29.11.2011

Heilige Nägel und Knochen

Ob Holzsplitter vom Kreuz, Dornen oder Schweißtuch, eigentlich alles, was mit Jesus in Verbindung gebracht werden konnte, wurde zur Reliquie. Doch wie echt die Verehrungsstücke sind, bleibt umstritten.
Wenn ein Heiliger stirbt, ein durch besondere Nähe zu Gott Ausgezeichneter, dann lässt er verehrungswürdige Relikte zurück. Das sind in erster Linie körperliche Reste, also Knochen oder Asche, dann aber auch Dinge, die der Verblichene an sich und um sich hatte. Diese Dinge bewirken bei dem, der sie gläubig berührt oder anschaut, weil er irgendeine Not leidet, zuweilen wunderbare Besserung. Darum heißen sie in den christlichen Kirchen seit alter Zeit auch "Heiltümer".
Ursprünglich haben Reliquien ja etwas Erschreckendes an sich. Sie stammen aus dem Schattenreich von Asche und Gebein, Anatomie und Zerstückelung, Grabschändung und Nekrophilie. Als der Franziskanermönch Antonius von Padua, ein bewunderter Prediger des frühen 13. Jahrhunderts, im Alter von 35 Jahren gestorben war, schnitten ihm seine Verehrer die Zunge heraus und konservierten sie. Das Organ wird in Padua bis heute als Reliquie bewahrt; sie soll dem, der sie ehrt, die Zunge lösen können.
Aber Reliquienkulte gibt es nicht nur im Christentum. Als Buddha, "der Erleuchtete", hochbetagt gestorben war, wurde sein Körper eingeäschert. Die Asche, die Knochen, auch die Zähne wurden unter verschiedenen Dynastien Nordindiens aufgeteilt. Diese heiligen Reste des irdischen Buddha wurden in Hügelgräbern bestattet, aus denen später Mausoleen oder Tempel wurden.
Das war ein halbes Jahrtausend vor Jesus. Von dessen spärlichen Hinterlassenschaften handelt das wichtigste und auch aufregendste Kapitel der christlichen Reliquienkultur. Sie entstand etwa im 2. Jahrhundert. Die Gebeine der frühchristlichen Märtyrer, die in den römischen Katakomben beerdigt sind, wurden früh als "heilige Leich-name" verehrt und gesammelt. Was Jesus selbst angeht, so war diese Art der Reliquienbildung von Anfang an eigentlich unmöglich. Denn Jesus ist ja, etwa nach dem Zeugnis der biblischen Apostelgeschichte, leibhaftig von den Toten auferstanden und vor den Augen seiner Jünger "zum Himmel" aufgefahren - "und eine Wolke entzog ihn ihren Blicken". Das bedeutet: Es gibt keine körperlichen Überbleibsel von ihm.
Gleichwohl tauchten über die Jahrhunderte auf makabre Weise immer wieder Körperteile auf, die von Jesus stammen sollen: Nabelschnur, Haare, Milchzähne, die beschnittene Penisvorhaut, Tränen, Fingernägel, vergossenes Blut des Heilands.
Gewiss ist es theoretisch möglich, dass von Jesus solcherlei zurückblieb, faktisch aber wurden sie alle von geschäftstüchtigen Fälschern mit guten Beziehungen zu Totengräbern fabriziert. So existieren denn auch von der Penisvorhaut des Gottessohns gleich etliche Exemplare.
Obwohl dingliche Erinnerungsstücke Reliquien zweiter Klasse sind, spielen sie bei Jesus, dem körperlich Entschwundenen, die Hauptrolle: Splitter vom Heiligen Kreuz, Kreuzigungsnägel, Dornenkrone, Fetzen vom Schwamm, der dem Durstigen am Kreuz Essig darbot, Teile der Lanze, die eine Seite des Gekreuzigten geöffnet haben soll, Tei-le der Geißelungssäule, Schweißtuch, Grabtuch, heilige Tunika, Sandalen, selbst irgendwelche Fußabdrücke Jesu oder ein Knochen vom Finger, den der ungläubige Apostel Thomas in die Wunde des noch einmal Wiedergekehrten legen durfte.
