01.01.2001

HITLER UND DIE DEUTSCHEN„DIE VERKÖRPERUNG DES BÖSEN“

SPIEGEL-Gespräch mit JOACHIM FEST über seine Jugend unter dem Hakenkreuz und Hitler als Inbegriff der Unmenschlichkeit
SPIEGEL: Herr Fest, seit Hitlers Selbstmord sind 56 Jahre vergangen, und dennoch ist der Schatten, den er wirft, länger geworden. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Fest: Hitler ist eine Verkörperung des Bösen, gewiss nicht die einzige. Aber die Menschen brauchen eine vorstellbare Figur, um das Unglück, das ihnen widerfährt, einordnen zu können. Hitler hat diese Rolle in einer säkularisierten Welt übernommen, in der es das Böse als den "Gottseibeiuns" nicht mehr gibt. Was Menschen abscheulich, unmenschlich, verwerflich finden, projizieren sie auf die Figur Hitlers - wobei er all das tatsächlich gewesen ist. Deswegen, so denke ich, hat er noch eine lange Karriere vor sich.
SPIEGEL: Was macht Hitler zur historischen Besonderheit?
Fest: Hitler übte eine Gewaltherrschaft ohne jegliche zivilisatorische Idee aus. Die Nazis waren im Kern nichts als eine an die Macht gekommene Bande von Eroberern, die es verstanden, in den Menschen Instinkte freizusetzen, die bis dahin zumindest im Zaum gehalten worden waren. Fast alle namhaften Gewaltherrscher in der Geschichte verfügten über irgendeine emanzipatorische Idee, Hitler nicht. Im Gegenteil hat er versucht, die Emanzipationsprozesse umzukehren.
SPIEGEL: Das Phänomen besteht eigentlich darin, dass ein Außenseiter und Versager wie er einen derartigen Aufstieg nehmen konnte. Muss nicht der Blick auf den Resonanzboden, auf die Deutschen, weiter reichende Erkenntnisse hervorbringen als die Konzentration auf Hitler?
Fest: Der Widerhall und die Zustimmung, die Hitler in der deutschen Gesellschaft gefunden hat, sind sicherlich von Bedeutung. Da ist viel erforscht worden. Dennoch bleibt bei Hitler ein unerklärter Rest. Er war mehr als die Verhältnisse, die er vorfand. Selbst am Ende, im Bunker unter der Reichskanzlei, übte diese "Kuchen verschlingende Ruine", wie ich ihn ein-
mal genannt habe, Autorität nicht nur
über seine engste Umgebung aus, sondern
auch über hochdekorierte Generäle, die zum Rapport antraten und ihn mit der aussichtslosen Kriegslage konfrontieren wollten. Ihnen fehlten Soldaten, Panzer, Munition, Nachschub aller Art, sie kannten die Fakten. Aber nach einer Stunde bei Hitler gingen sie voller Zuversicht zurück an die Front.
SPIEGEL: Sind die Hitler-Jahre eine Vergangenheit, die auch für Sie persönlich nicht vergeht?
Fest: Ich wollte eigentlich nie etwas mit der Zeitgeschichte zu tun haben, nicht mehr jedenfalls, als ein Deutscher nun mal damit zu tun hat. Dann ist es ein Lebensthema für mich geworden.
SPIEGEL: Wodurch?
Fest: Mein früher Berufswunsch war Verleger, doch geriet ich bald ans Schreiben und damit an die Zeitgeschichte.
SPIEGEL: Vor zweieinhalb Jahren gab es ein SPIEGEL-Gespräch zwischen Martin Walser und Rudolf Augstein über Hitler und seine Bedeutung für diese Generation. In dessen Verlauf sagte Rudolf Augstein, er fühle sich beschämt, eine Zeit miterlebt zu haben, in der solche Taten verübt wurden, auch wenn er nichts davon gewusst habe. Martin Walser ging das zu weit, er sagte, er sei hineinverwirkt in diese Zeit und nannte dies ein Gewissenswort. Zeitgenossenschaft als Fluch?
Fest: Ja, natürlich, das gibt es. Ich denke an den berühmten chinesischen Fluch: "Ich wünsche euch interessante Zeiten." Doch fühle ich mich weder "beschämt", noch möchte ich von "Gewissensworten" sprechen. Ich empfinde diese Zeitgenossenschaft eher als Herausforderung.
