01.09.1999

Warten auf Ernesto

DR. ERWIN KOCH, 43, lebt als freier Autor bei Zürich. JO SCHWARTZ, 41, ist Fotograf in Köln.
Es ist längst Nachmittag, der 23. Juni 1999, Sand und Schatten, als Torres zu zittern beginnt. Torres, Ricardo, 60 Jahre alt.
"Geschlossen?" haucht er.
"Geschlossen", sagt Urzua, Mario, 49, nimmt seine schweren Hände vom großen Tor. Torres schweigt.
"Herrgott", sagt Urzua, sein langes spärliches Haar zu einem Schwanz gezurrt.
Nun dreht sich Torres ins Licht, das gelb in die Wüste kippt, sieht die Tafel im Staub: Peligro no pasar, Minengürtel.
Die Männer rütteln am Gittertor, schieben die dunklen Brillen hoch.
Chacabuco. Eine Stunde bis zum nächsten Wasserhahn.
"Durch die Minen?" fragt Urzua.
Torres, der Ältere, lächelt. Schüttelt endlich den Kopf, klein, schmal, schüchtern.
Ricardo Torres und Mario Urzua. Seit Tagen unterwegs, den Ort zu sehen, wo sie, ein Vierteljahrhundert zuvor, ihre Hoffnung abgaben. Chacabuco: Gefangenenlager unter Augusto Pinochet Ugarte, Putschist, Schlächter, Diktator, 1973 bis 1990.
Dreimal habe er geweint, damals, erzählt Urzua dem Torres, als sie, Seite an Seite, im Bus durch die Ödnis reisten, von Santiago bis Antofagasta, 1400 Kilometer weit, immer nordwärts, und bis zur Erschöpfung redeten und dann einschliefen und unruhig schnarchten. Dreimal habe er geweint, erzählt Urzua, der Jüngere, dreimal während der ganzen verdammten Gefangenschaft.
Weinen konnte ich nicht, entschuldigt sich Torres.
Das erste Mal, als Oscar Vega tot an einem Balken hing. Dann zu Weihnachten, Weihnachten 1973. Schließlich irgendwann, als alle aus meiner Zelle Besuch hatten, nur ich nicht, Mario Urzua, Studentenführerchen, 24 Jahre alt.
Weinen konnte ich nicht, spricht Torres in den Bus, die ganze Zeit konnte ich es nicht.
Torres und Urzua stehen vor dem Tor in der trockenen Wüste von Atacama, die sich zwischen Pazifik und Anden schiebt. Sie scharren im roten Sand, es ist längst Nachmittag, die Schatten schon lang.
"Herrgott", schimpft Urzua, "und jetzt?"
"Laß mich mal", flüstert der schmale schüchterne Torres und stellt sich vor das hohe Gitter. Er zwängt seine Hände durch die Maschen, fingert mit einem Draht, stöhnt, zirpt, zupft. Dann, jetzt, springt das Schloß auf.
Urzua sagt: "Ob in meinem Haus noch Vorhänge sind."
"Warum?"
"Weil die Hitze darin sonst unerträglich ist."
Die Männer schieben die dunklen Brillen hoch, sie traben los, der Jüngere zehn Schritte vor dem Alten, Wind fährt durch die tote Stadt, schüttelt Zinnblechdächer, die wimmern und ächzen.
"Aber wo sind die Wachtürme?" lärmt Torres.
"Und der Stacheldraht?" sagt Urzua.
"Ohne Wachtürme verstehe ich nichts."
Wann, Mario, haben sie dich verhaftet?
Wie gesagt, ich war Studentenführer, Mario Urzua, Kommunist, und hatte vor, am 11. September 1973 Präsident Allende zu treffen. In seinem Palast, der Moneda. Es war früher Morgen, meine Mutter, Angestellte beim Telegrafenamt, weckte mich, schrie, im Radio habe sie von einem Putsch gehört. Ich fuhr sofort an die Technische Universität von Santiago, traf dort den Rektor, wir schlossen uns ein, den ganzen Tag, die ganze Nacht, hatten Angst und hörten den Lärm der Panzer und der Gewehre. Am 12. September, gegen acht Uhr, stürmten Soldaten das Gebäude, fesselten uns, brachten uns ins Chilestadion, dann ins Nationalstadion.