Spätestens seit dem 6. Jahrhundert wurden in allen möglichen Größen spezielle Kästchen, Täschchen, Kapseln zum Umhängen, Gürtelschnallen mit Hohlräumen und verschiedenartige gläserne Behälter angefertigt, damit fromme Leute wie Gotteskrieger ihre höchsteigenen Reliquien zur persönlichen Schadensabwehr mit sich herumtragen konnten.
Angebliche Blutstropfen von Jesus wurden 1204 von plündernden Kreuzfahrern in Konstantinopel gefunden und mitgenommen; sie waren eingeschlossen in ein Kristallfläschchen, das sich in der Heiligen Kapel-le des Kaiserpalasts am Bosporus befand - in derselben sakralen Schatzkammer wurden die Eisenspitze der Heiligen Lanze, die Dornenkrone, zwei Stücke vom Kreuz, zwei Kreuzigungsnägel, ein Jesusgewand, der angebliche Kopf Johannes' des Täufers und zahlreiche andere Reliquien aufbewahrt. Reiche Beute, die die Kreuzrit-ter auf dem Reliquienschwarzmarkt versilberten - kirchenoffiziell war der Handel mit dieser Ware verboten.
Abenteuerlich ist vor allem die Geschichte der Kreuzsplitter und Kreuzigungsnägel. Sie bil-det die Ouvertüre der christlichen Reliquienoper. Sie blühte auf im Hochmittelalter. Im Spätmittelalter erreichte die Lust am Sammeln von Reliquien endgültig das Stadium der Hysterie. Allein der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise, der Beschützer Martin Luthers, verfügte 1513 über 5262 heilige Splitter, Tropfen und Partikel, eine ziemlich unübersichtliche Reliquienkollektion, deren Bestand sieben Jahre später auf nicht weniger als 18 970 Stücke angewachsen war. Martin Luther verachtete den ganzen "Reliquienkram".
Die Geschichte der Nägel und Splitter beginnt mit der Reise der Heiligen Helena nach Jerusalem, etwa von 325 bis 327. Helena war die Mutter des römischen Kaisers Konstantin. Beim Aufbruch nach Jerusalem war sie mindestens 75 Jahre alt. Von Bithynien am Bosporus bis Palästina mussten rund 2000 Kilometer Distanz gemeistert werden, und dies in der holprigen, damals üblichen zweirädrigen Kutsche.
Die resolute Greisin reiste mit einem imposanten Tross aus Soldaten, Dienern, Köchen, Kutschern, Kundschaftern und Kennern der besten Routen. Helena war eine unerschrockene Aufsteigernatur: Aufgewachsen in einfachsten Verhältnissen wurde die Schankwirtin die Konkubine des späteren Kaisers Constantius, während dieser als Heerführer auf dem Balkan unterwegs war. Mit ihm zeugte sie Konstantin - ihren Lebenstrumpf, der wohl 272 oder 273 in der Garnisonsstadt Naissus im heutigen Serbien zur Welt kam. Dass Constantius Helena 289 verstieß, um aus Karrieregründen eine Stieftochter des Kaisers Maximian zu heiraten, hat den Aufstieg Konstantins nicht verhindert. Als der schließlich Kaiser wurde, verlieh er der Mutter den Ehrentitel "Augusta", die Erhabene.
