Japans erstes Atomprogramm durchsetzt, im Hinterkopf andere Pläne hat. "Sein Ziel war, eine Atombombe zu bekommen."
Früh hatte Nakasone vorgeschlagen, einen Schnellen Brüter zu bauen, der den Bombenstoff Plutonium produziert. 1970 beginnt Japan mit dem Bau eines experimentellen Brüters in Joyo, anderthalb Jahrzehnte später wird der Prototyp in Monju gebaut. Premier Eisaku Sato sagt 1965 dem US-Präsidenten Lyndon Johnson: "Wenn die kommunistischen Chinesen Nuklearwaffen haben, dann sollten die Japaner auch welche haben." Aber die Amerikaner haben den Pazifismus in der japanischen Verfassung festgeschrieben. Dennoch besitzt Japan heute mehr als 45 Tonnen reines Plutonium, genug für mehrere tausend Nagasaki-Bomben.
Die Ölkrise vom November 1973 gab der Atomwirtschaft noch einmal einen Schub. "Danach mussten wir die Abhängigkeit vom Öl reduzieren, eine nationale Aufgabe. Die Stromfirmen wollten wegen der finanziellen Risiken nicht so tief in die Atomkraft einsteigen, aber die Regierung versprach: Wie helfen euch", erklärt der Atomenergie-Historiker Hitoshi Yoshioka. "Spätestens seitdem gibt es eine enge Beziehung zwischen Firmen und Regierung."
In den siebziger Jahren formiert sich aber auch spürbarer Protest gegen die Kraftwerke. Fischer, Bauern und Anwohner wehren sich gegen neue Standorte. Also bauen die Betreiber neben den alten Anlagen, das ist leichter durchzusetzen. So kommt es, dass in Fukushima insgesamt zehn Reaktoren nebeneinanderstehen.
Premierminister Kakuei Tanaka entwickelt 1974 ein ausgeklügeltes System, mit dem er die AKW schmackhaft machen kann: Fördermittel werden beim Bau eines Kraftwerks mindestens fünf Jahre lang an die Gemeinde ausgeschüttet. 1980 zahlt die Regierung etwa 500 Millionen Euro an AKW-Standorte. Von dem Geld bauen die Gemeinden Straßen, Schulen und schicke Sportplätze.
Dörfer und Kleinstädte um Fukushima bekamen seit 1974 die unglaubliche Summe von fast 2,5 Milliarden Euro. 11 000 Arbeitsplätze brachten die Werke in die Region, in jeder zweiten Familie arbeitet jemand im Kraftwerk. Fischer erhielten hohe Entschädigungen.
Kazuko Ota trägt einen blauen Wickelrock mit Buddhamotiven und eine Kurzhaarfrisur. Sie sieht ein bisschen aus wie ein Hippie, aber sie sagt, sie sei eher mit den Ideen des Kaisertums aufgewachsen. Sie ist 81 Jahre alt, 45 davon hat sie mit dem Protest gegen das Atomkraftwerk Tsuruga verwandt. Es ging ihr nicht um die Atompolitik, es ging ihr um ihre Heimat. Sie hielt Plakate hoch: "Wenn ihr Atomkraftwerke braucht, baut sie doch in Tokio." Oft wurde sie als Querulantin belächelt. Nun fällt ihr zu Fukushima nur ein Satz ein: "Ich habe es euch doch gesagt."
1973 reichten Atomgegner die erste Klage gegen ein Kraftwerk ein. Sie verloren den Prozess, wie fast alle anderen danach. Allerdings dauert es inzwischen rund ein Jahrzehnt, bis ein Reaktor ans Netz gehen kann. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 sammelten Aktivisten in Japan 3,6 Millionen Unterschriften gegen Atomkraft. Aber eine politische Bewegung so wie in Deutschland gab es nie, sagt Aileen Mioko Smith von Green Action: "Wir waren immer ganz schwach im Lobbying in Tokio."