Mich, erzählt Torres im Bus, mich fingen sie zu Hause weg, in Concepcion, wo ich geboren bin. Ich war damals Journalist und Dozent an der Universität, in keiner Partei. Regionalstadion. Hörte die Schreie der Gefolterten.
Torres fragt: Haben sie dich gefoltert?
Soldaten zogen Mario Urzua eine schwarze Kapuze über den Kopf, Oktober 1973, banden ihm die Arme auf den Rücken. Sie warfen ihm vor, Mitglied eines geheimen Kommandos zu sein, schlugen ihn ins Gesicht, in den Bauch, drohten, Schwester und Freundin zu vergewaltigen, wenn er nicht gestehe. Sie schlugen ihn immer wieder, zwei Tage lang, einmal verrutschte die Kapuze, und Urzua sah, daß er vor Offizieren lag, die stumm auf ihren Bänken saßen, eine hinter der andern, wie in einem Vorlesungssaal, und dem Folterer bei seiner Arbeit zuschauten, als lege der eine Prüfung ab. Endlich schleppten sie ihn in ein anderes Zimmer, schrien: Nun ist Schluß, stellten ihn an eine Wand, Urzua hörte das Ladegeräusch der Gewehre, er dachte nichts mehr, wartete, bis sie abdrückten, wartete, dann die Stimme: Das Arschloch muß noch einmal zum Verhör.
Ich weiß nicht, erzählt Urzua Torres, wie oft sie mich erschießen wollten.
Er schließt die Augen, sinkt ins Polster, und Torres schiebt die dunkle Brille hoch.
Urzua sagt: Einmal hörte ich einen Mann, die Stimme eines Gefolterten. Und als sie mit ihm fertig waren, weinte der: Mit diesen Händen schlägst du mich, und mit diesen Händen streichelst du dein Kind. Nun weiß ich: Gott gibt es nicht.
Im Saum meiner Hose hatte ich vier Tabletten Valium 10 versteckt, hab' sie nie gebraucht, flüstert Torres.
Zwei Monate nach dem Staatsstreich, November 1973, holten die Soldaten der Militärjunta 700 Gefangene aus den Stadien der Hauptstadt Santiago, trieben sie in Busse, zwangen die Lehrer, die Journalisten, Ärzte, Schauspieler, Psychologen, Historiker, Musiker, Studenten, sich zwischen die Sessel zu drücken. Auch Mario Francisco Eugenio Urzua Peres. Um 19 Uhr erreichten sie den Hafen von Valparaiso, Urzua trat aus dem Bus, sah ein Kind, das ein Wort sprach, einen Satz, den er nicht verstand, sah dann die Mutter, wütend, die weit ausholte und das Kind ins Gesicht schlug.
Die letzte Frau, die ich sehe, schlägt ihr Kind, dachte Urzua, man wird uns alle im Meer versenken.
Schließlich saßen die Männer auf einem Frachter, sein Name war "Lebu", 700 Gefangene unter Deck. Es stank nach Mensch, an den Wänden zehn Fässer, in die, wer konnte, sich entleerte. Drei Tage dauerte die Reise in den Norden, und Urzua schmerzten die Augen, als er an einem frühen Morgen wieder Land sah, den Desierto de Atacama, von der Sonne rot und schön gefärbt.
Soldaten, Maschinenpistolen vor den Bäuchen, befahlen die Gefangenen in alte Bahnwagen, der Zug dampfte in die Wüste hinein, stundenweit, Sand und Schatten.
Es war längst Nachmittag, Mitte November 1973, als die Männer einen Ort erreichten, der ein halbes Menschenleben zuvor verlassen worden war, die Oficina Chacabuco, eine Salpetermine, Fabrik und Stadt zugleich, wo einst 8000 Menschen gelebt, gearbeitet, gelitten, geliebt hatten, in der Mitte des Nichts, 1924 bis 1938.
