25.09.2012

Labor der Diktatur

Aus einer zerstrittenen Splittergruppe formte NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels eine Kampftruppe zur Eroberung Berlins - mit straffer Organisation und sozialistischen Parolen.
Dass der 29-jährige hinkende kleine Mann, der am Anhalter Bahnhof in Berlin aus einem Zug stieg, das Schicksal der deutschen Hauptstadt bestimmen würde, war an jenem trüben 7. November 1926 nicht zu ahnen. Joseph Goebbels, Berufsfunktionär der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), kam mit einem Auftrag, der einer unerfüllbaren Mission glich. Er sollte als Gauleiter den Kampf um die Macht in Berlin führen.
Die Splitterpartei, geführt von Adolf Hitler, zählte in ganz Deutschland gerade 49 000 Mitglieder. In der Hauptstadt war sie mit nur wenigen hundert Parteigenossen in einem desolaten Zustand. Ein Bericht eines Parteifunktionärs vom Oktober sprach von einer "vollständigen Zerrüttung der Berliner Organisation", von "Selbstzerfleischung" und einem "Wirrwarr", in den "keine Ordnung zu bringen war".
Die Parteigeschäftsstelle an der Potsdamer Straße 109 konnte diesen Eindruck nur verstärken. Sie bestand aus einem finsteren Kellerraum, in dem es nach Zigarettenrauch, Schweiß und Bier roch. Die Mitglieder nannten das Quartier "die Opiumhöhle".
Goebbels mietete zum Jahresende ein passables Parteibüro in der Lützowstraße. Der Gauleiter warf Karteileichen und Querulanten aus der Partei und rief zu Aktionen auf.
Kaum eine Woche im Amt, organisierte er einen Aufmarsch durch die Kommunisten-Hochburg Neukölln, der in einer Straßenschlacht endete.
In Berlin, der aus Goebbels' Sicht "nach Moskau rötesten Stadt Europas", sollte die Hitler-Partei Flagge zeigen. Bei den Kommunalwahlen 1925 hatten SPD und KPD zusammen 52,2 Prozent der Stimmen erhalten. Gegen diese Übermacht der Linken wagte der Berliner NSDAP-Chef den Frontalangriff. Er ging in die Pharussäle an der Müllerstraße in Wedding.
Dort, wo die KPD zentrale Großveranstaltungen abhielt, lud er zu einer Veranstaltung mit dem Thema "Der Zusammenbruch des bürgerlichen Klassenstaates". Das reizte die Kommunisten bis aufs Blut. Die NS-Versammlung am 11. Februar 1927 geriet zu einer brutalen Saalschlacht. Biergläser, Stühle und Tische flogen durch den Saal, Schwerverletzte brachen blutüberströmt zusammen. Doch Goebbels, dessen SA-Rabauken etwa 200 Kommunisten aus dem Saal prügelten, triumphierte.
Hitlers Statthalter machte Berlin zum Gewaltlabor der künftigen Diktatur. Dabei stützte er sich vor allem auf die uniformierten "Sturmabteilungen" (SA). In der SA verband sich soldatische Romantik mit dem Hass der Jungen auf die alten Eliten und der Wut des proletarischen Berliner Ostens auf den reichen Westen der Stadt.
Die SA-Männer, unter ihnen Arbeitslose, Oberschüler, Werkstudenten und Kurzarbeiter, galten der NSDAP als "politische Soldaten". Ihre Aufgabe war, so Goebbels, "die Eroberung der Straße". Die überwiegend jungen Männer sollten im Schmelztiegel Berlin eine Synthese zweier bislang feindlicher Weltanschauungen bewirken: des Nationalismus, der laut Goebbels "revolutionär umgeprägt" werden müsse, und eines "wahren Sozialismus" frei vom Marxismus.
Blitzableiter dieses Experiments, das die sozialen und politischen Spannungen der Millionenstadt zur Entladung bringen sollte, wurden die Berliner Juden. Ihnen wies der bei einem jüdischen Professor promovierte Germanist Goebbels die Rolle des Sündenbocks zu.
