01.06.2002

VÖLKERKARUSSELL MITTELEUROPA

BUGWELLE DES KRIEGES

Von Schlögel, Karl (Oder), Professor für Moderne Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt

Flucht und Vertreibung haben das Gefüge des alten Mitteleuropa brutal umgewälzt. Nach Ausrottung der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis verschwand auch das Deutschtum aus dem Osten. Millionen Europäer wurden entwurzelt, verschoben, gewaltsam neu gruppiert.

Die Gegenwart lehrt neu sehen. Mit dem Krieg in Jugoslawien in den neunziger Jahren waren mit einem Mal Bilder zurückgekehrt, die man in Europa längst vergessen hatte. In Brand geschossene Dörfer und Städte, gesprengte Brücken, Flüchtlingsströme, bestehend vor allem aus Frauen, Kindern und alten Männern. Ein großes Déjà vu.

Wiedergekehrt war mit einem Mal auch das Vokabular, das in Europa seit den unmittelbaren Nachkriegsjahren nicht mehr in Gebrauch gewesen war. Es gab wieder Lager in unendlich vielen Variationen - Sammel-, Filtrations-, Durchgangs- und Auffanglager. Europa wimmelte plötzlich wieder von einer Spezies, von der man geglaubt hatte, sie sei ausgestorben oder komme nur noch in weit entlegenen und exotischen Weltgegenden vor: Flüchtlinge, Vertriebene, Displaced Persons.

Das 20. Jahrhundert, das eben dabei war, sich zu verabschieden, hatte sich noch einmal zu erkennen gegeben als das "Jahrhundert der Flüchtlinge", der gewaltsamen Bevölkerungsverschiebungen und der ethnischen Säuberungen.

BLICK ZURÜCK

Ein halbes Jahrhundert zuvor war in weniger als einem Jahrzehnt eine ganze historische Region - das östliche Mitteleuropa - untergegangen. Über 60 Millionen Menschen waren in diesem Zeitraum entweder systematisch umgebracht oder aus ihrer Heimat vertrieben worden. Nach neueren Berechnungen des Historikers Paul Robert Magocsi wurden zwischen 1939 und 1943 rund 15,1 Millionen und zwischen 1944 und 1948 rund 31 Millionen Menschen zeitweise oder für immer zwangsweise umgesiedelt oder vertrieben.

Hinzu kamen, immer bezogen auf Ostmitteleuropa - also ohne die ungeheuren Verluste der Sowjetunion -, weitere 16,3 Millionen Menschen, die im Laufe des Krieges politisch oder rassisch motivierter Gewalt zum Opfer fielen. Zwischen 5 und 6 Millionen Juden waren umgebracht worden, die Zentren der mitteleuropäischen Judenheit gab es nicht mehr. An die 200 000 Sinti und Roma kamen in den deutschen Lagern um. 9 bis 10 Millionen Menschen, vor allem Polen, Ukrainer, Weißrussen und Russen, verloren beim deutschen Angriff und unter der Okkupation, in den Lagern für Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter ihr Leben

Im sowjetischen Herrschaftsbereich wurden zwischen 1939 und 1941 an die 1,5 Millionen Polen und Ukrainer aus dem besetzten Ostpolen (Wolhynien und Galizien) und an die 60 000 Litauer ins Innere der Sowjetunion abtransportiert; viele von ihnen sind dort umgekommen oder kehrten nicht in ihre Heimat zurück.

Von zeitweiliger und vorübergehender Flucht und Vertreibung betroffen waren in diesem Zeitraum nicht weniger als 13,5 Millionen Menschen, davon an die 8 Millionen Polen, Ukrainer, Juden, Weißrussen, Litauer, die vor den Deutschen nach Osten geflohen waren.

Umgekehrt wurden in der Zeit deutscher Herrschaft über 5,5 Millionen Zwangsarbeiter aus dem östlichen Mitteleuropa ins Reich geschafft, meist Polen, Ukrainer, Tschechen, Russen, aber auch aus anderen Völkern.

Auf der Basis bilateraler Verträge und auf Dauer umgesiedelt wurden unter der Losung "Heim ins Reich" rund 800 000 Volksdeutsche aus allen Teilen des östlichen Europa: aus den baltischen Staaten, aus Wolhynien, dem Narew-Gebiet, Litauen, Galizien, der Bukowina, Bessarabien, Dobrudscha, der Gottschee. Sie wurden in der Regel im "Warthegau" und in Westpreußen angesiedelt, von wo die Einheimischen, Polen und Juden, vertrieben worden waren.

Aber auch andere Volksgruppen sind auf der Grundlage von Abkommen zwischen 1940 und 1943 "ausgetauscht" worden: Rumänen der Süd-Dobrudscha gegen Bulgaren der Nord-Dobrudscha, Rumänen aus dem nördlichen Transsylvanien gegen Ungarn aus dem südlichen Transsylvanien, Kroaten aus der Südsteiermark, Griechen aus dem von Bulgarien annektierten südöstlichen Mazedonien und westlichen Thrakien, Serben aus Kroatien und Kroaten aus Serbien und dem Banat.

