25.09.2012

Blitzende Gedankenfülle

Der Industrielle, Schriftsteller und Politiker Walther Rathenau fiel dem Hass von Deutschnationalen und Antisemiten zum Opfer.
Unter dem Titel "Die schönste Stadt der Welt" würdigte im Jahr 1899 ein gewisser W. Hartenau "meine Vaterstadt, die ich mehr liebe als alle Großstädte der Welt zusammen". Er befand: "Dass Berlin der Parvenü der Großstädte und die Großstadt der Parvenüs ist, dessen brauchen wir uns nicht zu schämen."
Hinter dem Pseudonym verbarg sich Walther Rathenau, Direktor der Elektrochemischen Werke in Bitterfeld, die zur Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) gehörten. Sein Argument für die Bedeutung der deutschen Hauptstadt war kein historisches oder kulturelles. "Was uns den Namen gibt", schrieb er, "ist die Fabrikstadt, die im Westen niemand kennt und die vielleicht die größte der Welt ist. Nach Norden, Süden und Osten streckt die Arbeiterstadt ihre schwarzen Polypenarme."
Als der spätere Außenminister seine Eloge verfasste, fühlte er sich in dem "trostlosen Nest" Bitterfeld furchtbar einsam. Das Einzige, was ihn wirklich befriedigte, war das Schreiben. Regelmäßig veröffentlichte er Aufsätze in der "Zukunft" des schillernden Publizisten Maximilian Harden, einem Blatt mit kritischer Distanz zu Kaiser Wilhelm II. und der aristokratischen Oberschicht.
Walther Rathenau, der bald in den Vorstand der AEG aufstieg, zählte zur Wirtschaftselite des Kaiserreichs und war gleichzeitig eine der wichtigsten Stimmen des kulturellen Aufbruchs vor dem Ersten Weltkrieg. Als "amphibisches Wesen", hat ihn der Schriftsteller Stefan Zweig beschrieben, "zwischen Kaufmann und Künstler, Tatmensch und Denker".
Am 29. September 1867 in Berlin in der väterlichen Villa in der Chausseestraße geboren und in der vornehmen Viktoriastraße am Tiergarten aufgewachsen, hatte er in Berlin und Straßburg studiert und über "Die Absorption des Lichts in Metallen" promoviert.
Noch als Geschäftsführer in Bitterfeld kämpfte er gegen die Rolle des Sohns und Erben seines übermächtigen Vaters. Emil Rathenau hatte einen wesentlichen Anteil an der rasanten Entwicklung Berlins zur Industriemetropole gehabt. Auf der Internationalen Elektrizitäts-Ausstellung in Paris hatte er 1881 das gewaltige Potential der neuen Energieform erkannt, Thomas Edison das Patent der Kohlefadenglühlampe für Deutschland abgekauft und die AEG zu einem international erfolgreichen Unternehmen gemacht.
Als Walther Rathenau 1899 aus Bitterfeld nach Berlin zurückkehrte, trat er in das Direktorium der AEG ein, wo er die Abteilung für den Bau von Kraftwerken übernahm. Drei Jahre später wechselte er zur Hausbank der AEG und veröffentliche unter dem Titel "Impressionen" erstmals einen Band gesammelter Essays, der große Aufmerksamkeit erfuhr.
Sein breites kulturelles Interesse ließ ihn die Nähe von Künstlern suchen. Er war ein Neffe des Malers Max Liebermann und kaufte Bilder von Edvard Munch und Max Pechstein. Er traf die Schriftsteller Frank Wedekind, Hugo von Hofmannsthal und Gerhart Hauptmann oder den Theatermann Max Reinhardt, an dessen Bühnen er sich auch finanziell beteiligte.
Sein Biograf Harry Graf Kessler schrieb über ihn: "Wer Walther Rathenau in diesen Jahren gekannt hat, wird sich eines schlanken, sehr großen jungen Mannes erinnern, der durch seine anormale Kopfform, die mehr negerhaft als europäisch aussah, auffiel. Tiefliegende, kühle, rehbraune, langsame Augen, gemessene Bewegungen, eine tiefe Stimme, eine pastorale Sprechweise bildeten die etwas unerwartete, künstlich wirkende Fassung für eine blitzende Gedankenfülle."
