27.09.2011

Das Ideal heißt Nadeshiko

Japans Fußball-Weltmeisterinnen haben ihrer Nation im Katastrophenjahr 2011 neuen Mut und Zukunftsvertrauen eingeflößt. Trotz besserer Gesetze mangelt es an wirtschaftlicher und politischer Gleichstellung.
Es war eine Vorbereitung unter besonders erschwerten Bedingungen: Die Mehrfach-Katastrophe vom Frühjahr hatte große Teile des Landes verwüstet, die Nation stand unter Schock. Wochenlang wurde kein Fußball gespielt, und als die japanische Frauennationalmannschaft endlich ihr Training wiederaufnehmen wollte, war ihr Trainingslager gesperrt, weil es zu nah am Pannen-Reaktor Fukushima lag. Dann gab es zwei Monate lang wegen des angeordneten Stromsparens kein Flutlicht, vie-les musste improvisiert werden.
Doch mit Ausdauer, Teamgeist, Inspiration und Kraft überwanden die WM-Spielerinnen alle Hindernisse, zu denen auch ihre Außenseiterposition unter den teilnehmenden Ländern gehörte. Es endete im Triumph: Das japanische Frauenteam, genannt Nadeshiko, kam im Juli 2011 als Weltmeister zurück.
Der Name geht auf ein mittelalterliches Schönheitsideal zurück: So sanft und rein wie eine Nelke. Die stämmigen, durchtrainierten Sportlerinnen der Frauenfußballmannschaft entsprechen diesem Ideal äußerlich nicht unbedingt, aber sie tragen den Kosenamen gern. Nach ihrem Sieg hat der Name einen besonders süßen Klang.
Die Nationalspielerinnen sind nun zu Hoffnungsträgerinnen geworden, weil sie ihre Sache viel besser gemacht haben als die Männer. Die haben fast durchweg in der Politik das Sagen und bringen es in der größten Krise Japans seit dem Zweiten Weltkrieg fertig, den Wiederaufbau durch Hahnenkämpfe untereinander zu verzögern. Als eine Art Gegenprogramm wird Nadeshiko, das Siegerteam, wahrgenommen: starke Frauen, die ihren Mann stehen. Jungen Mädchen sind sie ebenso Vorbild wie ambitionierten Frauen im Beruf. "Trotz Rückstand durchhalten", ist die Botschaft, die sie vermittelt haben.
Die Frauen sind das starke Geschlecht, darüber herrscht in Japan, wie viele Umfragen zeigen, schon seit längerem Einigkeit. Plötzlich aber suchen die Medien überall nach Frauen, die diesem Idealbild entsprechen. Und sie werden fündig: Die Weltklasse-Golfspielerin Ai Miyazato gehört dazu; die Gründerin des erfolgreichen Leiharbeiter-Unternehmens Tempstaff, Yoshiko Shinohara, oder die Geschäftsführerin Yasuko Sekiya, die in zweiter Generation die Chemiefirma Yamani Yakuhin leitet und als vielversprechende weibliche Spitzenmanagerin gefeiert wird.
In der Politik treiben die drei Gouverneurinnen der Präfekturen Hokkaido, Shiga und Yamagata die Diskussion über nachhaltige Wirtschaft an und ziehen die männlichen Kollegen der übrigen 44 Präfekturen mit. Die sprachgewandte Mizuho Fukushima, Parteivorsitzende der kleinen Sozialdemokratischen Partei Japans, profilierte sich als Kämpferin und Anwältin für die Gleichberechtigung der Frauen. Und die attraktive, scharfzüngige demokratische Abgeordnete Renho (sie führt nur einen Namen) amtiert seit kurzem zum zweiten Mal als Ministerin für politische Reformen; mit ihren selbstbewussten Auftritten hat sie sich allgemeinen Respekt verschafft.
Allerdings wird es schwierig, neben dieser Handvoll Frauen weitere prominente Politikerinnen zu finden. Nur zwölf Prozent der Parlamentsmitglieder sind Frauen. Damit rangiert Japan auf dem hinteren Platz 121 von insgesamt 186 verglichenen Staaten. Im Geschäftsleben sind Frauen noch weniger vertreten. Von den rund 42 000 Vorstandsmitgliedern der börsennotierten Unternehmen sind nur 515, also gerade mal 1,2 Prozent, weiblich. In kleinen und mittleren Unternehmen haben Frauen etwas bessere Aussichten, die höheren Stufen der Karriereleiter zu erklimmen.