Und Kritiker werden kaltgestellt: Der Atomingenieur Hiroaki Koide wandelte sich im Studium vom glühenden Verfechter der Kernenergie zum Gegner. Der Professor sitzt in einem winzigen Büro, mit rohen Betonwänden. "Ich bin jetzt seit 37 Jahren hier", versucht sich Koide in Galgenhumor, "und ich bin immer noch Assistenzprofessor. Das reicht wahrscheinlich fürs Guinness-Buch der Rekorde. Wir versuchen nein zu sagen, aber sie fahren einfach mit einem Bulldozer über uns hinweg."
Schlimmer noch erging es dem Kernphysiker Ikuro Anzai, er war Spezialist für Strahlenschutz, beschäftigt an der medizinischen Fakultät der Universität Tokio. 1972 und 1973 sprach er vor Wissenschaftlern und sogar im Parlament auch von den Risiken der Atomkraft. "Danach war ich der Staatsfeind, gehasst von allen Atomleuten", erzählt er. Der Laborleiter habe angeordnet, dass niemand mit ihm sprechen, zu Mittag essen oder auch nur neben ihm gehen sollte.
Als Nakasone, der Vater der japanischen Atomenergie, 1987 als Premierminister abtritt, gibt es längst das "Atomdorf": Kritiker zählen zu dieser Elite die Atomspezialisten im Industrieministerium Miti, Experten der Stromfirmen und viele Wissenschaftler. Die großen Parteien bekommen nun gewaltige Spenden von den Stromfirmen, die auch Universitäten unterstützen. Die Firmen sponsern Nachrichtensendungen, sie bauen Strom-Museen, die Vergnügungsparks ähneln. Dazu gibt der japanische Staat jährlich etwa 300 Millionen Dollar für Atomwerbung aus. Die Schulbücher beschreiben Atomstrom als sichere Energie.
"Das Gesetz verpflichtete die Firmen, keine Unfälle zu haben", sagt Tatsujiro Suzuki, Vizechef der japanischen Atomenergiekommission. Daran glaubten praktisch alle.
Dabei gab es Unfälle, etwa in der Atomanlage Tokaimura, wo im September 1999 schlecht geschulte Arbeiter Uran für einen Schnellen Brüter zusammenmischten. Eine Kettenreaktion begann, drei Arbeiter wurden schwer verstrahlt, zwei starben qualvoll. 2002 war auch der Fukushima-Betreiber Tepco in einen Skandal verwickelt: Es kam heraus, dass der größte Stromanbieter des Landes über Jahre systematisch Untersuchungsberichte gefälscht hatte. Doch nach ein paar Rücktritten von Tepco-Bossen ging man zur Tagesordnung über.
Dabei bebt das dichtbesiedelte Land so oft und so stark wie kaum ein anderes auf der Welt. Aktivisten diskutieren gerade mit Tepco-Vertretern über die Tsunami-Sicherheit des weltgrößten Atomkraftwerks Kashiwazaki-Kariwa, als am 11. März um 14.46 Uhr die Hauptinsel von Japan erschüttert wird.
Das Beben erreicht die Stärke 9,0. Es ist das schwerste Beben, seit es Aufzeichnungen in Japan gibt. Das Epizentrum liegt im Pazifik, 160 Kilometer von den Kraftwerkskomplexen Fukushima Daiichi und Daini entfernt. Eine Automatik schaltet das Kraftwerk ab. Aber vermutlich brechen schon da Rohre, wird das Kraftwerk beschädigt.
Die Tsunami-Schutzmauer in Fukushima ist knapp sechs Meter hoch, berechnet von einer Kommission japanischer Ingenieure - viele von der Stromindustrie bezahlt. Aber die Welle, die jetzt auf das Kraftwerk zurollt, ist 14 Meter hoch. Um 15.41 Uhr flutet sie die Keller mit den Dieselgeneratoren und spült alle Gewissheiten über die Sicherheit der japanischen Kernkraftwerke weg.
