25.09.2012

„Blutmai“ im Wedding

Ein sozialdemokratischer Polizeipräsident ließ auf Arbeiter schießen.
Das erste Opfer der Polizeikugeln war ein Sozialdemokrat. Der Klempner Max Gemeinhardt war am 1. Mai 1929 gerade von einer SPD-Kundgebung im Sportpalast in seine Wohnung in der Kösliner Straße zurück- gekehrt. Dort hörte er Rufe von Polizisten, er solle die Fenster schließen. Er aber wollte mit den Beamten sprechen. Da traf ihn gegen 13.45 Uhr eine Kugel in die Stirn.
Auch der Berliner Polizeipräsident, der den Einsatz befohlen hatte, war Sozialdemokrat. Karl Zörgiebel, folgsamer Parteifunktionär von bescheidenem Intellekt, führte seit Oktober 1926 die Berliner Polizei.
Mit Rückendeckung des Reichsinnenministers Carl Severing und des preußischen Innenministers Albert Grzesinski, beide SPD, verfügte Zörgiebel zum 1. Mai 1929 in Berlin ein Demonstrationsverbot.
Das parteipolitische Motiv: Der SPD missfiel, dass die Maidemonstration des Vorjahres von den Kommunisten beherrscht war.
Zörgiebel ignorierte Warnungen liberaler Politiker und verkündete, er sei "entschlossen, die Staatsautorität in Berlin mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen".
Trotz Verbotes sammelten sich am 1. Mai in Berlin Tausende von KPD-Anhängern. Polizisten, tagelang kaserniert und scharfgemacht, gingen brachial gegen Kundgebungsteilnehmer und Passanten vor, mit Gummiknüppeln und Pistolenschüssen. Dramatisch spitzte sich die Lage in der Kösliner Straße im Wedding zu. In dem Bezirk hatten bei der Reichstagswahl 1928 mehr als 40 Prozent KPD gewählt. In der Kösliner Straße, einem Elendsrevier mit feuchten Wohnungen voller Wanzen, lebten etwa 2500 Arbeiter und Arbeitslose, die mehrheitlich mit der KPD sympathisierten.
Anwohner bewarfen die einrückende Polizei mit Steinen und Flaschen, woraufhin die Beamten schossen. Nach dem Tod des Sozialdemokraten Gemeinhardt errichteten Bewohner Barrikaden aus Baumaterialien, Brettern und Röhren. Die Polizei feuerte massiv in die Straße und rückte schließlich mit Karabinern und einem Panzerwagen samt Maschinengewehr vor.
Vereinzelt schossen auch Straßenbewohner, ohne jedoch einen Polizisten zu treffen. Das Ergebnis der Polizeitaktik waren in Berlin bis zum 3. Mai 33 Todesopfer, unter ihnen ein neuseeländischer Journalist. Die KPD sprach von einem "Blutmai" und nannte die SPD "Partei des Arbeitermordes". Die SPD warf der KPD vor, sie habe zum 1. Mai "planmäßig" einen "Putsch" vorbereitet.
Die Deutsche Liga für Menschenrechte kam nach einer Untersuchung im Oktober 1929 zu dem Schluss, die Polizei sei einer "Bürgerkriegspsychose" erlegen.
Carl von Ossietzky, Herausgeber der unabhängigen linken Wochenzeitschrift "Die Weltbühne", urteilte, Zörgiebel habe versucht, eine "Staatsautorität" zu retten, "die durch nichts gefährdet war als durch die Unfähigkeit ihres Inhabers".
Uwe Klußmann
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2012
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