29.01.2013

Imperium der Dealer

Um den einträglichen Opiumhandel durchzusetzen, führte Großbritannien Krieg gegen China. Das alte Reich der Mitte ging unter.
Es gibt Kriege, deren Verlierer am Ende stärker sind als die Sieger. Und es gibt Verschwörungstheorien, die der Wahrheit entsprechen.
Ein Fall, für den beide Behauptungen zutreffen, ist der Opiumkrieg, eines der folgenreichsten Ereignisse der Weltgeschichte. Rechnet man nach der Zahl der Menschen, deren Leben er beeinflusst hat, kann man ihn mit der Französischen Revolution oder dem Ersten Weltkrieg in eine Reihe stellen. Deren historische Bedeutung war allerdings schon manchen Zeitgenossen klar. Wie sehr Ausbruch, Verlauf und Ausgang des Opiumkriegs die Geschichte verändert haben, wird umso deutlicher, je länger er zurückliegt.
Kanton, das heutige Guangzhou, Anfang des 19. Jahrhunderts. Um die Stadt läuft eine zehn Meter hohe Mauer, dahinter erstreckt sich der größte Hafen des kaiserlichen China. Unten, am Ufer des Perlflusses, stehen 13 riesige Kontorhäuser, in denen privilegierte Chinesen mit privilegierten Europäern Handel treiben. Die Stadt selbst ist, wie das ganze Land, den Ausländern nicht zugänglich: Das Reich der Mitte genügt sich selbst und ist weder an Waren noch an Menschen aus dem Westen besonders interessiert.
Das Britische Empire dagegen kann gar nicht genug kriegen an chinesischen Waren, seine Bürger sind geradezu süchtig nach Tee, Seide und Porzellan, die schiffsladungsweise Richtung Westen gehen. Bezahlt wird mit Silberdollars. Für die Händler in den Faktoreien am Perlfluss ist es ein einträgliches Geschäft: Der Reichtum von Howqua, dem Wohlhabendsten der Kantoneser Kaufmannsgilde, ist um ein Vielfaches höher als der von Nathan Rothschild, den die Europäer jener Zeit für den reichsten Mann der Welt halten.
London und Peking aber haben mit dem blühenden Asien-Geschäft ein wachsendes Problem: London, weil seine Handelsbilanz mit China so drastisch einbricht, dass ihm allmählich das Silber ausgeht; und Peking, weil die Briten dieses Ungleichgewicht zunehmend mit einer Währung kompensieren, die in China reißenden Absatz findet: Opium.
Die Einfuhr der Droge ist verboten. Dennoch gelangen zwischen 1800 und 1818 jedes Jahr über 250 Tonnen Opium nach China. Das Rauschgift kommt aus Bengalen, wo es unter dem Management der East India Company angebaut, verarbeitet und in immer größeren Mengen Richtung China verschifft wird. 1831 sind es bereits fast 1300 Tonnen. Die Briten betreiben ein riesiges Drogenkartell.
Großbritannien hat finanzielle Nachteile aus dem Tee- und Seidenimport, China aber zahlt doppelt für den Opiumhandel: Millionen verfallen der Droge, in Armee und Verwaltung zersetzt sich die Moral. Der finanzielle Schaden übertrifft den der Briten bald bei weitem: 105 Millionen Silberdollar sind von 1752 bis 1800 nach China abgeflossen, 384 Millionen zieht der Drogenhandel von 1808 bis 1856 aus China ab. Peking hat Angst vorm Staatsbankrott.
Im Frühjahr 1839 schickt der Kaiser deshalb einen Mann nach Kanton, der heute als der erste Nationalheld des modernen China gilt: Der konfuzianische Musterbeamte Lin Zexu (1785 bis 1850) verficht eine radikale Anti-Drogen-Politik, und als er sein Amt antritt, verfasst er einen offenen Brief an Königin Victoria: Wie könne ihre Regierung sein Volk mit einer Substanz vergiften, die sie in ihrem eigenen Land verbiete?
Er setzt die ausländischen Händler in den Faktoreien fest und stellt ihnen ein Ultimatum: Her mit der Ware, oder ihr werdet hingerichtet. Charles Elliot, der britische Superintendent für den China-Handel, fügt sich und übergibt 20000 Kisten Opium. Lin lässt Rauschgift mit Salz und Kalk bestreuen, bittet den Meeresgeist um Verzeihung und lässt die stinkende Masse in den Perlfluss schwemmen.
Es ist ein Akt des Widerstands, der, wie 66 Jahre zuvor die Boston Tea Party, das Empire herausfordert. Und so schlägt das Empire zurück - mit einem Anflug schlechten Gewissens zwar, am Ende aber doch ohne jede Hemmung. London legitimiert einen Krieg zur Durchsetzung des Drogenhandels als Angelegenheit nationaler Ehre und als Einsatz für das hehre Ziel des freien Welthandels.