Insgesamt, so die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), liegt der weibliche Anteil an Führungspositionen in Japan bei 10 Prozent - dabei machen die 27 Millionen arbeitenden Frauen mehr als 40 Prozent aller Arbeitnehmer des Landes aus. Die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt schlägt sich im Einkommen ebenso nieder wie in unterschiedlichen Karrierechancen. Japanische Frauen verdienen für die gleiche Arbeit 32 Prozent weniger als Männer. Nach dem Einkommensindex des Kanadischen Statistikamts weist Japan damit unter 17 wichtigen Industrieländern den größten Lohnunterschied auf. Deutschland, wo Frauen im Schnitt 23 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, schneidet übrigens am zweitschlechtesten ab.
Bemerkenswert ist, dass die Anfangsgehälter in Japan für beide Geschlechter fast gleich sind, während die Frauen im weiteren Verlauf des Arbeitslebens meist nur schlechter bezahlte Aufstiegsmöglichkeiten haben. Es gibt allerdings einzelne Berufe, in denen Frauen in Japan heute mehr verdienen als Männer, als Ingenieure etwa, weil es nicht genug qualifizierte Männer gibt.
Unter den Industrieländern bildet Japan damit das Schlusslicht bei der Gleichstellung der Geschlechter, und nur langsam ändert sich daran etwas. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind in den letzten Jahrzehnten zwar denen anderer Länder angeglichen worden, aber Gewohnheiten und Rollenbilder wirken als hohe Barrieren.
1985, als Japans Wirtschaft boomte und mit einer Arbeitslosigkeit von 2,6 Prozent nahezu Vollbeschäftigung verzeichnete, wurde ein Gleichstellungsgesetz verabschiedet. Theoretisch waren damit die unsichtbaren Hindernisse, die dem beruflichen Aufstieg von Frauen im Weg standen, beseitigt. Auf dem Papier durfte es unterschiedliche Chancen für Männer und Frauen nun nicht mehr geben, wurde gleicher Lohn für gleiche Arbeit garantiert. Dem Gesetz fehlen jedoch wirkungsvolle Strafandrohungen für seine Durchsetzung. Zudem machten es Schlupflöcher möglich, dass inhaltlich identische Aufgaben für Männer und Frauen unterschiedlich definiert und bezahlt wurden. Diese Praxis änderte sich nur zögerlich und unter unmittelbarem wirtschaftlichem Druck wie bei den Ingenieuren.
Am Alltag in Japans Büros und Fabriken, der sehr lange Arbeitszeiten beinhaltet, hat sich aber bis zum heutigen Tag wenig geändert. Vor 1985 wurden Frauen üblicherweise entlassen, wenn sie ein Kind bekamen. Auch wenn das nach 1985 nicht mehr legal war, lief die Praxis oft auf das Gleiche hinaus. Denn jetzt gaben die Frauen ihre Karriere freiwillig auf, wenn sie ein Kind bekamen, weil sich die Arbeit nicht mit der Kindererziehung vereinbaren ließ.
"Wenn erwartet wird, dass man 15 Stunden am Tag arbeitet, hören die Frauen auf zu arbeiten", sagt die Politikwissenschaftlerin Kuniko Inoguchi, die sich 2005 als erste Staatsministerin für Geschlechtergleichstellung und Geburtenrückgang für eine Veränderung dieser Arbeitskultur einsetzte. Sie fügt hinzu: "Oder die Frauen werden keine Kinder mehr kriegen." Das ist tatsächlich ein Trend - mit einschneidenden Folgen für die Gesellschaft. Immer mehr Frauen entscheiden sich gegen eine Heirat oder bleiben auch in der Ehe kinderlos.
Diese Entwicklung setzte schon in den siebziger Jahren ein und hat dazu geführt, dass die japanische Gesellschaft schnell altert und die Bevölkerung schrumpft. Japan ist anderen Ländern, die das gleiche Problem haben, voraus. Die Lebenserwartung ist hier seit Jahren die höchste aller großen Industrieländer (für Männer 80 und Frauen 86 Jahre), die Geburtenrate gehört mit 1,39 (2010) Kindern pro Frau zu den niedrigsten der Welt.
Die ehemalige Gleichstellungsministerin Inoguchi sieht die von exzessiven Arbeitszeiten geprägte Arbeitskultur als wichtigste Ursache des Geburtenrückgangs. Sie thematisierte die "Work-Life-Balance", die seither intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Arbeitgeber rief sie dazu auf, die 40-Stunden-Woche für Männer und Frauen zu respektieren und die - typischerweise von Männern geleisteten - vielen Überstunden abzubauen. Sie förderte die Errichtung von Kindertagesstätten, auch in Unternehmen. Und Familienväter wurden mit Kampagnen, in denen populäre Schauspieler mit ihrem Kind auftraten, dazu aufgerufen, ihre Rolle als erziehende Väter wahrzunehmen. Gleichstellung avancierte zu einem wichtigen Thema.
