30.05.2012

Das Licht der Lagune

Schon Kaiser Barbarossa pilgerte in die Markusstadt, Thomas Mann machte sie endgültig zum Sehnsuchtsort der Deutschen.
Ach, die schöne Venezia, "gleich einem Klumpen von Antiquitäten" liege sie da, klagte der deutsche Dichter Ernst Moritz Arndt, als er 1798 durch die Stadt wanderte. Ein Jahr nach dem Untergang der Republik lag die Wirtschaft am Boden. Handwerkern fehlten Kunden, das stolze Arsenal, kurz zuvor noch Arbeitgeber für Tausende, war verödet, Bettler bestimmten das Straßenbild. Auch Mozarts Librettist Lorenzo da Ponte sah überall "Einsamkeit, Schweigen und Niedergeschlagenheit".
Doch damit war es bald vorbei. Schon um 1800 schwoll die Schar der Besucher an; Gasthöfe und Hotels füllten sich. Venedig war wieder "in".
Fast über Nacht wurde die einst so mächtige "Königin der Meere" zum Traumziel gefühlvoller Romantiker, die aus England, Frankreich und Russland, vor allem aber aus den deutschsprachigen Ländern anreisten. Die neue Nostalgie entsprach dem Zeitgeist. Besonders sensible Literaten, Künstler und Intellektuelle fühlten sich von der pittoresken Stadt angezogen.
Seit dem Mittelalter kamen die Deutschen nach Venedig. Bereits vor der Jahrtausendwende hatten sich Händ-ler aus dem deutschsprachigen Alpenraum in die Lagunenstadt vorgewagt. In der Stauferzeit entstand der berühmte Fondaco dei Tedeschi, die deutsche Handelsniederlassung an der Rialtobrücke.
Der Besuch in San Marco war für deutsche Herrscher fast selbstverständlich. Nach Otto III. und den salischen Kaisern machten auch Barbarossa und Friedrich II. dem Evangelisten Markus ihre Aufwartung. Für Komponisten wie Händel und Wagner, Schriftsteller wie Goethe und August von Platen, Architekten wie Schinkel und Maler wie Dürer wurde der Venedig-Aufenthalt ein prägendes Erlebnis. Nach seiner Rückkehr schuf Dürer zahlreiche venezianisch inspirierte Werke. Für Generationen war Venedig Bildungsauftrag und schöpferische Inspirationsquelle.
Nun, im 19. Jahrhundert, gaben empfindsame Dichter den Ton an. "Sah mehr als 20 Kirchen in einigen Stunden, von der Kathedrale des heiligen Markus herab bis auf das kleinste Kapellchen", notierte 1802 Johann Gottfried Seume, der auf seinem "Spaziergang nach Syrakus" auch die "Sehenswürdigkeiten" - das Wort wurde bald ein Schlüsselbegriff - Venedigs bestaunte. Der Bildungstourist betrat die Szene, ausgerüstet mit Tagebuch, Skizzenblock und gedrucktem Führer.
Die 1846 eröffnete Eisenbahnbrücke machte die Anfahrt einfacher denn je; schon Otto von Bismarck nutzte die neue Verbindung im Jahr darauf für seine Hochzeitsreise.
Die "Verinnerlichung" ihrer Eindrücke notierten die Flaneure in Briefen und persönlichen Aufzeichnungen. In der zerfallenden Stadt entdeckte man sich selbst. Mit Venedig assoziierte man Schönheit, Trauer und Einsamkeit. Nervöse Überreiztheit und elitäre Sensibilität wurden kultiviert. Die neue Rolle der Stadt war ganz und gar durch das Subjektive bestimmt. Ihre Atmosphäre und ihre Kunst wurden verklärt, "die dunkleren Tatsachen ihrer Geschichte", wie der Kunsttheoretiker John Ruskin kritisch bemerkte, ausgeblendet. "In ihrem Schmerz" erschien sie nicht nur dem englischen Dichter Lord Byron, der 1817 seinen Wohnsitz nach Venedig verlegt hatte, "teurer als zu ihren Glanzzeiten".
