01.11.2003

KRANKHEITKommune des Vergessens

In einer Berliner Wohnung verbringen sechs Menschen gemeinsam ihren Lebensabend, ohne einander zu kennen. Wie 1,5 Millionen andere in Deutschland leiden sie unter Demenz. Die verwirrten Alten in WGs zu betreuen ist eine Alternative zur gefürchteten Abschiebung ins Heim.
Ihre Welt ist Schwerin. Ihr Kleid, das sie immer wieder über dem Bauch glatt streicht, ist die Aue; die lärmende Potsdamer Straße, auf der sie manchmal spazieren geht, der See. Ihr Zimmer ist ein Badesteg und die Currywurstbude um die Ecke das Tanzlokal ihrer Jugend.
"Wir Schweriner schwofen und schwimmen gern", erklärt Frau Hübner und summt gedankenverloren die Melodie vom lustigen Zigeunerleben. Zwei Brustzüge im Trockenen, dann wiegt die alte Dame den stabilen Körper von einem Bein aufs andere. "Darf ich vorstellen?", unterbricht sie sich und neigt den Kopf zwei gerahmten Stickereien zu - einem "M" und einem "E" in tadellosen Kreuzstichen. "Das sind die Männer der Familie. Lauter gut aussehende Burschen."
Herr Wald lebt in Ostpreußen. Sein Vater war dort Volksschullehrer, und die Mutter buk sonntags immer Streuselkuchen. "Weil dann der Opa kam", erzählt der alte Mann. Sorgsam sticht er seine Gabel in ein Stück Schokoladentorte. Er wird sie gleich wieder vergessen haben. Doch an die Weihnachtsplätzchen in Pankow erinnert er sich, an die großen Augen seines Sohnes bei der Bescherung. Seine Frau wohnt noch immer in der ehelichen Wohnung. An manchen Tagen bittet sie ihn für ein paar Stunden zum Kaffee. "Mein Frauchen, mein Frauchen", ruft Herr Wald nach solchen Besuchen.
"Schluss jetzt", schreit Frau Hübner dann. Seine Unruhe geht ihr zuweilen auf die Nerven. "Kann der nicht still sitzen?", knurrt sie in die Runde. Niemand antwortet. Frau Panitsch kämpft mit ihrem Heinz. Stumm grübelt sie im Rollstuhl und schimpft dann los, schleudert dem abwesenden Ehemann finstere Laute hin. "Äh, äh", äfft Frau Zabel sie nach, ohne den Blick von der Fernsehshow zu wenden, "äh, äh." Im großen Sessel dämmert mit versunkenem Gesicht Frau Altnow, aus dem Nachbarzimmer ertönt ein Stimmchen. "Halleluja, halleluja." Frau Naujocks hält Zwiesprache mit ihrem Gott.
"Und mit solchen Menschen muss man nun zusammenleben." Frau Hübner klingt entrüstet. Sie hat einen seltenen wachen Moment erwischt. Für eine Sekunde verlässt sie Schwerin und kommt an in der großzügigen Berliner Gründerzeitetage, die alle miteinander gemietet haben. Die sechs Herrschaften, 73 der Jüngste, 95 die Älteste, leben in einer WG. Jeder hat seinen eigenen Raum. Gemeinsam teilen sie Wohnzimmer, Küche, zwei Bäder und die Diagnose: Demenz.
Herrn Wald, 73, haben zwei Schlaganfälle die frühere Persönlichkeit geraubt. Bei den anderen schleicht sich das Ich einfach davon. Monat für Monat rückt es ein bisschen weiter aus dem Bewusstsein - bis sich die Alten verloren haben.
Sie finden sich nicht mehr zurecht in der Welt. Ihre Familien können oder wollen sie nicht Tag und Nacht geleiten. Frau Zabels Stiefsöhne haben die Obhut an eine Amtsbetreuerin abgegeben. Die Frau von Herrn Wald benötigt selbst die Hilfe einer Diakonieschwester. Marion Hübner hat resigniert, als ihre Mutter beinahe die Wohnung in Brand gesetzt hatte. Die alte Dame wollte "das rote Licht ausschalten" - und legte ein Wolltuch über die Höhensonne.