"Der Jude" sei ein "Negativum", das "ausradiert werden" müsse, hetzte Goebbels 1929. Aus seiner Sicht verkörperten die Juden zugleich Kapitalismus und Kommunismus, Presse ("Rotationssynagogen") und Polizei. Seine primitive Parole "Die Juden sind schuld!" erwies sich als langsam wirkendes Gift.
Zur Zielscheibe antisemitischer Agitation wählte der Berliner NSDAP-Chef den aus einer jüdischen Familie stammenden Vizepolizeipräsidenten Bernhard Weiß. Goebbels nannte ihn "Isidor" und, nachdem ihm dies gerichtlich verboten worden war, "Weiß, den man nicht Isidor nennen darf". Dessen Polizisten verspottete er als "Bernhardiner" und "Weiß-Gardisten".
Junge Parteigenossen sangen Spottlieder auf "Isidor", streiften sich "Isidor"- Masken übers Gesicht und hatten dabei oft die Lacher auf ihrer Seite. Derber Humor wurde zur scharfen Waffe der Nazis im Ringen mit der Republik. "Mit schallendem Gelächter haben wir ein ganzes System niedergespottet", bilanzierte 1937 der junge Chefredakteur des SS-Zentralorgans "Das Schwarze Korps", Gunter d'Alquen.
Goebbels vertrat die Devise: "Klamauk muss sein." Bei der Aufführung des pazifistischen Spielfilms "Im Westen nichts Neues" am 5. Dezember 1930 im "Mozartsaal" am Nollendorfplatz setzten SA-Leute im Publikum weiße Mäuse aus. Zuschauerinnen kreischten, bis die Vorführung unter dröhnendem Gelächter der SA-Männer abgebrochen wurde. Goebbels saß im Publikum.
Seine Strategie der Provokation begründete er damit, man könne den Nazis vieles vorwerfen, doch nicht, dass sie langweilig seien. Straßen- und Saalschlachten schweißten die Berliner Parteimitglieder zusammen, vor denen Hitler am 1. Mai 1927 erstmals sprach, im gediegenen Vergnügungslokal "Clou". Goebbels, den Hitlers Rede über "Raum und Volk" zu Tränen rührte, genoss dessen Vertrauen.
Und die Berliner Parteigenossen liebten "unseren Doktor Goebbels", weil der ihnen nah war. Er tröstete Schwerverwundete, hielt Sterbenden die Hand und begleitete die Toten. Goebbels, der wegen eines verkrüppelten Fußes im Ersten Weltkrieg nicht kämpfen konnte, zeigte sich als erster Soldat einer Truppe in einem schleichenden Bürgerkrieg.
Sein brauner Kampfbund überstand schwere Prüfungen. Fünf Tage nach der Veranstaltung mit Hitler wurde die Berliner NSDAP vom Polizeipräsidium verboten. Ihren Aufschwung stoppte das nicht. Goebbels, der August Bebels Memoiren gelesen hatte, lernte vom Kampf der Sozialdemokraten gegen Bismarcks Sozialistengesetz.
Die Nazis organisierten scheinbar harmlose Zusammenschlüsse wie den Kegelclub "Gut Holz", den Sparverein "Zum goldenen Sechser" und den Schwimmverein "Gut Nass".
Goebbels gab die Parole aus: "Trotz Verbot nicht tot" und gründete im Juli 1927 die Zeitung "Der Angriff", zunächst als Wochenblatt. Deren Untertitel "Für die Unterdrückten - Gegen die Ausbeuter" zielte auf Leser im Arbeitermilieu.
Der Erfolg war zunächst gering. Bei der Reichstagswahl im Mai 1928 stimmten 39 000 Berliner für die Hitler-Partei, 1,6 Prozent. Doch der Wahlkampf brachte die Aufhebung des Parteiverbots in Berlin. Und Goebbels wurde einer von zwölf NSDAP-Reichstagsabgeordneten, mit der Kampfansage: "Wir haben nichts mit dem Parlament zu tun. Wir lehnen es innerlich ab."
Außerparlamentarische Opposition war die Strategie der Berliner NSDAP, die nach kommunistischem Vorbild Straßen- und Betriebszellen bildete. 1928 füllte die Partei mit mehreren tausend Anhängern erstmals den Berliner Sportpalast an der Potsdamer Straße.