SPIEGEL: Die zwölf Hitler-Jahre umfassen Ihre Lebensspanne zwischen sechs und achtzehneinhalb Jahren. Was ist Ihnen davon als stärkster Eindruck im Gedächtnis geblieben?
Fest: Mein Vater war einer der Führer des Reichsbanners, einer Vereinigung aus Gewerkschaften, Sozialdemokraten und linkem Zentrum zur Verteidigung der Republik; mein Vater war linkes Zentrum. Ich erinnere mich, wie ich ihn eines Abends mit dramatisch verbundenem Kopf von einem Straßenkampf nach Hause kom-
men sah. Ich war damals fünf Jahre alt, dieses Bild ist haften geblieben.
SPIEGEL: Ihr Vater war im Schuldienst, die Nazis haben ihn 1933 entlassen.
Fest: Ich habe diese Jahre als glückliche Zeit in Erinnerung, weil der Druck, unter dem meine Eltern standen, die Familie zusammenzwang. Das Leben hatte etwas Verschwörerisches, was ja für Kinder nach Abenteuer aussieht.
Mein Vater hat zum Entsetzen meiner Mutter aus seiner Verachtung für die Nazis am Familientisch - wir waren drei Söhne und zwei Töchter - nie einen Hehl gemacht.
Nach dem Krieg sagte er mir: "Man muss einen Ort im Leben haben, an dem man frei von allen Rücksichten reden kann. Anders hätte ich die Zeit nicht überstanden." Sein Freimut und sein Ver-trauen haben sich bewährt, aber waghalsig war es.
SPIEGEL: Welche einschneidenden Wirkungen hatte die Nazi-Zeit für Ihre Familie?
Fest: Wir erlebten einen Sturz aus gutbürgerlichen Verhältnissen mit Kindermädchen und allem, was dazugehört, in sehr frugale Verhältnisse. Das war für meine Eltern ziemlich hart. Aber sie haben es von uns fern gehalten.
SPIEGEL: Wie hat Ihre Familie ihren Lebensunterhalt bestritten?
Fest: Mein Vater bekam eine Pension von ungefähr 200 Mark, und mein Großvater,
67 Jahre alt und pensionierter Bankdirektor, ging wieder in die Bank.
SPIEGEL: Sie sind in Berlin in die Schule gegangen, waren dann auf dem Internat in Freiburg. Da gab es die unentrinnbare nationalsozialistische Gegenwart. In welcher Spannung lebte damals ein Kind wie Sie?
Fest: In Berlin war es riskant, sich an der Schule politisch kritisch zu äußern, und sei es auch nur mit Witzen. Ich habe das selbst einmal erfahren, als ich eine Hitler-Karikatur auf das Pult kritzelte. Diese Gedankenlosigkeit brachte meine Eltern in große Schwierigkeiten. Meinem Vater gelang es, die Sache abzubiegen, ich erhielt das Consilium Abeundi und kam daraufhin in ein Internat nach Freiburg. Dort war alles sehr viel offener.
SPIEGEL: Gab es weitere Konflikte mit dem Regime?
Fest: Mein Vater hat es abgelehnt - obwohl die Aufforderung mehrfach an ihn ergangen ist -, seine drei Söhne in die HJ zu geben. Er hat die HJ-Führer, die da zwei- oder dreimal bei uns erschienen, zum Entsetzen aller Mitbewohner aus dem Haus geworfen. Da ist das Temperament mit ihm durchgegangen. Er sagte: "Ich bekomme Berufsverbot, und meine Söhne sollen mit der Uniform dieses Regimes rumlaufen? Das ist unzumutbar." Wir Kinder ahnten nicht, wie riskant das war. Wir waren nur stolz auf ihn.
In Freiburg kam nach einigen Wochen heraus, dass wir nicht der HJ angehörten. Alle Internatsschüler gingen zu den Heimabenden, nur wir nicht. Da wurde sofort veranlasst, dass wir der HJ beitraten. Ich bin - wie meine Brüder auch - in die so genannte Pflicht-HJ gekommen: Wir mussten auf dem Schulhof exerzieren, während unsere Klassenkameraden im Schulkeller Heimabend hielten mit Klampfe und "Deutschland, heiliges Wort". Ein Jahr später wurde ich zur Flak einberufen.
