01.10.2003

SACHBÜCHERKleiner, großer Mann mit Mütze

Ein neues Standardwerk beschreibt den Sozialdemokraten und Kanzler Helmut Schmidt
Er war, gemessen an den Zeitumständen, ein guter Kanzler. Helmut Schmidt, der fünfte Regierungschef der Bundesrepublik, hatte nicht die unerbittliche Zähigkeit, die Finassierkunst eines Konrad Adenauer, auch nicht die Träume und Visionen eines Willy Brandt. Aber er hat Deutschland sicherer gemacht - und das nicht so sehr mit dem damals so heftig umstrittenen Nato-Doppelbeschluss, sondern vor allem mit der von ihm erfundenen Welt-Wirtschaftspolitik und mit dem von ihm als höchst persönlich empfundenen Kampf und Sieg gegen den Terrorismus der siebziger Jahre.
Er, der wegen seiner intellektuellen Strenge gemeinhin wie Hans-Jochen Vogel als "Oberlehrer" galt, wurde vom Volk nicht geliebt, von Journalisten - die er als "Wegelagerer" verachtete - gefürchtet und von einigen, streng linken Parteifreunden sogar aus dem Amt getrieben. Wer kennt heute noch, nach 21 Jahren, deren Namen, Manfred Coppik etwa?
Helmut Schmidt dagegen steht als allseits geachteter Elder Statesman kurz vor seinem 85. Geburtstag (23. Dezember), dem Parteienstreit längst entrückt. Schon zu Schmidts 70. Geburtstag im Jahre 1988 hatte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker des Jubilars "lebenslange, gewaltige Arbeit mit sich selbst" gelobt - auf eine Weise, die, wie die meisten der Worte Weizsäckers, zugleich dessen Parteifreund Helmut Kohl kritisch beleuchteten: Bei Schmidt gebe es "ein Ringen mit den Konflikten des Menschen in seiner Zeit, eine Auseinandersetzung mit der Spannung zwischen Verstand und Gefühl, Leidenschaft und Disziplin, Idee und kritischer Rationalität, Interesse und Moral, Gesinnung und Verantwortung, dem großen Wurf und dem kleinen Schritt".
Helmut Heinrich Waldemar Schmidt stammt aus dem Hamburger Arbeiterviertel Barmbek; sein Vater Gustav war Spross einer äußerst flüchtigen Bekanntschaft zwischen dessen Mutter Friederike Wenzel und dem jüdischen Bankkaufmann Ludwig Gumpel, der sich zwar aus dem Staube macht, aber wohl finanziell hilft, dass die leibliche Mutter ihren Gustav zur Adoption durch die Familie Schmidt freigibt. Enkel Helmut hat die Existenz des jüdischen Großvaters seinem französischen Freund, dem Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing mitgeteilt und der Öffentlichkeit erst nach Ende seiner Kanzlerschaft bestätigt. Damals, als der Abiturient 1937 zur Wehrmacht ging, und erst recht 1942, als er seine Schulfreundin Hannelore Glaser heiratet und einen "Ariernachweis" braucht, hätte die Tatsache böse Folgen haben können. Aber im Krieg, meist in der Etappe, und auch sonst hat er nach eigener Einschätzung immer "irgendwie Glück gehabt".
Er hat Glück, dass er 1945 nach vierwöchigem Fußmarsch durch Deutschland von Briten gefangen genommen wird; und er hat Glück, dass er - von den Engländern als "grüner" (also unbelasteter) Offizier eingestuft - schon nach wenigen Monaten entlassen wird. Und natürlich hat auch er das Glück, die NS-Zeit "irgendwie" und vor allem ohne persönliche Verstrickung überstanden zu haben.
Seine Tochter Susanne, geboren 1947, macht ihm später, als sie die väterlichen Aufzeichnungen und Tagebuchnotizen jener Zeit liest, einen Vorwurf, der ihn gekränkt und "sehr getroffen" hat, wie er in dem Buch "Kindheit und Jugend unter Hitler" gesteht: Ihr fiel bei der Lektüre der Sätze ihres Vaters das "Nicht-Wissen" oder das "Nicht-Wissen-Wollen" der Judenverfolgung unangenehm auf - damals gewiss der normale Generationenkonflikt im Umgang mit den Vätern. Angesichts des jüdischen Vorfahren ist aber die Irritation, die der Tochter zu schaffen machte, umso verständlicher.