1929 zog der "Oberbandit Goebbels", wie ihn die Kommunisten nannten, bei der Stadtverordnetenwahl mit 5,8 Prozent in das Berliner Rote Rathaus ein. Lange war das "System" der Weimarer Republik, das die Nazis attackierten, relativ stabil. Das änderte sich im Oktober 1929 mit dem New Yorker Börsenkrach, dem "Schwarzen Freitag". Die Massenarbeitslosigkeit schwoll an und mit ihr das Protestpotential der Metropole.
Die Berliner Nationalsozialisten führten einen politischen Zweifrontenkrieg: gegen die in Stadt und Reich regierenden Sozialdemokraten und Bürgerlichen sowie gegen die Kommunisten, denen die Krise Entwurzelte in Scharen zutrieb.
Im Wettlauf mit den Propagandisten der Weltrevolution hatte die NSDAP nur eine Chance, wenn sie sich von der reaktionären Rechten abgrenzte. So polemisierte Goebbels im "Angriff" gegen "schwarz-weiß-rote Geldsäcke", denen er vorhielt: "Du sagst Vaterland und meinst Prozente."
Werktätige, von der behäbigen SPD enttäuscht, sah er als Zielgruppe. So nannte er die SPD "Schamloseste Partei Deutschlands" und machte sie verantwortlich für "Not, Hunger, fette Bonzen und magere Arbeiter". Die Sozialdemokraten, tönte Goebbels im August 1930, seien "nicht mehr die Vorkämpfer eines wahren, zielbewussten Sozialismus", sondern "längst schon Lakaien und Nutznießer des Börsenkapitalismus". Überaltert und korruptionsanfällig erleichterte die SPD in Berlin den Nazis das Geschäft.
Die größere Herausforderung für die Nazis war die Kommunistische Partei, die in Berlin der spätere DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht führte. Die aktivistische Partei hatte in Berliner Arbeitervierteln wie Friedrichshain und Wedding ihre Hochburgen und im Roten Frontkämpferbund eine schlagkräftige Formation.
Wer in den "roten" Vierteln Berlins Erfolg haben wollte, musste eine Sprache sprechen, die dort verstanden wurde. In einem von Goebbels verfassten Flugblatt vom September 1931, vor Berliner Stempelstellen an Arbeitslose verteilt, wandte sich die Partei an "Arbeiter und Arbeiterinnen ohne Arbeit und ohne Hoffnung, der furchtbarsten Verzweiflung preisgegeben", und versprach ihnen, "das System des Kapitalismus zu zertrümmern und es durch eine neue sozialistische Ordnung zu ersetzen".
Geschickt nährten die Nazis in diesem Aufruf "An alle Erwerbslosen" Zweifel an der Kraft der Linksparteien SPD und KPD. Goebbels umwarb die Proletarier wie eine betrogene Braut: "Ihr, im Stich gelassen von euren Verführern ..."
Der Berliner NSDAP-Chef kannte die Schwachpunkte der Kommunisten: die häufig lebensfremde Sprache ihrer Funktionäre und die Außensteuerung durch die sowjetische Führung. Als "russische Fremdenlegion auf deutschem Boden", geschaffen "aus russischem Geld und deutschem Menschenmaterial", so Goebbels im "Angriff", verprelle die KPD viele Proleten.
Zu den NS-Propagandisten, die wussten, wie Arbeiter zu gewinnen waren, zählte Horst Wessel. Der 1907 geborene Absolvent eines humanistischen Gymnasiums, der sein Studium abgebrochen hatte, verstand sich als Sozialist, erschüttert von der "großen sozialen Verelendung und Knechtschaft der arbeitenden Schichten aller Berufe".
Als 19-Jähriger trat der protestantische Pfarrerssohn Ende 1926 der NSDAP bei. In der SA wurde er 1929 Leiter eines Trupps in Friedrichshain. Der rhetorisch Begabte rekrutierte in wenigen Wochen Dutzende neuer Mitglieder und schuf mit ihnen den legendären "SA-Sturm 5".
