31.01.2012

Für eine Handvoll Dollar

Der Verkauf Alaskas empörte erst Amerikaner, dann Russen.
Mit 42 Salutschüssen endet am 18. Oktober 1867 in Nowo Archangelsk, der Hauptstadt Alaskas, eine Ära. In der kleinen Hafenstadt am Pazifik wird die russische Flagge eingeholt, vor weinenden Bewohnern. Am selben Mast hissen Amerikaner sogleich das Sternenbanner. Alaska mit seinen 1,5 Millionen Quadratkilometer Land wechselt den Besitzer, Russland hat seine östlichste Provinz an die Vereinigten Staaten verhökert.
Das einstige Nowo Archangelsk heißt heute Sitka. Nur noch ein indianischer Totempfahl mit eingekerbtem russischem Doppeladler und die orthodoxe Kathedrale mit dem Namen des Erzengels Michail erinnern daran, dass die Kleinstadt einmal zu Russland gehörte.
1732 hatten die ersten russischen Forscher Alaska betreten. Ihnen folgten Kolonialisten und 1794 eine zehnköpfige Delegation orthodoxer Mönche. Die brachten den Eingeborenen Ikonen und Evangelienbücher. Im Auftrag der Zarin Katharina II. sollten sie Fremdgläubige zum Christentum bekehren: eine Mission, die sich als nachhaltig erweisen sollte.
Noch heute bekennt sich ein Drittel der etwa 85 000 Ureinwohner Alaskas - überwiegend Aleuten und Inuit - zur russisch-orthodoxen Kirche. Doch die unwirtliche Gegend lockte neben frommen Geistlichen auch raue Gesellen an. So fanden außer dem rechten Glauben auch Tripper und Trunksucht bald weite Verbreitung.
Ab 1799 sorgte die mit Unterstützung von Zar Paul I. gegründete Russisch-Amerikanische Kompanie für die wirtschaftliche Erschließung der gebirgigen Beuteprovinz. Doch das Unternehmen traf ein in Russland häufiges Schicksal: Es geriet in die Fänge von Staatsangestellten mit mäßigen Managementfähigkeiten.
Das russische Alaska, in dem Siedler, Seeotter-Jäger und Abenteurer mit Inuit-Mädchen dem Zaren neue Untertanen zeugten, galt in St. Petersburg bald als unrentables Problemrevier. Zudem bezweifelten Strategen, ob Russland seine entlegene Besitzung im Ernstfall verteidigen könnte. Denn die russische Flotte war 1853 bis 1856 im Krim-Krieg arg dezimiert worden. Und was sich nicht halten lässt, so die Beamtenlogik im Umkreis des Zaren Alexander II., sollte man lieber abstoßen, gegen Bares.
Auf einer Geheimsitzung von Spitzenbeamten unter Vorsitz des Zaren im Dezember 1866 beschließt die russische Führung den Verkauf Alaskas an die USA, mit denen man gerade gute Beziehungen pflegt. Nach delikaten Verhandlungen wird der Kaufvertrag am 30. März 1867 in Washington unterzeichnet. Für 7,2 Millionen US-Dollar wechselt die gewaltige Küstenprovinz die Hoheit.
Kritik an dem Deal kommt zunächst aus Amerika. Dort werfen politische Gegner dem Präsidenten Andrew Johnson vor, er habe sich von den Russen ein wertloses "Eisbärengehege" andrehen lassen. Mehr als ein Jahrhundert später wechselt der Klageruf die Seiten. Im heutigen Russland monieren vaterländische Blätter wie "Sowerschenno sekretno" ("Streng geheim"), mit dem "Verkauf seines Territoriums" habe Russland 1867 für eine Handvoll Dollar einen "Akt der nationalen Schande" unterzeichnet.
Uwe Klußmann
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 1/2012
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen