01.04.2003

DEUTSCHLAND IM FEUERSTURM

Das geplante Inferno

Von Bayer, Wolfgang

Mit kalter Präzision inszenierten die Amerikaner kurz vor dem Kriegsende die Vernichtung des pommerschen Ostseehafens Swinemünde. Doch das "Dresden des Nordens" geriet in Vergessenheit.

Am Kaiserbollwerk in der Hafen- und Bäderstadt Swinemünde auf der Ostseeinsel Usedom haben wie an jedem anderen freien Kai des Swine-Stromes Dutzende von Schiffen festgemacht. Auf dem Oberdeck durchnässte Passagiere, dicht an dicht. Aus den Ladeluken krabbeln Frauen und Kinder. Es ist der 12. März 1945, wenige Wochen vor Kriegsende.

Auch weiter draußen vor der Mole, hin zur Pommerschen Bucht, ankern Tonnagen aller Größenordnungen, Kriegsschiffe und Verwundetentransporter wie das Panzerschiff "Lützow", die "Moltkefels" oder die "General San Martin". Auf Reede liegen umgerüstete Ausflugsdampfer und Hochseekutter, im Ganzen vier Dutzend, und manche bis zu den Decksplanken mit Tausenden von Passagieren belegt.

Pastor Hans-Werner Ohse ist einer von ihnen. Sein Dampfer liegt nun schon eine Woche da, weil dem Heizer die Kohlen ausgegangen sind und Nachschub fehlt. Das schrickt den Gottesmann nicht. Das stickige Massenquartier, das er mit 4000 Leidensgenossen teilt, erinnert ihn zwar an Maxim Gorkis "Nachtasyl". Aber er fühlt sich angesichts des nahen Hafens und des von Minen freien Fahrwegs hin zur Stadt fast "wie im Frieden".

Wie jeden Morgen sucht der Seelsorger aus dem hinterpommerschen Virchow in seinem biblischen Losungsheft nach dem aktuellen Tagesspruch und liest ihn mit getragener Stimme einer Gruppe von Gläubigen vor. Heute stammt er aus den Klageliedern des Jeremias: "Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen, darum hast Du billig nicht verschont." Noch weiß der Pastor nicht, wie prophetisch die Botschaft in Wahrheit ist.

Zur selben Zeit stauen sich vor den provisorischen Pontons der Wehrmacht über den Swine-Strom die Planwagen eines nach Hunderttausenden zählenden Endlostrecks aus dem Osten. Auf den Fluren der Hospitäler Verwundete, die Flüchtlinge in Kinos und Wirtshaussäle gestopft. Allein in der Fontaneschule, deren Namensgeber Theodor nach Swinemünder Kindheitsjahren die "flaggenreiche Stadt" zum Romanschauplatz um die Ehehändel seiner "Effi Briest" macht, drängen sich 2000 der Geflohenen.

Swinemünde ist so unversehens das Nadelöhr für die Gestrandeten und Geflüchteten aus Ostpreußen, dem Raum Danzig und den Weichsel-Gebieten geworden, die sich und ein bisschen Habe vor den Russen retten konnten. Und weil die Rote Armee mit ihrer breiten Angriffsfront gerade an die 30 Kilometer entfernt ist, ist die einst viel besungene "Perle zwischen Haff und Meer" nur noch begrenzte Zeit Stadt der Hoffnung - Zwischenetappe auf der großen Flucht gen Westen.

Der Tag hat mit grauen Wolkenschleiern begonnen. Doch es soll warm werden. Die Fleischerstochter Edith Schmidt, 10, aus der Friedrichstraße darf zu den wenige Ecken entfernt wohnenden Großeltern "zum Spielen". Die Mutter hat ihr erstmals erlaubt, wegen der erwarteten Frühjahrstemperaturen "Kniestrümpfe zu tragen".

Um die selbe Zeit, ein paar Kilometer entfernt, radelt an diesem Morgen Erika Assmus, 19, vom Nachbarort Ahlbeck los, um für die Tante "irgendein Papier in Swinemünde zu besorgen". Sie ist arglos und registriert die vielen "erschöpften Frauen, Kinder, alten Leute", die "überall" herumhocken.

