30.05.2012

NahaufnahmeGlücklose Königin

Die Venezianerin Caterina Cornaro gelangte auf Zyperns Thron. Die Republik dankte ihr den Dienst schlecht.
Als der venezianische Maler Gentile Bellini die Patriziertochter Caterina Cornaro um das Jahr 1500 porträtierte, war sie Mitte vierzig und trug den pompösen Titel "Königin von Zypern, Jerusalem und Armenien". Das war ein geradezu anmaßend klangvoller Name für eine Bürgerin der Republik Venedig. Auf dem Gemälde sieht man das ungeschönte Abbild einer korpulenten und vorzeitig gealterten Frau, die eigensinnig, aber nicht sehr glücklich aussieht und deren Blick in die Ferne schweift. Auffällig an diesem Werk ist die Schonungslosigkeit, die der bedeutende Maler gegenüber der Königin an den Tag legte.
Was hatte Cornaro da auch schon alles durchgemacht: eine arrangierte Heirat, Mann und Kind verloren, blutige Intrigen - allesamt Ingredienzien einer griechischen Tragödie. Ihre Vita bot postum Stoff für mehrere Opern und Gemälde. Bis heute ranken sich um ihr Schicksal Gerüchte und Mythen; besonders im 19. Jahrhundert inspirierte Venedigs unglückliche Königin viele Künstler zu romantischer Verklärung. In der Tradition dieser Epoche wurde vieles hinzugedichtet, was später als Wahrheit begriffen wurde.
Wer aber war diese Frau, die als "letzte Königin von Zypern" in die Geschichte eingegangen ist? War sie nur Opfer und Marionette der Serenissima oder doch auch eine eigenständige, ja sogar, wie manche meinen, heldenhafte Figur? Fest steht: Caterina Cornaro nahm eine Schlüsselposition in den Ränken und Rankünen der Dogenrepublik ein.
1454 wurde sie als Tochter des steinreichen venezianischen Patriziers Giovanni Cornaro und einer byzantinischen Prinzessin geboren. Cornaro hatte als Zuckerbaron auf Zypern sein Geld gemacht. Das als klug und schön gepriesene Mädchen ließen die Eltern in einem Klosterinternat bei Padua erziehen.
Im Alter von 14 Jahren gab ihr Vater sie dem 28-jährigen König Jakob II. von Zypern zur Verlobten. Das war ein geschickter Schachzug - im Interesse der eigenen Geschäfte, aber auch der Republik. Die Insel der Aphrodite war für sie als Handelsstützpunkt für Geschäfte mit Ägypten und der Levante bedeutsam. Jakob II., illegitimer Spross des zyprischen Königshauses Lusignan, suchte einen starken Verbündeten für sein begehrtes Königreich; durch die Heirat konnte man ihn an Venedig binden. Denn sowohl Osmanen wie Genueser hatten bereits Ansprüche auf die Zuckerinsel erhoben.
Wie sehr die Eheschließung politisch motiviert war, zeigte das Procedere: 1468 wurde das junge Mädchen in Abwesenheit des Gemahls "per procura" im Dogenpalast vermählt. Erst vier Jahre später reise es mit einer spektakulären Mitgift nach Zypern ab - kurz zuvor adoptierte Venedig Caterina Cornaro noch offiziell als "Tochter der Republik".
Die der jungen Frau zustehende Krone - eine Trophäe, mit der die Republik bisher nicht aufwarten konnte - war somit von Anfang an auch die der Serenissima. Künftig sollte auch Venedig in Fragen des diplomatischen Protokolls königliche Würden für sich in Anspruch nehmen - ein aufsehenerregender Prestigeerfolg.
In Nikosia erwarteten das junge Mädchen eine glamouröse Krönungszeremonie und ein Mann, den es - so will es die Legende - sehr zu lieben begann. Doch das Glück hielt nicht lange. Acht Monate später starb der König unter ungeklärten Umständen, Caterina brachte kurz darauf einen Sohn zur Welt. Aber auch er, der Thronfolger, starb noch vor seinem ersten Geburtstag.
Die mysteriösen Todesfälle befeuerten die Gerüchte. Hatte Venedig seine Hände im Spiel gehabt? Der Verdacht politisch motivierter Morde lag nahe. Schließlich ging die Republik - wie viele Großmächte der Zeit - zur Sicherung des Reiches über Leichen.