SPIEGEL: Hatten Sie jüdische Mitschüler?
Fest: In der Berliner Schule einen, ja.
SPIEGEL: Der war dann irgendwann weg?
Fest: Der war einfach verzogen, wie es hieß, 1938 ist seine Familie emigriert.
SPIEGEL: Was haben Sie gewusst von den Vernichtungslagern, von Auschwitz, von den Gräueln hinter der Front?
Fest: Davon habe ich persönlich nichts gewusst, wie die meisten. Mein Vater hörte, wie er nach dem Krieg berichtet hat, eine Sendung der BBC zu Weihnachten 1942, nach meiner Kenntnis die einzige, die die BBC jemals über die Massenvernichtung im Osten im Programm hatte. Er wollte es zunächst nicht glauben, nicht einmal er traute das den Nazis zu. Er ging aber, beunruhigt wie er war, der Sache nach und hat bis März 1943 benötigt, um Gewissheit zu erlangen, dass tatsächlich Menschen zu Zehntausenden oder mehr in besonderen Vernichtungslagern umgebracht wurden. Er hatte ja noch manche Verbindungen, auch zu Leuten, die mindestens passiven Widerstand übten. Er hatte dann Gewissheit, aber was fing er damit an? Er war nun noch ohnmächtiger und verzweifelter. Ein schrecklicher Konflikt, der manchem zu schaffen machte.
SPIEGEL: Welche Kontakte besaß Ihr Vater zum Widerstand?
Fest: Alte Kontakte. Es gab auch eine Herrenrunde, die sich einmal im Monat traf, dazu gehörte unter anderen ein höherer Gewerkschaftsfunktionär aus der Zeit vor 1933, aber auch der spätere Justizminister der DDR, Max Fechner, ein Sozialdemokrat, der 1946 für die Vereinigung mit der KPD zur SED votierte, zeitweilig auch Johann Baptist Gradl oder Heinrich Krone.
SPIEGEL: Von solchen Kontakten bekamen Sie nichts mit?
Fest: Wir wussten davon, verbanden aber keine genaue Vorstellung damit. Mein Vater bat meinen älteren Bruder und mich, ab Winter 1938/39 jeden Samstag nach der Schule zu dem einen und anderen seiner jüdischen Freunde zu gehen und ihnen, die sich vor allem nach der Pogromnacht von 1938 nicht mehr auf die Straße trauten, behilflich zu sein. Ich ging jeden Samstag zu einem Dr. Maier am Halleschen Tor, einem Arzt, verwitwet, und erledigte für ihn ein paar Einkäufe.
Das war auch aus einem anderen Grund eine sehr wichtige Erfahrung. Denn Dr. Maier führte mit mir Unterhaltungen über die Literatur. Er war sehr gebildet, führte mich in Fontane ein, las mir Gedichte Heines vor und hat mir Thomas Mann nahe gebracht, zuerst den "Tonio Kröger", dann den "Tod in Venedig", und eines Tages gab er mir die "Buddenbrooks" mit. Als aber mein Vater das sah, verlangte er von mir, das Buch sofort an Herrn Maier zurückzuschicken. Er hat Thomas Mann niemals, auch später nicht, die "Betrachtungen eines Unpolitischen" verziehen. Sie hätten, meinte er, mehr zur Abwendung vor allem des Bürgertums von der Republik beigetragen als das "Hitler-Geschrei".
SPIEGEL: Ihr Widerwille gegen Pauschalurteile und den nachgeholten Moralismus der 68er Generation wird auch verständlich durch die Familiengeschichte. Die Ableitung, das ganze Bürgertum habe gegenüber Hitler versagt, kommt Ihnen nur schwer über die Lippen.
Fest: Wenn man pauschal urteilt, haben alle Schichten versagt: das Militär, die Kirchen, die Gewerkschaften, die Parteien. Alle, außer den Kommunisten, die aber von den Nazis zu Feinden erklärt worden waren, weshalb ich deren Widerstreben gegenüber dem neuen Regime auch nicht allzu hoch veranschlagen würde. Ich kenne keine Gruppe, die vor dieser Prüfung bestanden hätte. Es haben sich immer nur einzelne Charaktere als widerstandsfähig erwiesen.
