01.10.2002

BIOGRAFIENWIE EIN UNBEGABTER ZUR MACHT KAM

Erich Honecker hat seinen ersten Biografen gefunden.
Kann man heute, 13 Jahre nach Honeckers Sturz, schon eine Honecker-Biografie schreiben? Man kann. Norbert Pötzl hat es bewiesen: "Erich Honecker. Eine deutsche Biografie." Es wird nicht die letzte sein, aber ein verdienstvoller Anfang ist gemacht. Neben dem allgemein zugänglichen Material bezieht sich Pötzl auf seine Befragungen von Zeitzeugen, die mit Honecker persönlich zu tun hatten, halb Ost, halb West. Denn es ist besonders schwer, hinter Honeckers maskenhaftem Auftreten etwas von der Persönlichkeit zu entdecken.
"Die Frage drängt sich auf: Wie konnte ein äußerlich so unscheinbarer Mensch, ein intellektuell überforderter und rhetorisch unbegabter Politiker die Machtfülle, die er besaß, erringen und über so viele Jahre erhalten?" Pötzl beantwortet diese Frage implizit, in einem Gang durch die Geschichte der DDR, die in Geschichten lebendig wird, von denen wir DDR-Bürger damals nichts wussten. Denn das gehört zu den von außen schwer nachvollziehbaren Besonderheiten einer Diktatur: Ihr Innenleben entzieht sich weitestgehend den Beherrschten, weil es keine Öffentlichkeit gibt. Was wir vom Spiel hinter den Kulissen wussten, hatten wir zumeist aus den Westmedien erfahren. Übrigens: Vor 1945 kannte kaum jemand in Deutschland das Wort Auschwitz.
Nach der Lektüre würde ich Pötzls Frage so beantworten: Um seine Machtfülle zu erlangen, musste Honecker zum kommunistischen Adel gehören, sprich altgedienter Funktionär sein, einen Ziehvater haben, das war Ulbricht, und diesen mit dem Segen der sowjetischen Führung und der Mehrheit im Politbüro entmachten. Der letzte Akt vollzog sich so, dass Honecker seinen Personenschutz mit Maschinenpistolen ausstattete, zu Ulbrichts Datsche fuhr, dessen Telefonverbindungen kappen und ihn sein Rücktrittsgesuch unterschreiben ließ. Den Segen der sowjetischen Führung erlangte er, indem er Ulbricht eine liberale Kultur- und Wirtschaftspolitik sowie deutschlandpolitische Alleingänge vorwarf. Pikant daran ist, dass Honecker sich später mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert sah.
Wie es Honecker gelang, seine Machtfülle zu erhalten, ist schwerer zu beschreiben. Wenn irgendwo, haben wir naiven DDR-Bürger gemeint, dann müssten doch im Politbüro die politischen Grundfragen diskutiert und entschieden werden. Auch Pötzl bestätigt: So war das nicht. Abgestimmt wurde selten und diskutiert noch seltener, und wenn es einmal zu einer Kontroverse kam, wurde das sofort in Moskau als außergewöhnlich erachtet. Als Ebert aus Alters- und Gesundheitsgründen aus dem Politbüro ausscheiden wollte, hat ihm Honecker das wegen befürchteter Nachahmung untersagt. Das feudal-aristokratische Prinzip der Amtszeit auf Lebenszeit musste zwangsläufig zur Gerontokratie
führen. Und Widerspruch war gefährlich, weil, wer in Ungnade fiel, sämtliche Privilegien verlor. Und so kam, was kommen musste: Honecker nahm die DDR-Realitäten einfach nicht mehr wahr. Anfangs war ihm noch bewusst, dass er von Ökonomie nichts versteht. Schließlich hielt er sich für einen Fachmann. "In Ökonomie macht mir keiner was vor." Nicht dass es an warnenden Stimmen vor dem ökonomischen Desaster gefehlt hätte, in das die DDR steuerte, indem sie die "sozialpolitischen Maßnahmen" mit Devisen bezahlte. Für die acht Milliarden Mark aus dem Häftlingsfreikauf wurden Südfrüchte, Schuhe, Textilien gekauft - sozialistischer Kannibalismus. Schließlich brauchte die DDR Westkredite, um die Westkredite zu bedienen. Als Stoph 1982 einschneidende Maßnahmen forderte, war Honeckers Antwort: "Die Worte über einschneidende Maßnahmen wollen wir hier nie wieder hören." Ein anderes Mal: "Die Berichte der Staatssicherheit sehe ich mir gar nicht mehr an. Da kann ich mir ebenso gut das westliche Fernsehen ansehen."