Als besonders attraktiv und symbolgeladen galt der Markusplatz, der "schönste Salon Europas", wie Napoleon bemerkt hatte, dem "als Decke zu dienen nur der Himmel würdig" sei. Der preußische Architekt Karl Friedrich Schinkel benützte 1824 dieselbe Metapher, bemängelte aber die Asymmetrie des Ensembles, dessen Cafés nun wieder "gepfropft von Menschen" waren.
Fremdenführer boten hier ihre Dienste an, Zauberer versuchten Aufmerksamkeit zu erregen, Flaneure zeigten eine den Deutschen ungewohnte Leichtigkeit des Seins. Ruskin allerdings fand das Szenario, beherrscht von österreichischen Militärs und "italienischen Müßiggängern", der großen Vergangenheit unwürdig. "Priester und Laien, Soldaten und Bürger, Reiche und Arme", so empörte er sich, gingen "mit gleicher Achtlosigkeit an San Marco vorüber", wobei sich die Orgelmusik, die aus der Kirche schallte, auf unangenehme Weise mit Militärmusik vermischte. "Der Marsch übertönt das Miserere", so die Kritik des Engländers, die natürlich auch antiösterreichische Vorurteile verriet.
Ebenfalls 1824 kam der schwärmerische August von Platen in die Stadt, in der für ihn Vergangenheit, Schönheit und Tod eine einzigartige Symbiose eingingen. Sein Venedig-Bild beeinflusste spätere Autoren wie Paul Heyse, Hugo von Hofmannsthal, Theodor Däubler, Stefan George und Thomas Mann. Mit Platens Sonetten erreichte die deutschsprachige Venedig-Lyrik des 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Eines der berühmtesten endete mit den Versen:
Ich steig' an's Land, nicht ohne Furcht und Zagen,
Da glänzt der Markusplatz im Licht der Sonne:
Soll ich ihn wirklich zu betreten wagen?
In der Schönheit klassischer Kunst, besonders der Malerei Tizians, offenbarte sich für Platen das Göttliche. Am liebsten hielt er sich deshalb in der 1807 begründeten Kunstsammlung der Accademia auf, die ihn verzauberte. Der Abschied fiel ihm entsprechend schwer. "Ich fühle Woch' an Woche mir verstreichen und kann mich nicht von dir, Venedig, trennen", schrieb er in sein Tagebuch. Der melancholische Ton lag im Trend. Die "ferne, ausgelebte Welt", wie Richard Wagner sie später nennen sollte, lockte vor allem junge Besucher.
Wer hier sein Herz "nicht stärker klopfen" fühle, befand Österreichs "Nationaldichter" Franz Grillparzer 1819, sei "unwiderbringlich tot". Etliche der jungen Künstler und Literaten kamen auch der Gesundheit wegen. Für Menschen, die zur Melancholie neigen, galt die feuchte Lagunenhitze, folgte man der antiken Viersäftelehre, zwar als Seuchenrisiko, aber auch als stimmungshebend.
Das Licht der Lagune und der Genuss von Kunstwerken sollten düstere Gedanken vertreiben. Gesundheit und Glücksempfinden würden nicht zuletzt durch die Betrachtung "echter Kunst" gefördert, wie sie vor allem die italienischen Meister der Renaissance geschaffen hätten, schrieb Johann Nepomuk Ringseis, der als Leibarzt Ludwig I. von Bayern nach Venedig begleitete.
So begeisterte die "wunderbare Wasserstadt" auch den von Tragik umhauchten Schriftsteller und Hölderlin-Freund Wilhelm Waiblinger, der 25-jährig in Rom sterben sollte. Platen erlag 1835 auf der Flucht vor der Cholera mit 39 Jahren in Syrakus einer Kolik.