Insgesamt sind in den ersten fünf Jahren des Zweiten Weltkriegs an die 16 Millionen Menschen "verschoben" worden, eine Zahl, die von den Umsiedlungen und Vertreibungen zwischen 1944 und 1948 noch weit übertroffen wurde. Zahlreiche Bevölkerungsbewegungen sind unmittelbar mit dem Krieg verbunden, der die Flüchtlinge wie eine Bugwelle vor sich hertrieb. Das betraf vor allem die Deutschen, die zu Millionen vor der Roten Armee nach Westen flohen. Hunderttausende, die von der Front überrollt worden waren, wurden danach zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert.

Nach Osten kehrten jene 6 Millionen Sowjetbürger zurück, die die Kriegsgefangenschaft oder Zwangsarbeit in Deutschland überlebt hatten, oder jene, die, vor der Roten Armee geflohen, nach dem Krieg zwangsweise repatriiert wurden.

Die größten Bevölkerungsverschiebungen waren indes die Umsiedlungen und Vertreibungen der Deutschen aus dem östlichen Mitteleuropa nach dem Krieg. So wurden 3 Millionen Deutsche allein aus dem Sudetenland, mehr als 3,3 Millionen aus den "wiedergewonnenen Gebieten" Polens - Schlesien, Pommern, Ostpreußen, Ostbrandenburg - zuerst "wild", dann entsprechend Art. XIII. des Potsdamer Abkommens "auf ordnungsgemäße und humane Weise" ausgesiedelt und vertrieben.

Bevölkerungstransfers im großen Stil gab es zu Kriegsende auch zwischen der Sowjetunion und Polen. Einwohner jener Ostprovinzen Vorkriegspolens, der Kresy, die nach 1939 von der Sowjetunion besetzt worden waren, konnten sich nach Polen repatriieren lassen, während Ukrainer, Weißrussen, Litauer, die sich auf polnischem Territorium befanden, in die UdSSR zurückkehren konnten. Rund 530 000 Menschen gingen bis 1946 in die Sowjetunion, während zwischen 1944 und 1947 1,5 Millionen aus den von der Sowjetunion besetzten polnischen Ostgebieten nach Polen gingen.

Neben diesen großen Bevölkerungstransfers kam es zu weiteren: 120 000 Bulgaren wurden nach 1944 aus Mazedonien und Thrakien nach Bulgarien repatriiert. Tschechen und Slowaken, die in der an die Sowjetunion gefallenen transkarpatischen Ukraine gelebt hatten, konnten ebenso wie die in Wolhynien lebenden tschechischen Kolonistengemeinden in die Tschechoslowakei auswandern. Ruthenen durften aus der Tschechoslowakei in die Sowjetukraine wechseln.

Zwischen 1945 und 1947 mussten - ähnlich wie die Deutschböhmen - an die 160 000 Ungarn ihre Heimat in der Südslowakei verlassen, während rund 60 000 Slowaken aus Ungarn in die Tschechoslowakei gingen. Zu Abkommen über Bevölkerungsaustausch kam es nach 1945 auch zwischen Ungarn und Jugoslawien sowie zwischen Jugoslawien und Italien - an die 130 000 Italiener verließen die dalmatinische Küste und Istrien.

Neben den vertraglich vereinbarten und "ordnungsgemäß" abgewickelten "Transfers" gab es Wanderungsbewegungen, die auch nach 1945 weitergingen. Das betraf an die 970 000 Juden im östlichen Mitteleuropa, die überlebt hatten und nun entweder auf ihre Repatriierung warteten oder darauf, Europa zu verlassen. Traumatisiert vom Horror deutscher Herrschaft, aber auch von neuen Feindseligkeiten verließen zwischen 1945 und 1948 an die 220 000 Juden Polen, Rumänien, Ungarn und die Tschechoslowakei.

Die von Deutschen "gesäuberten" Gebiete mussten neu "peupliert" werden: So siedelten mehr als 3 Millionen Polen aus Zentralpolen in die alten deutschen Ostprovinzen, die meisten der 1,7 Millionen Polen, die die an die Sowjetunion gefallenen Ostgebiete verlassen mussten, gingen ebenfalls in den alten deutschen Osten, der jetzt Polens Westen geworden war.

Innerhalb Polens kam es zur Zwangsumsiedlung von rund 150 000 Ukrainern in den polnischen Nordwesten. In den neuen Westgebieten der Sowjetunion wurden die Polen und Juden, die ihre Heimat hatten verlassen müssen, meist von Zuwanderern aus dem Inneren der Sowjetunion ersetzt. In die Grenzgebiete der Tschechoslowakei, aus denen die Deutschen vertrieben worden waren, siedelten etwa 1, 9 Millionen Tschechen, Slowaken, Karpato-Ukrainer, Sinti und Roma ein.

Auch in Jugoslawien kam es zu enormen Binnenmigrationen, während in Griechenland der Bürgerkrieg eine neue Flüchtlingsbewegung schuf, die auch nach Mitteleuropa ausstrahlte: Tausende von Flüchtlingen wurden unter anderem in Polen und der Tschechoslowakei angesiedelt.

Wenn man alle Bewegungen zwischen 1944 und 1948 zusammennimmt, dann ergibt sich im östlichen Mitteleuropa ein ungeheuer bewegtes und dramatisches Bild: An die 6 Millionen waren durch Flucht entwurzelt, rund 500 000 waren in die UdSSR deportiert worden, rund 5 Millionen Menschen waren ordnungsgemäß in die UdSSR repatriiert worden, knapp 10 Millionen waren durch vertragsmäßige Umsiedlungen entwurzelt und vertrieben worden. Spontan und unorganisiert haben rund 1,7 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Und etwa 8,3 Millionen Menschen sind infolge von Binnenwanderung und Umsiedlung innerhalb ihrer Länder "verpflanzt" worden.