Honecker ein doofer Trottel? Das stimmt auch wieder nicht. Honecker hat es fertig gebracht, die deutsch-deutschen Beziehungen gegen kritische Stimmen aus der Sowjetunion auszubauen. Dabei spielte Herbert Wehner eine besondere Rolle. Aus gemeinsamen kommunistischen Zeiten im Saarland vor dessen Anschluss ans Reich behielt Honecker trotz Wehners Frontwechsel eine herzliche, geradezu bewundernde Beziehung zu ihm. 1973 fragt er ihn: "Muss denn immer alles über die großen Brüder laufen?", und siehe da, über Wehner und Honeckers Sonderbeauftragten Wolfgang Vogel ließen sich von da ab viele humanitäre Fälle regeln, bei denen der auf die Sowjetunion fixierte Egon Bahr nichts erreicht hatte.
Aus solchen Gründen ist der von Pötzl gewählte Untertitel: "Eine deutsche Biografie" berechtigt. Nicht dass Honecker ein Vorkämpfer der deutschen Einheit gewesen wäre. Kapitalismus und Sozialismus vertrügen sich wie Feuer und Wasser, hat er gesagt, und noch 1989 erklärt, die Mauer werde noch 50 oder 100 Jahre stehen, wenn es sein muss. Das "Deutsche" an Honecker war subti-
ler. Da war etwas Sentimentales im Spiel. Pötzl nennt es seine Saartümelei, die Honecker beim lang ersehnten Besuch in Westdeutschland in seiner Heimatstadt vom Redetext abweichend von den Grenzen reden ließ, die uns einmal nicht mehr trennen, sondern vereinen. Und da war dieser Hunger nach Anerkennung, nicht durch irgendjemanden, sondern durch den anderen deutschen Staat und durch die SPD, der Anerkennungswunsch eines Deklassierten.
Wenn man sich an Honeckers Sturz erinnert, kommt zu Recht Mitleid auf. Wie ihm der Übereifer der Genossen Staatsanwälte Anfang 1990 mitgespielt hat - von seinem Nierenkrebs erfuhr er aus der "Aktuellen Kamera", und im Krankenhaus musste er den Arzt um eine Tasse Kaffee bitten, weil seine Konten gesperrt waren; nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus fand er keine Wohnung, bis ein Pfarrer ihn aufnahm - und wie er mit einer gefälschten Diagnose aus der Sowjetunion nach Deutschland abgeschoben wurde, das ist beschämend. Auch die gesamtdeutsche Justiz hat erst in Gestalt des Berliner Verfassungsgerichts der Wahrheit die Ehre gegeben: Der Mann überlebt seinen Prozess nicht mehr, also Schluss mit der Strafverfolgung. Da war Honecker Opfer. Aber Opfer sind nicht deshalb edel.
Honecker wusste immer ganz genau, was an der Grenze passierte. Einmal hat er selbst das Wort "Schießbefehl" in den Mund genommen. Und als 1980 in Moskau über eine militärische Intervention in Polen beraten wurde, hatte er in seinem Redetext stehen, Blutvergießen sei das letzte Mittel, aber "wenn die Arbeiter- und Bauernmacht auf dem Spiele steht", dann bleibe keine andere Wahl. Den Passus strich er aus seiner Rede, als er merkte, dass die anderen kommunistischen Führer nicht mitzogen. Am 8. Oktober 1989 hatte er die Idee, Panzer durch Leipzig rollen zu lassen, bloß zur Abschreckung. Er ließ sich die Idee ausreden. So war er eben. Manchmal war er nur aus Schwäche human. Besser als umgekehrt - für uns. RICHARD SCHRÖDER
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Norbert F. Pötzl
Erich Honecker -
Eine deutsche
Biografie
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 384 Seiten; 24,90 Euro
* Mit Botschafter R. James Holger und Ehefrau Margot im Juli 1992 beim Verlassen der chilenischen Botschaft in Moskau.
Von Richard Schröder

SPIEGEL SPECIAL 4/2002
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