Schon 1810 hatte der religiös orientierte Malerbund der Lukasbrüder auf dem Weg nach Rom die Bilder Giovanni Bellinis bewundert, während sie Goethes "kalten" Kunstgeschmack und dessen Vorliebe für den berühmten Renaissance-Architekten Palladio kritisierten. Dass selbst der gemütlich-sarkastische Biedermeier-Maler Carl Spitzweg zwischen 1834 und 1850 die Lagunenstadt mehrfach besuchte, mag erstaunen.
Aber die "wunderbare, geheimnisvolle Schöpfung" (Jacob Burckhardt) galt nun einmal neben Paris zunehmend als Europas Kunstzentrum schlechthin.
Allerdings gab es auch deutschsprachige Besucher, die den "romantischen Anwandlungen" wenig abgewinnen konnten. Zu ihnen gehörte Heinrich Heine, der 1828 die venezianischen Gassen auf den Spuren Shakespeares durchwanderte. Vor allem Shylock, der legendäre jüdische "Kaufmann von Venedig", beflügelt die Phantasie Heines, der selbst jüdischer Herkunft war. Nicht ohne Irritation schrieb er:
Trotzdem dass ich in der Synagoge nach allen Seiten umherspähete, konnte ich das Antlitz des Shylock's nirgends erblicken. Und doch war es mir, als halte er sich dort verborgen unter irgend einem jener weißen Talare, inbrünstiger betend als seine übrigen Glaubensgenossen ... Ich sah ihn nicht." Doch gegen Abend hört er plötzlich ein Schluchzen, "das einen Stein in Mitleid zu rühren vermochte. Es waren Schmerzlaute, wie sie nur aus einer Brust kommen konnten, die all das Martyrthum, welches ein ganzes gequältes Volk seit achtzehn Jahrhunderten ertragen hat, in sich verschlossen hielt ...
Jüdische Tragik und Geschichte erschienen Heine am Rialto geradezu greifbar, wobei Shylocks Schicksal, obgleich fiktional, alles überragte. Die Atmosphäre des Ghettos berührte den Dichter tief. Er blieb allerdings nur wenige Tage. Über sonstige Unternehmungen berichtet er wenig. Doch übersetzte er Byrons Venedig-Gedichte ins Deutsche.
Auch für die Geisteswissenschaften ergaben sich angesichts der "Größe, Pracht und Schönheit" der Stadt, so Wilhelm von Humboldt, neue Herausforderungen. 1828 untersuchte der preußische Historiker Leopold von Ranke im 1815 gegründeten Generalarchiv des Frari-Klosters alte Dokumente zur Geschichte der Serenissima. Zwar hatte bereits 1689 kein Geringerer als Gottfried Wilhelm Leibniz in Venedig historische Quellenforschungen betrieben, doch erst mit Ranke begann die lange, bis heute sich fortsetzende Reihe deutscher Wissenschaftler, welche die Kunst- und Kulturgeschichte der Stadt systematisch untersuchten.
Auch der Gelehrte konnte nicht umhin, wie so viele, den Markusplatz zu bewundern, "den ich täglich beschreite", dieses "Zimmer mit den schönsten Wänden und einem wohleingerichteten Fußboden, der niemals staubt, da man hier niemals mit Wagen fährt, und in dem Himmelblau mit einer herrlichen Decke".
Seiner Meinung nach gab und gibt es in der Kunst "keinen Meister, der was taugt, ohne in der alten Manier angefangen zu haben". Diese konservative Auffassung, die vor allem Antike, Hochrenaissance und Klassizismus verherrlichte, war für das deutsche Bürgertum repräsentativ. Ranke spürte, dass Kunstgenuss wenig mit intellektueller Einsicht zu tun haben muss. "Wo man Verständnis hat, hört die Bewunderung auf", lautete seine venezianische Erfahrung. Bald wurde es Mode, in Kunstdingen dem Subjektiven freien Lauf zu lassen.
Nicht wenige Deutsche, die im 19. Jahrhundert durch Venedig streiften, verbanden ihre Bewunderung freilich auch mit beachtlicher Kritik. Eine alte, protestantisch gefärbte Skepsis gegenüber südliche Lebensart meldete sich in ungeahnter Weise zurück. Dazu trugen auch einschlägige Werke Goethes (besonders die "Venezianischen Epigramme"), Lessings, Heines und Herders bei.