Und du? fragt Urzua den Torres.
Chacabuco erreichte ich erst am 18. Januar 1974, zusammen mit 50 anderen Männern aus Concepcion. Auf dem großen Platz mußten wir uns in eine Reihe stellen, die Kleider ausziehen, standen nackt auf dem großen Platz, vielleicht eine halbe Stunde lang, mußten hergeben, was wir besaßen. Es war Abend, überall Panzer und Soldaten und Gelächter.
Rasierklingen? fragt Urzua.
Durften wir behalten. Um uns umzubringen.
Dann führten sie uns zu einem Haus, Pavillon 24, man befahl mich in die dritte Wohnung, zusammen mit sechs anderen. Wir schliefen in hölzernen Betten, drei übereinander, ich war zuoberst, sicher vor den Ratten, Pavillon 24, dritte Tür.
Mein Haus, sagt Urzua, würde ich sofort wiedererkennen.
Bist du sicher?
Staub stiebt jetzt unter Urzuas luftgepolsterten Schuhen, sein langes Haar liegt im Wind, Urzua dreht sich zu Torres: "Komm", schreit er, "dort hinten."
Torres aber bleibt stehen, macht einen Schritt, noch einen, verharrt vor einem rostigen metallenen Behältnis.
"Mein Lastwagen", sagt Torres.
"Was?" ruft Urzua.
"Mein liebster Lastwagen."
Ich wußte, daß ich nie mehr Journalist sein könnte in diesem Staat Chile, also bat ich meinen Mitgefangenen, Anibal Matamala, der im Bett unter mir schlief, Lehrer für Mechanik ...
Anibal Matamala, unterbricht Urzua, war mein Professor an der Universität.
Dein Professor, Gefangener von Pinochet, machte in der Wüste einen Mechaniker aus mir. Täglich übten wir an verrotteten Lastwagen aus der Salpeterzeit, zerlegten sie, setzten sie neu zusammen, bis ich verstand.
Ich wurde Schauspieler, sagt Urzua, bot, Sonntag für Sonntag, den Gefangenen und den Offizieren, die immer in der ersten Reihe saßen, ein selbsterdachtes Theater, erinnerst du dich?
Ein Scherzchen des Schicksals, flüstert Torres, daß ich später, kaum im deutschen Exil, ausgerechnet bei Porsche eine Stelle fand, Mai 1975, Stuttgart, Abteilung Motorenbau.
Unser erstes Stück hieß: Warten auf Ernesto.
Warten auf Ernesto? sagt Torres, was bedeutet das?
Urzua beginnt zu lachen: Alles. Und nichts.
Ernesto Che Guevara? Nach Chacabuco?
Nun hält sich Urzua den Bauch: Hauptsache, das Stück hieß Warten auf Ernesto.
"Wo sind wir?" fragt Urzua. Mit weiten Schritten setzt er über den Sand, bleibt stehen, sieht sich um, ratlos.
"War dort nicht ein Wachturm?"
"Weiter", sagt Torres.
Sie trotten durch den Geisterort, links und rechts zerfallene Häuser, keine Türen, keine Dächer mehr, Bretter, Lehm, Stroh, Untergang. Dann treten sie auf einen Platz, in der Mitte einige Büsche, eine Gartenlaube aus altem Holz, daneben ein Haus mit Balkon.
"Das Theater."
Urzua wuchtet die Türen auf, kühle Luft schlägt ihm entgegen, er tritt in die Dämmerung, Torres, der Ältere, zehn Schritte hinter ihm. Sie stehen und schweigen, werfen ihre Köpfe ins Genick, erkennen tanzende Elfen, lauschige Birken, die ein Maler einst, als die Oficina Chacabuco aus der Wüste gestanzt wurde, auf kanadisches Holz pinselte.
"Caruso war hier", sagt Torres, "auch die Callas."
"Weiß ich doch", sagt Urzua.