Die Hauptergebnisse der beispiellosen Umwälzung waren, dass das Judentum in diesem Raum praktisch vernichtet, das Deutschtum aus diesem Raum verschwunden war - und dass die aus den Verwerfungen hervorgegangenen Staaten alle mehr oder weniger ethnisch homogene Nationalstaaten geworden waren. Woran Generationen gearbeitet hatten, hatte aufgehört zu existieren.

Es gab Millionenstädte wie Warschau, in denen zu Kriegsende gerade noch ein paar tausend Menschen lebten und die neu besiedelt werden mussten. Es gab Großstädte wie Wilna, Lemberg, Königsberg, Breslau, in denen die Einwohnerschaft komplett ausgetauscht wurde, und es gab Länder wie Weißrussland und Provinzen wie Ostpreußen die menschenleer gefegt waren und neu "peupliert" werden mussten.

Die Bevölkerung ganzer Städte des alten jüdischen Siedlungsgürtels ist in die Vernichtungslager deportiert worden, während anderswo Städte und Dörfer komplett verpflanzt worden sind: das polnische Wilna nach Stettin, Lemberg nach Breslau. Die Bewohner des alten Gablonz fanden sich wieder in Neu-Gablonz. Mit ihnen zogen Institute und Institutionen: die Wilnaer Universität, das Lemberger Ossolineum, die Albertina aus Königsberg. Nur die Toten blieben zurück auf den Friedhöfen, die niemanden mehr hatten, der sich um sie kümmern konnte. Sprachen verschwanden, nur noch die Steine sprachen deutsch, polnisch, ruthenisch, ungarisch, hebräisch - je nachdem.

Die ganze Region wurde neu vermessen. Grenzen wurden am Reißbrett gezo-

gen, wo es zuvor nie Grenzen, sondern höchstens einen Fluss oder einen Bergkamm gegeben hatte.

DIE ENTMISCHUNG MITTELEUROPAS

Nirgends war Europa vielfältiger und dichter als an dieser Schnittstelle der alten Vielvölkerreiche, die nun von den Nachfolgestaaten, die selbst immer noch Vielvölkerstaaten waren, eingenommen wurden. Über Jahrhunderte hin hatten sich hier durch Siedlungsbewegungen Gemengelage und Mischzonen gebildet, die bis ins 20. Jahrhundert hinein den Boden für eine an Bezügen und Spannungen reiche Kultur bereitet hatten.

Die Städte dieses Raums hatten so viele Namen, wie es Sprachen und Volksgruppen gab. Sie hießen Lwow, Lwiw, Lemberg oder Wilno, Wilna, Wilne, Vilnius; Kaunas, Kowno oder Kauen. Man blickte häufig auf die Hauptstädte außerhalb - nach Wien, Paris, Sankt Petersburg, aber die großen Städte der Region hatten selbst etwas von großen Metropolen: Dutzende von Zeitungen in einem halben Dutzend von Sprachen.

Wenn es irgendwann eine multikulturelle Welt gegeben hat, die nicht Kitsch und Folklore war, dann dort, wo griechisch-orthodoxe und armenische Christen, Katholiken und Protestanten, Altgläubige und Juden miteinander auskommen mussten. Vielsprachigkeit war kein Bildungsprivileg, sondern eine Lebensbedingung - für Marktfrauen und Universitätsprofessoren gleichermaßen. Jene "multiple Identität", von der man in postmodernen Zeiten so viel Aufhebens macht, hat es schon einmal gegeben, und zwar als ziemlich weit verbreiteten Typ.

Diese Kultur hat den Werken der mitteleuropäischen Literatur das Personal, die Typen, die Konfliktstoffe geliefert. Jede größere Stadt war Mittelpunkt für viele Welten. Das Leben folgte vielen Rhythmen, den Feiertagen der diversen Konfessionen, Volksgruppen und Stände. Man mochte sich vielleicht nicht, aber man wusste, dass es noch etwas anderes gab als die eigene kleine Welt. Das produzierte einen Relativismus, der ziemlich lange hielt. All dies ist der Grund, weshalb dieser Raum in besonderem Maße zum Experimentierfeld der Moderne wurde - und zum Schauplatz ihres Scheiterns.

Europa ist dort, wo es am dichtesten war, gesprengt worden. Man kann diesen Prozess als die "Entmischung" Europas bezeichnen, an dessen Ende ethnische Säuberung, Völkermord und ethnisch fast vollständig homogene Staaten stehen. Es handelt sich um den gewalttätigsten Entwurzelungsvorgang der modernen Geschichte.

Es waren nicht anonyme Prozesse, sondern Aktionen auf Leben und Tod, mit Tätern, die für das, was sie taten, verantwortlich sind, auch wenn die meisten von ihnen nie zur Verantwortung gezogen wurden, und mit Opfern, denen etwas widerfahren ist, was durch keine noch so große Entschädigung wieder gutgemacht werden kann. Wer dieses Ineinander der vielen Geschichten erzählen könnte, hätte nichts anderes erzählt als die europäische Geschichte auf dem Höhepunkt ihrer Verwirrung und Destruktivität.