Goethe war auch in Venedig nicht zum Italiener geworden, die "leichte Existenz" war ihm zu wenig, trotz der Schönheit des Landes und der Fülle seiner Kunst. Doch als er an einem Septemberabend 1786, noch zur Zeit der Dogenherrschaft, zum ersten Mal in seinem Leben über die Lagune fuhr, war er froh: "So ist denn auch, Gott sei Dank, Venedig mir kein bloßes Wort mehr, kein hohler Name", schrieb er nach Weimar. Und zufrieden reiste er ab: "Ich ... trage das reiche, sonderbare, einzige Bild mit mir fort", notierte er, schon auf dem Weg zu seinem großen Ziel Rom.
Viele Deutsche nach ihm empörten sich über die inzwischen etablierte österreichische Verwaltung, wobei natürlich auch preußische Ressentiments aufbrachen. Immer wieder ging es in Briefen und Tagebüchern um die angebliche "Faulheit" und sittliche "Verdorbenheit" der Einheimischen sowie den behördliche Schlendrian. "Das meiste verfault in Herrlichkeit", lästerte 1835 der Berliner Publizist Gustav Nicolai.
Vor allem Goethes "Italienische Reise" habe, so Nicolai, unter den Deutschen eine "krankhafte Sehnsucht nach dem Süden" hervorgerufen. Über alles Negative werde hinweggesehen, besonders in der "angeblichen Wunderstadt" an der Adria. Dabei sei kein Besucher aus dem Norden der Verschlagenheit der Venezianer gewachsen.
Der Weimarer Bibliothekar Carl Ludwig Fernow war 1794 noch viel weiter gegangen. Er nannte Venedig "die stinkendste, schmutzigste, häßlichste Stadt", die er je gesehen habe. Das Volk - Adlige wie Pöbel - verbringe die Karnevalszeit in "Entzücken und Taumel", die übrigen Monate des Jahres dagegen "in Druck und Elend". Über Jahrhunderte sei sein Charakter durch Vergnügungen und Nichtstun verdorben worden. Besonders Opernaufführungen verführten selbst charakterfeste Deutsche durch die "wollüstigen Stellungen und verführerischen Töne" der italienischen Protagonisten.
Nicolais antiitalienische Ausfälle wurden allerdings von Ruskin übertroffen, der Venedig und sein "herabgekommenes Völkchen" 1852 mit Dantes Inferno verglich, "mit dem Turm von San Marco in der Mitte". Die Italiener, für den exzentrischen Engländer "eine merkwürdige Kreuzung aus Fuchs und Schwein", müsse man, so der Autor des wohl einflussreichsten Venedig-Buchs des 19. Jahrhunderts, erst einmal zu "Männlichkeit und Wahrhaftigkeit" erziehen. Ganz in diesem Geiste bewunderte der Tübinger Ästhetikprofessor Friedrich Theodor Vischer 1839 zwar die glänzenden Augen der Gondolieri, warnte aber vor der "Dolchspitze", die darin lauere. Der Genuss des Schönen verbinde sich in Venedig leider mit den Unfreundlichkeiten der Einheimischen, zumal "Italien mehr Pöbel als irgendein anderes Land" habe.
Am Ende überwogen dann aber doch die romantisch-verklärenden Stimmungsbilder. Die meisten Deutschen suchten in der Lagune ein ästhetisches Dorado, dessen Zerfall die politische und moralische Situation in Europa widerzuspiegeln schien.
Die Venedig-Reise blieb dabei eine exklusive Angelegenheit. Bauern, Arbeiter, Handwerker und kleine Beamte, aber auch das Gros der deutschen Akademiker, Staatsbeamten und Geistlichen suchte man am Rialto vergebens.