Chile, schlankes langes Land am Stillen Ozean, lebte vom und für Salpeter. Die es besaßen, machte Salpeter, ein stickstoffreicher Rohstoff für Dünger, Schießpulver und Farben, schnell reich. Wo immer es gefunden wurde, entstand ein Kontor, eine Oficina, Ankaufsstelle. Der junge Staat Chile, ständig auf Geld aus, befahl gar Soldaten in die Wüste, 1879 bis 1883, führte einen Salpeterkrieg, nahm Peru und Bolivien Boden ab, in dem teurer Salpeter schlummerte, oberflächlich, bis in die Tiefe von sechs Metern. 1890 stammte die Hälfte aller staatlichen Einkünfte von Steuern, die Minenbesitzer, meist Engländer, entrichteten. Bis, 1913, die deutschen Forscher Fritz Haber und Karl Bosch eine Möglichkeit fanden, stickstoffhaltiges Ammoniak großtechnisch aus Luft zu gewinnen. Der Niedergang geschah rasch. 1916 führte Chile noch drei Millionen Tonnen seines berühmten Stoffes aus, fünf Jahre später nur mehr eine. Chacabuco aber entstand, als die hohe Zeit des Chile-Salpeters bereits vorüber war, eine Totgeburt.
Der Unort war das Werk der britisch-chilenischen Lautaro Nitrate Company, Heimat für 3000 Arbeiter und ihre Frauen und Kinder, 8000 Menschen, einen halben Kilometer lang und breit, gesetzt auf 36 Hektar Sand, allseits von Mauern umgeben. Eine Stadt mit niedrigen Häusern und engen Zimmern, mit rechtwinklig gerichteten Straßen, die schöne Namen trugen: Calle Valparaiso, Calle Coquimbo, Calle Atacama, mit einem dreistöckigen Theater für 1200 Zuschauer, mit Krankenhaus, Schlachthaus, Warenhaus. Kosten: eine Million Pfund Sterling.
Jeden Tag schwärmten die "Salitreros", Salpeterarbeiter, in die nahe Pampa aus, mit nacktem Oberkörper und hohen schweren Stiefeln, eine kurzstielige Schaufel in der Hand, auf der Suche nach Caliche, salpeterhaltiger Erde. Sie sprengten den Boden mit Dynamit auf, zertrümmerten ihn mit Hämmern, die 25 Pfund wogen, luden die Ware auf Maulesel und brachten sie unter glühender Sonne nach Chacabuco zur Behandlung in die Fabrik, die auch nachts nicht ruhte und alljährlich über 150000 Tonnen reinen Salpeters entließ.
Jeder Nagel, jedes Brot, jeder Tropfen Wasser wurde nach Chacabuco gekarrt. Trinkwasser, geht die Rede, soll einen Arbeiter mehr gekostet haben als Alkohol. Entlöhnt wurde er mit Fichas, betriebseigenen Münzen, die er einzig in Chacabuco umsetzen konnte, in der Pulperia, dem betriebseigenen Warenhaus, das die Preise bestimmte. Ab und an kamen Huren ins Lager, erlösten im Vierminutentakt. Chacabuco, wie alle Oficinas, hatte seine besonderen Gesetze, Wächter gingen durch die Enge, schrieben auf und berichteten, was sie sahen und hörten.
Der schmale Torres kauert in der Mitte des Theaters, legt die Sonnenbrille ab. Rotgeränderte Augen. Da unten, sagt er und zeigt in den Orchestergraben, da unten habe er damals, kaum eine Woche im Gefangenenlager, nach Metall suchen müssen, auf Befehl eines Offiziers, der die Ware schließlich verkaufte, privat, claro. Leutnant Minoletti, den sie alle Leutnant Schakaletti nannten, dieser falsche Hund, der ständig blöd lachte. Da unten im Graben habe er Folterwerkzeuge gefunden, Eisenstangen und Handschellen, die man einst den Salitreros aufschirrte, sie zu bestrafen für irgendwelchen Eigensinn, in Fesseln geschlagen von der Lautaro Nitrate Company Ltd., Great Britain.
"Kein Wunder", sagt Urzua, "daß die Sozialistische Arbeiterpartei in Chiles Wüsten entstand, nach dem Massaker an 2000 Salpeterarbeitern, Frauen, Kindern, in Iquique, 1912."