Jeder Zehnte im Land, der älter ist als 75, gilt als "schwer bis mittelschwer dement": 1,5 Millionen Menschen, mehr, als in München wohnen. Das Risiko nimmt mit jedem Lebensjahr zu, und die Alten werden immer älter. Deshalb werden in 27 Jahren 2,5 Millionen an der Krankheit leiden; in 50 Jahren sollen es mehr sein, als heute in Berlin leben. Alle Forschung hat bislang nur Wirkstoffe hervorgebracht, die das Vergessen um wenige Monate hinauszögern können. Niemand ist davor gefeit, dass er von sich selbst verlassen wird.
Wohin mit ihnen allen? Marion Hübner hat ihrer Mutter nach einer hitzigen Debatte über Sinn und Zweck von Elektroschaltern mit dem Heim gedroht. Ernst gemeint hat sie es nicht. "Ich wusste ja, dass sie mehr Fürsorge braucht als ein Kind." Eintönige Flure, in denen sich Demente verlaufen; Pfleger, die von Zimmer zu Zimmer hasten und Psychopharmaka austeilen. "Solche Bilder haben mich umgetrieben", sagt auch Ulrich Wald. "Das wollte ich meinem Vater ersparen."
In der Berliner Pohlstraße kümmern sich die Mitarbeiter einer Sozialstation Tag und Nacht um die Alten. Seit drei Jahren führen sie ihnen den Haushalt und pflegen Leib und Seele. Sie kaufen Brot und Windeln, kochen Gulasch und Kaltschale, rechnen mit den Stromwerken ab, putzen den Alten Po und Zimmer, führen sie zum Eisessen aus, halten ihre Hände, achten darauf, dass sie ausreichend trinken. Und wenn es die 89-jährige Frau Naujocks verlangt, spricht der an Gott zweifelnde Student, der abends die Nachtwache antritt, ein Gebet mit ihr.
Für jeden Einzelnen wäre dieses Programm unbezahlbar. Doch die Angehörigen haben sich auf das eherne WG-Prinzip besonnen: zusammenschmeißen. Statt für jeden Bewohner einen eigenen Pflegedienst zu suchen, haben sie nur eine Sozialstation mit der Pflege aller betraut. "So geht das Geld nicht drauf für teure Anfahrtswege", sagt Klaus Pawletko, der Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen". Es bleibt so viel übrig, dass die Sozialstation rund um die Uhr Mitarbeiter in die Pohlstraße schicken kann - tagsüber arbeiten sie dort meist zu dritt.
Seit neun Jahren betreibt Pawletko den Zusammenschluss solcher Wohngemeinschaften. "Oldies" nennt er die vergesslichen Damen und Herren liebevoll. Er habe als Berater für die Senatsverwaltung "zu viele klassische Heimkarrieren" erlebt, meint er. "Die Dementen wollen weg, stürzen und sind innerhalb von drei Monaten bettlägrige Pflegefälle." In einer überschaubaren Wohnung passiere das kaum. "Und die Alten bewahren sich trotz allem ein bisschen Normalität."
Die Pflegerinnen tragen Sommerkleider und die Bewohner keine bekleckerten Lätzchen. Wer früher Anzüge mochte, soll sie weiterhin tragen. Vielleicht bieten die alten Gewohnheiten ja einen Halt.
Frau Hübner macht sich gern schick. An diesem Tag trägt die 83-Jährige über grauem Flanell einen wehenden rosa Seidenschal. "Ich bin eine Elfriede Johanna Maria Auguste", erklärt sie und streckt Herrn Wald die Hand hin. "Das war ich mal." Der Mann schaut sie aus blaugrünen Augen an. Ganz klein wirken sie hinter den dicken Brillengläsern. Er lächelt. Dann stolpert er wieder los durch das Wohnzimmer, vorbei an der Schrankwand, die Frau Hübner mit in die Gemeinschaft gebracht hat. Der Fernseher stammt von Frau Altnow; die Wanduhr aus Messing kommt von Frau Zabel. Aber daran erinnert sich Frau Zabel nicht mehr.
Es ist ein seltsames Zusammenleben. Ständig vergessen die Bewohner sich selbst und einander, und doch hat sich jeder an die anderen gewöhnt. Zu gern rollt Frau Zabel ihre Gehhilfe in das sonnendurchflutete Zimmer von Herrn Wald, wuchtet sich auf sein blaues Sofa, legt ihre 80 Jahre alten Beine hoch und starrt auf das Porträt des Königsberger Volksschullehrers. Im Regal zeugen Bücher von einer vergessenen Leidenschaft: "Ich war in Timbuktu", "Aufzeichnungen eines Persienreisenden". Der Sohn hat sie dort aufgereiht, weil der Vater immer von der weiten Welt träumte. Doch Herr Wald kam nie weiter als in die Buchläden der DDR.