Die Reise nach Palästina inszenierte Helena vor allem als Werbefeldzug für ihren Sohn - sie verteilte unterwegs großzügig Geld und Kleidung und andere Geschenke; doch es war zugleich eine Art Wallfahrt zum Ursprungsland ihrer beider Religion. Sie beteiligte sich mit großem Eifer an der Christianisierung des Römischen Reichs, das durch die verbindende Glut des neuen Glaubens vor dem drohenden Zerfall bewahrt werden sollte. Konstantin und Helena beeindruckte an der aufstrebenden Religion besonders deren "historischer Charakter", so die Geschichtswissenschaftler Carsten Peter Thiede und Matthew D' Ancona in ihrem Buch über "Das Jesus-Fragment".
Sofern Gottesbezug mit konkreten, damals erst drei Jahrhunderte zurückliegenden, Ereignissen im römischen Herrschaftsbereich aufgefrischt werden konnte, enthielten materielle Zeugnisse der Religionsgründer eine zusätzliche Überzeugungskraft; sie waren ein willkommenes Machtpotential für den kaiserlichen Schutzherrn dieses Glaubens. Konstantin hatte, nach einer im Zeichen des Christengottes gewonnenen Schlacht gegen seinen Rivalen Maxentius, in seinen Provinzen nicht weniger als 1800 Bischöfe inthronisiert.
So ging es denn auf Helenas Reise ganz praktisch um die Auffindung der materiellen Zeugnisse des neuen Glaubens, zumal um die Auffindung des Kreuzes ("inventio crucis").
Sie und ihre Arbeiter sollen tatsächlich, beraten vom örtlichen Bischof Macarius, um 326 das Kreuz Jesu, drei oder vier Nägel, mit denen seine Hände und Füße ans Holz geschlagen waren, und auch das Schild mit der Inschrift "Jesus von Nazareth, König der Juden", in jenem Bezirk Jerusalems aufgestöbert haben, in dem Jesus gekreuzigt und begraben wurde: auf dem Berg Golgatha und in seiner Nähe.
Ebendort hatte der römische Kaiser Hadrian im 2. Jahrhundert n. Chr. einen Prunktempel für seine Lieblingsgottheit Venus errichten lassen. Helena und Konstantin ließen über der Zisterne, in der das Kreuz (neben zwei weiteren Kreuzen) gefunden wurde, eine prachtvolle Basilika bauen - der Venustempel wurde abgerissen. Kirchenbau als Kulturpolitik, schon damals.
Das Kreuz ließ Helena der Legende nach zerteilen: Ein Drittel nahm sie mit nach Rom, einen Teil schickte sie ihrem Sohn nach Konstantinopel, und der Rest blieb in Jerusalem. Das Kreuz, bestehend aus einem relativ groben Pfahl mit Querbalken, sollte nie mehr zusammengefügt werden, seine Fragmente wurden über die ganze Welt verteilt.
Magisches Denken heidnischer Provenienz war damals auch im Spiel: Die Nägel ließ Helena teilweise in die Trense einarbeiten, die Konstantin seinem Lieblingsross anzulegen pflegte. Andere Nagelteile verstärkten den Helm, den ihr Sohn bei Feldzügen trug; die Metallstücke sollten schützen vor Sturz und Feind.
Ein Nagelfragment ist im Bamberger Dom gelandet, wo es in einem prunkvollen Reliquiar aufbewahrt wird, das wie eine Kombination aus Kelch und Kerzenständer aussieht. Andere Nagelteile oder -partikel, die von einem als echt geltenden Nagel abgeschliffen wurden, gerieten in Städte wie Aachen, Köln, Florenz, Krakau, Mailand oder Wien. Die ziemlich kompletten Nägel, über die Siena und Rom verfügen, genießen den Ruf, authentisch zu sein; zumindest sind sie keine offensichtlichen Fälschungen.
Im frühen 13. Jahrhundert beklagte die französische Abtei von Saint-Denis den Verlust eines Nagelstückchens, und auch eine landesweite Suche konnte es nicht aufstöbern. Das deprimierte besonders den passionierten Reliquiensammler König Ludwig IX., "der Heilige" (1214 bis 1270). Zur Kompensation konnte er einige Jahre später jene Dornenkrone Christi kaufen, die im 11. Jahrhundert aus dem Heiligen Land nach Konstantinopel geraten war. Sie bestand aus einem Binsenreif, in den ein gutes Dutzend Zweige von einem Dornbusch der Gattung Zizyphus vulgaris eingeflochten waren. Diese Dornbuschgattung kommt im Gebiet um Jerusalem häufig vor; die Dornen werden bis zu fünf Zentimeter lang.