"1907, drei Tage vor Weihnachten", sagt Torres.
"Sag ich doch", röhrt Urzua, grinst breit.
Und du, Mario, erzähl.
Ich floh nach Schweden, März 1978, blieb, wie du, 16 lange Jahre. War Schweißer bei Scania, schweißte Lastwagenbrücken. In Schweden wurde meine Tochter geboren, ich nannte sie Uliana. Nach diesem Mädchen, du weißt schon, das gegen die Menschewiki stritt. Den Sohn nannte ich Nikolai. Nach dem Jungen, der in Brest Litowsk im Kampf gegen die Nazis fiel. Beide sind sie in Schweden geblieben. Auch meine Frau.
Und was machst du heute? fragt Torres Urzua.
Heute, sagt Urzua und lächelt leise, heute, Companero, verkaufe ich Räucherstäbchen aus China, Schwimmkerzchen aus der Schweiz, Bachblütentropfen aus Deutschland, Faltencreme aus Italien.
Dann schweigt er lange, sagt: Was will ein Studentenführer mehr?
Torres, der Ältere, legt Urzua die Hand auf den Arm.
"Auf zu den Häusern, wo wir gefangen waren."
Staub flirrt im Licht, das ins alte Theater fällt.
Er sei der einzige in seiner Zelle gewesen, redet Urzua, der einzige, der nie Besuch bekam während all der Monate, hier in diesem gottverdammten Schauspielhaus, wo die Männer ihre Frauen trafen, sich küßten und streichelten und weinten und sich dann, wenn der Soldat, der sie bewachte, wegsah, schnell auf diese dreckigen Riemen legten und verschmolzen. Der einzige im ganzen Haus, der von seiner Familie nie Besuch bekam. Und deswegen habe er geweint, manchmal.
"Weinen konnte ich nicht", entschuldigt sich Torres.
6. März 1935, Filmvorführung im Theater Chacabuco: Cautiva de su pasion. In Leidenschaft gefangen. Liebe erlaubt weder Ausreden noch halbe Mittel. Mit Tallulah Bankhead, der großen Rivalin der Greta Garbo.
3. April 1935: Das Lachen des Schakals. Grandioso dia de aventuras. Das jüngste Werk des gutaussehenden und beliebten Schauspielers Tim McCoy.
Sie schließen hinter sich die Tür, wandern weiter durch ihre Schatten, Sand knirscht, in der Ferne das leise süße Rauschen der Panamericana, die nach Alaska führt.
"Weißt du, wo wir sind?" fragt der Alte.
"In der Vergangenheit", sagt der Jüngere.
"Aber wo?"
"War dort nicht ein Wachturm?" fragt Urzua.
Torres zuckt mit den schmalen Schultern, dreht sich nach Norden, nach Süden. Wind fällt in die Geisterstadt, kühlt Haut und Haar.
"Herrgott", schimpft Urzua, "nicht einmal einen Wachturm haben sie stehen lassen."
Sie streunen zwischen den langen niedrigen Häusern, Blech wimmert im Wind, sie bleiben stehen, ratlos, gehen weiter.
"Hier wohnte", jubelt Torres plötzlich, "Pedro Enriquez. Den sie folterten und ständig anschrien: Wo genau im Rio Biobio haben die Sowjets ihre U-Boote verankert?"
Urzua lacht auf.
"Nein", sagt Torres leise, "hier wohnte nicht Pedro Enriquez."
Weiter. Die Schatten immer länger.
Jetzt öffnen sich die Reihen der ewiggleichen Hütten, ein großer weiter Platz liegt vor den Männern.
"Endlich", ruft Urzua, winkt dem Älteren.