GEWALTSAME ORTSVERÄNDERUNG

Umsiedlungs- und Vertreibungsgeschichte ist in einem ganz elementaren Sinne die Geschichte gewaltsamer Ortsveränderung. Es geht immer um Wegschaffen, Abtransport, Deportation. Zum Inventar des "Jahrhunderts der Flüchtlinge" gehören nicht nur Lager und Zeltstädte, sondern Transportmittel: überfüllte Züge, überbesetzte Schiffe, der archaische Treck mit Pferden und Planwagen und immer wieder der Viehwaggon als das einfachste und effizienteste Beförderungsmittel für große Menschenmassen.

Schiffe: Auf Schiffe flüchteten sich die Überlebenden der "Katastrophe von Smyrna" 1922, die am Beginn des Bevölkerungsaustauschs von 1,2 Millionen Kleinasiengriechen und 350 000 thrakischen Muslimen stand. Auf Schiffen wurden die Deutschbalten im Oktober 1939 nach Danzig und Stettin zur Ansiedlung im Warthegau und in Danzig-Westpreußen geschafft. Auf Schiffen fuhren 1940 Bessarabien- und Dobrudschadeutsche die Donau hinauf "heim ins Reich". In einer der Planungen zur "Lösung der Judenfrage in Europa" spielten Schiffe auf dem Dnjepr eine wichtige Rolle. Und auf Schiffen entkamen viele der in Ostpreußen Eingeschlossenen nach Westen.

Züge: Umsiedlungsspezialisten gleich welcher Nation und Couleur mussten etwas von Logistik, Fahrplänen und Transportkapazitäten verstehen. In komplizierten Berechnungen mussten Umlaufpläne europaweit aufeinander abgestimmt werden, wenn man möglichst zeit- und geldsparend Volksdeutsche aus Galizien in den Warthegau und Juden und Polen von dort "in den Osten" transportieren wollte. Auf Zügen wurden Hunderttausende aus den vom Bombenkrieg getroffenen Städten evakuiert, an die Front geschafft oder in Sicherheit gebracht. In Hunderten von Zugpaaren, die zwischen Ostpommern und Schlesien und den Aufnahmelagern in der britischen und sowjetischen Zone hin- und her pendelten, wurden Hunderttausende von "Umsiedlern" in den Westen und Hunderttausende von ehemaligen Zwangsarbeitern und Displaced Persons in die östliche Heimat geschafft.

Die Entleerung von Städten und Landstrichen ließ sich in der Frequenz von Aussiedlerzügen - etwa zwischen dem Sudetenland und der amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone - messen. In Eisenbahnzügen traten 1939, 1941 und 1944 Hunderttausende von Polen, Juden, Litauern, Letten und Esten den Weg in die

Verbannung nach Kasachstan oder Sibirien an, und in Zügen kehrten jene, die überlebt hatten, oft nach vielen Jahren in der Fremde wieder in ihre Heimat zurück.

Das Europa der Umgesiedelten und Vertriebenen ist zu Fuß, zu Pferde, mit Kinderwagen oder mit den alten Eltern auf Leiterwägelchen durchmessen worden. Kein Denkmal an den Bahntrassen oder Chausseen erinnert an die Tausenden, die unterwegs verdurstet, erfroren, erstickt sind.

In "Europe on the Move", wie der bedeutende russisch-jüdische Demograf Eugen M. Kulischer jenes Europa genannt hat, gibt es Fluchtpunkte, die einen Ausweg bieten, und Fallen, aus denen es kein Entrinnen gab. Mitteleuropa, eingekreist und überwältigt von rivalisierenden Totalitarismen und hochgerüsteten Gewaltapparaten, war besonders reich an Fronten und Grenzen, die keinen Ausweg boten.

Hier gab es Gruppen, die gleich mehrmals den Ort gewechselt haben: die rund 400 000 Karelier etwa, die nach dem Ende des finnisch-sowjetischen Winterkrieges von 1939 ihre Heimat verlassen mussten und in Nordfinnland angesiedelt wurden, die nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion wieder in ihre Heimat zurückkehrten, um nach der Rückeroberung Kareliens durch die Rote Armee erneut zu fliehen. Oder all jene Volksdeutschen, die als "lebensunfähige Splitter deutschen Volkstums" in ganz Europa eingesammelt und "heim ins Reich" geschafft wurden, was für Tausende von Bessarabiendeutschen, Balten- und Litauendeutschen, die für die Germanisierung des Warthegaus ausersehen waren, nur die Zwischenetappe zu neuer Flucht war.

An manchen Punkten begegneten sich die Flüchtlingsströme der Deutschen, die nach Westen gingen, und die Züge und Kolonnen der Displaced Persons und Repatrianten, die aus deutschen Lagern und Zwangsarbeit befreit, endlich nach Hause zurückkehren konnten. Häuser, die gerade geräumt worden waren, sind wenig später von anderen in Besitz genommen worden, ohne dass alte und neue Besitzer sich je zu Gesicht bekommen hätten.

"Einsiedlung" folgte auf "Aussiedlung". 1939 kamen Wolhyniendeutsche auf Höfe im Warthegau, die von polnischen Bauern "freigemacht" worden waren, und Baltendeutsche, für die in Posen oder Lodz Wohnungen "geräumt" worden waren; sie hatten jüdischen und polnischen Anwälten oder Ärzten gehört. 1945 zogen Polen, die aus den ostpolnischen Kresy vertrieben worden waren, in Dörfer in Schlesien oder der Neumark, aus denen kurz zuvor Deutsche geflohen oder vertrieben worden waren.

Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet sieht Mitteleuropa aus wie ein großes Rangiergleis. Das ist nicht bloß als Metapher zu verstehen. Tatsächlich waren, wie der Berliner Zeithistoriker Götz Aly gezeigt hat, die Umlaufpläne der Reichsbahn, die die Einsiedlung und Aussiedlung, die Heim-ins-Reich-Bewegung und die Deportationen der Juden nach Osten logistisch zu bewältigen hatte, aufeinander abgestimmt.

Auf Karten werden diese Bewegungen der Völkerverschiebung, der Evakuierungen, Transfers, meist in Form von Pfeilen dargestellt. Erfasst sind nur die wichtigsten Bewegungen, weil sonst die Übersicht verloren ginge. Und doch geben die für den Zeitraum 1939 bis 1948 registrierten Bewegungen einen Anhaltspunkt für das, was sich abgespielt hat. Irgendwann kommt diese Bewegung zu einem Stillstand, und auf die Zeit der Entwurzelung folgt das Wieder-Sesshaftwerden, die Integration und die erneute Vermischung.

Man hat den in den Ankunfts- und Aufnahmeländern stattfindenden Prozess nicht selten mit einer Revolution verglichen - einer demografischen, soziologischen, konfessionellen, kulturellen. Ging der Prozess der Entwurzelung häufig mit der Auflösung der angestammten gesellschaftlichen Umwelt einher, so ist die Ankunft oft gleichbedeutend mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaft. Fremde stoßen auf Einheimische. Flüchtlinge, die alles verloren hatten, mussten ganz von vorn anfangen und waren daher oft agiler, energischer, dynamischer - auch moderner. Eingespielte Verhältnisse wurden durcheinander gebracht, Hierarchien in Frage gestellt. Alle mussten sich neu arrangieren. Mitteleuropa nach den durch Krieg und Vertreibung herbeigeführten Verwerfungen ist ein gigantisches Feld gesellschaftlichen und staatlichen Neubaus, vieler radikaler Neuanfänge nach einer unvorstellbar tiefen Zäsur.

Polen hatte ein Drittel seines Territoriums und rund 6 Millionen Menschen verloren und war gewaltsam 200 Kilometer nach Westen gerückt worden. Für 3,6 Millionen Polen aus Zentralpolen und aus den polnischen Ostgebieten musste eine neue Heimat gefunden werden. Die Tschechoslowakei hatte durch die Vertreibung der 3,2 Millionen Sudetendeutschen ein Viertel seiner Bevölkerung verloren und hatte menschenleere Grenzgebiete neu zu besiedeln, die zu den wirtschaftlich am besten entwickelten gehörten. Deutschland hatte ein Viertel seines Territoriums verloren und musste in diesem Rumpfterritorium 12 Millionen Menschen aufnehmen, so dass in manchen Bundesländern beziehungsweise Zonen jeder Vierte ein Flüchtling war. Keine soziale Revolution hatte solche Verwerfungen, Brüche und Zerstörungen nach sich gezogen wie die durch Flucht und Vertreibung ausgelöste und erzwungene.

Gewiss hätte der Kommunismus im östlichen Mitteleuropa kein so leichtes Spiel gehabt, wenn es noch ein starkes, nicht dezimiertes Bürgertum gegeben hätte, und gewiss hätte es keinen so dynamischen Neuanfang im westlichen Deutschland gegeben ohne jene gewaltige Zufuhr an Kompetenz und Energie im Gefolge von Umsiedlung und Vertreibung.

Die Rekomposition der aus den Fugen geratenen Gesellschaften, die die Kraft zum Wiederaufbau eines vollständig zerstörten Kontinents gefunden hatten und nicht, was viele ja befürchtet hatten, in Resignation, Apathie oder gar im Bürgerkrieg untergegangen war, darf als das wirkliche Wunder angesehen werden, eindrucksvoller als das "Wirtschaftswunder", das in diesem Kontext überhaupt nur seinen historischen Ort hat.

Die Staaten, die aus den Trümmern Vorkriegsmitteleuropas hervorgingen, waren allesamt pure Nationalstaaten, ohne Wenn und Aber. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte waren sie, wie es die Ethnonationalisten immer geträumt hatten, wirklich ethnisch homogen. Sie hatten ihre Minderheiten verloren - durch Völkermord oder durch Vertreibung. In Deutschland war die Vision Adolf Hitlers - alle "Splitter deutschen Volkstums auf deutschem Boden" zu konzentrieren - auf grausige Weise in Erfüllung gegangen.

Eine Geschichte war damit - vorläufig - zum Abschluss gebracht worden. Sie hatte noch vor dem Ersten Weltkrieg begonnen mit dem Abkommen von Adrianopel von 1913, das erstmals den Austausch von Grenzbevölkerungen im bulgarisch-türkischen Grenzgebiet geregelt hatte. Es gibt hier vor allem das Abkommen von Lausanne aus dem Jahr 1923, in dem der kollektive Austausch der griechischen gegen die türkische Bevölkerungsgruppe geregelt wurde.