SPIEGEL: Woher aber rührt die starke Aversion gegen die 68er?
Fest: Das liegt sicherlich an der Generationserfahrung. Mich hat zu vieles gestört: diese ganze lärmende Dialogunfähigkeit, der Größenwahn dieser Bewegung mitsamt ihrer moralischen Hysterie, die Realitätsverachtung, ihr Hass auf die Liberalität und anderes mehr. Es war doch eine Kampfansage an alles, was mir wichtig war. Wie hätte ich nicht dagegen sein sollen?
SPIEGEL: Ende der sechziger Jahre haben Sie als Berater für Albert Speer gearbeitet. Sie saßen an Ihrer Hitler-Biografie, die 1973 erschien. Haben Sie sich so stark mit den dreißiger Jahren beschäftigt, dass Sie immer auch die Gegenwart im Bann der Vergangenheit sahen?
Fest: Das halte ich nicht für ausgeschlossen. Die Vorbehalte, die ich und viele andere gegenüber der Apo äußerten, hatten nicht zuletzt damit zu tun, dass wir zu vieles darin wiedererkannten, was eine teilweise spiegelverkehrte, aber mehr noch unverhohlene Rückkehr zu gerade Gewesenem war.
SPIEGEL: Ihr Vater, haben Sie einmal zitiert, habe gesagt, das Dritte Reich sei "ein Gossenthema". Da gebe es nichts zu verstehen, nur zu verachten. Hatte er Recht?
Fest: Für seine Generation ja. Er wollte mir mein erstes Buch "Das Gesicht des Dritten Reiches" mit diesem Argument ausreden. Er hat hinzugefügt - und das ist eine Auseinandersetzung, die ich kurioserweise später noch einmal mit Golo Mann zu führen hatte -, wer über die Nazi-Zeit und deren Führungspersonal Bücher schreibe, gestehe ihnen, ob er wolle oder nicht, eine historische Würde zu, die ihnen nicht zukomme. Darin liegt natürlich eine gewisse Berechtigung. Aber ich habe ihm wie später Golo Mann geantwortet, dass für jemanden, der es miterlebt und miterlitten hat, der Hass ausreichend sein mag. Für eine spätere Generation aber reicht das nicht, sie muss zu verstehen versuchen, wie der Nationalsozialismus möglich war.
SPIEGEL: Ist es Ihnen gelungen?
Fest: Ich muss sagen, dass ich immer noch mit dem Problem nicht fertig bin, die mich wirklich überzeugende Antwort noch nicht gefunden habe. Kein Historiker hat sie gefunden; das Rätsel ist geblieben.
SPIEGEL: Ihre Hitler-Biografie haben Sie "ein etwas exzessiv geratenes Buch" genannt und an anderer Stelle hinzugefügt, es sei ein schwer zu beschreibendes Unbehagen nach der Verfertigung des Buches zurückgeblieben. Woher rührte es?
Fest: Vielleicht spukte in meinem Kopf immer noch das schon erwähnte Diktum meines Vaters herum.
SPIEGEL: Vielleicht kam das Unbehagen aber auch davon, dass Sie sich immer wieder auf die Täter fixiert haben.
Fest: Da liegt auch die eigentliche Aufgabe. Aber man darf die Gegenseite nicht außer Acht lassen. Mein Sohn Alexander, der ja ins Verlegerische gegangen ist, hat so argumentiert, als er mich dazu überredete, für ihn ein Buch über den 20. Juli zu verfassen.
SPIEGEL: Sie haben geschrieben, der 20. Juli 1944 sei der einzige Widerstand, der den Namen mit Recht trage. Wo bleibt dann für Sie etwa Georg Elser?
Fest: Georg Elser, die Geschwister Scholl, die Angehörigen des Solf-Kreises und viele andere gehören auch in diese Kategorie. Das waren höchst ehrenwerte Akteure. Aber sie konnten das Regime nicht ernsthaft gefährden. Dazu musste eine Organisation bereitstehen, die mindestens für eine Übergangszeit die Macht zu übernehmen im Stande war. Ab 1935/36 war nur das Militär in der Lage, eine effektive, das Regime gefährdende Widerstandsaktion zu unternehmen, niemand sonst. Das Versagen der Mehrzahl der Offiziere erscheint dadurch noch gravierender.