Jeden Morgen, jeden Abend brauste der Lagerkommandant, 1. Armeedivision, Kaserne Antofagasta, im Schützenpanzer an, befahl die Gefangenen auf den großen weiten Platz, tausend Männer, Kommunisten, Sozialdemokraten, Linksliberale, ließ sie zählen und dann, von Stacheldraht umfaßt, die Hymne des Landes singen: Reines Chile, dein Himmel ist blau, und der Meereswind streicht über dich hin. Deine blütenbesäten Felder sind ein glückliches Abbild des Paradieses. Majestätisch ragen deine weißen Berge, die der Herr als Bollwerk dir gab, die der Herr als Bollwerk dir gab.
Den Wüstengefangenen war verboten, sich Genosse oder Kamerad zu rufen, die Soldaten, fast noch Kinder, wechselten jeden Monat.
Erinnerst du dich an den, der sich selbst in den Bauch schoß? fragt Torres. Weil der nicht ertrug, was er in Chacabuco sah.
Für den habe ich Blut gespendet, sagt Urzua.
Doktor Pena, Kommunist, hat ihn operiert.
Sozialdemokrat.
Kommunist.
Sozialdemokrat.
Dann lachen sie und schweigen.
Täglich zogen die Häftlinge gegen die Sinnlosigkeit aus, manche sangen in einem Chor, spielten Theater, Fußball, Volleyball, berieten in einem Ältestenrat, lehrten Motorenbau, Astronomie, Mathematik, Englisch, Lesen, schrieben eine Wandzeitung. Einige bastelten Aschenbecher aus Onyx, schlugen Nägel spitz, ritzten damit Bilder in altes Holz: Rosen und Madonnen.
Nachts hörten sie den Lärm der Minen, die hochgingen, weil vielleicht ein Hund auf sie trat.
Ach, das waren nicht Hunde, das waren Offiziere, sagt Torres, Offiziere, die Steine auf die Minen warfen, um uns Angst zu machen.
Das Essen war schlecht und immer gleich: Bohnen, versetzt mit Piedra lumbre, Feuerstein, einem Mittel wider die Manneslust. Wer Geld hatte, bestach damit einen Soldaten, kam so zu Brot und Wurst. Eines Tages fuhr das Rote Kreuz vor, besah sich das Lager, versprach dann, jede Woche eine Kuh zu schicken, damit die Gefangenen zu etwas Fleisch kämen. Nur Haut und Knochen erreichten Chacabuco, das Fleisch griffen sich die Offiziere, für sich, ihre Familien, ihre Freunde in Antofagasta, der weißen Stadt am Meer.
Einmal bestellten sie uns auf den Friedhof in der Wüste, zwischen die Gräber der Salpetermenschen. Mußten für einen Offizier, der Arzt war, Skelette aus dem Boden scharren.
Aqui yacen los restos del que fue nuestro querido Vicente Guerra B. Fallecio el 15 de Agosto 1927. Hier liegen die Reste desjenigen, der unser geliebter Vicente Guerra B. war.
Kennst du Atilio Gaete? fragt Torres.
Nein.
Aus Concepcion.
Nein.
Der fand, am Morgen des 21. Februar 1974, als er Holz sammelte, in der alten Pulperia das Rapportbuch eines Nachtwächters, Andrade hieß der. Hab' es selbst gelesen.
5. November 1925. Letzte Nacht wurde der Arbeiter Bautista Cortes Araya (Corral Nr. 20) von dem Wächter Nr. 20 beim Verkauf der sozialistischen Zeitung "La Epoca" überrascht. Der Arbeiter wurde in derselben Nacht zusammen mit 23 Exemplaren der besagten Zeitung der Polizei übergeben. Zudem wurde bei ihm eine Liste mit Adressen vorgefunden, denen er die Zeitung zustellte.
5. Juni 1927. Um 20.15 Uhr meldete der diensthabende Vorsteher Juan Ortiz, daß in Haus Nr. 52 der Straße Aldea zwei Leichname gefunden wurden. Vor Ort wurde festgestellt, daß es sich um Enrique Galvez Cortes, 37 Jahre, gebürtig aus Canela de Mincha, und seine Ehefrau Rosa Aurora Guerra, 29 Jahre, gebürtig aus Valparaiso, handelte. Um ihrem Leben ein Ende zu setzen, befestigten sie Dynamit zwischen dem Bauch von Galvez und dem Rücken seiner Frau. Die Explosion zerstörte die besagten Körperteile.
