31.07.2012

Barfuß im Schnee

Die Unterwerfung König Heinrichs IV. in Canossa 1077 vor Papst Gregor VII. gilt bis heute als Synonym für größte Schmach. Neue Forschung zeigt, dass der Bußgang auch anders gedeutet werden kann.
Es waren widrige Umstände, unter denen König Heinrich IV. im Jahre 1077 von Deutschland nach Italien zog und die der Geschichtsschreiber Lampert von Hersfeld eindringlich schilderte: "Der Winter war äußerst streng, und die sich ungeheuer weit hinziehenden und mit ihren Gipfeln fast bis in die Wolken ragenden Berge, über die der Weg führte, starrten so von ungeheuren Schneemassen und Eis, dass beim Abstieg auf den glatten, steilen Hängen weder Reiter noch Fußgänger ohne Gefahr einen Schritt tun konnte." Der Monarch quälte sich über die Berge, in seinem Tross die Königin und der knapp dreijährige Thronfolger. "Sie krochen bald auf Händen und Füßen vorwärts, bald stützten sie sich auf die Schultern ihrer Führer, manchmal auch, wenn ihr Fuß auf dem glatten Boden ausglitt, fielen sie hin und rutschten ein ganzes Stück hinunter", beschrieb Lampert die ganz und gar nicht standesgemäße Anreise über den Pass am Mont Cenis.
Doch der deutsche König konnte nicht auf bessere Bedingungen warten. Er musste Papst Gregor VII. treffen, unbedingt. Der Oberhirte sollte Heinrich von dem Kirchenbann lösen, den er ein Jahr zuvor über ihn verhängt hatte.
Allerdings war auch der Papst auf Reisen. Gregor VII. zog von Rom in Richtung Augsburg. Dort erwarteten ihn die deutschen Fürsten zu einem Tribunal über Heinrich. Sie wollten mit Gregor über das weitere Schicksal des gebannten Königs beraten. Heinrichs Krone war in Gefahr.
Wollte Heinrich König bleiben, musste er den Papst abfangen, bevor dieser sich mit den Widersachern im "Regnum Teutonicum" traf. So kam es - zumindest der Legende nach - im Januar 1077 auf der Burg Canossa, in der heutigen Region Emilia-Romagna, zu einer höchst dramatischen Begegnung. Vor den Mauern der Festung flehte der römisch-deutsche König den Papst um Gnade an: Barfuß stand er im Schnee, nur im schlichten Wollgewand. Nach drei Tagen erst erbarmte sich der Religionsführer seiner und nahm Heinrich wieder in den Schoß der heiligen Mutter Kirche auf.
Seither gilt Canossa als Begriff für die schlimmste Demütigung eines deutschen Souveräns. Wie kein anderes Sprachbild steht der Gang nach Canossa für tiefe Erniedrigung und große Reue.
Populär wurde die Metapher aber erst 800 Jahre später im neu entstandenen deutschen Kaiserreich. Im sogenannten Kulturkampf zwischen dem protestantischen Herrscherhaus und dem Papst ließ sich mit jener "tiefsten und unwürdigsten Unterwerfung", wie der Preußenkönig Friedrich II. formuliert hatte, gut Stimmung machen gegen die katholische Kirche.
Kanzler Otto von Bismarck lag in heftigem Streit mit der katholischen Zentrumspartei im Reichstag. Um die liberale Mehrheit der Abgeordneten für sich zu mobilisieren, rief er ihnen am 14. Mai 1872 zu: "Seien Sie außer Sorge, nach Canossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig."
Den markigen Worten Bismarcks wurde in Bad Harzburg, wo König Heinrich einst eine Festung hatte, fünf Jahre später eine 19 Meter hohe "Canossa-Säule" gewidmet. Noch heute wirbt die Kurstadt mit dem Obelisken, in den der Ausspruch des Fürsten eingemeißelt ist. "Jene Tage von Canossa konnten niemals wieder vergessen werden", beschrieb der Historiker Wilhelm von Giesebrecht die Wirkmächtigkeit des Mythos.
Doch wie kam das Treffen in Canossa zustande? Was ist dort tatsächlich geschehen? War der angebliche Triumph des Papstes in Wirklichkeit ein heimlicher Erfolg des Königs?
Wer die Hintergründe von Canossa erkunden will oder zumindest eine höchst interessante Variante des legendären Bußgangs, der sollte nach Heidelberg reisen. Im malerischen Zentrum der altehrwürdigen Universitätsstadt lebt inmitten unzähliger historischer Bücher Johannes Fried, 70. Der Professor mit dem silbergrauen Haar und dem gepflegten Bart lehrte an der Universität Frankfurt mittelalterliche Geschichte, als Canossa-Forscher ist er noch immer rege. Seine gerade veröffentlichte "Streitschrift" über "Canossa - Entlarvung einer Legende" wird von seinen Kollegen heftig debattiert.
