25.09.2012

Sumpf und Seide

Weil drei jüdische Unternehmer in Berlin ihre Geschäfte mit systematischer Korruption in der Parteienlandschaft abgesichert hatten, lieferten sie den Nazis Munition für deren Propaganda.
"Nackt und brutal und mit einem saubern kleinen Willen zur Diktatur." Für Kurt Tucholsky war Berlin in den Jahren der Weimarer Republik keine Stadt zum Wohlfühlen.
"Zunächst ist das Geld in andere Hände übergegangen. Und es sind dickere, fleischigere, feistere Hände als vormals. Die anständigen Gesichter in den Nachtlokalen gehören gemeinhin den Kellnern an, und was die Logen der Theater ziert, verdirbt meist die ganze Fassade. Hier stehts auf allen Stirnen: Vadienen!"
Verdienen wollten auch die Brüder Leo, Willi und Max Sklarek. Die Söhne eines Ende des 19. Jahrhunderts eingewanderten russischen Juden waren mittelständische Textilunternehmer, die in den zwanziger Jahren einen rasanten Aufstieg erlebten. Ihren Reichtum - inklusive Jagdschloss und Pferderennstall - verdankten sie nicht zuletzt betrügerischen Geschäften, die sie mit Schmiergeldern über Parteigrenzen hinweg flächendeckend absicherten. Begonnen hatte der Skandal, der nicht nur die Berliner Politik, sondern auch die junge Republik in den Augen vieler desavouierte, mit einem unscheinbaren Deal. 1926 kauften die Sklareks die Lagerbestände der Berliner Kleider-Vertriebsgesellschaft, die der Stadt seit Jahren nur Verluste bescherte.
In den Verhandlungen hatten sich die Brüder Hilfe beim Verkauf der Altlasten erbeten, weil die überwiegend Ramsch waren. Oberbürgermeister Gustav Böß von der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei forderte deshalb alle städtischen Dienststellen auf, "ihren Bedarf an Textilien bis auf weiteres bei der Firma Sklarek zu decken".
Doch die Brüder wollten und bekamen mehr: ein städtisches Darlehen, das ihnen im September 1927 zu günstigen Konditionen gewährt wurde. Als sie das Geld hatten, nahmen sich die Sklareks die Berliner Anschaffungsgesellschaft vor, die den Einkauf für alle städtischen Bezirke und Gesellschaften regelte.
Deren Vorsitzender war der KPD-Stadtrat Otto Gäbel, dem die Sklareks eine monatliche Apanage zahlten. Im Gegenzug sicherte Gäbel den Sklareks vertraglich zu, städtische Dienststellen beliefern zu dürfen - ohne die erforderliche Zustimmung des Magistrats einzuholen. Schließlich, so die krause Logik, müssten die Brüder in die Lage versetzt werden, das städtische Darlehen zurückzahlen zu können.
Danach gewährte Gäbel den Sklareks das Recht zur Belieferung sämtlicher städtischer Dienststellen für die Dauer des Darlehensvertrags - bis zum Jahr 1930. Im April 1929 sicherte der Kommunist den Sklarek-Brüdern das "ausschließliche Belieferungsrecht" für die Einkäufe der Stadt.
Parallel lief - was der Historiker Henning Köhler "den kriminellen Kern der Affäre" genannt hat - ein gigantischer Kreditbetrug zu Lasten der Berliner Stadtbank.
Das Prinzip war ebenso schlicht wie erfolgreich: Die Sklareks präsentierten der Bank gefälschte Rechnungen für Lieferungen an städtische Betriebe als Bonitätsnachweis und bekamen darauf Kredite. Der Untersuchungsausschuss des Preußischen Landtags, der ab 1929 die Affäre aufzuklären versuchte, bezifferte die Gesamtsumme, die als Vorschuss aufgrund fingierter Rechnungen gezahlt worden war, auf 20,5 Millionen Reichsmark.
