27.03.2012

Die Iden des März

Plante Kleopatra eine römisch-ägyptische Dynastie? Mit der Ermordung ihres Geliebten Cäsar war der Traum jedenfalls geplatzt.
Am Abend vor seinem letzten Tag im Leben traf sich der Diktator auf ewige Zeiten, der Vater des Vaterlandes, der Gottgleiche, mit seinem engsten Mitarbeiter zum Essen, ein Gesprächsthema war durchaus düster. Welche Todesart wünschenswert sei, hieß die Frage; ob sie Marcus Lepidus stellte, Cäsars "magister equitum", sein Vize im Regierungsamt also, oder der Chef selbst, ist nicht überliefert.
Eine Antwort jedoch. "Der plötzliche, unerwartete Tod", sagte Cäsar.
Vielleicht ahnte er etwas. Kürzlich erst hatte ihn die Nachricht erreicht, die Pferde, die er beim Überschreiten des Rubikon dem Flussgott geweiht hatte, würden die "Nahrung verweigern und sehr häufig Tränen vergießen". Und der Augur Spurinna wollte am Flug der Vögel erkannt haben, dass die Iden des März des mächtigsten Römers "Verderben" seien.
Die Iden des März, der 15. März 44 v. Chr., nach römischer Rechnung das Jahr 710. In der Nacht plagten Cäsars Frau Calpurnia böse Träume. Alle Türen und Fenster des Schlafzimmers sah sie plötzlich aufspringen, den Giebel des Hauses einstürzen - ihren Mann wähnte sie leblos auf ihrem Schoß: erdolcht.
Für diesen 15. März hatte Cäsar eine Sitzung des Senats angeordnet, in der Pompeius-Curie auf dem Marsfeld an dem großen Tiberbogen. Drei Tage vor seinem Aufbruch in den Krieg gegen die Parther sollte eine wichtige Personalie geklärt werden. Cäsar zögerte, überlegte kurzzeitig, den Termin aufzuheben - dann überredete ihn ein herbeigeeilter Senator, seine Kollegen nicht länger warten zu lassen. Wenn er der schlechten Vorzeichen wegen an einen Unglückstag glaube, könne er ja eine neue Sitzung anberaumen. Persönlich in der Curie, bitte schön.
Um elf Uhr schließlich verließ Cäsar in einer Sänfte sein Haus an der Via Sacra, bald schon umringt von Bittstellern. Der Grieche Artemidoros, ein überaus gebildeter Mann mit guten Verbindungen zur römischen Gesellschaft, steckte ihm ein Papier zu und bat ihn eindringlich, es sofort zu lesen - es wäre die letzte Warnung gewesen.
Auf den Stufen hoch zum Versammlungsort entdeckte Cäsar den Seher Spurinna, sagte spöttisch: "Nun, die Iden des März sind da." Mit leiser Stimme antwortete der: "Ja, aber noch nicht vorüber."
Cäsar nahm Platz, und sofort "umstanden ihn die Verschworenen, scheinbar um ihm ihre Ergebenheit zu bezeugen", notierte der begnadete Erzähler Sueton. Ein Senator, "der die erste Rolle übernommen hatte, trat näher an ihn heran, wie um Cäsar eine Bitte vorzutragen", griff kräftig an dessen Schultern. Cäsar rief: "Das ist ja Gewalt!", in diesem Augenblick stach ihn jemand "wenig unter der Kehle. Als er versucht aufzuspringen, wird er durch eine zweite Verwundung daran gehindert", dann bedeckte er sein Haupt mit der Toga, "glättet sie zugleich mit der Linken bis hinab zu den Füßen, um mit Anstand zu fallen und auch den unteren Teil des Körpers zu verhüllen".
23 Stiche - "nur beim ersten Stoß", berichtete Sueton weiter, "hatte er einen Seufzer hören lassen". Cäsar ist tot, erdolcht, wie es Calpurnia im Schlafe phantasierte, gemeuchelt von seinen Widersachern, die einen Tyrannen beiseite schaffen wollten. Einer, der angeblich König werden wollte - Hochverrat an der römisch-republikanischen Idee, die freilich längst schon als gescheitert gelten musste.
Viele bejubelten das Ende dieses Autokraten, andere trauerten um Cäsar - vor allem auch Kleopatra. Seit Sommer 46 v. Chr. lebte sie, wahrscheinlich mit ihrem Söhnchen Kaisar, dessen Vater ganz offenbar Cäsar war, hochherrschaftlich in Rom, jenseits des Tiber. Ein Staatsgast gewissermaßen, denn offizieller Grund des Besuchs, der sich dann fast zwei Jahre hinzog, soll die Unterzeichnung eines Bündnisvertrages zwischen Ägypten und Rom gewesen sein.