König Ludwig, der dem damals notleidenden Konstantinopel auch zwei Teile des Heiligen Kreuzes abkaufte, ließ etwa 60 Dornen, die sich wohl während des Transports aus dem Reif gelöst hatten, auf die Kirchen und Kathedralen seines Reiches verteilen. Wunderbare Dornvermehrung: Im 19. Jahrhundert wurden in 90 europäischen Kirchen und Kathedralen zwischen Brügge und Prag 193 Dornen registriert. Die mutmaßliche Dornenkrone wurde die Gründungsreliquie der Pariser Palastkirche Sainte-Chapelle. Sie wird heute in der Kathedrale Notre-Dame de Paris aufbewahrt.
Helena soll auch die Knochenreste der Heiligen Drei Könige, die Kaiser Barbarossa dann im 12. Jahrhundert von Mailand nach Köln entführt hat, aus Palästina mitgebracht haben; ebenso einen Rock, den Jesus getragen haben soll. Er wird als hochverehrter "Heiliger Rock" im Dom der Stadt Trier aufbewahrt, wo Helena einige Jahre lebte. Wie genau Helena bei ihrem Palästina-Abenteuer an die Gebeine der legendären drei Weisen aus dem Morgenland gelangt ist, weiß man nicht. Doch dass ihr Sohn Konstantin diesen Schatz einige Jahre nach ihrem Tode dem Mailänder Bischof Eustorgius geschenkt hat, ist bekannt.
Nach der Belagerung Mailands schleppten dann Soldaten Kaiser Barbarossas die heiligen Knochen der "ersten christlichen Könige", wie es damals hieß, als Kriegsbeute über die Alpen ins deutsche Reichsland, wo sie der Kölner Erzbischof und Kanzler Barbarossas, Rainald von Dassel, 1164 in den Kölner Dom überführen ließ. Erst 40 Jahre später wurde die kostbare Hülle für die-se Knochen fertiggestellt, ein prachtvoller Schrein in der Form einer Basilika - die größte Goldschmiedearbeit des europäischen Mittelalters. Der Schrein, das Prunkstück des Kölner Doms, enthält von Stoffresten umwickelte Schädel, Oberschenkelknochen, Schienbeine, Rippen und andere Skelettfragmente von drei auffällig unterschiedlich alten Männern des 1. Jahrhunderts, aber auch Knochen des Märtyrers Gregor von Spoleto.
Bei ihrer Schatzsuche am Berg Golgatha, die mit den Bauarbeiten für diverse Kirchen einherging, stieß Helena der Tradition zufolge auch auf die "lancea" Christi - jene "eiserne Lanze" des römischen Legionärs Longinus, "mit der unserem Herrn die Seite geöffnet worden war". So formuliert es der Kreuzzugsteilnehmer, Ritter und Chronist Robert de Clari in seinem Bericht über die Plünderung der kaiserlichen Reliquienkapelle von Konstantinopel 1204. In dieser Kapelle lagerte auch die legendäre "lancea". Neben der Dornenkrone und den Kreuzfragmenten gehört diese Lanze zu den bedeutendsten Reliquien des Abendlandes.
Als "Heilige Lanze" soll sie einst Konstantin dem Großen zu Diensten gewesen sein; es war, wie man lange glaubte, dieser Speer, der über den Burgunderkönig Rudolf im 10. Jahrhundert in den Besitz des ersten "deutschen Königs" Heinrich I. gelangte. Heinrichs Sohn Otto I. hat behauptet, nur dem magischen Schutz des Speers verdanke er den Sieg über die Ungarn in der Schicksalsschlacht auf dem Lechfeld anno 955.
