01.04.1999

Beim Endspiel ausgepfiffen

Vision: Der Grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Berninger, 28, denkt über den Wahlkampf 2006 nach

Von Matthias Berninger

Der Kanzler hatte sich die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 anders vorgestellt. Die Eröffnungsfeier in Leipzig war noch gelungen. Aber das frühe Aus der deutschen Kicker beendete die Euphorie. Nun fiel der Blick wieder auf die Probleme draußen im Lande.

Sein Finanzminister mußte für die Zinsen auf den Schuldenberg ein Drittel aller Steuereinnahmen hinblättern, ebenso viel kostete die Alterssicherung. Der Haushalt war aus dem Gleichgewicht.

2002 hatten die Konservativen dem Regierungschef noch den Gefallen getan, den bayerischen Ministerpräsidenten in den Wahlkampf zu schicken. Da konnte selbst des Kanzlers kleiner Koalitionspartner einen Betroffenheitswahlkampf inszenieren, um von ungelösten Richtungsentscheidungen abzulenken. Alles blieb beim alten.

Der Wahlsieg 2002 ermutigte den Kanzler, nun das zu tun, wovor ihn Berater und Meinungsumfragen gewarnt hatten: Er traf Entscheidungen, und zwar unbequeme.

Die Alten sollten das Rentensystem mitfinanzieren. Er erhob satte Ökosteuern, um die Arbeitskosten aus dem Würgegriff der Sozialkassen zu befreien.

Von der Opposition der "Rentenlüge" geziehen und von Massen wütender Autofahrer bedrängt, mußten die Regierenden plötzlich Niederlagen bei den Landtagswahlen einstecken. Im Bundesrat herrschte eine Blockade-Mehrheit.

Immer häufiger gingen die Jungen auf die Straße, um gegen die Bildungskatastrophe zu demonstrieren. Gedrängt von der alternden Klientel des kleinen Koalitionspartners, nahm der Kanzler Abstand vom Plan, bei den Pensionen der Staatsdiener zu sparen.

Gegen die 68er in den Institutionen formierte sich eine Revolte der jungen Generation, die sich verraten fühlte. Vor allem den Grünen machte das zu schaffen. In ihrer Regierungszeit, in der sie Reformen zwar anmahnten, aber für die Jungen wenig erreichten, wurden sie zu einer Ein-Generationen-Partei, die sich unversehens im Zentrum der Kritik wiederfand.

Mit dem Konsens-Kanzler standen sie einem juvenil-konservativen Herausforderer gegenüber, der die Jungen und deren Großeltern anzog. Beim WM-Endspiel pfiffen die Deutschen ihren Kanzler aus. Gerade hatte man ihm die letzten Umfragezahlen in die Loge gereicht. Er würde diese Wahl nicht gewinnen.


SPIEGEL SPECIAL 4/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

SPIEGEL SPECIAL 4/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Beim Endspiel ausgepfiffen