01.10.1999

Kafka lacht

Von Uwe Timm

Gedruckte Lektüre ist altmodisch - Gedruckte Lektüre ist altmodisch - behaupten die Hersteller des elektronischen Buches. Jedes Werk der Weltliteratur findet in einem praktischen, kleinen Plastikkasten Platz. Kommt nun das Ende der staubigen Welt im Bücherregal? Uwe Timm hat eines der brandneuen E-Books getestet.

Ein Gefühl wie vor Weihnachten. Da wird einem ein kleines Wunderding versprochen, eine Art Buch, in dem man nicht nur überall bequem lesen kann, sondern mit dem man auch Bücher aus dem Internet herunterladen, im "Wall Street Journal" blättern, Börsendaten abfragen und sogar markante Sätze von Nixon und Kennedy hören kann. Ein Ding also, das die Partyfrage, welches Buch man denn auf eine einsame Insel mitnehmen würde, überflüssig macht. In einem Buch hätte man plötzlich eine ganze Bibliothek dabei - allerdings müsste es Elektrizität auf dieser Insel geben und einen Telefonanschluss.

In einem Paket kommt das Ding an, verpackt in einer Art Kulturbeutel, dunkelgraublau. Es ist aus Plastik, eher kleiner als der neue Simmel, aber dafür etwas schwerer, gute 600 Gramm, mit einer seitlichen, grifffreundlichen Verdickung, darauf zwei Knöpfe, ein Glasdisplay, eine Anschlussbuchse, ein Spezial-Plastikstift zum Antippen der Funktionen auf dem Bildschirm. Es sieht aus wie ein kleines Notebook ohne Deckel und Tastatur.

Nach dem Druck auf den Startknopf erschien auf dem Bildschirm meines Exemplars sofort ein Text, in der Mitte zentriert: "Freuet Euch, ihr Patienten. Der Arzt ist euch ins Bett gelegt." Ich weiß nicht, wer das eingestellt hat, jedenfalls war das kein schlechter Einstieg in dieses Lesegerät.

Mit zwei Tasten lässt sich der Text nach oben oder unten verschieben, kein Umblättern mehr, und die Vermutung bestätigt sich: Der Absatz stammt aus der Erzählung "Ein Landarzt" von Kafka. Sie erscheint im Flattersatz, so, als habe den Text eben erst jemand in den Computer getippt. Nun ist Kafka - ob Flatter- oder Blocksatz, ob man ihn umblättern muss oder wie vom Band liest - einfach nicht kaputtzukriegen. Ich habe die Geschichte abermals fasziniert gelesen, und doch störte mich etwas, was nicht am Text liegen konnte, sondern nur am Gerät. Es entstand nicht dieser gewohnte Sog. Bekanntlich ermüden ja die Augen beim bloßen Lesen von Bildschirmtexten weit schneller als beim Schreiben. In diesem Fall kam aber noch eine andere Irritation, etwas Störendes hinzu. Was es war, bemerkte ich erst später.

Zunächst wollte ich die märchenhaften Möglichkeiten des Lesegeräts ausprobieren. Eine Gebrauchsanweisung fand sich nicht, die muss man aus dem Inneren des Geräts auf den Bildschirm zaubern. Und damit beginnt das Dilemma: Die Bedienungsanleitung zu lesen und gleichzeitig Schritt für Schritt danach zu verfahren, ist unmöglich.

Immerhin, den handlichen Plastikwulst am linken Rand kann der Linkshänder auch rechts halten und das Schriftbild drehen, zum Beispiel, wenn er mit dem mikadostäbchendünnen E-Book-Spezialstift etwas unterstreichen oder kommentieren will: Das Alphabet erscheint dann in einem großen Quadrat und man tippt die einzelnen Buchstaben an. Eine umständliche Fummelei, die mich an meine Zeit als ABC-Schütze erinnerte, als wir - es war kurz nach dem Krieg und das Papier knapp - mit dem Zeigestock an die Tafel gerufen wurden und dort Buchstaben antippen mussten, um aus ihnen Worte zu bilden. "Kafka hat beim Vorlesen der Verwandlung laut gelacht" - wer das auf dem E-Book schreibt, fühlt sich eher an die Assyrer erinnert als an Cyberspace.