Gisela Gattow will heute ihren Geburtstag feiern. Gemeinsam mit Mutter, Schwester, Oma Wally, Tante Dorothea und deren sechs Kindern hat sie bereits mehrere Evakuierungen hinter sich. Zuletzt stand sie, Gischt und Wellen ausgesetzt, an Deck eines "Fährprahms", der die Familienangehörigen aus dem von den Russen eingeschlossenen Kolberg an den Oderarm brachte. Nun haben sie es in einer Notwohnung am Hafen gemütlich. Zur Feier des Tages soll es Königsberger Klopse geben.

Doch zum Essen kommt es nicht mehr. Plötzlich ertönen die Sirenen, werden am Mast der Schiffssignalstelle an Land Flaggen aufgezogen mit den Buchstaben F, L und I, dem Kürzel für Fliegeralarm. Die UKW-Welle meldet: "Starke Bomberverbände im konzentrischen Anflug auf Swinemünde!"

Zur Panik besteht zunächst kein Anlass. Nur zu oft schon gab es Fehlalarm, wenn die Pulks auf dem Flug nach Stettin oder Berlin die Stadt passierten. Und auch die im Alarmfall von italienischen Verbündeten betriebene, flächendeckende Benebelung der Hafenanlagen, Sabotage oder nicht, unterbleibt an diesem Tag.

Die Uhr zeigt elf, und es sind noch eine Stunde und fünf Minuten bis zum "Inferno von Swinemünde" - der von einem amerikanischen Bombergeschwader mit kalter Präzision und praktisch ohne eigene Verluste vollzogenen Hinrichtung einer Stadt.

Seit einer Dreiviertelstunde hat die in England gestartete Angriffsformation, 661 US-Bomber der Typen B-17 ("Fliegende Festung") und B-24 ("Befreier"), bei der Insel Sylt die deutsche Küste erreicht und geht auf der Höhe von Rügen auf Südostkurs. Gesichert wird der Pulk durch 412 Begleitjäger vom Typ Mustang - eine stattliche Armada, für die auf Grund eines Sonderbefehls alle verfügbaren Divisionen der 8. US-Luftflotte jeweils die Hälfte ihrer einsatzbereiten Maschinen abzustellen hatten.

Die US-Majore Charles Reid und John Buié, Leiter der Mission vom 12. März, plagen nicht nur logistische Probleme. Denn die Bombenschächte müssen punktgenau geöffnet werden, weil die verbündeten Russen schon dicht vor ihrem Zielgebiet stehen.

Geflogen wird in drei Wellen. In den jeweiligen Führungsmaschinen befindet sich ein so genanntes H2X-Bordradar, das allerdings nur vage Kontraste auf einen kleinen Bildschirm projiziert: Wasser erscheint dunkel, Land hell, eine Stadt glänzend. Als die ersten Pfadfinder-Maschinen ihre Leuchtsignale setzen und die Bomber aus rund 6000 Meter Höhe in nur rund 40 Minuten ihre tödliche Fracht - mehr als 3500 der 450-Kilo-Sprengsätze - abwerfen, herrscht zudem eine "10/10-Wolkendeckung" - der Himmel ist total verhangen.

Als die ersten Bomben einschlagen, sitzt die achtjährige Isa mit Mutter und Brüdern in Hafennähe in einem Zugabteil. Die Sprengkraft biegt Schienen hoch und reißt das Dach des Waggons weg. Ihre Mutter wird die Kleine nie mehr wieder sehen. Als Retter die schwer Verletzte bergen, so gibt sie später als Erwachsene zu Protokoll, "sah ich meine Brüder dort sitzend: Ihnen fehlten die Schädeldecken. Tot!"

Kadettenanwärter Wilfried Sander, der in der Ausbildungsbatterie nahe der Küste an "aus dem Ersten Weltkrieg stammenden" Geschützen ausgebildet wird, erlebt wie seine Kameraden das Bombardement in Einmanndeckungslöchern unweit des Kurparks. Von der einst schönen Gartenlandschaft bleibt ein Wald zerfetzter Stümpfe. Die Amerikaner haben dort, stellt Sander fest, zur Erhöhung der Wirkung auf den Menschen so genannte Baumkrepierer abgeworfen: "Das waren Feinstzünder mit Sofortexplosion."