Mit der Selbstsicherheit eines weithin anerkannten Mediävisten wettert Fried gegen das Klischee vom hilflosen König und dem übermächtigen Papst. In der Begegnung von Canossa sieht Fried "einen von beiden Seiten wohlvorbereiteten Pakt", der einen sehr persönlichen Machtkampf beendete - zumindest vorübergehend.
Den "falschen Mythos" von einem erniedrigten König führt Fried auf die Parteilichkeit der Zeitzeugen zurück. Vor allem Lampert von Hersfeld, Urquelle der Legende, sei ein Mann des Papstes gewesen und habe ein Interesse gehabt, den weltlichen Herrscher als erbärmliche Figur zu zeichnen. Deshalb beschreibe er den König bei der Alpenüberquerung als Getriebenen, der in seiner Not jede Tortur auf sich nimmt.
Der Papst selbst schilderte den Monarchen in einem Bericht an die deutschen Fürsten und Bischöfe als Büßer "im jämmerlichen Aufzug". Bittend und bettelnd, so Gregor, habe der König vor Canossa gestanden, ihn "unter vielen Tränen" um "Erbarmen" angefleht. Überwältigt von der "inständigen Reue", habe er ihn schließlich "von der Fessel des Bannfluchs" gelöst.
Richtig ist, dass beim Showdown auf der Burg, von der heute nur noch ein paar Mauern stehen, zwei höchst selbstbewusste Persönlichkeiten aufeinandertreffen. Gregor VII., geboren 1020 im italienischen Sovana, hatte sich hochgedient vom schlichten Mönch Hildebrand zum engen Berater von Papst Gregor VI. Ihm folgte er sogar in die Verbannung nach Köln.
Der ehrgeizige Erzdiakon musste noch etliche weitere Päpste politisch überleben, bevor er mit vermutlich 53 Jahren 1073 selbst zum Nachfolger des Apostels Petrus in Rom erhoben wurde. Schon da stand er im Ruf, die "Zuchtrute Gottes" zu sein, weil er so energisch gegen die Verlotterung der Kirche kämpfte. Manche von Gregors Vorgängern hatten es mit ihren Mätressen so toll getrieben, dass der italienische Kirchenhistoriker und Kardinal Cesare Baronio das Papsttum im frühen 10. Jahrhundert "Saeculum obscurum" nannte.
Mit seinen Forderungen nach Rückbesinnung wollte Gregor die Kirche zu neuem Ansehen führen und den eigenen Einfluss ausweiten. In persönlichen Notizen, den "Dictatus papae", formulierte er seine Ziele: Verbot von Kauf oder Verkauf kirchlicher Ämter (Simonie), der Priesterehe und der Einsetzung geistlicher Würdenträger durch weltliche Herrscher (Laieninvestitur). An diesen Forderungen hielt er fest, sie gingen als gregorianische Reformen in die Geschichte ein.
Heinrich IV. aus dem Haus der Salier in Franken war nicht weniger machtbewusst. Sein Vater, den eigenen Tod wohl ahnend, ließ ihn 1053 schon als Dreijährigen in der Königspfalz in Tribur von den Fürsten zum König wählen. Doch bis zu Heinrichs Volljährigkeit 1065 führte dessen Mutter das Reich - und räumte Adel wie Bischöfen große Freiheiten ein. Als Heinrich mit 15 Jahren regierungsfähig wurde, wollte er zurück zu jener Machtfülle, mit der sein Vater regiert hatte. Dass er damit die Fürsten provozierte, nahm er in Kauf.
Dieser König ließ sich von niemandem etwas sagen, schon gar nicht von jenem neuen Papst Gregor VII., der sich erdreistete, ihm die Besetzung der Kirchenämter zu verbieten. Doch Heinrich steckte in einem Dilemma: Einerseits wollte er das Kirchenoberhaupt nicht provozieren - der Papst sollte ihn ja noch zum Kaiser krönen. Andererseits mochte sich Heinrich das Recht auf die Investitur nicht nehmen lassen - das Reich war zu groß, um es ohne Bischöfe zu regieren, und die wollte er selbst bestimmen. Notfalls, kalkulierte der junge König, müsse Gregor weichen. Hatte sein Vater 1046 nicht sogar zwei Päpste abgesetzt?
Den Zeitpunkt zum Widerspruch wähnte Heinrich nach seinem Sieg über die aufbegehrenden Sachsen gekommen. Im Hochgefühl der eigenen Stärke griff der König am 24. Januar 1076 auf der Wormser Reichsversammlung den in Rom weilenden Papst an: Herausfordernd nannte er ihn "Hildebrand, den falschen Mönch ", der sich sein Amt erschlichen habe. Im Namen von 26 königstreuen Kirchenfürsten tönte er: "Ich, Heinrich, durch die Gnade Gottes König, sage dir zusammen mit allen meinen Bischöfen: Steige herab, steige herab."