1852 kam der 22-jährige Schriftsteller Paul Heyse in die "Zauberstadt". Sieben Jahre später schrieb er den schwärmerischen Roman "Andrea Delfin". Im Vordergrund stand die morbid-schwülstige Verklärung, wie sie die Mehrheit der gebildeten Leser liebte:
Andrea zog die Glocke am Tor. Bald darauf hörte er die Stimme des Pförtners, die fragte, wer draußen stehe. Ein Sterbender, antwortete Andrea. Ruft den Bruder Pietro Maria, wenn er im Kloster ist. Der Pförtner entfernte sich von der Tür. Indessen setzte sich Andrea auf die Steinbank, riß ein Blatt aus seiner Brieftasche und schrieb bei dem Schein einer Laterne, die aus der Pförtnerzelle hervorschimmerte, folgende Zeilen: ,An Angelo Querini: Ich habe den Richter gespielt und bin zum Mörder geworden ...'
Das ist nicht der Anfang eines Kriminalromans, sondern das Schlusskapitel in der Biografie eines Nachfahren der Dogenfamilie Dolfin. "Der letzte Spross eines edlen Geschlechts" besteigt eine Gondel und setzt seinem Leben, tragisch und theatralisch zugleich, durch Selbstertränken in der Lagune ein Ende.
Im 19. Jahrhundert entstanden unzählige Venedig-Novellen dieser Art, nicht nur in der deutschen Literatur. Das Unglück Einzelner symbolisierte die Verfallsgeschichte der Stadt.
Die subtile Beziehung zwischen Schönheit und Vergänglichkeit war spätestens seit Platen zum Modethema geworden. 1847 starb in Wien, kurz nach einem Besuch in der "Stadt des Todes", Moritz Graf von Strachwitz, ein kränkelnder Ästhet, dessen Gedichte und Balladen - sie erschienen postum 1850 - heute ebenso vergessen sind wie ihr Autor. Sein "Hymnus an Venedig", kurz vor seinem Tod verfasst, klang dramatisch. "Krankheit, Schönheit und Venedig", die durch Thomas Mann berühmt gewordene, metaphorisch überhöhte Verbindung, wird hier eindrucksvoll vorweggenommen:
Ich bin so krank und sterben möcht' ich gerne
Hier in Venedig, und begraben liegen
In dieser Flut, dem Ruheplatz der Sterne!
Der Blick auf Venedig, die Empfindung, wird auf das Existentielle reduziert. Der Verfall der Stadt ist zur Hintergrundmelodie geworden, wie auch die Begeisterung für das Schöne, das anderen so viel Trost bot. Von Einheimischen wie Fremden fühlt sich der lebensuntüchtige Intellektuelle missverstanden. Angesichts der notorischen Unruhe der Stadt, ihrem "wimmelnden Gewürme", packt ihn "innerstes Erbeben". Der Untergang des gefährdeten Einzelnen wird allerdings nicht ohne Arroganz inszeniert. Der Preis ist jene elitäre Einsamkeit, für die Venedig das Ambiente bietet.
Auch Friedrich Nietzsche, der die Stadt insgesamt fünfmal besuchte, floh hier vor den Massen, die erstmals in Gruppen anreisten. Ihn faszinierten besonders die alten Meister, wobei er sich auf die Fachkunde seines Basler Fakultätskollegen Jacob Burckhardt stützen konnte.
Ebenso aber liebte er den Markusplatz, dessen Besuch er zu den "guten Geschenken" venezianischer Vormittage zählte. Frühling, Musik und Venedig waren für ihn Synonyme. Mit dem Komponistenfreund Peter Gast zusammen bemühte sich Nietzsche, die "Klingsor-Zauberei" Richard Wagners zu überwinden. Das Licht der Lagune, die Tauben, die "Toteninsel", überraschenderweise aber auch Festgottesdienste in San Marco faszinierten den Denker, der dem Christentum den Kampf angesagt hatte, ungeachtet aller Krisenstimmungen. 1888 erwog er ernsthaft, gegen die chronische Venedig-Sehnsucht eine "Kur" anzutreten - ausgerechnet in den "Venediger Alpen"!
