01.11.1994

Ich will keinen Spaß!

Drei Generationen auf der Suche nach dem deutschen Wesen

Was ist deutsch? Wo lebt der häßliche Deutsche? Hanns Joachim Friedrichs, Charlotte Janka, Roger Willemsen, Maria Voigt und Wigald Boning diskutierten über ihr Land und ihre Identität. Es wurde ein Gespräch dreier Generationen. Friedrichs, 67, und Janka, 80, engagierten sich nach dem Krieg für den Wiederaufbau und ein anderes Deutschland - Friedrichs im Westen, Janka im Osten. Friedrichs machte Karriere als Fernsehmoderator, Janka mußte erleben, wie ihr Mann in Bautzen eingesperrt wurde. Willemsen, 39, wuchs im Deutschland der sechziger Jahre auf, brach eine Universitätslaufbahn ab, lebte in London und startete einen späten Blitzaufstieg im Fernsehen. Boning, 27, machte sein Abitur in Wildeshausen (Niedersachen) und wurde mit seiner RTL-Samstag-Nacht-Show zu einem der derzeit populärsten Komiker. Voigt, 24, wuchs in der DDR auf und arbeitet heute als Kellnerin und Journalistin in Ost-Berlin.

Willemsen: Was hätten Sie gesagt, Frau Voigt, wenn Sie Herrn Boning vor zehn Jahren in diesem Aufzug auf der Straße gesehen hätten?

Voigt: Was ich jetzt immer noch sagen würde: Ein Westdeutscher, Provinz.

Willemsen: Hätten Sie nicht gesagt: Hat der noch alle Tassen im Schrank?

Voigt: Nein. Man stellt sich immer vor, wir haben in grauen Schuluniformen mit gefalteten Händen auf Freizeitbefehle gewartet. Wir sind auch verrückt rumgelaufen. Man hätte nicht auf Boning gezeigt und gesagt: Was ist das, kann es sprechen?

Willemsen: War "Spaß" etwas Wichtiges für junge DDRler?

Voigt: Immer diese Aufforderung: "Hab Spaß." Ich will ja keinen Spaß haben, ich will leben.

Boning: Das ist doch kein Widerspruch. Spaß erlebt man, oder?

Voigt: Nein, Fun haben ist langweilig.

Willemsen: Hatte man nach dem Krieg "Fun", Herr Friedrichs?

Friedrichs: Mehr als heute. Da gab es weniger Ängste. Ich bin sicher, daß in den ersten Jahren nach dem Krieg intensiver, freudiger gelebt wurde. Wir haben unseren Spaß aus den Mitmenschen gezogen, aus den jungen Damen oder den jungen Herren. Wir hatten ja noch keine Gameboys, keine Computer und Stereoanlagen.

Willemsen: Gab es in der DDR nach 1947 "Fun", als Sie aus dem mexikanischen Exil zurückgekommen sind, Frau Janka? Haben Sie Spaß gehabt?

Janka: Na, selbstverständlich. Es gab herrliche Aufführungen im Theater, es gab gute Bücher, es gab interessante Menschen.

Voigt: Es wurde ordentlich gesoffen.

Willemsen: Ich glaube, daß alles, was wir vor zehn Jahren mit "Spaß-Generation" bezeichnet haben, nichts anderes als das Ende der Aufklärung ist. In dem Augenblick, wo die Leute nicht mehr gelebt haben, um etwas zu bewirken, blieb nichts mehr als Vergnügen. Damals hat man gesagt "Hedonismus", inzwischen sagt man "Fun", und das ist ein unangreifbarer Wert, gegen den niemand mehr aufsteht.

Boning: Jawohl, Roger: "Weg mit dem Spaß." Snowboards, Techno und Jever Fun werden verboten, und danach wird es schon wieder beginnen, das Zeitalter der Aufklärung.

Willemsen: Wigald, jetzt paß mal auf. Die Spaß-Generation sagt: "Wir lehnen alles ab: Verantwortung, Moral, Werte. Es kommt im Leben vor allem darauf an, so viele Partys wie möglich zu erleben."