Durch die Ottonen wurde die Lanze, in Verbindung mit der ihr aufgepfropften Kreuzreliquie, eines der wichtigs-ten Machtinsignien des Heiligen Römischen Reichs. Und es waren die Habsburger, die den "Schicksalsspeer", wie die Lanze auch genannt wurde, vor dem Zugriff Napoleons in Sicherheit brachten. Das metallene Werkzeug des Fatums glänzt heute im Schatz der Wiener Hofburg.
Mittlerweile steht aber fest, dass es sich bei dem Speer um eine karolingische Flügellanze aus dem 8. Jahrhundert handelt. Die Spitze der vorgeblich "echten" eisernen Lanze, mit der Longinus tatsächlich zugestochen haben könnte, befand sich nach der Eroberung von Konstantinopel 1453 im Besitz des muslimischen Sultans Mehmed II.; dessen Sohn hat sie 1492 dem römischen Papst gleichsam zurückerstattet. Sie wird noch heute im Petersdom gezeigt, unweit der Kirche Santa Croce, wo ein Teil der hölzernen Kreuzestafel, die inzwischen einige Wissenschaftler für authentisch halten, aufbewahrt wird. Den zugehörigen Lanzenschaft hatte im 13. Jahrhundert König Ludwig, der "Heilige", aus Konstantinopel erworben. Er ging in den französischen Revolutionswirren verloren.
Die Splitter vom Heiligen Kreuz, die die Kaisermutter auf einer turbulenten Schiffsreise von Jerusalem nach Rom und später wieder nach Konstantinopel transportieren ließ, wurden Anfang des 13. Jahrhunderts vor allem durch Kreuzritter, die sich damit ein Zubrot verdienten, über etliche Länder verstreut. Es waren so viele heilende Hölzer, dass noch im 16. Jahrhundert der Gelehrte Erasmus von Rotterdam stichelte, aus den diversen Splittern des Kreuzes könne man leicht ein ganzes Schiff bauen. Auch solche Hölzer, die angeblich kurz an "Das Wahre Kreuz" herangehalten worden waren, wurden verehrt - als "Berührungsreliquien".
Etliche Reliquien wurden auf diese Art vervielfacht oder zerstückelt und in der Christenwelt häppchenweise verteilt. Das geschah auch mit Körperreliquien von Heiligen, eine Praxis, die im hohen und späten Mittelalter immer beliebter wurde; sie legitimierte sich durch die schon im 4. Jahrhundert kursierende Idee, dass dort, wo ein Teil des heiligen Leichnams sei, der Heilige selbst virtuell anwesend sei ("Ubi est aliquid ibi totum est").
So beehren zum Beispiel auch Körperteile des Evangelisten Markus, des ersten Bischofs von Alexandria, als heilige Knochen weitverstreute Kirchen in Venedig, Kairo, Rom, Paris, Cambrai, Tournai, Köln und Reichenau-Mittelzell (aus dem Schatz des ehemaligen Reichenauer Benediktinerklosters).
Über die Heilige Elisabeth von Thüringen (1207 bis 1231), deren Leichnam tagelang kein Zeichen der Verwesung gezeigt haben soll, wird berichtet, von ihrem toten Körper hätten Reliquiensammler Nägel der Hände und Füße, ja sogar einen ganzen Finger und "die Spitzen ihrer Brüste" getrennt, "um sie als Reliquie aufzubewahren", wie der Chronist Caesarius von Heisterbach schreibt.
Die theologisch naheliegende Frage, wie denn am Jüngsten Tag bei der leiblichen Auferstehung die diversen Leibesstückchen zusammenfinden könnten, hat die Reliquien-Verehrer nicht weiter irritiert. Der Allmächtige, tröstete man sich, werde es schon richten.
