27.11.2012

PorträtUmerziehung im Tann

Er predigte gegen Zauberei, fällte die „Donar-Eiche“ und bekehrte Abertausende heidnischer Germanen. Vor fast 1300 Jahren erlag Bonifatius, Apostel der Deutschen, einem rätselhaften Attentat.
Als Greis, er war schon etwa 80 Jahre alt, zog der Erzbischof noch einmal los, um endlich auch die Verstocktheit der Friesen zu brechen. Bei Dokkum (Niederlande), nahe der Nordseeküste, errichteten seine frommen Begleiter das Zeltlager. Für den nächsten Tag war eine Firmung angesagt.
Doch im Morgengrauen tauchten Räuber auf und schlugen dem Bekehrer den Kopf ab. Es war der 5. Juni 754.
Geschätzte 30 000 Kilometer hatte der brave Mann zuvor im Auftrag des Papstes im rauen Germanien zurückgelegt, um auch dort "Gottes Ernte abzumähen und die Garben der heiligen Seelen in die Scheune des Himmelreichs einzubringen".
Sprachgewaltig, mit Kutte und Sandalen, zog Bonifatius umher. Er predigte in Bayern, gründete Klöster in Thüringen und wagte sich ins Gebiet der zornigen Sachsen. Seine größte Tat: Bei Geismar fällte er die "Donar-Eiche", den Kultbaum der Ur-Hessen.
"Baumeister unseres Kulturkreises" wurde der Missionar genannt. "Das Fundament eines einheitlichen Europas" habe er gelegt, so sieht es der Paderborner Geschichtsprofessor Lutz von Padberg. Die Kirche verlieh ihm den Ehrentitel "Apostel der Deutschen".
Dabei lagen seine Wurzeln im Ausland. Geboren in Südengland, entstammte Bonifatius einer Familie, die rund 200 Jahre zuvor von der Elbe ausgewandert war. Die Eltern gaben das Kind als "Geschenk Christi" ins Kloster Wessex, wo klein Wynfreth, wie er damals noch hieß, eine umfassende Bildung erhielt.
Dann, im Jahr 716, brach der 40-Jährige ins grause Land der Ahnen jenseits des Kanals auf.
Zwar hatten die Franken im 8. Jahrhundert in Zentraleuropa ein mächtiges christliches Staatsgebilde erschaffen. Doch an den Randzonen ihres Reiches, wo die Stämme der Bajuwaren, Chatten, Thüringer und Sachsen lebten, gedieh der Götzendienst.
"Amulette" trügen die Leute dort, heißt es in einer Chronik. Sie ließen Hörner tönen, um das Böse fernzuhalten; Wahrsager deuteten ihnen die Zukunft aus toten Pferden, Vögeln und auch aus Stäben mit eingeritzten Runen.
Um in diesem gefährlichen Umfeld arbeiten zu können, holte sich der Bekehrer zuerst Rückendeckung vom Papst, der ihn im Jahr 722 zum "Missionsbischof" erhob. Dann bemühte er sich um einen Schutzbrief beim starken Mann der Franken, Karl Martell.
So gerüstet, strebte der Bekehrer zuerst nach Hessen. Mit einem Tross von Mönchen, Handwerkern und Dienern quälte er sich über schlammige Wege in eine Welt des Aberglaubens und der ärmlichen Reetdachhütten.
Bei seinen Missionsreden betonte Bonifatius gern die Überlegenheit der christlichen Kultur. "Wir haben Wein, Kunst und schöne Häuser, ihr dagegen nur Graupensuppe", so etwa köderte er seine Zuhörer. Auch zeigte er ihnen gern sein Petrus-Buch. Es hatte goldene Lettern.
Als hilfreich erwies sich zudem die wohl imposante Körpergröße des Mannes. Er maß etwa 1,90 Meter, wie die Exhumierung von Gebeinen aus dem Grab bewiesen hat.
Immer wieder gelang es Bonifatius, Scharen von Heiden ins Taufbecken zu bugsieren. Der nordische Tann mutierte zum Umerziehungslager.
Das "Altsächsische Taufgelöbnis", verfasst am Ende des 8. Jahrhunderts, beschreibt, wie das heilige Ritual ablief. Erst setzte sich der Konvertit bis zum Hals ins Weihwasser und tauchte dreimal unter. Er musste allem "unholdum" abschwören. Sodann folgte die Frage "Gelobistu in got alamehtigan fadaer?" (Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater?), worauf der Täufling antworten musste: "Ec gelobo in got alamehtigan fadaer."
All diese Aktionen verzahnte Bonifatius aufs Engste mit der Kurie in Rom. Ständig ritten seine Boten über die Alpen.
Als im Jahr 731 Gregor III. auf den Stuhl Petri kam, schickte der Angelsachse dem neuen Papst sofort ein unterwürfiges Schreiben. Darin gab er seiner Hoffnung Ausdruck, dass es ihm "vergönnt" sein werde, auch weiterhin "des ganzen apostolischen Stuhls in frommer Unterordnung teilhaftig zu bleiben". Lässt sich ein gehorsamerer Diener denken?
Dabei lief daheim längst nicht alles glatt. Das Fernziel, auch die Sachsen zu bekehren, blieb unerreicht. Noch im Jahr 752 verwüsteten Krieger des unbändigen Stammes Dutzende von Kirchen in Hessen und Thüringen. Bonifatius musste sie mühsam wieder aufbauen lassen.
Und auch sein dramatisches Ende in Friesland zeugt davon, wie gefährlich der Job war.
Weit über den Kontinent hallte damals die Nachricht vom tragischen Tod des Missionars, der unter anderem das bedeutende Kloster Fulda gegründet hatte. Viten und Chroniken schildern das Verbrechen. Die früheste reicht fast bis an die Tatzeit heran. Nur: Was passierte wirklich? Unstrittig ist, dass der Bibelmann bei Dokkum von Bewaffneten überrascht wurde. Schon der erste Biograf, Willibald, berichtete um 760, ein "wütender Haufen" sei in "gewaltiger Zahl mit blinkenden Waffen, mit Speeren und Schilden" ins Lager vorgerückt.
Die Banditen metzelten etwa 50 Personen nieder. Danach brachen sie die Bücherbehälter der Geistlichen auf und versteckten einen Teil der heiligen Schriften im Röhricht der Sümpfe.
Bonifatius selbst schützte sich mit einem über den Kopf gehaltenen Buch gegen die Schwerthiebe. Das jedenfalls behauptete um 825 ein Chronist. Der Tradition nach handelt es sich dabei um den "Codex Ragyndrudis". Die Schwarte liegt heute im Domschatz von Fulda.
Die moderne Forschung lehnt die Geschichte allerdings ab. Der Grund: Der Codex weist ungewöhnlich viele Kerbspuren auf.
Wollte man die Schäden alle als Ergebnis eines Kampfes deuten, hätte der Greis "im Stile eines Kung-Fu-Kämpfers Widerstand geleistet und eine ganze Reihe von Hieben und Stichen mit Ober- und Unterkante des Codex und schließlich sogar mit dem aufgeschlagenen Buch pariert", wie der Historiker Gereon Becht-Jördens erklärt. Das sei eine unsinnige Vorstellung.
Also alles nur Legende? Vor einiger Zeit hat der Mordfall eine verblüffende Wendung genommen. Eine Analyse des alten Pergamentfolianten ergab, dass er mit einem Vierkantnagel komplett durchschlagen wurde. Solche "Nagelungsrituale" veranstalteten die heidnischen Germanen, wenn sie böse Dinge bannen und abwehren wollten.
Der Codex könnte also wirklich in den Dunstkreis des Attentats gehören.
Als plausibelste Version gilt mittlerweise folgendes Szenario: Erst töteten die Mörder den Wehrlosen, dann verstümmelten sie den "Codex Ragyndrudis" (auf dessen Deckel Kreuze prangen) und schlugen ihn in einem ihrer heiligen Haine an einen Baum. Damit hatten sie das Christentum gleichsam aufgespießt und entmachtet. Voodoo an der Waterkant.
Von Matthias Schulz