In der Hamburger Lichtwark-Schule galt Schmidt als "Schnack-Fass", als einer, der gern redet und sich gern reden hört. Später wurde er wegen dieser Begabung "Schmidt-Schnauze" genannt. Seine recht geringe Körpergröße suchte er schon als Knabe eitel mit einer Schiffermütze wettzumachen, die ihm in späteren Jahrzehnten den Habitus des wegweisenden Lotsen verleiht.
Er gibt gern die Richtung vor - als Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung in der Hamburger Wirtschaftsbehörde, als Innensenator, der erfolgreich die Folgen der Jahrhundertflut 1962 bekämpft, als SPD-Fraktionschef zu Zeiten der Bonner Großen Koalition, als Verteidigungsminister im ersten sozialliberalen Kabinett unter Willy Brandt, den er bei endlosen Diskussionen mit Karl Schiller oder Erhard Eppler nervt, oder als Finanzminister, der den Reformeifer der Utopisten in Brandts Umgebung zu hemmen hat. Im März 1974, als Kanzlerspion Günter Guillaume noch unbehelligt im Amt ist, präsentiert sich Schmidt mit schneidiger Rede und herber Kritik an Brandt dem SPD-Vorstand als dessen Kronprinz und Reservekanzler. Zwei Monate später wird der Anspruch Wirklichkeit.
Historisch erwiesen scheint, dass Schmidt den nur wenig älteren Brandt nicht aus dem Amt intrigiert und nicht an dessen Stuhl gesägt hat. Aber er hat, ebenso wie Herbert Wehner ("Was der Regierung fehlt, ist ein Kopf"), die Managementschwächen Brandts erkannt und attackiert. Und er zierte sich nicht wirklich und nicht lange, dessen Erbe anzutreten.
Zeitlebens hat sich Schmidt mit der Frage beschäftigt, ob er sich im Kriege nicht stärker mit der staatlichen Obrigkeit hätte anlegen müssen; er hatte Freunde in der Nähe von Worpswede, die sich zum Widerstand gegen Hitler entschlossen hatten. Er beantwortete sie mit einem Kernsatz aus der einzigen staatspolitischen Literatur, die ihm in der Schülerzeit in die Hände gekommen war und die ihm Richtschnur fürs Leben blieb, eine Maxime Marc Aurels: "Was auch immer Du tust, tue es weder gegen Deinen Willen noch ohne Menschlichkeit noch ohne vorherige vernünftige Überlegung." Von dort ist nur ein kurzer Weg zum kategorischen Imperativ Immanuel Kants, jeder solle so handeln, dass seine Prinzipien für den Umgang mit anderen zugleich auch als Regeln für alle anderen gelten können.
Diese Devise und seine Glaubwürdigkeit verletzt er einmal, im Wahljahr 1976, schnöde. Im Wahlkampf hat er den Rentnern eine fast zehnprozentige Rentenerhöhung zugesagt, ein Versprechen, das er nach dem Wahltag wieder einsammeln will, als ihm die wahre Lage der Rentenfinanzen bewusst wird. Die Opposition spricht von "Rentenlüge", er selbst denkt erstmals an Rücktritt: "In langen Jahren der politischen Verantwortung habe ich niemals mehr gelitten als im Zeitraum des Erkenntnisprozesses am Ende des Jahres 1976", sagt er später. Zurücktreten muss statt seiner der zuständige Ressortchef Walter Arendt.
Der philosophische Überbau festigt sich im "Deutschen Herbst" 1977, dem schwierigsten und bewegendsten Abschnitt seiner Kanzlerschaft, als RAF-Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführen und den Staat zu erpressen suchen. Darf ein Regierungschef ihnen nachgeben, um Menschenleben zu retten? Hat nicht derselbe Helmut Schmidt zwei Jahre vorher zugestimmt, den entführten Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz durch Verhandlungen und einen Austausch zu retten? Können sich Maximen so schnell ändern?
Damals war er schwer krank und ärgerte sich nachträglich darüber, dem Drängen des Lorenz-Freundes Helmut Kohl und des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Schütz, nachgekommen zu sein. Zwei Monate später lehnt er es ab, den Besetzern der deutschen Botschaft in Stockholm nachzugeben. Und er weigert sich im deutschen Herbst '77, auf die Forderung der Entführer von Schleyer und der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu einzugehen. Dabei weiß der Kanzler, dass er die von ihm formulierten drei Ziele schwerlich zugleich erreichen kann: Der Staat soll Handlungsfähigkeit beweisen, die Entführer festnehmen und Schleyer befreien.