Wessel, neben Goebbels der zweithäufigste Redner im "Gau Groß-Berlin", gelang es, ehemalige Kommunisten für die SA zu gewinnen. Die durften zu NSDAP-Veranstaltungen ihre Musikinstrumente, die Schalmeien, mitbringen - genehmigt von Goebbels.
Auf finsteren Hinterhöfen und in lauten Kaschemmen, an Straßenecken und Stempelstellen suchten Wessel und seine Kameraden Kontakt zu Proletariern. Dabei folgten sie dem dritten der "10 Gebote für jeden Nationalsozialisten" von Goebbels: "Jeder Volksgenosse, auch der ärmste, ist ein Stück Deutschland; liebe ihn als Dich selbst."
In der "Kommune", wie die KPD im NS-Jargon hieß, war Wessel bald verhasst. Am 14. Januar 1930 schoss der Kommunist und Zuhälter Albrecht Höhler dem SA-Sturmführer, der mit einer ehemaligen Prostituierten zusammenlebte, in den Mund. An den Folgen des Anschlags starb Wessel am 23. Februar.
Seine Beerdigung zeigte, wie Berlin verwilderte. Kommunisten griffen den Trauerzug an und versuchten, sich des Sargs zu bemächtigen. Zuvor hatten sie an die Mauer des Nikolaifriedhofs die Parole gepinselt: "Dem Zuhälter Horst Wessel ein letztes Heil Hitler!"
Doch der Mord an einem ihrer stärksten Propagandisten schwächte die Berliner NS-Bewegung nicht. Immer öfter wurden vor allem Kommunisten Opfer bewaffneter SA-Männer. Die sangen in ihrem Lied "Durch Groß-Berlin marschieren wir" mal "Die rote Front, brecht sie entzwei!" und mal die härtere Version "schlagt sie zu Brei".
Der Zulauf zur NSDAP hielt an, und Wessel war ihr Märtyrer. In den SA-"Sturmlokalen", deren Zahl in Berlin sich von 1928 bis 1931 nach Polizeiangaben auf 107 mehr als verfünffachte, sangen braun Uniformierte die von Wessel geschriebene Hymne ("Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen / SA marschiert / mit ruhig festem Schritt").
Ein halbes Jahr nach dem Tod des SA-Führers wurde deutlich, dass die Hauptstadt vor einem politischen Erdbeben stand. Am 10. September 1930 begehrten mehr als 100 000 Menschen vor dem Sportpalast Einlass zu einer Kundgebung mit Hitler.
Vier Tage später wurde die NSDAP bei den Reichstagswahlen mit 18,3 Prozent reichsweit zweitstärkste Partei. In Berlin, wo sie nach KPD und SPD zur drittstärksten Kraft aufstieg, hatte sie ihre Stimmenzahl in zwei Jahren mehr als verzehnfacht, auf 396 000.
Die Nationalsozialisten waren zum politischen Kraftzentrum und Trendsetter der Politik geworden. Selbst die Kommunisten, die zunächst gehofft hatten, die Nazis mit Fäusten, Schlagringen und Revolvern zurückzudrängen (Parole: "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!"), umwarben nun Hitlers Gefolgschaft. In einem Aufruf der Berlin-Brandenburger Bezirksleitung rühmte die KPD am 1. November 1931 die "nationalsozialistischen Arbeiter" und "proletarischen Anhänger der NSDAP" als "ehrliche Kämpfer gegen das Hungersystem".
Der Hintergrund: Die Nazis hatten das Monopol der KPD als Protestpartei im proletarischen Milieu Berlins gebrochen. Während die KPD-Funktionärszeitschrift "Der Parteiarbeiter" im August 1930 klagte, in der Kommunistischen Partei fänden neue Genossen "nicht jenen Geist der Kameradschaftlichkeit, der notwendig ist, um mit Freude mitwirken zu können", kannten die Nazis solche Sorgen nicht.
Statt strenger ideologischer Kost wie bei der KPD gab es in den SA-Heimen warme Suppen und Zusammenhalt. 15 000 Mitglieder zählte die Berliner SA Anfang 1932. Arbeitslose Parteigenossen wurden an den Weihnachtstagen von Mitgliedern eingeladen, die noch Arbeit hatten. Das sei, so Goebbels, der "Sozialismus der Tat".