Der Effekt: Anders als normale Aufschlagzünder detonieren diese Sprengsätze bereits bei Baumberührung. Die Schutzsuchenden, die sich zu Boden werfen, sind nun "in voller Körpergröße den Splitterwirkungen der Baumkrepierer ausgesetzt".

Noch tagelang müssen Bergungsmannschaften später Leichenteile aus den Baumruinen klauben. Das schlimmste Erlebnis für Sander ist "das Auffinden einer Frauenleiche, die während des Angriffs gebärt haben musste. Der Mutter hatte ein Splitter die Bauchdecke voll aufgerissen, das Kind, ein Mädchen, lag tot daneben" - äußerlich unverletzt und noch an der Nabelschnur.

Schon die erste Angriffswelle hat rechts und links der Swine eine 1000 Meter breite Schneise geschlagen. Die an den Strandbereich angrenzenden Kurparks, Zufluchtsorte Tausender von Flüchtlingen, Anwohnern und Nachschub-Truppenverbänden, ist binnen Minuten förmlich umgepflügt. Ebenso das Kaiserbollwerk, wo einst Wilhelm II. mit seiner Staatsyacht "Hohenzollern" zu Bädertagen am Pier lag. Volltreffer haben den abfahrbereiten Personenzug am Kai zerstört. Nun ist die Altstadt dran.

Ein ergiebiges Ziel für die Angreifer, schlecht für die Opfer. Denn hier gibt es so gut wie keine Keller. Splittergräben ersetzen den nicht ausreichend vorhandenen Luftschutzraum. Herbert Weber, auf Kinderlandverschickung im Osten, überlebt dennoch in einem fast überirdisch angelegten Schulkeller. Der Raum ist so überfüllt, dass die Kinder und ihre Betreuer im Stehen zittern müssen. Einige der Lehrer, stramme Nationalsozialisten, "beten laut". Als eine Kirche neben der Schule nach einem Treffer in sich zusammensinkt, lockern sich die Holzstützen, welche die Decke halten - aber, sagt Weber hinterher, "die zusammengepferchten Menschen hielten die Stempel in senkrechter Lage."

Geburtstagskind Gisela Gattow ist mit der Mutter die einzige Überlebende aus einem Schutzkeller unter einem Trockenraum. Sämtliche Wände und die Decke sind eingestürzt.

Auch Edith Schmidt liegt, nachdem sie es im ersten Bombenhagel nach Hause geschafft hat, nahezu ungeschützt im Staub. "Wenn man das Pfeifen der Bomben hört", weiß sie von einer Flüchtlingsfrau, "sind die schon weiter weg." Jetzt hört sie kein Pfeifen, der Giebel im Haus gegenüber ist in zwei Teile zerborsten. Das Mädchen atmet "durch eine nasse Baumwollwindel".

Die spätere Sparkassenfilialleiterin in Ahlbeck, heute 68 und verehelichte Schäfer, kann auch heute noch immer jede Sekunde abrufen wie einen Film: Das Geräusch - "dieses Heulen, Zischen, Dröhnen, Pfeifen, Krachen". Die schrecklichen Bilder - vom "Torso eines Menschen im Maschendrahtzaun"; von der Familie aus Hinterpommern, die in der Leichenhalle "gebettelt hat nach einem Sarg", von den Zementpollern am Bollwerk, "wo wir immer Bocksprünge machten" und am Tag danach tote Babys und Kinder zum Abtransport sortiert werden. Seither kennt sie den Hauch des Todes: "Solange wie ich lebe, werde ich diesen süßen Geruch nicht los".

"Die vielen Menschen auf den Straßen", erinnert sich später Radfahrerin Assmus, "schlugen ihre Hände über die Köpfe und versuchten, auf Hauseingänge zuzurobben. Ich wurde in eine zu ebener Erde liegende Waschküche eines Mietshauses hineingezogen, besetzt mit den Bewohnern." Als die Einschläge näher kamen, fiel der Kalk von den Wänden: "Dann ging das Licht aus. Das Haus begann zu zittern und zu schaukeln."