SPIEGEL: Den Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus aber haben Sie in Albert Speer erblickt, dem kultivierten Nazi unter den Abenteurern, Desperados und Entwurzelten.
Fest: Die Idee stammt von Hugh Trevor-Roper, der eine Speer-Biografie schreiben wollte. Er war anfangs von Speer sehr beeindruckt, nach einem Treffen in München aber enttäuscht von ihm. Dennoch fand er, dass der eigentliche Schlüssel zum Verständnis dessen, wie Hitler überhaupt zur Macht kommen konnte, bei Speer und
seinesgleichen liegt. Polit-Desperados gibt es in jeder Gesellschaft, aber in Deutschland ist die große Masse der moralisch Denkenden und der Leute mit ganz festen Verhaltenskategorien zu den Nazis übergelaufen. Sie haben keinen Anstoß am Unrecht auf offener Straße genommen, das schon bald nach der Machtergreifung geschah. Das ist der Unterschied, und dafür ist Speer eine repräsentative Figur.
SPIEGEL: Haben Sie Speer gegenüber Abscheu empfunden?
Fest: Abscheu nein, Fremdheit ja. Er war ein eminenter Zeuge. Ich habe viele Seiten an Notizen über meine Begegnungen mit ihm, in denen von Konflikten die Rede ist, von Verstimmungen, die oft über Wochen dauerten. Es gab diese Reserven übrigens auch auf seiner Seite, zumal bei Beginn unserer Zusammenarbeit an seinen "Erinnerungen".
SPIEGEL: Worum drehten sich die Konflikte?
Fest: Seine Verdammung des Regimes im Ganzen war vorbehaltlos, und das hat, nach den Worten eines britischen Historikers, eine "kathartische" Wirkung auf die Deutschen gehabt. Wenn es aber um sein persönliches Versagen ging, um persönliche Blindheiten, wurde er merkwürdig stumm. Darin lag ein Missverhältnis, das zu ertragen mir schwer fiel.
Er hat auch bei weitem nicht alles gesagt. Ich habe einiges erst später erfahren, beispielsweise seine Rolle bei den "Entmietungsaktionen" in Berlin oder die genaue Beschreibung seines letzten Besuchs in der Reichskanzlei am 23./24. April 1945. Wolf Jobst Siedler und ich haben versucht, ihn zu überreden, wenigstens eine kurze Darstellung dieses dramatischen Abschieds in die "Erinnerungen" einzuarbeiten. Fünf Jahre später hat Speer mir die Einzelheiten nachgeliefert. Ich verstehe sein Schweigen darüber bis heute nicht.
SPIEGEL: Sie haben geschrieben, er habe wohl Schuld empfunden, aber nicht gewusst, was Schuld eigentlich sei.
Fest: Speer führte alle Gesten eines reuigen Menschen vor, subjektiv aufrichtig, wie ich denke. Aber ich glaube, er hat nie begriffen, was ihm wirklich vorzuwerfen war.
SPIEGEL: Albert Speer war ein junger Architekt ohne Aufträge, als er mit den Nazis in Berührung kam. Er durfte Bauten errichten und planen, von denen er nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Und er hatte ein Sonderverhältnis zu Hitler, homoerotisch gefärbt, in dem er der Stärkere war.
Fest: Er hat die erotische Komponente seltsamerweise nicht wahrgenommen, die zwischen ihnen im Spiel war. Als ich ihn darauf ansprach, war er einigermaßen aufgebracht und wollte von solchen "Psycho-Hintergründen", wie er sagte, nichts wissen. Aber greifbar war diese emotionale Grundierung ihrer Beziehung, und Speer nutzte sein Sonderverhältnis zu Hitler über die Jahre hinweg aus.
SPIEGEL: Hat sich das Unbehagen, das Sie nach der Hitler-Biografie verspürt haben, mittlerweile gelegt?
Fest: Ich denke ja. Alles hat seine Zeit, und das Buch hat seinen Weg gemacht. Es ist genug. Aber das Thema verlässt mich und meine Generation nicht mehr.
SPIEGEL: Herr Fest, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Gerhard Spörl und Klaus Wiegrefe in Fests Kronberger Haus. * Beim Einstudieren rhetorischer Posen. * Auf einer Konferenz von Wehrwirtschaftsführern 1944.

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