Sicherlich wollte Cäsar die Geliebte in seiner Nähe wissen, und sicherlich verfolgte Kleopatra ganz andere Ziele als nur die Nähe zum Geliebten. Sie habe eigentlich, schreibt der Trierer Althistoriker und Kleopatra-Biograf Christoph Schäfer, ein "großes weltpolitisches Konzept" im Auge gehabt - nämlich die Bildung einer "römisch-ägyptischen Dynastie", deren Hauptstadt vielleicht Alexandria sein sollte.
Dieser Traum war an den Iden des März geplatzt. "Jeder Dolchstoß auf Cäsar", so Schäfer, "traf indirekt auch sie."
Cäsar galt als Frauenheld, und lange galt er den Geschichtsforschern auch als politischer Held. Theodor Mommsen, der für seine "Römische Geschichte" 1902 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, glorifizierte ihn als "sehr ernstlichen Demokraten", als "fehlerfreie Idealgestalt". Jacob Burckhardt, der Schweizer Kulturhistoriker, nannte Cäsar den "größten Sterblichen". Und Johann Wolfgang von Goethe, der Dichterfürst, eigentlich kein Verehrer des Römers, bezeichnete dessen Ermordung als die "abgeschmackteste Tat, die jemals begangen worden" sei.
Der heutige Blick auf ihn ist ein gänzlich anderer. Cäsar wird dargestellt als skrupelloser Machtmensch, dessen Handeln nur einem Motiv galt - der Mehrung des eigenen Ruhms. Der die republikanischen Institutionen, jahrhundertelang Träger des Imperium Romanum, glatt verachtete. Für den die "res publica" ein "Nichts" gewesen sei, wie schon Sueton berichtete, ein "bloßer Name ohne Körper und Gestalt".
Und der sich selbst in den Geschichtshimmel schrieb. Seine "Commentarii de bello Gallico" ("Gallia est omnis divisa in partes tres ...") beschäftigen deshalb immer noch Pennäler im Lateinunterricht, weil Cäsars Diktion einfach und klar war und aus weniger als 1300 Worten bestand.
Der gallische Krieg, den Cäsar als Prokonsul fast zehn Jahre vorantrieb, war in Wahrheit ein Vernichtungsfeldzug mit über einer Million Toten, ein Raubzug, der ihn als Chef der Invasionsarmee unendlich reich machte. Dessen siegreiches Ende sollte Rom freilich binnen kurzem in eine der größten Katastrophen überhaupt stürzen.
Hier, in der Kapitale, herrschte der Generalissimus Gnaeus Pompeius, Gatte von Cäsars Tochter Julia und Statthalter in Spanien. Pompeius, Cäsar und der schwerreiche Marcus Licinius Crassus hatten in den lang andauern-den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Adligen ("Optimaten") und Plebejern sowie reformwilligen Patriziern ("Popularen") eine verfassungswidrige Nebenregierung gebildet, das Triumvirat.
Als Crassus 53 v. Chr. starb, fürchteten die Senatoren offenbar, Cäsar könne, eben wegen seiner militärischen Erfolge in Gallien, mächtiger werden als Pompeius - und deshalb in der ständig angespannten innenpolitischen Lage ein Risiko für alle werden.
Der Senat verlangte, angefeuert von Pompeius, dass Cäsar sein Kommando niederlegen und als Privatier nach Rom zurückkehren müsse - was dieser verweigerte. Daraufhin verkündeten die Senatoren am 7. Januar 49 v. Chr. den Notstand und erklärten Cäsar zum Staatsfeind, falls er sich nicht fügen wolle.
Cäsar überschritt den Rubikon, bis heute eine Metapher für eine Grenzverletzung, marschierte gen Rom, verfolgte den geflüchteten Pompeius und seine Anhänger bis nach Spanien, Ägypten und Kleinasien. Einem Freund meldete er nach einer Schlacht im Telegrammstil: "Ich kam, ich sah, ich siegte."
Zurück in der Heimat, konnte er unbehelligt zur Macht greifen. Er war nun oberster Sittenwächter und gewählter Diktator für zehn Jahre, saß im Senat auf einem Ehrensessel zwischen beiden Konsuln und verlangte, "stets als Erster um seine Meinung gefragt zu werden", konstatierte der Althistoriker Karl Christ.
Es war die Zeit, als er Kleopatra nach Rom einlud, und immer noch ging es für Cäsar weiter nach oben.
Historiker haben errechnet, dass sich Cäsar seit Beginn des Gallien-Feldzuges im Jahr 58 v. Chr. lediglich 15 Monate in Rom aufgehalten hatte, bald schon musste auch Kleopatra auf ihn verzichten - weil er erneut nach Spanien aufbrach, um dort die Söhne des Pompeius zu vernichten oder zu vertreiben. Dies gelang, und dass er endgültig die - offen erkennbare - Opposition ausschalten konnte, führte ihn auf den Höhepunkt seiner Politkarriere.