Schon 1900 hatte Rathenau Kaiser Wilhelm neue Errungenschaften der Elektrotechnik vorgeführt und den Monarchen in der Folge immer wieder getroffen. Er galt in der Berliner Hofgesellschaft als "kommender Mann", als künftiger Botschafter oder Minister.
Dabei stand ihm als Juden allerdings der virulente Antisemitismus im Wege. Obgleich er publizistisch die Assimilation seiner Glaubensgenossen gefordert hatte, konvertierte er selbst nie zum Christentum.
Von seinen vielseitigen kulturellen Interessen lag ihm die Architektur besonders am Herzen. Als Alfred Messel mit dem Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz einen der ersten Prototypen des "Neuen Bauens" schuf, schlug sich Rathenau auf die Seite der fortschrittlichen Architekten, die dem verschmockten Historismus der Kaiserzeit den Garaus machen wollten.
Einer der einflussreichsten Architekten des modernen Bauens arbeitete regelmäßig für die AEG. Peter Behrens schuf unter anderem die in ihrer einfachen und klaren Sachlichkeit bahnbrechende Turbinenfabrik in Berlin-Moabit.
Als Emil Rathenau, der für den industriellen Aufstieg Berlins so wichtige Mann, am 20. Juni 1915 starb, hielt Sohn Walther die Trauerrede und wurde Präsident der AEG. Mittlerweile saß er in über 80 Aufsichtsräten, was ihm den Spitznamen "Aufsichtsrathenau" eingetragen hatte.
In seinen politischen Ansichten oszillierte er zwischen sozialistischen, liberalen und konservativen Ideen. Der auf einen Krieg zutreibenden Reichsregierung stand er schwankend gegenüber. Er fürchtete, dass aufgrund der wirtschaftlichen Überlegenheit der Entente ein Krieg für Deutschland und die Mittelmächte nicht zu gewinnen war.
Gleichwohl übernahm er nach Beginn des Krieges den Aufbau und die Leitung der Kriegsrohstoffabteilung im Kriegsministerium. Bei Erich Ludendorff, der zum entscheidenden deutschen General aufstieg, diente er sich so lange an, bis dieser die Dummheit beging, mit dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg die USA in den Krieg zu ziehen. Über das Ende der deutschen Monarchie im Herbst 1918 schrieb Rathenau: "Es war keine Revolution. Bloß ein Zusammenbruch."
Als junger Mann hatte er geschwärmt: "Wir sehen im Geiste Paris entvölkert und London verarmt; die Millionen der Welt ergießen sich in den geöffneten Schoß Berlins." Jetzt war Berlin isoliert, das Bürgertum der Stadt, das Rathenau wie wenige andere repräsentierte, hatte politisch versagt.
Mit Hilfe des Zentrumspolitikers Joseph Wirth fand er 1920 zu einer politischen Rolle, verhandelte mit Vertretern der Siegermächte über die finanziellen und wirtschaftlichen Details des Versailler Vertrages und setzte die alternativlose "Erfüllungspolitik" durch, für die ihn die Nationalisten hassten. Bald fand sich an Hauswänden deutscher Städte die Parole: "Schlag tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau." Seine Mutter hatte ihm das Versprechen abgerungen, kein Ministeramt zu übernehmen, doch er hatte es gebrochen.
Nach dem Abkommen mit Sowjetrussland über Handel und Zusammenarbeit 1922 in Rapallo galt Rathenau den Rechten endgültig als Vaterlandsverräter. Am 24. Juni 1922 ließ er sich von seinem Haus in Grunewald zum Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße fahren, da verfolgten in der Koenigsallee drei junge Männer in Ledermänteln in einem offenen Wagen Rathenaus Coupé. Einer gab neun Schüsse auf Rathenau ab, ein anderer warf eine Handgranate.
Als drei Tage später der Sarg vom Reichstag zum Familiengrab in Oberschöneweide gefahren wurde, säumten über eine Million Menschen den Weg. Es war ein trauriger Tag für Berlin, und es regnete in Strömen.
Michael Sontheimer
BETTMANN / CORBIS
Von Michael Sontheimer

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2012
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