Als aus Somalia die Nachricht vom erfolgreichen Sturm auf den Lufthansa-Jet kommt, ist seine oft gescholtene Arroganz geschwunden. Der sonst so emotionslose Kanzler weint. Hätten die "Landshut"-Geiseln nicht befreit werden können, wäre Schmidt, wie er in der gleichen Nacht seinem engsten Berater Klaus Bölling anvertraut, am folgenden Tag vom Amt zurückgetreten - zum Glück schwer vorstellbar, in welche Existenzkrise sein Rücktritt und ein Fehlschlag des Sturmangriffs in Mogadischu die deutsche Politik geführt hätten. Vor dem Parlament gesteht Schmidt ein, "trotz allen Bemühens mit Versäumnis und Schuld belastet" zu sein - Schleyer ist tot. Aber der Kampf gegen die RAF war erfolgreich.
In Krisen zeigen sich Schmidts Managementqualitäten: Er verfolgt das für richtig erkannte Ziel unbeirrt, auch gegen Widerstand. Im Kampf gegen das Hochwasser lässt er Bürokratien und Instanzenwege außer Acht; am Rand der Legalität kommandiert der Zivilist die Helfer von Bundeswehr- bis zu Nato-Verbänden. Als Kanzler lässt er den US-Präsidenten Jimmy Carter undiplomatisch schroff spüren, dass er nicht viel von dessen Regierungskunst hält. Er regiert lieber gegen die Friedenssehnsucht Hunderttausender, die auf der Straße gegen ihn und die Nachrüstung demonstrieren, als deren Forderungen auch nur schrittweise entgegenzukommen: Was er für richtig hält, das gilt.
Schon als Verteidigungsexperte hat Schmidt für seine Politik in Buchform geworben; nach dem Ende seiner Kanzlerschaft ist er als Buchautor erfolgreich. Über ein Dutzend Biografien beschäftigen sich inzwischen mit dem Philosophen im Kanzleramt, dem "leitenden Angestellten" - so Schmidt selbst - oder dem "Generaldirektor der Bundesrepublik" - so der Historiker Hans-Peter Schwarz -, der sein Land letztlich erfolgreich managte, seinen Nutzen mehrte und Schaden abwendete. Sein Leben ist ein offenes Buch, sein Wirken unter den Zeitzeugen anerkannt. Martin Rupps hat in seiner Dissertation "Politikverständnis und geistige Grundlagen" beschrieben und diese Arbeit danach zu einer eindrucksvollen, wenn auch gelegentlich etwas naiven "politischen Biographie" aufbereitet.
Einfühlsam ("Schmidt war vom ersten Tag im [Kanzler-]Amt an einsam"), aber nicht minder naiv ist die Biografie des "Zeit"-Journalisten Michael Schwelien, der Schmidts politische Vita unentwegt verschränkt mit belanglosen Episoden des "Zeit"-Herausgebers Schmidt.
Jetzt aber steht uns das ultimative Werk ins Haus, ein Standardwerk, das die Bücherschränke dank seiner Gewichtigkeit sprengen wird - und dank seines Gewichts: Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Hartmut Soell, 64, einst Mitarbeiter des SPD-Fraktionschefs Schmidt und seit 1977 Geschichtsprofessor in Heidelberg, legt die Biografie schlechthin, die endgültige also, vor - zwei Bände Schmidt-Leben mit jeweils 900 Seiten prall gefüllt. Das macht 1800 Seiten für den kleinen Mann aus Hamburg, der als Macher bewies, dass selbst sozialdemokratische Kanzler ihren Staat nicht nur verändern, sondern auch bewahren können.
Die ersten 980 Seiten des Mammut-OEuvres, die jetzt erscheinen, umschreiben gespickt mit Quellen aus privater Korrespondenz oder offiziellen Akten die Jahre 1918 bis 1969. Jeder, der des Lesens nicht müde geworden ist, mag sich auf den zweiten Band freuen, der laut Verlagsauskunft in Vorbereitung ist. Vielleicht könnte ein Lektor noch ein paar sprachliche Rempler ausbeulen - etwa wenn von einer "wachsenden Unterzahl" die Rede ist oder wenn der Beamte im Professor den Halbsatz formuliert, "er führte an gleicher Stelle auch die Kenntnis der Tatsache als weiteren Grund dafür an". Da schüttelt es den Wegelagerer.
Für eine allfällige Taschenbuchausgabe möchte man Autor, Verlag und Lektor den Appell eines anderen deutschen Kanzlers in Erinnerung rufen, Ludwig Erhard nämlich: "Maß halten!" Nicht die Länge macht das Werk. WOLFRAM BICKERICH
Von Wolfram Bickerich

SPIEGEL SPECIAL 3/2003
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