Dazu kam im Jahr 2005 ein weiterer Anstoß - der Disput um die per Gesetz von 1947 festgeschriebene männliche Thronfolge im Kaiserhaus, die erst in der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) eingeführt worden war. Davor regierten zwar meistens Kaiser, aber manchmal eben auch eine Kaiserin.
Als deutlich wurde, dass Prinzessin Aiko, die Tochter von Kronprinz Naruhito und seiner Frau Masako, ein Einzelkind bleiben würde, und man gewahr wurde, dass in der kaiserlichen Familie 40 Jahre lang kein männlicher Erbe mehr geboren worden war, bereitete die Regierung einen Gesetzesentwurf vor, um die weibliche Thronfolge zuzulassen.
Dann jedoch präsentierte der zweitälteste Sohn des Kaisers 2006 den ersehnten Stammhalter - der Entwurf wurde auf Eis gelegt und die Diskussion über eine mögliche Kaiserin verstummte abrupt. Befürworter der Gleichstellung empfanden den Rückschlag als Beleg dafür, wie schwer es ist, in Japan Reformen durchzusetzen.
Die gesellschaftliche Rolle der japanischen Frauen hat sich dennoch seit dem 19. Jahrhundert, wie fast überall, stark verändert. Die Frauen der Großmüttergeneration, geboren bis 1940, heirateten jung, bekamen vier oder mehr Kinder und waren neben ihren Pflichten im Haushalt im Familienbetrieb tätig, auf dem Bauernhof oder im Geschäft.
Ihre Töchter wuchsen mit der ersten Nachkriegsgeneration in einem Staat auf, der sich nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg schnell in ein modernes Industrieland verwandelte. Sie genossen wie ihre Brüder eine gute Ausbildung und waren dann einige Jahre berufstätig. Sie heirateten mit 24 oder 25 und hörten auf zu arbeiten, wenn sie ihr erstes Kind bekamen. Dann waren sie Vollzeithausfrauen - das hieß allerdings auch, dass sie die Familienfinanzen verwalteten.
Die Hausfrau plante die großen finanziellen Entscheidungen der Familie wie den Kauf eines Eigenheims und den in Japan sehr kostspieligen Schulbesuch der Kinder. Ihrem Mann teilte sie ein Taschengeld zu, für sich behielt sie ihr "hesokuri", die geheime Sparbüchse. Beinah drei von vier Frauen dieser Generation hatten eine solche Rücklage. Der Sparstrumpf wurde mitunter als Vergnügungsgeld der Hausfrau bespöttelt, von dem sie sich Schmuck kaufe und teure Mittagessen mit ihren Freundinnen bezahle. In Wirklichkeit fungierte die schwarze Kasse aber vor allem als Notgroschen der Familie.
Die heutige Frauengeneration wurde erwachsen, als Japans Wirtschaft nach Jahrzehnten des Wachstums in die bis heute anhaltende Stagnation rutschte. Die jüngeren Frauen können es sich nicht mehr leisten, Geld auf die hohe Kante zu legen. Wie ihre Mütter verfügen sie über eine gute Ausbildung. Sie haben aber einerseits stärkere Karriereambitionen und stehen andererseits unter größerem Druck, durch entlohnte Arbeit zum Familieneinkommen beizutragen - ein einziges Einkommen pro Familie erlaubt heute nicht mehr die Sicherung des gewünschten Lebensstandards.
Diese Entwicklung ist eine Folge der Liberalisierung des Arbeitsmarktes, durch die der Anteil der nichtregulären Arbeitsverhältnisse seit Anfang der neunziger Jahre stark zugenommen hat. Wie die Europäerinnen sind auch die Japanerinnen bei der Eheschließung und bei der Geburt ihres ersten (und oft einzigen) Kindes älter als früher, ihre Kennzeichen: späte Heirat, wenige Kinder und materielle Unabhängigkeit.
In ihrer höflichen, zuvorkommenden und bescheidenen Art kam in der Vergangenheit weibliche Unterordnung zum Ausdruck. Heute aber setzen japanische Frauen dies zu ihrem Vorteil und für ihre Selbständigkeit ein - das verkörpern die WM-Heldinnen nun als neue Vorbilder.
Von Judith Stalpers

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2011
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