Während die katholische Kirche den Reliquienstatus der von Helenas Helfern gefundenen Kreuzigungsnägel anerkennt, hat der Vatikan einer anderen angeblichen Hinterlassenschaft des Gekreuzigten diesen Status bis heute verweigert, obwohl sie seit 1983 dem Papst gehört: dem über vier Meter langen und 1,10 Meter breiten "Heiligen Grabtuch" Jesu, das seit 1578 im Turiner Dom aufbewahrt wird.
Clemens VII., einer der Gegenpäpste in Avignon, hatte 1392 festgelegt, dieses Tuch mit dem schattenhaften Ganzkörper-Abbild eines Gekreuzigten sei nicht als Reliquie zu betrachten, da es nicht sicher sei, dass der Abgebildete wirklich Jesus darstelle. Als das Tuch im 15. Jahrhundert in den Besitz des einflussreichen Hauses Savoyen gelangt war, werteten es spätere Päpste deutlich auf und widmeten ihm sogar einen Feiertag. Dennoch gilt es bis heute als "Ikone", nicht als "Reliquie". Der Begriff "Ikone" schließt die Möglichkeit ein, dass die Abbildung des Schmerzensmannes kein realer Abdruck, sondern ein raffiniert komponiertes Bild ist, auf dem verblichene Temperafarben den Eindruck von Blutflecken simulieren.
Im Jahr 1988 haben Naturwissenschaftler mittels Kohlenstoffdatierung, der sogenannten C-14-Methode, anhand einer aus dem Grabtuch gelösten Stoffecke festgestellt: Das Leintuch stammt aus der Zeit zwischen 1260 und 1390, wahrscheinlich wurde es um 1325 gewebt. Demnach wäre das Tuch eine von Tausenden gefälschter Reliquien des Mittelalters.
Andere Wissenschaftler zweifelten an der Exaktheit dieser Messung: was, wenn der untersuchte Fetzen später angenäht wurde? Man konnte aus dem Tuch Pollenspuren von Pflanzen isolieren, die im 1. Jahrhundert n. Chr. in Palästina wuchsen und dann von dort verschwunden sind. Was zumindest dafür spricht, dass das Tuch aus eben dieser Gegend und derselben Zeit stammen könnte.
Wirklich beweisen lässt sich hier nur die eindrucksvolle Geschichte der Verehrung. Die Rezeptionsgeschichte allein schon macht das Grabtuch zu einem ehrwürdigen Glaubensdokument der Volksfrömmigkeit. Als das Tuch zuletzt 2010 im Turiner Dom gezeigt wurde, kamen mehr als zwei Millionen Pilger.
Diese Volksfrömmigkeit missbrauchte - und missbraucht bis heute - Reliquien aber immer wieder als Zaubermittel, in der Hoffnung auf eine direkte Heilwirkung durch die Berührung des heiligen Gegenstands. Das katholische und auch das orthodoxe Verständnis des Reliquienkults ist bescheidener: Die Ehrfurcht vor den sterblichen Überresten der Heiligen und den Relikten des Auferstandenen gilt als Wert an sich; und dann hofft der Gläubige, dass die bewahrende Demut angesichts dieser Reliquien den betreffenden Heiligen oder gar Jesus selbst zu einer Fürbitte bei Gott veranlassen könnte, die dem Verehrer irgendwie zugutekommt.
Seit der Aufklärung des späten 18. Jahrhunderts gilt der tote Mensch, auch der Heilige, immer seltener als irgendwie handelnde Person. Der Tote hat keine magisch wirkende Aura mehr, er ist eher Sache als Subjekt, verwesendes, "nun wirklich totes Gebein" (Arnold Angenendt in dem umfassenden Buch "Heilige und Reliquien", 1994).