Der Senat als Institution war von ihm herabgewürdigt, mit voller Absicht. Dessen Mitglieder mussten unter Eid schwören, Cäsars Leben zu beschützen. Im Tempel des Quirinus wurde eine Cäsarstatue aufgestellt, Inschrift: "dem unbesiegten Gotte", und in kleinem Kreise schmähte er Lucius Cornelius Sulla, einen seiner Vorgänger im Amte des Diktators. Sulla sei, weil er ebendieses Amt zeitgerecht-verfassungsgemäß niederlegte, ein politischer Analphabet gewesen.
Die reklamierte Alleinherrschaft und das beständige Aufaddieren von "Ehrungen und Rechten" (Christ) forderte alsbald eine klandestin arbeitende Widerstandsbewegung heraus: Römer, die sich der republikanischen Tradition verpflichtet fühlten - auch wenn sie, was stark vermutet werden kann, Cäsars gewaltige Reformvorhaben, etwa die Regulierung des Tibers oder das Trockenlegen der Pontinischen Sümpfe, guthießen.
Überdies schien für seine Kritiker klar, dass Kleopatra auf Cäsar einen immer schlechter werdenden Einfluss ausübte. Er habe sogar, glaubt Schäfer, "ihre Anwesenheit" genutzt, "um seine Pläne hinsichtlich der Ausgestaltung seiner Herrschaft voranzutreiben" und "so weitere Tabus" gebrochen, weil er sich "allein schon durch ihre Präsenz in Rom zu manchen seiner Schritte inspiriert sah".
Erstaunlicherweise hat Kleopatras Rom-Aufenthalt in Literatur und Geschichtsschreibung nur wenige Spuren hinterlassen; sie soll in Cäsars Villa eine glänzende Gastgeberin gewesen sein, allerdings soll sie auch manche, die sie eingeladen hatte, äußerst herablassend behandelt haben. Eine anmaßende Vasallenkönigin, urteilte Cicero, der bedeutendste Autor jener Jahre.
Vor allem irritierte Kleopatras Kritiker, dass sie offenbar bei ihrem Geliebten durchgesetzt hatte, eine goldene Statue von ihr im Allerheiligsten des Tempels der Venus Genetrix aufzustellen, der Stammmutter des julischen Geschlechts, Cäsars Geschlecht. Damit habe er den "Rahmen profaner Ehrungen gesprengt" (Schäfer) - weil er auf diese Weise Kleopatra in die Nähe seiner Urahnin rückte.
Für die meisten ein ungeheuerlicher Vorgang. Denn er warf tatsächlich die Frage auf, ob Cäsar vielleicht die Verschmelzung der "gens iulia" mit dem Haus der Ptolemäer plante - jener Idee, der ja auch Kleopatra nachhing.
Menschen in Cäsars Umgebung fiel Ende 45, Anfang 44 auf, dass er sich stark verändert hatte. Er, dessen "Charme bezaubern konnte, der nie-mals kleinlich handelte, der seine Freunde großzügig beschenkte und seine Gegner durch Milde und Großmut überraschte", schreibt der Publizist Eberhard Horst, habe sich "zunehmend selbstherrlich, hochmütig und zynisch" gegeben. Am Ende war Cäsar einsam, von frostiger Unnahbarkeit, resigniert.
Wiederholt raunten ihm Vertraute zu, es gingen Gerüchte über eine Verschwörung um. Jener Kreis, der dem Diktator und präsumtiven König nach dem Leben trachtete, bestand aus etwa 60 Männern, angeführt von den Prätoren Gaius Cassius Longinus und Marcus Junius Brutus. Es sei "weniger in seinem Interesse als in dem des Staates, dass er am Leben bleibe", soll Cäsar gesagt haben; stoße ihm etwas zu, würden Unruhen und "schlimmere Bürgerkriege" als zuvor ausbrechen - eine Prophezeiung, die sich tatsächlich erfüllte.
Mit aller Härte ging besonders Octavian, Cäsars Großneffe und sein Erbe, gegen die Attentäter und deren Gesinnungsgenossen vor. Wer im Verdacht stand, ein Cäsar-Feind gewesen zu sein, der wurde auf eine Todesliste gesetzt - und war damit vogelfrei. Proskribierte hießen die Gejagten, Söhne verrieten ihre Väter, Verwandte schwärzten Verwandte an. 13 Jahre lang kam der Staat nicht mehr zur Ruhe, Tausende wurden hingemetzelt, Cassius und Brutus richteten sich selbst.
Die römische Republik war endgültig am Ende, Octavian führte schließlich eine neue Staatsform ein - den Prinzipat, eine Monarchie, in der zwar die alten republikanischen Ämter und Institutionen weiter existierten, die Macht freilich in einer Hand konzentriert war (siehe Seite 106).
Kleopatra hatte Rom wenige Wochen nach Cäsars Tod verlassen, unbehelligt. Octavian ordnete an, ihre Statue im Tempel der Venus Genetrix nicht zu entfernen, aus Achtung vor seinem Adoptivvater, wie er sagte. Kaisar, ihren Sohn, ließ er später töten - vielleicht hätte er ihm irgendwann gefährlich werden können.
Von Georg Bönisch

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2012
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