Seit Lausanne 1923 galt es den Zeitgenossen als erwiesen, dass unauflösbare und lange schwärende Volkstumskonflikte aufgelöst werden könnten durch eine präzise, wenn auch allseits als schmerzlich empfundene Operation, deren segensreiche Folgen aber schon zu Lebzeiten der Betroffenen abzusehen seien. Das Beispiel von Lausanne machte Schule, es war ein fester Bezugspunkt für so verschiedene Politiker wie Fridtjof Nansen, den Völkerbundkommissar für Flüchtlingsfragen, die "großen Drei" Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt , Josef Stalin, die in Jalta Bevölkerungstransfers als unabweislich angesehen hatten, Edvard Benes, der ein Anhänger des Bevölkerungstransfers war - und Adolf Hitler, der Erfinder der "ethnografischen Flurbereinigung", die im Völkermord endete.

Das Hauptargument lautete immer: Der Frieden der Welt sei zu kostbar, als dass er von kleinen Grenz- und Minderheitskonflikten abhängig gemacht werden dürfte. Nur die rasche, vollständige und präzise "chirurgische Operation", nichts Halbes, sei die angemessene Reaktion der Gemeinschaft der friedliebenden Völker. Bevölkerungstransfer und "ethnische Säuberung" waren im Horizont der Zwischenkriegsgeneration weit davon entfernt, etwas Gutes zu sein, wohl aber war es etwas Machbares, so etwas wie ein notwendiges Übel, das, was man das "kleinere Übel" zu nennen pflegt, weil andere Methoden der Konfliktbeseitigung gescheitert waren oder nicht mehr zur Verfügung standen.

"ETHNOGRAFISCHE FLURBEREINIGUNG"

Was Bevölkerungspolitik, Umsiedlung und Vertreibung wirklich und im großen Maßstab bedeuteten, erfuhr Europa durch Nazi-Deutschland. Hitler hielt sich nicht lange bei der Revision von Versailles auf. Schlag auf Schlag wurden, immer in demagogischem Bezug auf das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, die Deutschen "heim ins Reich" geholt: 1938 mit dem Anschluss Österreichs, des Sudetenlandes, nach 1939 mit der Besetzung der Rest-Tschechoslowakei und des Memellandes.

Der Überfall auf Polen zeigte indes, dass es um weit mehr als um die Beseitigung des verhassten Versailler Systems ging. In seiner Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939 nannte er als "wichtigste Aufgabe": "Eine neue Ordnung der ethnografischen Verhältnisse, das heißt, eine Umsiedlung der Nationalitäten, so dass sich am Abschluss der Entwicklung bessere Trennungslinien ergeben, als es heute der Fall ist. In diesem Sinne aber handelt es sich nicht nur um ein Problem, das auf den deutschen Raum beschränkt ist, sondern um eine Aufgabe, die viel weiter hinausgreift. Denn der ganze Osten und Südosten Europas ist zum Teil mit nicht haltbaren Splittern des deutschen Volkstums gefüllt. Gerade in ihnen liegt ein Grund fortgesetzter zwischenstaatlicher Störungen. Im Zeitalter des Nationalitätenprinzips und des Rassegedankens ist es utopisch zu glauben, dass man diese Angehörigen eines hochwertigen Volkes ohne Weiteres assimilieren könne. Es gehört zu den Aufgaben einer weit schauenden Ordnung des europäischen Lebens, hier Umsiedlungen vorzunehmen, um auf diese Weise wenigstens einen Teil der europäischen Konfliktstoffe zu beseitigen."

Zu diesem Zeitpunkt waren die ersten Schritte bereits getan. Reichsführer SS Heinrich Himmler war bevollmächtigt, den Konflikt mit dem faschistischen Italien zu beseitigen und die Umsiedlung der Südtiroler in die Wege zu leiten - nach Burgund, in die Beskiden oder auf die einst von den Goten bewohnte Halbinsel Krim. Nur kurz nach der Hitler-Rede wurden mit den Regierungen Estlands und Lettlands bereits Verhandlungen über den Transfer der Baltendeutschen geführt, und Ende September waren die Verträge mit der Sowjetunion unterzeichnet, denenzufolge die in der sowjetischen Interessensphäre lebenden Deutschen "heim ins Reich" geführt, während die - wenigen - diesseits der Demarkationslinie lebenden Ukrainer, Weißrussen, Russen in die Sowjetunion überführt werden sollten.

Aus allen Ecken und Enden des östlichen Europa wurden Volksdeutsche eingesammelt und zur Germanisierung der neu eroberten Ostprovinzen, vor allem des Warthegaus, "eingesiedelt", zu wenige, wie sich herausstellte, so dass sich Umsiedlungs- und Umvolkungsspezialisten daranmachen mussten, "wertvolles Blut" innerhalb der von ihnen beherrschten slawischen Völker zu suchen. Die Kehrseite dieser biologischrassistischen Sammlungsbewegung, die mit Schädelmessungen, Bluttests und erheblichem statistischem Aufwand betrieben wurde, war die großmaßstäbliche Abschiebung, Umsiedlung und Tötung "minderwertiger" Volksgruppen und Völker.

In den als "Generalplan Ost" zusammengefassten Visionen geht es um die Verschiebung und den kalkulierten Tod von Abermillionen, durch den Platz geschaffen werden sollte für das "Volk ohne Raum", an dessen Ende etwas ganz anderes stehen sollte: ein Raum, aus dem erst die Völker, dann auch die Deutschen verschwunden sein würden. Göring im November 1941: "In diesem Jahr werden 20 bis 30 Millionen Menschen in Russland verhungern. Vielleicht ist das gut so, da bestimmte Völker dezimiert werden müssen."