Der Betrug flog auf, weil einem Buchprüfer bei der Revision der Stadtbank eine Rechnung über 69 000 Reichsmark merkwürdig vorkam. Rasch wurde offenkundig, dass es niemals eine Bestellung in dieser Höhe gegeben hatte. Leo und Willi Sklarek wurden verhaftet, ebenso ihr Chefbuchhalter, zwei Bezirksbürgermeister und mehrere Stadträte.
Wenige Tage später erschienen erste Meldungen über das Netzwerk der Sklareks: "Mäntel, Pelze und Damenwäsche, Zigarren, Wein, Delikatessenkörbe und Einladungen auf die Rennbahn" sowie "direkte Geldzuwendungen en gros und en détail" waren, wie der Historiker Stephan Malinowski im "Jahrbuch für Antisemitismusforschung" schreibt, "an einflussreiche Personen der Stadt verteilt" worden.
Zu den Sklarek-Günstlingen zählte auch der SPD-Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Fritz Schneider. In den Kundenlisten, die im Zuge der Ermittlungen öffentlich wurden, firmierte er als "Schnupperhäschen". Er hatte den Brüdern günstige Grundstücke beschafft und Gebäude zu Spottpreisen vermietet. Der Dank: Schlafanzüge und Eierbecher, Aktien im Wert von 31 000 Reichsmark und eine Reise nach Italien.
Fahrt bekam die Affäre, als Sklareks Buchhalter aussagte, auch Oberbürgermeister Böß habe bei den Brüdern mit Promi-Rabatt eingekauft: eine Pelzjacke für die Gattin, die die Sklareks erst auf nachdrückliches Bitten des OB in Rechnung gestellt hatten - 375 Reichsmark. Wie sich herausstellte, war die Jacke mehr als das Zehnfache wert. Doch Böß schickte die Jacke weder zurück, noch bestand er darauf, den vollen Preis zu zahlen. Stattdessen ließ er die Sklareks wissen, er wolle sich nichts schenken lassen, und kündigte an, 1000 Reichsmark für wohltätige Zwecke zu verwenden.
Als der Fall publik wurde, war Böß auf Dienstreise in den USA. Bei seiner Rückkehr bedrängte ihn ein aggressiver Mob und beschimpfte ihn als "Judenknecht". "Böß ist gestern von uns Nationalsozialisten empfangen worden. Mit Schmähungen und Pfeifkonzert. So ist's recht", schrieb der Berliner Gauleiter Joseph Goebbels am 1. November 1929 in sein Tagebuch.
Häme für die Sklareks und ihre Günstlinge gab es nicht nur im rechten Lager. Die Tatsache, dass zwei der Sklarek-Brüder 1928 in die SPD eingetreten waren und neben dem Bezirksbürgermeister Schneider der Sozialdemokrat und Personaldirektor der Berliner Verkehrsgesellschaft, Fritz Brolat, enge Beziehungen zu ihnen unterhielt, beschädigte die SPD auch in den Augen vieler Demokraten.
Vor allem die Verstrickungen des Genossen Brolat wirkten als eine Art Brandbeschleuniger in der öffentlichen Debatte. Dabei war er - was die Zuwendungen anging - ein kleines Licht. Sechs Seidenhemden im Wert von 820 Reichsmark, mehr als vier Monatslöhne eines Arbeiters, hatte er von den Sklareks geschenkt bekommen. Aber weil Brolat, ehemals Metallarbeiter, schon zuvor wegen seines horrenden Jahresgehalts von 72 000 Mark in die Schlagzeilen geraten war, wurde er zum Prototyp des Bonzen.
Sozialdemokratische Parvenüs von jüdischen Emporkömmlingen korrumpiert - ein Sujet, maßgeschneidert für die Nazis. Die schafften Mitte November 1929 erstmals den Einzug in die Stadtverordnetenversammlung. Leo und Willi Sklarek wurden 1932 zu je vier Jahren Zuchthaus verurteilt.
Gunther Latsch
Von Gunther Latsch

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2012
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