Friedrichs: Eine grauenvolle Schwarz-Weiß-Vorstellung. In jeder Ernsthaftigkeit ist doch auch immer ein bißchen Fun.

Janka: In den zwanziger Jahren gab es auch Fun.

Willemsen: Frau Janka, für welche Ideale haben Sie sich in Ihrer Jugend engagiert?

Janka: Für eine gerechtere Gesellschaft, für Ideale, die eigentlich immer bleiben, dafür, daß die vorhandenen Güter gerechter verteilt werden. Es gab die christliche Jugendbewegung, es gab die Naturfreunde, es gab Fichte, und es gab die politischen Jugendbewegungen. Ich habe zu diesem Teil gehört.

Willemsen: Herr Friedrichs, haben Sie zu einer Jugendbewegung gehört?

Friedrichs: Ich war Pimpf. Aber danach hat mich keiner gefragt. Ich habe auch nichts unterschrieben. Sie können ruhig nachgucken in Dahlem. Leute meines Jahrgangs haben da ja unangenehme Überraschungen erlebt, Genscher zum Beispiel.

Willemsen: Genscher ist genauso alt wie Sie. Haben Sie ein Generationengefühl: Genscher und Sie?

Friedrichs: Dazu gehört ja mehr als nur der Zufall, im selben Jahr geboren zu werden. Nein, ich habe mich nicht einer Generation zugehörig gefühlt. In der Zeit, in der ich anfing, zu lesen und ein bißchen die Welt zu begucken, existierte dieses Label "Generation" noch nicht.

Ich war sicher Teil einer Altersgruppe, die nach dem Krieg relativ unbelastet in diese Republik entlassen wurde. Wir haben die akademische Karriere ausgelassen und sind gleich in ein Feld gegangen, das uns reizvoll erschien. Bei mir war das die Tageszeitung hier in Berlin. Die Leute, die so alt waren wie ich, konnten nur schwer unangenehme Flecken auf ihrer Weste haben.

Willemsen: Gab es so etwas wie Widerstand gegen die Vätergeneration?

Friedrichs: Ich kann das wirklich nur aus meiner Sicht sagen. Bei mir nicht, weil ich einen Vater hatte, der makellos durchs Dritte Reich gekommen ist. Ich hatte keinen Grund, den Konflikt mit den Altnazis an meinem Vater festzumachen.

Ich mußte nach dem Krieg kurz mein Abitur nachholen. Da waren ein oder zwei Lehrer, die uns nun Unterweisung gaben in Parlamentarismus und in neuerer Geschichte. Die sehe ich heute noch vor mir, mit dem Nazi-Bonbon am Revers. Das hat mich sehr empört, diese Nonchalance.

Willemsen: Hatten Sie also beide eine Vorstellung von dem, wie ein humaneres Deutschland aussehen sollte?

Friedrichs: Bei mir war das ganz stark. Ich war gerade zwanzig und bei einer Zeitung, deren Lizenznehmer Paul Löbe war, der letzte Reichstagspräsident der Weimarer Republik, ein honoriger Mann. Dort gab es auch Sozialdemokraten. "Man muß eine bessere Republik schaffen, als wir sie hatten", das habe ich eine Weile geglaubt, aber ungern ausgesprochen, weil es so pathetisch klingt. Aber ich habe es geglaubt, und es ist ja auch eine ganz ordentliche Republik geworden.

Willemsen: Frau Janka, welche Vorstellung hatten Sie von Deutschland, als Sie zurückkehrten?

Janka: Ein humanistisches Deutschland - nach diesem fürchterlichen Krieg und nach diesen Verbrechen.

Willemsen: Wann haben Sie gewußt, daß es das in der DDR nicht geben würde?

Janka: Anfang der fünfziger Jahre, als es immer finsterer wurde.

Willemsen: Was heißt finster?

Janka: Als die Widersprüche begannen zwischen dem, was auf dem Programm stand, und dem, was die Realität brachte. Die Prozesse gegen namhafte Sozialdemokraten. So wurden die Widersprüche immer größer.