Nach dem Tod Jakobs II. überraschte die junge Witwe alle, die mit ihrer schnellen Rückkehr gerechnet hatten. Denn die Königin gab ihre Insel nicht sofort auf; 15 Jahre lang blieb sie dort Regentin, umgeben allerdings von venezianischen Beratern und Spitzeln.
Als in der Lagune ruchbar wurde, dass Cornaro das Angebot des neapolitanischen Königs Ferdinand I. zu einer Heirat mit einem seiner Söhne erwog, zog die Regierung im Dogenpalast die Reißleine. Caterinas Bruder Giorgio wurde nach Zypern entsandt, um die Schwester zurückzubringen - notfalls auch mit massivem Druck.
Was das bedeuten konnte, zeigte das Schicksal von Neapels Botschafter in Ägypten, Rizzo da Marino. Da Marino hatte versucht, die opportune Heirat einzufädeln. Am 13. Mai 1489 beschloss der "Rat der Zehn", eine Art Geheimdienst der Republik, dass der neapolitanische Diplomat zu beseitigen sei. Bald fand man den Gesandten tot auf - seine Mörder hatten ihn erdrosselt.
Auf dem Weg zum Hafen soll Cornaro, die von den Zyprern als "unsere schöne und gute Königin" verehrt wurde, geweint haben. "Niemals wieder wird das Glück einen Platz in meinem Leben haben", soll sie beim Verlassen der Insel geseufzt haben. Als Souvenir begleitete Cornaro ein Stück roter Seide vom Banner der Lusignan, das 300 Jahre über der Insel geweht hatte.
In Venedig wurde sie zwar mit allem Pomp empfangen. Danach allerdings musste sie ihre Krone dem Dogen übergeben. Als Entschädigung erhielt die Gedemütigte die Stadt und Burg Asolo in der heutigen Provinz Treviso. Cornaro führte hier nur noch den Titel und Rang einer Königin - ihre Rechte als Souveränin hatte sie an den Dogen abgegeben, unter dessen Kuratel sie faktisch stand.
Doch Caterina Cornaro überraschte erneut: In Asolo scharte sie Musiker, Maler, Intellektuelle, Dichter und Denker um sich. In den folgenden zwei Jahrzehnten verwandelte sie das kleine Provinznest in ein Kulturzentrum. Ihr Hof steht bis heute für die "delizie d'Asolo", die köstlichen Freuden von Asolo.
"Tag für Tag verbrachte man mit Musik, Gesang, Tanz und prächtigen Gelagen", schrieb Pietro Bembo, Dichter und Gelehrter, in seinen "Asolaner Gesprächen", einem Schlüsseltraktat über die Dialektik der Liebe. Seine romantischen Verse allerdings widmete er nicht seiner Gönnerin, sondern einer ungleich berühmteren Dame: Lucrezia Borgia.
Mit ihrem kultivierten Landleben avancierte die Renaissance-Queen Cornaro zur Trendsetterin. Scharenweise pilgerten noch Jahrhunderte nach ihr venezianische Adelige in die Sommerfrische nach Venetien, um hier die Antike wieder aufleben zu lassen - vorzugsweise in von Star-Architekt Andrea Palladio errichteten Villen.
Vertrieben wurde die Herrin von Asolo aus ihrem schöngeistigen Idyll von den Truppen Kaiser Maximilians I., der in den Jahren 1507 bis 1509 gegen Venedig kämpfte. Sie musste ihre Vaterstadt um Asyl bitten. Dort, im Palazzo Corner, lebte sie nur noch wenige Monate. Caterina Cornaro starb mit 55 Jahren am 10. Juli 1510.
An ihrer Grabstätte in der Kirche San Salvador ist der Moment in Stein gemeißelt, der Cornaros Bedeutung für die Markusrepublik festhält: die Übergabe der Krone Zyperns an den Dogen Agostino Barbarigo 1489. Es ist eine häufig gemalte Szene. Die Darstellung von Jacopo Palma aus dem 16. Jahrhundert etwa zeigt, wie der Doge im goldenen Gewand die Trophäe entgegennimmt. Die Königin, an der Seite, trägt Schwarz.
Von Petra Kleinau

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2012
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