28.05.2013

Abrechnung mit der Monarchie

Gegen den Militarismus predigten Ludwig Quidde und andere Pazifisten Vernunft und Völkerrecht.
Als Bundespräsident Joachim Gauck sich Ende Februar auf eine Reise nach Genf vorbereitete, um dort vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen zu sprechen, erkannte er eine Bildungslücke. Ludwig Quidde? Der Name sagte ihm nichts.
Dabei wurde der Historiker Quidde 1927 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Allerdings ist Gauck mit seinem Unwissen über den wichtigsten Pazifisten des Kaiserreichs nicht allein. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ist Ludwig Quidde ein Niemand. "Das finde ich nicht gut", sagte Joachim Gauck dazu.
Der Bundespräsident legte in Genf auf dem Cimetière des Rois einen Kranz an der Grabplatte des vergessenen Helden nieder. Er ehrte so den Pazifisten, der als alter Mann noch aus NaziDeutschland fliehen musste, ausgebürgert wurde und 1941 mittellos in der Schweiz starb.
Es geschieht nicht oft, dass ein Leben so deutlich in zwei Teile zerfällt wie das von Ludwig Quidde, der am 23. März 1858 als Spross einer Kaufmannsfamilie in Bremen geboren wurde.
Der Scheidepunkt für den Historiker war die Veröffentlichung einer schmalen Schrift im Jahr 1894. Sie trug den Titel: "Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn." Quidde beschrieb darin zwar den megalomanen, grausamen Imperator im alten Rom, aber meinte doch Wilhelm II., der sechs Jahre zuvor zum deutschen Kaiser gekrönt worden war.
Der damals 36 Jahre alte Quidde schrieb von der "nervösen Hast" des Kaisers, von der "höchst gefährlichen Sucht, alles selbst auszuführen", von dem Hang zu "spielerischen Manövern und theatralischem Schein", von dem "phantastischen Gedanken einer Bezwingung des Weltmeeres".
Doch Quidde nahm sich nicht nur Kaiser Wilhelm vor, sondern auch dessen Untertanen. Er schrieb von der "moralischen Degeneration monarchisch gesinnter Völker oder doch der höher stehenden Klassen, aus denen sich die nähere Umgebung der Herrscher zusammensetzt". Der "Caligula"-Text war die brillante Abrechnung eines Demokraten mit der Monarchie.
Die Redaktion der erzkonservativen "Kreuz-Zeitung" druckte einen ausführlichen Verriss von Quiddes Schrift. Drohend erinnerte das kaisertreue Kampfblatt an den unglückseligen italienischen Schriftsteller Piccinardi, der im 17. Jahrhundert "ganz regelrecht wegen Majestätsbeleidigung enthauptet" wurde.
Ein Sturm brach los: Die Monarchisten empfanden "Caligula" als Majestätsbeleidigung übelster Sorte; die Kritiker Wilhelms II. waren begeistert. Die satirische Schrift erreichte in kurzer Zeit 30 Auflagen und wurde mehr als 150 000-mal verkauft. Quidde erinnerte sich später: "In Singspielhallen waren Couplets über Caligula an der Tagesordnung."
Der angegriffene Autor bestritt zunächst, dass es sich um eine Satire auf den Hohenzollern handelte, es sei vielmehr nur eine historische Studie. Später allerdings räumte er ein: "Es war eine Art Selbstbefreiung von dem, was mich in Gedanken an den Kaiser beschäftigte."
Ein Althistoriker sprach von der Studie verächtlich als einem "jammervollen Machwerk". Ein Quidde bis dahin freundlich gesinnter Kollege bat ihn, er möge "vergessen, dass wir uns gekannt" haben. Die zumeist konservativen Historiker seiner Zeit verstießen Quidde und entzogen ihm sein Forschungsprojekt, die Edition der Reichstagsakten aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Ein Biograf konstatiert die "Vernichtung seiner beruflichen Existenz".
Dabei hatte seine Laufbahn als Geschichtswissenschaftler hoffnungsvoll begonnen. Quidde hatte in Straßburg und Göttingen studiert, über die Wahl König Sigismunds zum römisch-deutschen Kaiser im 15. Jahrhundert promoviert und alsbald die "Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft" herausgegeben.
Als "Caligula-Quidde" gebrandmarkt, wandte der Historiker sich der Politik zu. Schon im Jahr vor dem Skandal war Quidde der linksliberalen Deutschen Volkspartei beigetreten und hatte anonym eine programmatische "Anklageschrift" veröffentlicht: "Der Militarismus im heutigen deutschen Reich". Die "mechanische Auffassung von Unterordnung und Disziplin" beim Militär und die "Missachtung humanen Empfindens" hatte er darin kritisiert; den Militarismus als "Feind der Kultur" beschrieben, als "Gegner der bürgerlichen Gesellschaft".
Der Historiker Reinhard Rürup charakterisierte Quidde so: "Zeit seines Lebens erschien ihm der Militarismus als der Hauptgegner, der überwunden werden musste, wenn Demokratie und Frieden dauerhaft realisiert werden sollten."
Mit dieser Gesinnung stand er zwar am Rande der wilhelminischen Gesellschaft, aber nicht allein. Die österreichische Schriftstellerin Bertha von Suttner hatte 1889 einen Roman mit dem Titel "Die Waffen nieder!" veröffentlicht, die Geschichte einer Wiener Gräfin, die zwei Männer im Krieg verliert und Pazifistin wird.