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL GESCHICHTE 6/2012
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 00:45

NBA-Basketball Wilde Prügelei bei Heimdebüt von LeBron James

  • Video "Sturm fordert Pilotin: Boeing 757 landet fast seitwärts" Video 01:08
    Sturm fordert Pilotin: Boeing 757 landet fast seitwärts
  • Video "Fall Khashoggi: Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord" Video 01:31
    Fall Khashoggi: "Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord"
  • Video "Homecoming-Party: Tanzfläche bricht ein, 30 Verletzte" Video 00:34
    Homecoming-Party: Tanzfläche bricht ein, 30 Verletzte
  • Video "Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse" Video 01:40
    Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse
  • Video "Webvideos der Woche: Jetzt bloß keine Panik!" Video 03:28
    Webvideos der Woche: Jetzt bloß keine Panik!
  • Video "3D-Technologie: Wiederaufbau von Aleppo und Palmyra" Video 02:03
    3D-Technologie: Wiederaufbau von Aleppo und Palmyra
  • Video "Respektlose Berichterstattung: Die Bayern-PK der anderen Art" Video 02:27
    "Respektlose Berichterstattung": Die Bayern-PK der anderen Art
  • Video "Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: iPlane 1 statt Air Force One" Video 01:40
    Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: "iPlane 1" statt Air Force One
  • Video "Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam" Video 01:08
    Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam
  • Video "Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways" Video 01:26
    Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways
  • Video "Dashcam-Video: Riesenspinne nähert sich US-Cop" Video 01:05
    Dashcam-Video: "Riesenspinne" nähert sich US-Cop
  • Video "Filmstarts im Video: Wurden Sie enführt?" Video 10:28
    Filmstarts im Video: Wurden Sie enführt?"
  • Video "Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter" Video 02:27
    Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter
  • Video "Serien-Start Deutschland 86: Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte" Video 05:26
    Serien-Start "Deutschland 86": "Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte"
  • Video "NBA-Basketball: Wilde Prügelei bei Heimdebüt von LeBron James" Video 00:45
    NBA-Basketball: Wilde Prügelei bei Heimdebüt von LeBron James