27. Juni 1927. Hiermit unterrichte ich meine Vorgesetzten davon, daß keine fertiggestellten Särge vorhanden sind, was zu Verspätungen bei den Beerdigungen führt. Dies war der Fall bei den verunglückten Samuel Zuniga und Feliciano Cortes Herrera.
29. Juni 1927. In folgenden Häusern wurde gesungen.
Ricardo, wieso kennst du jedes Datum auswendig, fragt der Jüngere den Alten.
So überlebe ich, antwortet Torres.
Torres und Urzua stehen auf dem großen weiten Platz, kein Vogel, kein Strauch.
"Hier mußten wir uns nackt ausziehen", sagt Torres, "es war Abend."
Sie stehen im Wind, drehen sich, schweigen. Dann gehen sie einige Schritte, murmeln etwas, knurren, hauchen, verstummen wieder, schieben die dunklen Brillen hoch.
Dann sagt Torres: "Angekommen."
Dann: "Dort drüben ist mein Haus, Pavillon 24, dritte Tür."
Er stakt los, drückt die flache Mütze auf den kahlen Kopf, wird immer schneller, der schüchterne schmale Torres, Ricardo, geboren am 5. Februar 1939 in Chiles grünem Süden, Sohn eines Metzgers, biegt um die Ecke, rennt, steht vor der dritten Tür, weicht zurück.
"Mi casa."
Wartet auf Urzua. Geht jetzt hinein, setzt Fuß nach Fuß. Hinein in Gefängnis und Jugend. Kein Dach mehr. Kein Bett. Kot, Lehm, Stroh.
Torres tänzelt durch die Räume, sucht an den Wänden ein Zeichen von einst, irgendeins, irgendwo. Verzweifelt.
Urzua steht hinter ihm, die Hände, als wolle er beten, und schweigt.
Weißt du noch, wie wir ständig Radio Moskau hörten, und ständig erfuhren, Pinochet sei am Ende, seine Junta überdauere nur noch Tage, höchstens Wochen?
Wir glaubten leicht und schnell, sagt Torres.
Was anderes blieb uns übrig?
Im Juli 1971 hatte Chiles demokratisch gewählter Präsident Salvador Allende, Arzt und Sozialist, die Oficina Chacabuco, die nur 14 Jahre lang in Betrieb gewesen und dann verlassen worden war, unter staatlichen Denkmalschutz gestellt, Decreto Ministerio de Educacion Publica No 1749. 26 Monate später war Allende erschossen, Chacabuco ein KZ für jene, die an ihn geglaubt hatten.
Der Tyrann, General Augusto Pinochet Ugarte, bot seinen Gefangenen nach elf Monaten die Freiheit an - überall, nur nicht in Chile. Dann schloß er das Lager, Oktober 1974. 14 Jahre später, Oktober 1988, riß er sich hin, das Volk zu befragen, ob es freie Wahlen wolle. Pinochet war seiner Sache nicht sicher, befahl Soldaten auch nach Chacabuco, hieß sie, alles zu zerstören, jeden Wandspruch, jede Zeichnung, alles, was auf ein Gefängnis hinwies, Stacheldraht, Wachtürme, Gitterzellen. Nur die Minen ließen sie im tiefen Sand, fünfzig Meter nach allen Seiten, der Desierto de Atacama.
Urzua sagt: Die beste meiner Schulen war Chacabuco. Als ich Chacabuco verließ, konnte ich nicht mehr schlafen, einen ganzen Monat lang.
Träumst du von Chacabuco? fragt Torres, der Ältere.
Einmal träumte mir von Oscar Vega, du kanntest ihn. Der als Knabe in Chacabuco gelebt hatte, Sohn eines Salitrero, und nun mit uns gefangen war.
Der das Haus der Kindheit wiederfand, die Schaufel seines Vaters, die Wäscheleinen der Mutter, und sich damit unters Dach hängte.
Weinen konnte ich nicht, weiß nicht warum, sagt Torres.