Man begegnete dem Reliquienkult jetzt mit zunehmender Verachtung und mit Spott über das abergläubische Volk, das nur Wunder suche. Der Arti-kel "Relique" in der Enzyklopädie von Diderot und d' Alembert beginnt mit dem Hinweis, etliche der verehrten Knochen stammten wohl nicht von Seligen, sondern von Nichtgetauften. Die meisten Reliquienhändler seien Betrüger gewesen.
Das ist wohl wahr, grundsätzlich aber verdienen Reliquien, sofern ihnen keine magischen Kräfte angedichtet werden, mehr als den Spott der Aufgeklärten. Reliquien wurden zu heiligen Büchern vor allem für Gläubige, die noch nicht lesen und schreiben konnten. Ohne ihre Anschaulichkeit wäre der Glaube an einen unfassbaren, absoluten Gott kaum zur Weltreligion aufgestiegen.
Von Mathias Schreiber

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:20

Video zeigt Schiffsunglück Fähre rammt Kaimauer auf Gran Canaria

  • Video "Video zeigt Schiffsunglück: Fähre rammt Kaimauer auf Gran Canaria" Video 01:20
    Video zeigt Schiffsunglück: Fähre rammt Kaimauer auf Gran Canaria
  • Video "Amateurvideo zeigt Angriff: Fallschirmbomben gegen syrischen Ort" Video 00:45
    Amateurvideo zeigt Angriff: Fallschirmbomben gegen syrischen Ort
  • Video "Webvideos der Woche: Mitschleifer, Umkipper, Querparker" Video 03:05
    Webvideos der Woche: Mitschleifer, Umkipper, Querparker
  • Video "Videoanalyse zur Wahl in Frankreich: Wie knapp wird es nach dem jüngsten Anschlag?" Video 03:22
    Videoanalyse zur Wahl in Frankreich: Wie knapp wird es nach dem jüngsten Anschlag?
  • Video "Proteste gegen Parteitag in Köln: Spießrutenlauf für AfD-Delegierte" Video 02:36
    Proteste gegen Parteitag in Köln: Spießrutenlauf für AfD-Delegierte
  • Video "US-Amateurvideo: Truck schleift PKW meilenweit mit" Video 01:36
    US-Amateurvideo: Truck schleift PKW meilenweit mit
  • Video "Videoanalyse zum AfD-Parteitag: Die schwerste Niederlage für Frauke Petry" Video 02:41
    Videoanalyse zum AfD-Parteitag: "Die schwerste Niederlage für Frauke Petry"
  • Video "Aeromobil: Das fliegende Auto" Video 00:52
    Aeromobil: Das fliegende Auto
  • Video "Blauwale beim Fressen gefilmt: Manchmal hat der Krillschwarm Glück" Video 00:44
    Blauwale beim Fressen gefilmt: Manchmal hat der Krillschwarm Glück
  • Video "Videoanalyse zur Wahl in Frankreich: Wie knapp wird es nach dem jüngsten Anschlag?" Video 03:22
    Videoanalyse zur Wahl in Frankreich: Wie knapp wird es nach dem jüngsten Anschlag?
  • Video "Kipp-Laster: Hochfahren kommt vor dem Fall" Video 00:34
    Kipp-Laster: Hochfahren kommt vor dem Fall
  • Video "Militärübung Max Thunder: USA und Südkorea proben Szenarien gegen Nordkorea" Video 01:41
    Militärübung "Max Thunder": USA und Südkorea proben Szenarien gegen Nordkorea
  • Video "Vorwurf sexuelle Belästigung: Fox-News-Star Bill O'Reilly gefeuert" Video 01:08
    Vorwurf sexuelle Belästigung: Fox-News-Star Bill O'Reilly gefeuert
  • Video "Info-Panne im Pentagon: Wie sich der US-Flugzeugträger verfuhr" Video 02:17
    Info-Panne im Pentagon: Wie sich der US-Flugzeugträger "verfuhr"
  • Video "Rummenigge in Rage: Wir wurden beschissen" Video 03:15
    Rummenigge in Rage: "Wir wurden beschissen"