Sehr schade, denn es war ja anfangs vor allem auch die Intelligenz, die in den Osten drängte - sehr gescheite Menschen, Schauspieler, Schriftsteller, Komponisten. Sie fühlten sich verantwortlich, ein neues Deutschland aufzubauen.

Willemsen: Fühlen Sie eine Verantwortung gegenüber Deutschland, Frau Voigt?

Voigt: Wenn ich im Ausland bin, fühle ich mich schon als Deutscher. Als ich in London in der U-Bahn saß, habe ich immerzu alle Schwarzen angelächelt, denn ich dachte, ich muß was wiedergutmachen. In einem Paki-Shop im East End wurde ich mit "Heil Hitler" gegrüßt, das hat der Mann ganz freundlich gemeint. Ich habe geantwortet: "Das sagt man bei uns nicht mehr, man sagt jetzt ,Guten Morgen'."

Willemsen: Was ist der häßliche Deutsche für Sie? Der Deutsche, den Sie im Ausland sehen?

Voigt: Die Deutschen, die ich im Ausland sehe, sind für mich immer noch wie diese Osttypen, die damals in Prag in Jeans-Anzügen, mit vollen Biernetzen im Arm, über den Wenzelsplatz gewankt sind.

Willemsen: Das ist ein ästhetisches Problem, kein Gesinnungsproblem.

Voigt: Nach Prag zu fahren und sich dort mit billigem tschechischen Bier zu besaufen, ist ein Gesinnungsproblem.

Willemsen: Gibt es für Sie insgesamt eine Ideologie, die mit dem häßlichen Deutschen verbunden ist?

Voigt: Ja, dieses "ich, ich, ich". Ich unterstelle auch vielen, die sich engagieren, daß sie es nur tun, um sich selbst zu beruhigen. Also Egoismus ist etwas ganz Deutsches.

Willemsen: Spielt deutsche Vergangenheit eine Rolle, wenn Sie sich im Ausland als Deutsche bewegen?

Voigt: Das ist ja das Bedrückende, daß man immer, wenn man "deutsch" sagt, "KZ" sagt. Ich habe in meiner Vergangenheit gekramt, ob nicht irgendwo etwas Polnisches, Französisches oder Italienisches vorhanden ist, aber es gab nichts, ich bin hoffnungslos deutsch. Ich habe mich jetzt damit abgefunden, und irgendwie ist es normaler geworden. Irgendwie ist einem das peinlich, und andererseits genießt man es auch.

Boning: Die Frage, was deutsch ist, ist schwer zu beantworten. Die Platitüden sind klar: Bier trinken, Goethe und Schiller. Dahinter gibt es ein kompliziertes Geflecht von vielen Dingen. Wenn man einen Holländer fragt, was holländisch ist, würde er 50 Tage nachdenken und dann auch zu keinem Ergebnis kommen.

Willemsen: Na, gut. Die deutsche Geschichte ist schon ziemlich einzigartig.

Boning: Wie die Geschichten aller Länder einzigartig sind.

Willemsen: Geht es noch ein bißchen unverbindlicher? Die deutsche Geschichte hat eine ganz besondere Hypothek. Sie ist anders als die holländische Geschichte oder die Geschichte Senegals.

Boning: Die Frage: Was ist deutsch? würde ich nicht mit Auschwitz allein beantworten. Das ist eines von vielen, vielen Partikeln.

Janka: Das ist aber ein ganz schlimmer Teil und ein ganz wesentlicher, den man nicht wegwischen kann und darf. Die Welt hat sich seit Auschwitz verändert.

Boning: Daß ich nicht Ernst Nolte bin, können Sie ja schon an meiner Brille erkennen.

Willemsen: Bist Du denn auf Deutsche stolz? Gibt es deutsche Vorbilder?

Boning: Nö. Stolz bin ich nicht. Vorbilder? Peter von Zahn vielleicht.

Willemsen: Gibt es keine Form von Identifikation mit der Nation für Dich?