Nietzsche teilte seine Venedig-Leidenschaft mit dem verehrten wie gehassten Wagner, dessen angebliche musikalische Dekadenz er so scharf verurteilte. Immer wieder hatte der große Komponist am Rialto Entspannung, aber auch Anregungen gesucht. 1858, bei seinem ersten Besuch, war er auch aus der Ehe mit seiner damaligen Frau Minna geflohen.
Er nahm Quartier in einem prächtigen Renaissance-Palazzo am Canal Grande, der als einer von wenigen sogar über eine moderne Heizungsanlage verfügte. Die Räume ließ sich der anspruchsvolle Gast nach seinem Geschmack herrichten. Wagner habe, berichtete der Polizeirat Crespi seiner Behörde, "da die Farbe seines Schlafzimmers ihn unangenehm berührte", den Besitzer gebeten, "eine seiner Stimmung mehr zusagende Schattierung von rot als Dekorierung" wählen zu dürfen.
In Venedig vollendete Wagner den zweiten Akt des "Tristan", und hier starb er auch im Februar 1883. Im legendären Teatro La Fenice hatte er zuvor sein letztes Konzert dirigiert.
Es kann nicht verwundern, dass die Venedig-Sehnsucht der Deutschen im 20. Jahrhundert anhielt. Der junge Hermann Hesse, der die Einheimischen zweideutig als "halbbewusste Träger maßloser Erinnerungen, dem Augenblick ergeben, liebenswürdig, oberflächlich musikalisch" apostrophierte, genoss 1901 die "Eichendorff-Melodie" der abendlichen Lagune - nicht weniger als Rilke, der 1912 im Palast der Fürstin Marie von Thurn und Taxis an den "Duineser Elegien" arbeitete, aber auch die Kirchen und Museen der Stadt erkundete und dabei den Charme des Ghettos entdeckte.
Theodor Däubler, der die romantischen Viertel Venedigs als "Empfindungsinseln stiller Stunden" beschrieb, Hugo von Hofmannsthal, der sich an der Lagune "freier und reiner" fühlte als irgendwo sonst, und Arthur Schnitzler, der Autor von "Casanovas Heimfahrt", wurden ebenso zu Venedig-Bewunderern wie Franz Werfel. Der setzte mit seinem Verdi-Roman nicht zuletzt dem Teatro La Fenice ein Denkmal. Franz Kafka schrieb hier im Hotel Gabrielli Sandwirth Briefe an Max Brod, und Gerhart Hauptmann erbebte am Fenster seines Hotels "vor einem ganz märchenhaften Schatz".
Seit dem 20. Jahrhundert verbindet man vor allem Thomas Mann mit der Lagunenstadt, dessen Meisternovelle "Der Tod in Venedig" (1912) in die Weltliteratur einging. Tatsächlich sah der Autor in der Lagune sein zweites "Zuhause", "entrückt, die Spitzbögen maurisch verzaubert".
"Mein Mann hing über die Maßen am Lido und an Venedig", hielt Katia Mann in ihren "Ungeschriebenen Memoiren" fest. Nicht von Platen, Strachwitz oder Heyse, nicht von Anselm Feuerbach, der hier 1880 unter tragischen Umständen starb, leiten die Deutschen heute die Assoziation von Tod, Schönheit und Venedig ab, sondern vom Schicksal Gustav Aschenbachs, der Hauptfigur in Manns Novelle.
Im Hotel Des Bains auf dem Lido, wo die Novelle spielt und später auch von Luchino Visconti verfilmt wurde, verbrachte die Familie Mann mehrfach ihre Ferien.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich dort ein mondäner Kurbetrieb etabliert. Längst suchten wohlhabende Touristen in der Lagune nicht nur Kunstgenuss, sondern auch Sommerfrische und Badevergnügen. Der Lido mit exklusiven Hotels und Bars wurde zum Vorbild des internationalen Strandtourismus.
Im Liegestuhl am Lido von Venedig stirbt Manns morbider Held Gustav Aschenbach, den Blick auf den vergötterten Jungen Tadzio gerichtet - und das offene Meer. ■
Von Klaus Bergdolt

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2012
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