Tepco ist nicht auf einen Unfall vorbereitet: In ihrer Verzweiflung reißen Arbeiter Batterien aus Autos, um überhaupt ein wenig Strom zu haben. Sie laufen zu den nächsten Häusern, um sich Taschenlampen zu leihen. Gewaltige Mengen Radioaktivität entweichen in Fukushima, 168-mal so viel Cäsium wie bei der Hiroshima-Bombe. In einem Regierungsgebäude in Tokio sagt das nach Tschernobyl angeschaffte Computerprogramm Speedi exakt voraus, in welche Richtung die radioaktive Wolke ziehen wird. Genau dorthin fliehen viele Menschen. Niemand warnt sie.
Ein halbes Jahr nach dem Unfall sind immer noch Zehntausende in Notunterkünften, Behelfshäusern oder bei Freunden untergebracht. Gewaltige Mengen radioaktives Wasser sind ins Meer gelaufen. Rindfleisch, Reis und Gemüse sind radioaktiv belastet. Viele Menschen betäuben ihre Angst mit Alkohol und Spielautomaten. Die Suizidraten steigen.
Nun versucht die Regierung die Menschen zu beruhigen - mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Forschung in Hiroshima und Nagasaki. Danach steigt die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, linear mit der Höhe der Strahlendosis an. Die Forscher fanden aber auch, dass die Strahlung weniger häufig tödlich ist, als viele heute annehmen. Von den 120 000 Überlebenden, die ab 1950 untersucht wurden, "sind etwa 900 an strahlungsbedingtem Krebs gestorben", sagt Roy Shore, der Vizedirektor der Gesellschaft zur Erforschung der Strahlungsfolgen. Auch Herzerkrankungen und Schlaganfälle forderten Todesopfer. Von den untersuchten Bombenopfern sind 35 Prozent heute, 66 Jahre später, noch am Leben. Bei den Kindern der Hibakusha konnten die Forscher bislang überhaupt keine strahlenbedingten körperlichen Beschwerden feststellen.
Aber die Menschen in Fukushima misstrauen den amtlichen Experten. Schließlich war es die Regierung, die ihnen gesagt hatte, es werde kein Unfall passieren. In der Präfektur Fukushima sind Mütter um ihre Kinder besorgt. Kanako Nishikata hat einen 11-jährigen Sohn und eine 8-jährige Tochter. Vor der Katastrophe hat sie sich nicht für Politik interessiert. "Aber jetzt habe ich meine Einstellung zu Politik geändert, und ich will, dass die Regierung ihre Einstellung zur Kernkraft ändert", sagt sie. Mit anderen Eltern organisierte sie Aktivisten mit Geigerzählern, um die Belastung der Schulhöfe zu messen. Sie demonstrierte in Tokio, auf ihrem T-Shirt stand: "Schützt die Kinder von Fukushima".
Der Strahlenarzt Shunichi Yamashita soll eine große Gesundheitsstudie in Fukushima durchführen. Er sagt: "Die Leute müssen selbst entscheiden, ob sie gehen oder bleiben. Das kann ihnen niemand abnehmen." Die Bürger von Fukushima sollen nun also mit Mikrosievert, Krebsraten und Wahrscheinlichkeiten hantieren. Sie sollen selbst entscheiden, weil die Regierung keine Wahrheiten mehr hat.
"Der 11. März wird die Gesellschaft verändern", sagt Tatsujiro Suzuki, der nachdenkliche Vizechef der Atomenergie-Kommission. "Es geht darum, wie weit die Menschen der Regierung noch vertrauen und wie weit sie selbst Verantwortung übernehmen müssen. Es wird ein Wendepunkt der japanischen Geschichte sein", glaubt er.
Nur: In welche Richtung? Ministerpräsident Kan, der eine klare Abkehr von der Atomkraft vorgeschlagen hat-te, musste zurücktreten. Nachfolger wurde sein Parteifreund Yoshihiko Noda, der angekündigt hatte, "das Vertrauen der Menschen in die Atomkraft wiederzugewinnen". Die AKW sollten wieder ans Netz, sobald ihre Sicherheit überprüft sei. Es hört sich an, als habe Noda sich noch nicht entschieden, ob er das alte oder das neue Japan regieren will.
Von Cordula Meyer

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2011
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