Die Erschütterungen, die durch diese Eingriffe Nazi-Deutschlands ausgelöst worden waren, hatten ihre eigene Dynamik und erfassten zuletzt auch die Deutschen selbst. Die herannahende Rote Armee hatte Hunderttausende in die Flucht getrieben, alle in der Vorstellung, sie würden zurückkehren, wenn der Sturm sich gelegt haben würde. Die Säuberung des Territoriums von Deutschen durch Kriegshandlungen und Flucht sollte dann eines der Hauptargumente für die Durchführung der Aussiedlung werden, handle es sich hier doch nur noch um "Reste" der Bevölkerung der östlichen Provinzen.

Auf die Flucht vor der Roten Armee folgte die Zeit der wilden Vertreibung. Was die Deutschen den Völkern des östlichen Europa angetan hatten, widerfuhr ihnen jetzt selbst - freilich selten den Verantwortlichen als vielmehr wehrlosen und unschuldigen Zivilisten. Die Entfernung der Deutschen wurde zur wichtigsten Aufgabe der neuen Regierungen in Polen und der Tschechoslowakei erklärt.

In Polen war die Freimachung der deutschen Ostprovinzen, die in der Sprache der Zeit als "wiedergewonnene Gebiete" firmierten, die Bedingung für die Ansiedlung jener Polen, die ihre Heimat im Osten verloren hatten. Sie kamen nun in den Westen, wo ihnen alles fremd war: die Beschriftung der Geschäfte, das Mobiliar der Häuser und Wohnungen, in die sie eingewiesen wurden und die anzueignen die Arbeit von mehr als einer Generation erfordern würde.

Für die meisten Führer der Tschechoslowakei war es schon während des Krie-

ges ausgemacht, dass es eine Rückkehr zum Vorkriegszustand nicht mehr geben könne. Mehr als 3,2 Millionen Deutsche auf dem Territorium der Tschechoslowakei mit ihren insgesamt 12 Millionen Einwohnern? Freilich gab es erst Überlegungen, nur einen Teil der Deutschen auszusiedeln, die Volksgruppe auf ein integrierbares Maß zu reduzieren oder die antinazistischen und der Republik gegenüber loyal gebliebenen Deutschen von den antideutschen Maßnahmen auszunehmen.

Die Tschechoslowakei hat sehr bald anders entschieden, nach den Worten Edvard Benes'' im Frühjahr 1945: "Für mich ist klar, dass die Deutschen gehen müssen. Wohin sie gehen, kann ich im Augenblick nicht sagen, aber solange diese Leute, von denen manche an der Unterdrückung des tschechischen Volks teilgenommen haben, in meinem Land bleiben, besteht die Gefahr eines Bürgerkrieges." Es schien eine Frage von Sein und Nichtsein. So wurde in kürzester Zeit das Grenzland der Tschechoslowakei von den Deutschen geräumt, zuerst in "wilder Vertreibung" mit entsetzlichen Übergriffen, später, nach der Potsdamer Konferenz mit Zustimmung der "großen Drei", auf eine "ordnungsgemäße und humane Weise", in Hunderten von Zügen, die in die sowjetische und amerikanische Besatzungszone fuhren.

Anders als in Polen, das seine eigenen Vertriebenen anzusiedeln hatte, war für die Tschechoslowakei die Repeuplierung der Randgebiete ein Problem, an dessen Lösung das Land noch Jahrzehnte litt. Es würde Jahrzehnte brauchen, bis diese leer gefegten Provinzen und Städte wieder aufgebaut, in Stand gesetzt und in eigener Regie weitergeführt werden würden.

SÄUBERUNGSWAHN

Die Zerstörung Mitteleuropas war gewiss kein "Betriebsunfall der Geschichte" und nicht nur oder in erster Linie das Werk eines Verrückten. Andere Sprengsätze und Schubkräfte müssen wirksam sein, wenn in einem modernen 30-jährigen Krieg ein ganzer Kontinent verwüstet und ein in Jahrhunderten gewachsener Zustand abgeräumt wird. Im Grunde war schon der Zusammenbruch der alten Reiche das Ergebnis der Nationalisierung der Massen und der mit der Industrialisierung verbundenen sozialen Revolution. Selbstbestimmung der Nationen war das Schlagwort der Stunde. Es bedurfte nur des rechten Augenblicks, um die als Völkergefängnis verstandenen Imperien - die Donaumonarchie, das Russische und das Osmanische Reich vor allem - zu sprengen.

Einen Vorgeschmack davon, was die Kombination von Moderne, Nationalismus und Krieg zu Wege bringen würde, bekam Europa mi t dem Genozid an den Armeniern zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Aber aus den alten Imperien waren keine Nationalstaaten im westlichen Sinne hervorgegangen, sondern Vielvölkerstaaten, in denen Territorium, Sprache und Volk nur selten und nur partiell zur Deckung kamen. Minderheitenfragen beherrschten die ganze Zwischenkriegszeit, und es schien klar, dass derjenige das ganze zerbrechliche System der Pariser Friedensverträge würde aus den Angeln heben können, der die Fackel der Volkstumskämpfe in die explosiven Völkermischungen Mitteleuropas werfen würde.