Boning: Durch die Sprache sicher. Da könnte man natürlich sagen: Goethe und Schiller. Nur kann ich sie nicht nennen, weil ich so wenig von beiden gelesen habe.

Willemsen: Wenn der Staat hingeht und mit Schäuble sagt, er setze große Hoffnungen auf die junge Generation, daß sie einen Nationenbegriff ausbilden werde ...

Boning: Es würde mir leichter fallen, in diesem Zusammenhang von Europa zu sprechen. Vielleicht ist das etwas Spezielles an meiner Generation, daß man eher etwas Übergeordnetes ...

Willemsen: Empfindest Du Deinen Staat als Zumutung?

Boning: Gar nicht, nein.

Willemsen: Egal, was Deutschland im Ausland tut? Geh mal in London im East End zum Bäcker, und Kohl hat zwei Tage vorher gesagt, die Grenzen Polens sind nicht sicher, dann bist Du derjenige, der das ausbadet, weil die Bäckerin zu Dir sagen wird: "Was hat euer Kanzler gesagt? Die Grenzen Polens sind nicht sicher?"

Boning: Ich hätte keine Probleme, der Bäckerin klarzumachen, daß ich als einer von 80 Millionen Deutschen jetzt nicht für Kohl geradestehen werde.

Willemsen: Die Frage ist, ob man das eigene Land als Zumutung ansehen kann.

Boning: Ich nicht. Im Gegenteil, ich würde sogar - die Fragestellung ist auch in dieser SPIEGEL-Umfrage so interessant - für die Verteidigung dieser Demokratie geradestehen oder sogar kämpfen.

Willemsen: Mit nacktem Oberkörper?

Boning: Jawohl, ich und meine Freunde bewaffnen uns mit einem Gartenschlauch, einem Tauchsieder und einem Fön und blasen die Bösewichter aus unserer Republik. Für die Demokratie zu kämpfen würde mir leichter fallen als "für Blut und Boden", "für die Scholle" oder "für die Heimat".

Willemsen: Standen Sie auf den Barrikaden im Herbst '89, Frau Voigt?

Voigt: Ich hatte damals im Palast der Republik einen Job im "Jugendtreff", das war eine Diskothek. Es war der 7. Oktober, der 40. Geburtstag der DDR. Erich Honecker hielt drinnen eine Rede, die wurde über alle Lautsprecher übertragen. Das war surrealistisch, das war absurd, und drumherum demonstrierten die Leute und riefen "Freiheit!" - ich habe immerzu durch die Jalousien geguckt -, und drin wollten die nichts wahrnehmen. Die Feier lief, und ich mußte Blumen auf die Bühne bringen für irgendeinen Sänger. Dann habe ich meine Mutter angerufen: "Du, Mama, da draußen sind 3000 Leute, die rufen ,Freiheit!'" Nachts bin ich nach Hause gegangen, überall stand Polizei.

Dann habe ich viel später eine Demonstration miterlebt, da waren sie gegen alles, gegen den Hunger in der Welt, für die Gleichberechtigung aller Schwulen, für Abtreibung, gegen Umweltverschmutzung und vorschnelle Wiedervereinigung. Ich lief in einer Reihe mit lauter Frauen, die lila Luftballons trugen. Das war zu lieb und zu beliebig.

Willemsen: Was ist am Tag danach passiert?

Voigt: Vielleicht habe ich im Bett gesessen und Marzipan gefressen. Jedenfalls war ich deprimiert. Dann kommt irgendwie ein Gegendruck, ein innerlicher, daß man sagt: Jetzt muß du selber etwas aus deinem Leben machen. Ich wollte schon immer weg. Aber als die Mauer fiel, habe ich gedacht: Jetzt kannst du nicht weg, es ist so spannend hier, so was hast du nicht noch einmal im Leben. Das erleben sowieso nur ganz wenige, aber später bin ich doch weggegangen, nach London.

Friedrichs: Wenn Sie in London hätten bleiben können, wären Sie geblieben?