Mein Versuch, anschließend in den gigantischen Internet-Bookstore von Barnes & Noble hineinzukommen, um (ich bin so eitel und naiv) die amerikanischen Übersetzungen meiner eigenen Romane herunterzuladen, scheiterte: Kein Zugang. Dann der Versuch (da hatte ich schon meinen Sohn zur Hilfe gerufen), aus dem Netz die englische Übersetzung der Odyssee in den Kasten einzulesen.

Es gelang uns zwar, den Titel aufzurufen, aber in den Text kamen wir einfach nicht rein, und mein Sohn, aufgewachsen mit PC und Cyberspace, fluchte: Scheißspiel, während ich am Boden herumkroch und diesen beknackten Stift suchte, mit dem man das Programm antippen muss, der aber - eine wirkliche Fehlkonstruktion! - immerzu aus der vorgesehenen Halterung fällt.

Kenner, fanatische Bastler und Leute mit viel Zeit werden da sicher weiterexperimentieren und wohl auch fündig werden, ich hingegen stelle mir die naive Frage: Warum nicht gleich den Laptop nehmen? Sicherlich, er wiegt etwas mehr und ist etwas sperriger, dafür kann man auch gleichzeitig damit schreiben, faxen und e-mailen. Zugegeben, er ist weniger geeignet, um im Bus oder Bad darauf zu lesen. Aber ist das E-Book überhaupt strandsicher?

Für die Jackentasche ist es jedenfalls zu schwer. Die Akku-Laufzeit soll 33 Stunden betragen. Aber wer liest 33 Stunden am Stück oder in Häppchen? Und wie liest man überhaupt? Ich gehöre zu den Lesern, die in neue Bücher erst einmal hineinriechen, buchstäblich, aber auch im übertragenen Sinn. Wenn es nach mir ginge, müssten die Buchhandlungen durchgehend geöffnet haben, so wie die Buchhandlung in der New Yorker Springstreet, wo ich, wenn mich Gelüste überkamen, auch mitternachts hinging, um Bücher in die Hand zu nehmen, darin zu blättern, hineinzulesen.

Die Faszination, die vom traditionellen Buch ausgeht und bis zur Bibliomanie führen kann, liegt doch eben darin, dass es so viele Sinne reizt: Wie sich das Papier anfühlt, wie die Druckerschwärze riecht, wie sie gefärbt ist, ob sie tiefschwarz oder in einem feinen Grau erscheint, auch die Größe ist wichtig, der Umfang, die Biegsamkeit eines Buches. Ich bin ein Liebhaber handlicher Paperbacks.

Und das Lesen hinterlässt seine Spuren, nicht nur im Kognitiven, Emotionalen, das wissen wir, sondern eben auch sichtbar auf dem Papier. Man muss sich nur die von einem selbst oder von anderen gelesenen Bücher aus dem Bücherschrank herausgreifen: Wie, was und wo unterstrichen wurde, dünn oder heftig, hektische Wellenlinien, emphatische Ausrufungszeichen, empörte, durch mehrere Seiten sich durchdrückende Fragezeichen - all das gerinnt, wenn man im E-Book etwas unterstreicht, zu einem gleichmäßigen, öden Strich.

Auf dem Papier hingegen belegen äußerliche Spuren, wie man lesend sich mit sich selbst beschäftigt hat, den eigenen Vorstellungsraum in der Sprache erweitert oder überprüft hat. Es sind Zeugnisse einer Introspektion, die immer wieder halt machen kann, die beim Vor- oder Zurückblättern immer den ganzen Buchumfang im Auge hat. All das ereignet sich im E-Book ganz raumlos und fließend, ohne die Orientierung stiftenden Seitenzahlen.