Im Hafen lautet die Alternative derweil Verbrennen oder Absaufen. Der Monsterangriff setzt mehrere Schiffe auf Grund. Der 3 000-Tonnen-Frachter "Andros" von der Levante-Linie, mit 2000 Passagieren von Pillau aus mehrere Tage ohne Wasser und Verpflegung unterwegs, hat vor nicht mal einer Stunde festgemacht. Er erhält drei Einschläge. Die erste Bombe trifft die Gangway. Die zweite setzt das Schiff in Brand und macht Frauen und Kinder zu lebenden Fackeln. Die dritte spaltet den Schiffsbug. Kurz vor dem Untergang ragt nur das Heck, sagt ein Augenzeuge, "rot glühend über das Wasser" - 570 Tote nennen die Zeitzeugen, 1948 wird der stählerne Sarg gehoben.

Mit guter Seemannschaft und einem entschlossenen Wendemanöver im engen Fahrwasser rettet Korvettenkapitän Karl Hetz 1300 Fahrgäste auf seinem Zerstörer Z 34. Während der spätere Vizeadmiral der Bundesmarine den Zerstörer mit 15 Knoten seewärts in Sicherheit bringt, setzt es Bombenfontänen an der Wendestelle: Als Hetz die Außenmole passiert und Schiff und Menschen außer Gefahr sind, erscheinen zwei fröhlich lachende Flüchtlingskinder an Deck - "dies Lachen war für uns wohl der glücklichste Augenblick seit langer Zeit", erinnert sich der Mariner später.

Schnelle Flucht rettet auch das Schnellboot S 19, für Gerhard Dallmann "ein Holzkasten, längst nicht mehr kriegstauglich". Der Funker wird nicht nur Zeuge des Untergangs der Stadt, "die regelrecht in grauen, zeitweise wegstoßenden Wolken auseinanderfliegt". Nach dem Angriff sieht er auch die halb gesunkene "Cordilhera", ein als Wohnschiff eingesetztes 12 000-Tonnen-Schiff der Hamburg-Amerika-Linie. Heck und Schiffsschraube ragen in die Luft. Auf der Schraube eine Barkasse, die der Luftdruck hoch geschleudert hat. Der gelernte Optiker desertiert noch vor Kriegsende und schult um - auf Pfarrer.

Nach den Bomben, berichten Zeitzeugen, "kamen die Tiefflieger mit ihren Bordkanonen". Hugo Leckow, Teilnehmer eines Konvois aus Pribbernow nahe der Bischofsstadt Cammin, der 18 Bombentote beklagen muss, über MG-Beschuss am östlichen Swine-Ufer: "Die Tiefflieger waren die Straße bis nach Pritter entlanggeflogen und hatten Menschen und Tiere im Tiefflug vernichtet."

Dietlinde Bonnlander, unterwegs in einem aus 190 Menschen, 27 Pferden und einem Trecker bestehenden Gutskonvoi aus Fritzow: "Wir lagen da, an den Boden gepresst, als auch noch Tiefflieger begannen, sinnlos Jagd auf Menschen zu machen."

Das Einsatzziel des Geschwaders der 8. US-Luftflotte waren offiziell der Verschiebebahnhof und die Bahnhofsanlagen Swinemündes. Nach dem Kriege reichte das Hauptquartier der US-Luftwaffe in Europa nach, der Angriff sei durch eine "Aufforderung der Russen in letzter Stunde" ausgelöst worden und habe "taktische Bedeutung" gehabt. Der Ostseehafen sei "Zentrum des deutschen Nachschubs zur See" gewesen - ein Hohn, angesichts der chaotischen Verhältnisse, des Flüchtlingsstroms und der Auflösungstendenzen zu jener Zeit.

Auch mit den Ergebnissen späterer militärhistorischer Quellenstudien ließ sich die Machtdemonstration der US-Luftwaffe kaum begründen. So hatte der Seekommandant Pommern laut Kriegstagebuch der deutschen Seekriegsleitung vom 9. März 1945 zwar postuliert: "Bestmögliche Verteidigung Swinemünde (einziger noch brauchbarer Kriegshafen Ostsee neben Kiel) von ausschlaggebender Bedeutung für weitere Seekriegsführung."

Doch was nach vermeintlicher Stärke klang, war in Wahrheit ein letzter Appell, keine für die Sicherung der Stadt benötigten Spezialisten abzuziehen. Der Hilfe- ruf des Marinebefehlshabers endete denn auch mit dem Eingeständnis, die Zuführung ursprünglich zugesagter Heerestruppen sei wohl "nicht mehr zu erwarten".