Das Konzept zog allmählich auch im "roten" Wedding. Dort wuchs die Zahl der Parteimitglieder zwischen 1928 und 1930 von 18 auf 250. In einem Viertel, das mehrheitlich kommunistisch wählte, lud die Hitlerjugend im Beusselkiez zu "öffentlichen Sprechabenden" mit Themen wie "Hakenkreuz oder Sowjetstern".
Beliebte Stargäste brauner Agitationsabende waren Arbeiter, die in der Sowjetunion gelebt hatten. Sie erzählten anschaulich vom Arbeiterelend und dem Terror der Geheimpolizei. Zu den Zugnummern des NS-Polit-Zirkus zählte der bolschewistische Kommissar a. D. Roland Freisler, später Präsident des Volksgerichtshofs.
Das Jahr 1932, in dem die Zahl der Arbeitslosen im Reich auf mehr als sechs Millionen, in Berlin auf 600 000, stieg, brachte der NSDAP auch in Berlin den Durchbruch als Volkspartei mit 40 000 Mitgliedern im Gau. Im März 1932 mobilisierte die Partei erstmals etwa 80 000 Menschen zu einer Kundgebung im Lustgarten, als Probelauf. Am 4. April strömten bereits 200 000 Menschen auf den Platz zwischen Zeughaus und Berliner Schloss, um Hitler zuzujubeln.
Dass auch die akademische Jugend zu Hitlers Fahnen drängte, hatten zuvor die Wahlen zur Allgemeinen Studentenschaft in Berlin im Januar gezeigt. Mit 3794 von 5801 abgegebenen Stimmen verfügten die Nationalsozialisten dort fast über eine Zweidrittelmehrheit. Die Hitler-Welle hatte selbst Kinder erreicht, die in das "Deutsche Jungvolk" und den "Bund Deutscher Mädel" eintraten. Und manch verblüffte Großmutter wurde 1932 von ihrer zehnjährigen Enkelin agitiert: "Oma, du musst Hitler wählen!"
Junge Männer, die den "Angriff" lasen, der seit November 1930 als Tageszeitung erschien, waren Meinungsführer in Büros und Betrieben. Anfang November 1932 organisierte die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation gemeinsam mit der Revolutionären Gewerkschaftsopposition der KPD einen Streik bei den Berli ner Verkehrsbetrieben gegen Lohnsenkung. Nationalsozialisten und Kommunisten standen einträchtig Streikposten und verdroschen gemeinsam Streikbrecher.
Zwar kostete diese Aktion die Partei bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 zahlreiche Stimmen vor allem in den bürgerlichen Vierteln. Doch Goebbels verfolgte in der Stadt, in der die KPD mittlerweile die stärkste Partei war, ein strategisches Ziel. "Unsere feste Position im arbeitenden Volk", schrieb er in sein Tagebuch, dürfe nicht ins Wanken geraten.
Goebbels versprach das "Recht auf Arbeit" und "ein sozialistisches Deutschland, das seinen Kindern wieder Brot gibt". Das weckte Hoffnungen bei jenen 31,3 Prozent Berliner Wählern, die bei der letzten Reichstagswahl im März 1933 für die NSDAP votierten. Nur wer Goebbels genau zuhörte, konnte erahnen, wohin die Reise mit den neuen Herren gehen würde.
Etwa als er in einem Rundfunkbeitrag 1932 die "Schaffung und Gewinnung von Raum" propagierte, eine Chiffre für Hitlers Drang nach Osten. Oder als er am 5. Februar 1933 in einer Rede am Grab eines erschossenen Berliner SA-Führers den Radiohörern einen Ausblick darauf gab, was ihnen bevorstand: "Zu leben verstehen wir Deutschen vielleicht nicht, aber sterben, das können wir fabelhaft."

Die jungen SA-Männer sollten im Schmelztiegel Berlin eine Synthese zweier feindlicher Weltanschauungen bewirken.

Wer in den "roten" Vierteln Erfolg haben wollte, musste eine Sprache sprechen, die dort verstanden wurde.

Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2012
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