Voigt: Nee. Ich hätte ja bleiben können, aber ich wollte nicht. Ich wollte zurück nach Berlin, ich konnte das auch alles nicht schätzen. Ich lebe sowieso nur im Prenzlauer Berg.

Willemsen: Hast Du eine Illusion gehabt, als die Mauer fiel?

Boning: Nein. Als sie fiel, habe ich vor dem Fernseher gesessen und war tränenbewegt beglückt wie alle anderen auch. Ich war besonders desillusioniert, weil ich vorher mit einer Band eine DDR-Tournee unternommen hatte, man dort Freundschaft schloß mit Leuten und im Suff darauf trank, daß die Mauer verlegt wird, und zwar nicht mehr Ost und West teilt, sondern Nord und Süd.

Friedrichs: Ich war an diesem 9. November, an dem ich Dienst hatte, ganz unmittelbar involviert in die ganze Geschichte. Ich habe geglaubt, das ist der größte Tag in meinem Leben - ich bin kein sonderlicher Patriot, habe kein Nationalbewußtsein in dem Sinne -, aber wir haben hier eine Sache aus der Welt geschafft, die künstlich war, die schlecht war und die jetzt zu Ende gegangen war. Ich habe geglaubt, daß da etwas Unglaubliches losgeht. Es ist ja auch etwas Unglaubliches passiert. Aber es hat eine Form gefunden, die mir große Schwierigkeiten macht.

Willemsen: Da war ich der Desillusionierteste im Augenblick der Maueröffnung, weil mir nur ein gutes altes Karl-Marx-Zitat einfiel, nämlich: "Die alte Scheiße stellt sich wieder her." Frau Janka, sind wir inzwischen ein Volk?

Janka: Ja, ein Volk sind wir, sind wir immer gewesen. Aber es gibt verschiedene Kategorien in diesem Volk.

Willemsen: Nämlich?

Janka: Die im Licht stehen und die im Schatten stehen.

Willemsen: Wo stehen Sie?

Janka: Ich gebe mir Mühe, in der Mitte zu stehen.

Willemsen: Im Zwielicht. Frau Voigt, sind wir ein Volk?

Voigt: Quatsch. Wir sind Ost und West, und wenn man das nicht begreift, wird nie irgendwas zusammenwachsen.

Friedrichs: Es liegt natürlich auch daran, daß der eine am Leben des anderen kein sonderliches Interesse hat. Wenn wir mehr wüßten, wie der andere lebt, wie seine Biographie aussieht, die östliche und die westliche, würde dieser Zustand der Sprachlosigkeit nicht ganz so lange dauern.

Voigt: Ich war in Hamburg im Schwimmbad; die Leute hatten tolle Körper, feine Badeanzüge, aber sie wirkten angespannt. Die Ostler mit ihren schiefen Badeanzügen amüsieren sich besser. Ganze Familien kreischen, fett und fröhlich, im Wellenbecken rum.

Willemsen: Es gibt eine Anzeigen-Kampagne in deutschen Zeitungen, über 300 Folgen hat sie bereits, die heißt: "Wir sind ein Volk." Da wirbt ein Land für sich selbst mit einer Aktion, die heißt: "Wir für Deutschland." Mit welchen Gefühlen sehen Sie solche Anzeigen? Bewirken die irgend etwas? Ein Land, das dafür werben muß, daß es zusammengehört, daß es stolz ist? Sind Sie stolz, Deutsche zu sein?

Voigt: Nein.

Boning: Man kann nicht auf einen Lotteriegewinn stolz sein, man kann nicht auf ein Land stolz sein.

Voigt: Die Italiener sind stolz, Italiener zu sein.

Willemsen: 96 Prozent aller Amerikaner sagen, sie sind stolz, Amerikaner zu sein.

Voigt: Ich bin selbstbewußt, denn ich habe zwei Gesellschaftssysteme am eigenen Leibe erlebt. Das haben Westdeutsche nicht, und dit is wat. Also, du hast einfach eine zweite Dimension.

Willemsen: Löst die Hymne etwas in Dir aus?