Suttners Freund Alfred Nobel, der Dynamitfabrikant, nannte den Roman ein "bewundernswertes Meisterwerk"; Leo Tolstoi schrieb: "Ich schätze Ihr Werk sehr." Der Sozialdemokrat Wilhelm Liebknecht ließ das Buch im "Vorwärts" nachdrucken. Suttners pazifistischer Roman wurde einer der größten Bucherfolge im 19. Jahrhundert.
In Berlin gründete Suttner 1892 zusammen mit ihrem österreichischen Landsmann Alfred Fried die Deutsche Friedensgesellschaft. Dabei war der Pazifismus keineswegs eine Erfindung der als Gräfin Kinsky geborenen Adligen. Pazifistische Gesellschaften gab es bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in England und den USA. In Deutschland hatten sich die ersten Pazifisten 1850 in Königsberg zu einer Friedensgesellschaft zusammengetan - die prompt verboten wurde.
Ludwig Quidde, aus der Wissenschaft verdrängt, gründete 1894 den Münchner Friedensverein und war dessen führende Figur. Aufgrund einer üppigen Erbschaft konnte er sich voll und ganz der Politik widmen und wurde zu einem gerngesehenen Vortragsredner.
Die Pazifisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts plädierten für internationale Schiedsgerichte, um Konflikte zwischen Staaten friedlich zu lösen. Das Recht des Stärkeren sollte durch allgemeinverbindliche völkerrechtliche Regelungen ersetzt werden. Zudem machten sie sich für Abrüstung stark.
Den meisten Zeitgenossen war das suspekt. Der Quidde-Biograf Karl Holl stellt fest: "Mit pazifistischen Überzeugungen wies man sich in einer von Virilitätsgehabe bestimmten Gesellschaft als unmännlicher, als über Gebühr zivilistischer Zeitgenosse aus."
Die Pazifisten waren idealistische Weltverbesserer, die ihrer Zeit zu weit voraus waren, um unmittelbaren politischen Erfolg zu haben. So engagierte sich Quidde ebenfalls gegen Tierversuche und war Mitglied der Anti-Duell-Liga. Die Lösung persönlicher Konflikte mit Pistolen erschien ihm anachronistisch. Auch die Todesstrafe lehnte er ab.
An der Spitze der Friedensfreunde im Deutschen Reich fanden sich einige Unternehmer, die wirtschaftlich unabhängig waren und keine Diskriminierung wegen ihrer Gesinnung fürchten mussten. Die Basis kam vorwiegend aus dem Mittelstand - Kaufleute, Volksschullehrer, Rechtsanwälte.
Der gesellschaftliche Einfluss der Pazifisten war regional sehr unterschiedlich. Von den etwa 100 Ortsvereinen, die sich 1913 im Dachverband Deutsche Friedensgesellschaft zusammenschlossen, fanden sich 37, also mehr als ein Drittel, in Württemberg. In Preußen östlich der Elbe, dem Kernland des Militarismus, gab es lediglich in neun Städten Gruppen organisierter Pazifisten. Die Mitgliederzahl der Friedensgesellschaft stagnierte bei rund 8000. Im Vergleich zum Deutschen Flottenverein, der die Aufrüstung auf See unterstützte und über eine Million Mitglieder hatte, waren die Pazifisten eine Randgruppe im wilhelminischen Deutschland.
Die Friedensfreunde verstanden von Anfang an, dass sie nur als internationale Bewegung Erfolg haben könnten, dass die Völkerverständigung die Bedingung für eine Welt ohne Kriege ist. Quidde engagierte sich deshalb ab 1901 im Internationalen Friedensbüro in Bern, leitete die deutschen Delegationen bei den jährlichen internationalen Weltfriedenskongressen und holte im Jahr 1907 das Welttreffen der Pazifisten nach Deutschland, nach München.
Auf Distanz zu den bürgerlichen Pazifisten blieben dauerhaft die Sozialisten. Sie glaubten an die wie auch immer zu bewerkstelligende Revolution und die Verbrüderung der Arbeiter. Mit der würde dann auch Friede auf Erden einkehren.
Auf Seiten der Pazifisten gab es Gesinnungsethiker in der Tradition Immanuel Kants wie Quidde, die nicht zuletzt moralisch gegen den Krieg argumentierten. Alfred Fried hingegen, der engste Mitarbeiter von Bertha von Suttner, entwickelte die Idee eines "organisatorischen Pazifismus". Aufgrund der enger werdenden wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Staaten und ihren Volkswirtschaften, kalkulierte Fried, würden die Regierungen mit Kriegen den ökonomischen Ruin ihrer Länder provozieren und deshalb davor zurückschrecken. Den besten Weg sah Fried, wie die meisten Pazifisten, im Ausbau des Völkerrechts.
Auf der einen Seite warnten die Pazifisten stets vor einem Krieg zwischen den europäischen Großmächten. Auf der anderen Seite waren sie Optimisten und glaubten nicht daran, dass diese Katastrophe eintreten würde.
Als der Erste Weltkrieg begann, traten Quidde und seine Freunde bald für einen gerechten Frieden ein und kritisierten die Annexionspläne des Deutschen Reichs. Die deutschen Behörden wiesen ihn aus Berlin aus und überwachten eifrig seine Post.
An seinen Mitkämpfer Fried schrieb er: "Was wir jetzt erleben, übersteigt an Grausigkeit alles, was wir Pazifisten sonst leichtfertigen und gewissenlosen Kriegshetzern vorgehalten haben." ■
Von Michael Sontheimer

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2013
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