Im September 1839 sammelt sich vor der Kowloon-Bucht von Hongkong eine kleine Flotte unter dem Union Jack. Die Chinesen weigern sich, die Briten vorzulassen, also eröffnen diese das Feuer. Es sind, wie immer wieder in den nun folgenden 20 Jahren, nur ein paar Kanonenboote, mit denen die aufsteigende der sinkenden Supermacht die Überlegenheit westlicher Waffentechnik vorführt.
Chinas Streitkräfte erweisen sich als wehrlos, als die Briten erst die Ostküste, den Perlfluss und schließlich den Yangtze hinauf vorstoßen. 1840 fällt Zhoushan, 1841 Ningbo, 1842 Zhenjiang. Danach unterzeichnen die Chinesen den Vertrag von Nanjing. Sie verpflichten sich, den Briten 21 Millionen Dollar Entschädigung zu zahlen, öffnen ihnen fünf Häfen, darunter Shanghai, und treten die Insel Hongkong an sie ab.
Jahrelang pumpt das Empire nun mehr Opium nach China als je zuvor. Dass sich die wankende Qing-Dynastie kaum noch zur Wehr setzt, hängt mit einer Reihe von Aufständen zusammen, die das Land erschüttern. Einen davon zettelt 1850 ein Sektenführer an, der sich seit der Begegnung mit einem westlichen Missionar für Jesu jüngeren Bruder hält: Die sogenannte Taiping-Revolte gilt bis heute als der blutigste Bürgerkrieg aller Zeiten. Er dauert 14 Jahre, fordert bis zu 30 Millionen Menschenleben und übertrifft, von Peking aus betrachtet, die Bedrohung durch die Briten bei weitem.
Im Schatten dieses Aufstands aber holt das Empire im Herbst 1856 zu einem weiteren Schlag aus. Der Gouverneur von Kanton hat wegen des Verdachts der Piraterie ein chinesisches Schmuggelboot beschlagnahmen lassen, das zuvor britisch ausgeflaggt war. Den Engländern gelingt es, den Vorfall als einen Angriff auf die britische Fahne umzudeuten. Von einer Welle antichinesischen Ressentiments getragen, ziehen die Briten erneut gegen China in den Krieg, in dem sich nun auch Frankreich, Russland und die USA auf Londons Seite stellen. Vier Jahre lang bombardieren und erobern die Briten und Franzosen chinesische Städte - mit einem Ziel, das sie vereint: der Öffnung weiterer Häfen.
Als 1860 ein französischer Missionar und Mitglieder einer englischen Delegation gefangen genommen und getötet werden, marschiert eine britisch-französische Armee bis Peking, wo sie in den kaiserlichen Sommerpalast eindringt, ihn bis auf den letzten Kunstschatz plündert und niederbrennt. Mit dem Vertrag von Peking zwingen die ausländischen Mächte den Kaiser im Oktober 1860, faktisch die Einfuhr von Opium zu legalisieren - und die Briten im diplomatischen Schriftverkehr künftig nicht mehr als "Barbaren" zu bezeichnen.
Das Ergebnis des Opiumkriegs aus britischer Sicht: Das widerspenstige China ist geschlagen und, in Einflusszonen zerteilt, für den freien Welthandel geöffnet. Ein scheinbar großer Erfolg - der allerdings nicht lange hält.
Das Ergebnis aus chinesischer Sicht: Das Reich der Mitte ist von Völkern besiegt worden, die es für kraft- und kulturlos hielt. Ein paar Kanonenboote, ein paar tausend Soldaten haben den schon damals volkreichsten Staat der Erde in die Knie gezwungen. Das Weltbild des konfuzianischen China ist erschüttert. Das Land wirft Traditionen über Bord, die es sich in Jahrtausenden angeeignet hat.
Es dauert drei Generationen und kostet Millionen von Menschenleben, bis China diese Krise überwindet. Dann aber, Ende des 20. Jahrhunderts, setzt das Land zu einem wirtschaftlichen Aufschwung an, der die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts bald in ihr Gegenteil verkehrt: Nun ist es China, das Zugang zu den Märkten des Westens verlangt, nun sieht der Westen sich in der Defensive.
Lange haben Chinas Führer die Worte nicht gefunden, über die Schande des Opiumkriegs zu sprechen. 1990 aber gedenkt Peking pompös des Tages, an dem sich sein Beginn zum 150. Mal jährt. Einige Monate zuvor hat das kommunistische Regime auf dem Tiananmen-Platz den Aufstand demokratisch gesinnter Studenten niedergeschlagen. Der Jahrestag könnte der Führung nicht gelegener kommen. Sie etabliert ein schauderhaftes Propagandamärchen, das seither auch in Chinas Schulbüchern steht: wie das westliche Imperium des Bösen ein wehrloses Volk im Osten vergiftet und unterworfen hat.
Es ist nicht einfach, das Märchen zu widerlegen. Denn das meiste davon stimmt.
Bernhard Zand
Von Bernhard Zand

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2013
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