Dass der Hafen zeitgleich vor allem zur Schleuse für Verwundete und Fliehende wurde - diese Situation war den Alliierten bestens vertraut. Wegen der 40 Kilometer entfernten V 1- und V 2-Versuchsanlage in Peenemünde stand die Region unter Dauerobservation von Erkundungsfliegern.

Wie hoch der Blutzoll des Massakers von Swinemünde tatsächlich war, ließ sich nie exakt ermitteln. Die örtlichen Schätzungen gehen von 23 000 Opfern aus, das Gros Zivilisten. Wegen der Seuchengefahr, der nachrückenden Flüchtlinge und der nahen Front mussten die Toten in jenen Tagen schnell bestattet werden. Menschliche und tierische Überreste lagen zugeschüttet in Bombentrichtern. Nach Überlebenden in den Trümmern konnte kaum gesucht werden.

Nur rund 1700 Tote sind namentlich registriert und in Einzelgräbern bestattet. In endlosen Reihen dagegen wurden die sterblichen Überreste Tausender in einem anonymen Massengrab verscharrt. Es liegt auf dem Begräbnishügel Golm, südwestlich von Swinemünde, auf dem auch Marinesoldaten und Uniformierte anderer Waffengattungen bestattet sind.

In Grab 330 liegt ihr Großvater, glaubt Hannelore Jungnickel, 67, die am Fuße der Anlage in Kamminke wohnt und mit ihrem Mann, einem Ex-Grenzer der DDR, oft Besucher betreut. Die ehemalige Poststellenleiterin ("Ich sage immer, der Golm ist ein Stück von uns mit") hat seinerzeit das Bombardement in Swinemünde nur überlebt, weil sie es nicht mehr in den rettenden Unterstand geschafft hat: "Die wurden alle verschüttet." Den Großvater hat die Familie damals anhand "der Uhr und des Geldbeutels" identifiziert. Jetzt, sagt die groß gewachsene Frau, "pflegen wir auch die zwei Gräber daneben. Eins von den dreien wird es schon sein".

Es sind aber auch die gegen Kriegsende in die Diaspora getriebenen Überlebenden, die ihre Erinnerung an das Drama hochhalten. Kein "Weihnachtsbrief", in dem nicht Walter Wunderlich, 93, langjähriger Chef der Heimatgemeinschaft, von der "Patenstadt Flensburg" aus an jene Zäsur von 1945 erinnert hat, mit der die "bis dahin von uns Deutschen bestimmte Entwicklung der Stadt an der Swine-Mündung jäh abgebrochen" wurde. Gemeint ist nicht nur die physische Vernichtung.

Denn, Ironie der Geschichte, mit dem "Dresden des Nordens" stirbt auch der Name Swinemünde. Nach dem Willen der alliierten Sieger wird die geschundene Stadt im Oktober 1945 polnisch und heißt seither amtlich swinoujscie. Die Begräbnisstätte dagegen, eine der größten Kriegsopferstätten Deutschlands, liegt diesseits der Grenze.

Um das Gedenken auf dem gepflegten Todesacker kümmert sich seit der Wende eine von Ingeborg Simon, Pastorin im Ruhestand, geleitete rührige Interessengemeinschaft. Den Seehelden und U-Boot-Kriegern dagegen widmen sich jeweils am Totensonntag rechte Kameradschaftsbünde. Sie marschieren dann mit Kränzen und Parolen ("Eure Ehre heißt Treue") auf.

Vor den Gräbern, umrahmt von einem von Johannes R. Becher entlehnten Epitaph ("Dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint"), steht Jahrzehnte nach dem Bomben vom 12. März 1945 auch Zeitzeugin Assmus, diesmal nicht unter ihrem Geburtsnamen, sondern unter ihrem Schriftsteller-Pseudonym Carola Stern. Sie beschäftigt sich mit der immer noch offenen Frage: "War das Unrecht, was an diesem Tag geschah?" Und sie hat eine Antwort parat. In Erinnerung an Joseph Goebbels' "gellende Stimme", damals im Berliner Sportpalast, sagt sie: "Der totale Krieg schlug furchtbar auf uns selbst zurück." WOLFGANG BAYER


SPIEGEL SPECIAL 1/2003
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