Gehen wir zu mir?" fragt Urzua. Tritt ins Freie, wandert los, Torres zehn Schritte hinter ihm.
Rote Sonne über rotem Staub.
Urzua grinst, atmet laut.
"Hier? Soll ich da mal rein?" flüstert er, "nein, du bist nicht mein Haus", sagt er, "dich betrete ich nicht."
Jetzt.
Urzua, Mario, Sohn einer Telegrafenbeamtin und eines Alkoholikers, Studentenführer, Lastwagenschweißer in Schweden, zittert vor einer farblosen Wand und schweigt. Kein Dach, kein Bett, nur ein Spruch auf dem Putz: Hier wurden gefoltert, Puco Rodriguez und Dr. Doolittle, hier habe ich mir eins abgewichst, 12.1.1997.
Torres legt die schmale Hand auf Urzuas Schulter.
Blech jammert im Wind.
Am 28. April 1991, nach 16 Jahren im Exil, reiste Ricardo Torres, inzwischen 52 Jahre alt, nach Chile zurück, bat die Zeitung "El Sur" um Arbeit, für die er einst geschrieben hatte, fragte bei einem Radiosender an, dann bei Banken, damit sie ihm Geld gäben, um eine Tankstelle zu kaufen.
Wovon lebst du also?
Schließlich wurde ich Fischer, ließ mir ein Boot bauen, 6 Meter breit und 18 lang, gab ihm den Namen Chil-Otto, Chile und Otto, aus Zuneigung für Deutschland, wurde Kapitän und Präsident der Nationalen Vereinigung der Kleinfischer Chiles.
Urzua bückt sich zu Torres: Besser als Räucherstäbchen verkaufen.
Bis mein Schiff versank, ohne Ladung, ohne Not, innerhalb von vierzig Minuten, einfach so, Konstruktionsfehler. 1996, drei Tage vor Weihnachten.
Herrgott, sagt Urzua.
Zwei Männer zotteln durch müden Sand, Ruinen links, rechts, nach einem Vierteljahrhundert zurückgekehrt an den Ort, wo sie jung waren und leicht im Glauben. Ihre Schritte sind kurz, und jetzt legt Urzua seinen schweren Arm um Torres, drückt den Schmalen an sich.
Sie scharren im Staub.
Drehen ihre Gesichter zur sterbenden Sonne.
Die trocknet, was keiner sehen soll.
Ricardo, erinnerst du dich an unsere Blaskapelle?
Als wär es heute.
Wie die Idioten von Offizieren eines Morgens schrien: Alle Musiker vortreten! und dann zwölf von uns vortraten. Und zwei Wochen Zeit hatten, bis zum Tag der glorreichen Streitkräfte, aus 30 Soldaten eine stramme Musikkapelle zu formen.
Filistoque war der Dirigent.
Nach einer Woche schon marschierten die Soldaten, als hätten sie nie etwas anderes geübt, bliesen wie junge Engel, wirbelten ihr Besteck. Und wehrten sich nicht, wenn Filistoque und seine Gehilfen sie wieder und wieder durch den Dreck trieben. Immer weiter, immer lauter. Im Gleichschritt. Die merkten nicht, welchen Spaß wir hatten. Und am neunten Tag stelzten sie am Kommandanten vorbei, grüßten ihn höflich, gockelten weiter, kamen bis zum Tor, erinnerst du dich?, erreichten das Tor, und Filistoque schreit, so laut er kann: Schranken hoch!, und die Schranken gehen hoch, und die zwölf Gefangenen treiben ihre Wärter in die Wüste hinaus, immer weiter, das war, kichert Torres, vielleicht mein bester Tag in Chacabuco.
Bis endlich einer zu sich kam, lacht Urzua, und Alarm schlug. Ab auf die Lastwagen, ab durchs Minenfeld, der Musik hinterher, die Maschinenpistolen im Anschlag.
Die Kapelle war schon auf der Straße, bumzackbum.
Auf der Panamericana, grölt der Junge.
Richtung Alaska, schreit der Alte.
Von Erwin Koch

SPIEGEL SPECIAL 9/1999
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