Boning: Ungefähr soviel wie die Einleitungsmusik zum "Aktuellen Sportstudio". Vom Gefühl her ziehe ich "Und es war Sommer" von Peter Maffay vor.

Willemsen: Gar nichts? Abwehr?

Boning: Abwehr auch nicht. Es ist ein schönes Lied mit einem Text, auf den man sich auch verständigen kann. Aber ansonsten ein erstaunliches neutrales Gefühl.

Friedrichs: Als Sie das Deutschland-Lied das erstemal gehört haben, war es ja schon die Nationalhymne unserer Republik. Als ich es zum erstenmal gehört habe, kam immer anschließend gleich das Horst-Wessel-Lied, es gab ja diese Kombination. Dies ist in meinem Unterbewußtsein, ich werde das auch nicht los, ich habe da eine Sperre. Das wirft mich zurück in eine Zeit, an die ich mich ungern erinnere. Ziemlich dumm von mir, es ist ja eine fabelhafte Komposition.

Willemsen: Herr Friedrichs, erinnern Sie sich, wann Sie den ersten großen amerikanischen Film gesehen haben?

Friedrichs: Ja. Als ich mich bemühte, das Abitur nachzumachen, nach dem Kriege in einer westfälischen Stadt, gab es da ein Kino, das englischen Soldaten zur Verfügung stand. Ich kannte den Vorführer, er hat mich in die Vorführkabine gelassen, und ich habe Doris Day gesehen.

Willemsen: Wigald, verfolgst Du die Jugendkultur?

Boning: Ja, durchaus. Am wichtigsten war die Verkabelung meiner Eltern, weil man auf einmal MTV und solche Stationen empfangen konnte. Ich sagte mir: Aha, das sehen also die Gleichaltrigen, interessant. Außerdem gab es die sogenannte Subkultur. Die sah für mich so aus: Auf dem Schulhof eine Clique bilden und andere Schuhe anziehen als der Lehrer.

Willemsen: Gibt es eine Pop-Kultur, eine Pop-Gruppe oder eine Pop-Figur, die Dir sagt, sie drückt Dein Lebensgefühl aus?

Boning: Nein, Peter von Zahn höchstens, aber das ist eigentlich keine Pop-Figur.

Voigt: Ich finde es schlimm, daß es in Hotelzimmern keine Radios mehr gibt; man muß MTV anschalten.

Willemsen: Was haben Sie gegen MTV?

Voigt: Das drückt genau das aus, was mich so langweilt, diese leere Hektik, diese wahnsinnig schnellen Schnitte, aber nichts passiert.

Boning: Komisch, früher waren es die Älteren, die sagten: Die Jugend, wo geht die hin, die langen Haare!

Voigt: Ich beneide die Älteren um ihre rebellischen Fähigkeiten, um ihre Rituale, um ihren Mut zur Würdelosigkeit. Meine Schwester, sie ist 16, hatte jetzt ihren ersten Freund. Der war so langweilig, daß sie ihm einen Brief schreiben mußte: "Es tut mir leid, sorry, es geht nicht mehr, Du bist so langweilig ..." Er hatte ihr einen Liebesbrief geschrieben: "Ich liebe Dich, Julie", einen Satz, auf dem Computer!

Boning: Selbstmitleid. Es ist doch interessant, daß ausgerechnet Selbstmitleid überbleibt, wenn man den gemeinsamen Nenner der Jugendkultur benennt.

Voigt: Ich bin sehr selbstmitleidig.

Willemsen: Sind Sie denn sehr traurig?

Voigt: Irgendwie liegt eine unerklärliche Langeweile über meiner Generation. Am Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg, wo ich wohne, da gibt es ungefähr 50 Szenekneipen, und die sind jeden Abend knüppeldicke voll; aber nie ist was los. Die sitzen da und warten, warten, warten.

Janka: Ich finde, der Tag ist zu kurz, immer.