Doch Gregor, selbst ein unerbittlicher Kämpfer, konterte mit dem Kirchenbann. Bedrohlicher noch: Der Papst sprach alle Gefolgsleute Heinrichs von ihrem Treueid gegenüber dem König frei. Statt eines Aufstandes gegen Gregor verweigerten etliche Fürsten dem König die Gefolgschaft. Nun rächte sich, dass Heinrich, wie einst sein Vater, das Land herrisch und rücksichtslos führte.
Seine Gegner setzten den König im Oktober 1076 unter Druck. Auf einer Versammlung in Tribur, wo sie dem Kind-König einst die Treue geschworen hatten, forderten sie ihn auf, zu einem Tribunal zu erscheinen. "Binnen Jahr und Tag" solle in Anwesenheit des Papstes in Augsburg über Heinrichs Schicksal verhandelt werden. Gregor antwortete den Adligen: "Venio ad vos" ("Ich komme zu euch").
In der weithin bekannten Version der Canossa-Saga begann nun der für Heinrich erbärmliche Teil: Wollte er in Augsburg nicht seine Krone verlieren, hatte er nur noch wenige Wochen Zeit, den Papst auf dessen Anreise abzufangen und um Gnade zu flehen.
Für den Canossa-Forscher Fried aber war der König kein Jammerlappen, sondern ein stiller Diplomat. Denn Heinrich habe bereits vor dem Fürstentag aus eigener Initiative über Mittelsleute den Ausgleich gesucht. In Verhandlungen habe er Gregor zu einem "Colloquium" eingeladen, noch bevor das Ultimatum von Tribur erging.
Seine These stützt der Gelehrte auf die Auswertung von mehr als einem Dutzend Quellen. Manche hat er "wiederentdeckt", andere neu übersetzt oder interpretiert. Bestärkt sieht sich Fried durch seine Kalkulation der Reisezeiten. Maximal 23 Kilometer am Tag veranschlagt er für den gemächlichen Tross des Papstes, unter 40 für die von Sorge getriebene Truppe Heinrichs. Bei diesem Tempo, so Fried, konnte der Papst seine nachweisliche Route nur schaffen, weil die Reise ins "Regnum Teutonicum" bereits geplant war, bevor ihn die Einladung der Fürsten erreichte.
Angebahnt wurden die Kontakte zwischen den Widersachern durch die drei "Nothelfer des Königs". Als Strippenzieher, die sowohl großen Einfluss auf Heinrich als auch auf den Papst hatten, galten die Mutter des Königs und sein Pate, der Abt Hugo von Cluny, sowie die Markgräfin Mathilde von Tuszien. Ihr schreibt Fried eine entscheidende Mittlerrolle zu. Auf ihrer Burg südwestlich von Reggio nell' Emilia am Rande der Po-Ebene wollte der Papst auf das Geleit der Fürsten nach Deutschland warten, zu ihren Besitzungen zählte auch Canossa. Sie war die Cousine des Königs und dem Papst wiederum so nahe, dass Lampert von Hersfeld der Witwe sogar ein Verhältnis mit Gregor andichtete.
Dank der Diplomatie im Verborgenen dürfte die Bitte um Vergebung für Heinrich auch nicht so erbärmlich gewesen sein, wie sie zumeist geschildert wird. Fried meint, dass der Gang ein fest vereinbartes Ritual gewesen sei, bei dem Heinrich wohl nur das Mindestmaß an Buße abverlangt wurde: dreimal barfüßig vor den Papst zu treten. Beim anschließenden Versöhnungsmahl wurde in einem Vertrag ausdrücklich "Heil und Ehre des Königs" festgeschrieben. Canossa ist für Fried daher letztlich ein "Pakt auf Gegenseitigkeit", in dem sich Papst und König für Gerechtigkeit und Frieden sowie die Ehre des anderen einsetzten. Doch Canossa brachte nur einen faulen Frieden. Schon drei Jahre später bannte Gregor den König erneut, weil der sich nicht fügen wollte. Selbst Kritiker Heinrichs hielten die Strafe für überzogen, Gregors Bannstrahl verfehlte seine Wirkung.
Mit den Deutungen Frieds sind nicht alle Kollegen einverstanden. Elke Goez von den "Monumenta Germaniae Historica" in München, der renommiertesten deutschen Forschungsstätte für die Edition mittelalterlicher Texte, bekundet dem Kollegen zwar "größten Respekt für seine außerordentliche Akribie und unermüdliche Recherche". Die Rolle der Mathilde von Tuszien aber, über die Goez eine demnächst erscheinende Biografie verfasst hat, findet die Professorin "schon ein wenig überbewertet".
Doch die Wissenschaftlerin ist sicher: "Nach Canossa gehen muss Fried nicht."
Von Dieter Bednarz

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2012
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