Es war Hitler (und viele kleinere Gestalten seiner Couleur), der sich am besten auf die Entfesselung des Nationalismus und dessen Radikalisierung im Rassismus verstand. Die Drachensaat der Revisionismen, Separatismen, nationalistischen Abrechnungen ging überall auf. Der Volkstumskampf verband sich umso leichter mit dem sozialen Antagonismus und dem Klassenkampf, als Volksgruppen und soziale Klassen ebenso wie Kultur, Konfession und ethnische Zugehörigkeit meist eng zusammenhingen. So verbanden sich oft nationale Ambition und soziales Ressentiment, Volkstumskampf und Klassenkampf zu einer gefährlichen, ja tödlichen Mischung, vor allem im Antisemitismus.

Der Erste Weltkrieg war ein wichtiges Laboratorium für das, was kommen sollte. Hier wurden die Methoden und Praktiken des totalen Krieges erstmals in großem Stil erprobt. Die moderne Organisation und Bürokratie zeigte, was sie leisten konnte, indem sie bestimmte, als unzuverlässig eingestufte Bevölkerungsgruppen - etwa Juden, Deutsche, Polen - aus Grenz- und Frontzonen evakuierte und ins Landesinnere deportierte. Hier wurden Praktiken vervollkommnet, die man zuvor schon an der Peripherie des Imperialismus, in den Kolonien, erprobt hatte - vom Konzentrationslager über Grenzziehung mit dem Rasiermesser bis zur lässigen Routine der Massenexekution; der Rassismus wanderte, wie Hannah Arendt gezeigt hatte, von der Peripherie ins Mutterland zurück.

Der Kolonialismus hatte gelehrt, dass alles machbar war, wenn man nur über eine gute und effiziente Organisation verfügte. Es war das Unglück Mitteleuropas, dass es zwischen die Fronten der zwei großen, bald kollaborierenden, bald miteinander rivalisierenden Totalitarismen Nazi-Deutschland und stalinistische Sowjetunion geraten war. Wie sich Metallspäne um die beiden Pole des Magneten ordnen, so polarisierten sich die inneren Kräfte der mitteleuropäischen Gesellschaften und zerrieben so die Kräfte der Mitte.

Und gewiss mussten Neuerungen hinzukommen, die erst das 20. Jahrhundert bot: eine Technik und Infrastruktur, die Operationen in größtem Maßstab ermöglichten, den Abtransport ganzer Volksgruppen und Völker mit allem, was dazugehört - einer effizienten Bürokratie und Verwaltung, einer funktionierenden Logistik, einem hoch spezialisierten Apparat, der in der Lage war, derart komplizierte Aktionen, wie es die Verpflanzung großer Menschengruppen aus einer halbwegs funktionierenden Zivilisation darstellt, zu bewerkstelligen.

So etwas geht nur unter Bereitstellung hochgradiger Expertisen, von der Völkerkunde bis zur Verwaltungswissenschaft, von den Verkehrsexperten bis zu den Sprachinselforschern - sie alle trugen ihren Teil zur Entmischung Europas bei. Gewiss spielten auch Theorien und Theoretiker eine Rolle, etwa Militärstatistiker, die schon im 19. Jahrhundert die Säuberung der Grenzstreifen von unzuverlässigen Untertanen gefordert hatten, oder Theoretiker des Volksstaates, die die Entfernung von "fremdvölkischen" oder "artfremden" Elementen verlangt hatten, lange bevor dies im 20. Jahrhundert Staatsdoktrin werden konnte.

Gewiss hat es einen George Montandon, einen französisch-schweizerischen Ethnologen gegeben, der seit seinem Traktat aus dem Jahre 1915 mit dem Titel "Frontieres nationales: Determination objective de la condition primordiale necessaire a l''obention d''une paix durable" als Erfinder der "transplantation massive", des gewaltsamen Bevölkerungstransfers, sprich: der Vertreibung, gelten kann.

Aber all dies ist eher Stichwort zur geistigen Situation der Zeit, Seismograf, Indikator, nicht Agens. Theorien handeln nicht. Ideen sind nichts ohne Menschen. Es sind Menschen, die anderen Menschen Gewalt antun. Sie sind es, die andere zur Ortsveränderung und zur Flucht zwingen. Das 20. Jahrhundert hat die Völkerverschiebung im besten Fall als "heroisches Heilmittel" (Herbert Hoover), als "kleineres Übel", im schlimmsten Fall als Großprojekt des Social Engineering, als soziale Plastik bei der Schaffung des idealen Volkes oder der idealen Rasse propagiert.

Die Nachgeborenen des "Jahrhunderts der Flüchtlinge", die das Privileg haben, über jene Zeiten hinaus zu sein, können sich einbilden, gegen solchen Wahn und solche Rezepte gefeit zu sein. Ob oder wieweit sie es in Wahrheit sind, hat sich in Jugoslawien und anderswo gezeigt.

KARL SCHLÖGEL,

Professor für Moderne Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder)

* Links: im Athener Opernhaus provisorisch untergebrachte Kleinasien-Flüchtlinge; rechts: bei der Überquerung der rumänisch-sowjetischen Grenze am Pruth. * Rechts: Displaced Persons in München bei der Abfahrt nach Frankreich. * Bei der Ankunft im Vernichtungslager Birkenau.

SPIEGEL SPECIAL 2/2002
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