Willemsen: Die Langeweile wird bei Ihnen, Frau Voigt, immer mehr zum Schlüsselbegriff. In meiner Generation war das anders. Der Schlüsselbegriff hieß Moral, und zwar deswegen, weil man kritisch sein wollte. Daraus abgeleitet wurde die Forderung nach Widerstand.

Voigt: Und was ist davon geblieben? Fahrradwege. Keine Konservierungsstoffe in Gummibärchen und Blumenbeete auf der Straße.

Willemsen: Nicht zu vergessen die Kübelbepflanzungen auf Bahnhöfen.

Voigt: Ich würde ja gern wieder anfangen. Aber mit wem denn? Es gibt keinen Rudi Dutschke. Ich würde sofort mitmachen, wenn Rudi Dutschke mich fragen würde.

Boning: Herr Friedrichs, würden Sie mitmachen, wenn Rudi Dutschke Sie fragen würde?

Friedrichs: Ich würde auf fortgeschrittenes Lebensalter plädieren und die Abenteuerlust Jüngeren überlassen.

Boning: Ich war auch einmal bei einer Demonstration, ich glaube, gegen die Nachrüstung von Mittelstreckenraketen, 1982, da war ich 15. Ich ging dorthin, weil die Demonstration an einem Mittwoch, 11 Uhr, in Oldenburg vor dem Schloß stattfand. Weil wir alle dort waren, alle Schüler, konnten wir annehmen, daß keiner einen Eintrag ins Klassenbuch bekam.

Willemsen: Das war es?

Boning: Ich war auch mal bei den Jungdemokraten. Mein Vater war in der FDP und hatte Vorbehalte gegen die Jungdemokraten. Eigentlich wollte ich ihm damit nur eins auswischen und ihn ärgern: "Ich bin auch liberal und gehe zu den Jungdemokraten." Es war eine linde Form des Protests, nicht gerade wie 1958 beim Bill-Haley-Konzert, nicht Stühle kaputthacken.

Friedrichs: In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren habe ich "Angst" als gesellschaftliches Phänomen nicht annähernd in dem Maße bemerkt, wie ich das heute tue. Ich bilde mir jedenfalls ein, daß es Angst ist, die Millionen Menschen in diesem Land umtreibt, Angst um tausend verschiedene Dinge, aber immer wieder Angst.

Janka: Zu DDR-Zeiten haben die Leute immer behauptet, man kann nichts sagen. Wenn ich mir aber heute ansehe, was in den Betrieben oder Büros los ist, so sagt kein Mensch was, weil er wirklich Angst hat, er verliert seinen Arbeitsplatz. Zu DDR-Zeiten, wo es so viele Miseren gab, war das "Solidaritätsgefühl" ausgeprägter als heute.

Willemsen: Gibt es irgend jemanden, mit dem Sie solidarisch sind, eine Gruppe?

Voigt: Ich hab' Freunde. Aber eine Gruppe, mit der ich mich solidarisch fühle - nee.

Willemsen: Frau Janka, gibt es jemanden, mit dem Sie sich solidarisch fühlen?

Janka: Da meine Ideale immer auf eine bessere Gesellschaft ausgerichtet waren, fühle ich mich vor allem mit den Menschen, mit denen es abwärts gegangen ist, solidarisch. Solidarisch fühle ich mich mit denen, die im Unglück sind.

Willemsen: Herr Friedrichs, Sie?

Friedrichs: Solidarisch fühle ich mich mit Leuten, die sich extrem bemühen und es aus Gründen, die sie nicht zu verantworten haben, nicht schaffen.

Boning: Den Begriff "Solidarität" würde ich heute nicht mehr verwenden in meiner Altersklasse. Statt dessen bevorzuge ich Mitgefühl mit alten Autoreifen, die auf Mülldeponien vor sich hinsiechen, ohne daß sich jemand um sie kümmert.

Willemsen: Was hat den Begriff "Solidarität" um sein Prestige gebracht? Die Polen?