Was man dabei in der Hand spürt, ist dieses typische Plastikgefühl: nicht ganz glatt, nicht ganz rau, so eine Art Plastiksamt, der, zumal wenn das Gerät wärmer wird, die Hand kräftig schwitzen lässt. Ich habe mir dann noch eine Kafka-Erzählung aufgerufen, "Die Sorge des Hausvaters", und, während ich darin von dem sonderbaren Wortgespinst namens Odradek las, wurde mir plötzlich die Ursache meiner anfangs erwähnten Lese-Irritation, ja meines Lese-Unwillens bewusst: Ich sah auf der Glasplatte - zumindest bei Tageslicht - mich selbst beim Lesen, mein Gesicht, ungenau, etwas schemenhaft, dahinter der Text unter der nicht entspiegelten Scheibe wie eine Auslage im Schaufenster. Der Vorgang des Lesens schien im E-Book zur Ware zu werden.

Natürlich ist auch das traditionelle Buch eine Ware, wir legen zum Beispiel 54 Mark auf den Kassentisch und bekommen Don DeLillos "Unterwelt" dafür. Aber dann, beim Lesen, erscheint der Wert eines Buchs nur noch als ein ganz besonderer, individueller - meinetwegen ideeller - egal wie lange wir lesen und wann und wie und wo.

Beim Lesen auf der Flüssigkristallanzeige hingegen wurde ich durch das eigene maskenhafte Spiegelbild im Display an die ökonomischen Transaktionen erinnert: Kauf des Geräts, Preis des notwendigen PC, Preis des Providers, Telefonkosten beim Herunterladen des jeweiligen Buchs, Kosten für die Book-Datei. Vielleicht wird die Lektüre eines Buchs künftig im elektronischen Reader sogar billiger sein als ein richtiges Buch - aber um welchen Preis?

Das E-Book kann vielleicht eine Alternative zu den gewichtigen Sachbüchern sein, zu dickleibigen juristischen Kommentaren, überall da also, wo es um kompakte Informationen geht. Dort aber, wo die eigentliche Lust des Lesens beginnt, freiwillig und spielerisch, bei den literarischen Texten, wird das gute alte Buch aus Papier seine Stellung behaupten.

Bücher sind wie Vampire. Sie stehen in den Regalen, vergilbt und verstaubt, und warten auf ihre Opfer, auf jemanden, der nach ihnen greift, der sich festliest, und schon beginnt ihr geisterhaftes Leben: Sie saugen dem Neugierigen auf höchst lustvolle Weise seine Lebenszeit aus.

Während der E-Book-Testphase bin ich zum Bücherschrank gegangen, um das Buch herauszusuchen, mit dem ich vor Jahren durch den Gran Chaco gereist bin, Alejo Carpentier: "Staatsraison", nur um darin ein wenig zu blättern. Es fanden sich Wasserflecke vom Swimmingpool eines Hotels ("El Tirol"), Fettflecke, die sich ins Papier speckten, als ich bei einem Mennoniten wohnte, Sand, winzige, vertrocknete Insekten, ein paar Seiten grünlich verschrumpelt vom Mate-Tee einer Frau, die neben mir im Bus saß, und dann las ich mich fest bei der satirischen Beschreibung der Anden-Deutschen und musste mich zwingen, das Buch zuzuklappen, um diesen Artikel fertigzuschreiben.

PETER VON FELBERT, 32, ist Fotograf in München.

Uwe Timm

ist nach eigener Einschätzung "kein Computerfreak", schreibt aber seit Jahren seine Erzählungen und Romane am Bildschirm. Um das Schreiben am PC geht es auch in seinem Roman "Kopfjäger", dessen Held, ein flüchtiger Wirtschaftskrimineller, seinen Computer überall hin mitnimmt, um damit seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Der in München lebende Autor, 59, veröffentlichte zuletzt den Erzählband "Nicht morgen, nicht gestern".


SPIEGEL SPECIAL 10/1999
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