Voigt: "Solidarität" ist für mich ein absolutes DDR-Wort. Ich habe mich in der DDR wahnsinnig solidarisch gefühlt mit Nicaragua, mit Chile, mit den Russen. Ich habe viel russische Literatur gelesen, russische Filme gesehen. Und nichts hat etwas gebracht, sie sind alle umsonst gestorben. Als ich 17 war, wollte ich nach Nicaragua gehen. Ich habe an den FDJ-Zentralrat geschrieben. Dann wurde ich eingeladen, und es wurde mir gesagt: Sie sind Nummer 714, die Wartezeit beträgt zwei Jahre.

Willemsen: Ich bin so aufgewachsen, daß im Gymnasium Adorno gelesen wurde, daß man in den Pausenhöfen zusammengestanden hat und versuchte, irgendeine Form außerparlamentarischer Opposition zu bilden. Man hat das getan, bis man irgendwo in die AKW-Bewegung kam oder bis man für Nicaragua demonstrierte oder Graffiti sprühte. Und man hat irgendwann feststellen müssen in dieser Generation, daß das Publizieren von Ideen kaum noch Sinn hat.

Friedrichs: Wenn wir alle vier hier aus der Gummibärchen-Branche wären, würden wir sagen: Wir machen halt Gummibärchen. Das ist nicht so doll. Aber wir als Publizisten versuchen schon, auf unsere Mitmenschen zuzugehen und ihnen die eine oder andere Einsicht zu vermitteln, falsch oder richtig. Insofern sind wir auch wieder politisch.

Janka: Aber leider haben wir keine Macht. Sie haben keine, ich habe keine.

Friedrichs: Das ist das Bohren von dicken Brettern, auf lange Sicht verändert das schon.

Willemsen: Warum keine außerparlamentarische Opposition?

Voigt: Wogegen denn Opposition, und wofür soll ich denn sein? Es ist doch alles vorbei. Deshalb bin ich auch dafür, daß alle Denkmäler abgerissen werden, weil dieses Land einen Rosa-Luxemburg-Platz überhaupt nicht verdient hat. Alles weg, damit man irgendwann wieder neu anfangen kann. Warum soll eine Straße, in der eine Deutsche Bank steht, Rosa-Luxemburg-Straße heißen?

Janka: Ich finde es eine Schande, wenn man der Meinung ist, die Clara-Zetkin-Straße muß weg.

Voigt: Warum soll es eine Clara-Zetkin-Straße haben?

Janka: Damit die Menschen daran erinnert werden, es gab einmal eine Frau: Clara Zetkin.

Voigt: Nein, ohne Tod keine Auferstehung.

Boning: Ich will mich nicht zum Märtyrer machen. Noch weniger möchte ich mich in eine Badewanne setzen, die mit Larmoyanz gefüllt ist.

Voigt: Habt ihr den Eindruck, daß ich larmoyant bin?

Boning: Die Lebenshaltung leuchtet mir partout nicht ein. Man kann ja sagen, daß der große Entwurf zu nichts führt. Daraufhin bleibt ja nur die Alternative: Entweder man hängt sich auf, und damit ist das Problem erledigt, oder aber man versucht, in kleinen Schritten sich im Privatleben einzurichten.

Voigt: Ich hänge mich doch nicht auf, weil Erich Honecker alles versaut hat.

Friedrichs: Sie meinen doch, daß die absolute Lösung, die Ihnen vorschwebt, nur in ganz kleinen Schritten zu erreichen ist?

Boning: Ja. Das ist zum Beispiel auch gut gegen die Langeweile, da hat man etwas zu tun.

Willemsen: Vielleicht ist dein Leben furchtbar langweilig.

Boning: Vielleicht habe ich nur einen Defekt als Westler, daß mir da etwas antrainiert wurde.

Janka: Ich glaube aber, daß die Langeweile kein spezifisches Ost-Problem ist.

Willemsen: Die Deutschen haben immer ein Problem, und die Amerikaner haben Fun.

Voigt: Und die Deutschen tun so, als ob sie Fun haben. Immer tun sie nur so.

Friedrichs: Also Boning hat keinen Fun?

Voigt: Nein, er tut nur so. Aber er wirkt ganz glücklich dabei.


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