Zum Frühstück bringt Frau Hübner ein Foto ihrer Enkelin mit. "Denn man tau", schwatzt sie los und mustert ihren Teller: zwei Scheiben Graubrot, eine Scheibe Toast, Salami, Marmelade. Am Kopfende müht sich Herr Wald mit dem Messer. Geduldig ermuntert ihn die Altenpflegerin Sabine Schilling. Erst als die Butter ganz auf seinem Hemd zu landen droht, greift sie ein. "Wir versuchen, die Selbständigkeit zu fördern", sagt sie. "Dazu gehören auch unappetitliche Übungen."
Frau Hübner schüttelt den Kopf. "Da kann man ja gar nicht hingucken", erklärt sie mit der Würde einer Dame von Welt. Akkurat platziert sie die Salami auf dem Brot und pflückt sogleich Scheibe für Scheibe wieder herunter. Sie greift nach ihrem Foto. "Hast du auch ein bisschen Appetit?", fragt sie die papierene Tischgenossin. Dann belegt sie das Kinderporträt mit der Wurst. Wer das blonde Mädchen denn sei, fragt die Altenpflegerin freundlich. "Das fällt mir gleich wieder ein", erwidert Frau Hübner energisch.
Frau Hübner hat schreckliche Angst davor, etwas zu vergessen. Es ist, als hätte sie noch eine Ahnung von der Zeit, in der alles begann. Zwei Jahre lang tat sie so, als sei alles in Ordnung. Dabei fühlte sie sich ausgeliefert wie noch nie in ihrem Leben. Nach dem Einkaufen fand sie nicht zurück nach Hause; auf Zetteln hinterließ sie Notizen, die sie später nicht mehr entziffern konnte, zum Kaffee suchte sie nach Keksen, die sie am nächsten Morgen zwischen ihrer Unterwäsche wiederfand - "eben ein klassischer Alzheimer", sagt ihre Tochter verzweifelt sachlich.
Rätselhafte Amyloid-Beta42-Moleküle bringen im Gehirn der alten Dame die Erinnerung zu Fall. Nach allem, was Neurologen wissen, tötet das Eiweiß die Nervenzellen und sucht sich Tau-Proteine als Verbündete: Sie bilden in den abgestorbenen Zellen Knäuel aus Eiweiß-Fäden, um die sich dicke Plaque-Schichten legen.
Warum sich der Stoff ausgerechnet in den Gehirnen von Frau Hübner, Frau Panitsch oder Frau Zabel ausbreitet und andere unbehelligt lässt? Dirk Rehbein zuckt die Achseln. Der Neurologe ist zur Visite in die Pohlstraße gekommen. "Wir haben es mit ziemlich unbekannten Tätern zu tun", sagt er. "Das macht auch die Suche nach einem Impfstoff so schwierig."
Die Behandlung fällt ihm nicht immer leicht. Demente können kaum Auskunft geben über Schmerzen, Hunger und Durst - all das haben sie längst vergessen, wenn der Arzt sie untersucht. Also lässt sich Rehbein, der vier der sechs Bewohner behandelt, erst einmal am Wohnzimmertisch nieder und spricht mit der Altenpflegerin. Ausführliche Krankenakten liegen ihm nur von zwei Patienten vor. "Wenn jemand keine Familie mehr hat, die sich kümmert, gehen viele Unterlagen in Krankenhäusern oder Heimen unter", sagt er. "Irgendwann verschwindet die Biografie dieser Menschen in der Bürokratie."
Auch die Pfleger kennen oft nicht mehr als Namen, Geburtstag und den letzten Wohnsitz. "Wir sind ja froh", erzählt Monika Dannewitz, während sie die Wäsche sortiert, "dass jetzt Fotoalben von Frau Zabel aufgetaucht sind." Sie liegen neben dem Lieblingssessel der Alten: Frau Zabel als strahlender Partygast, neben ausladenden Tortenplatten, beim Toast auf eine Verwandte namens Lotti. "Geburtstage 1988/89/90" steht in krakeliger Schrift auf dem Kunstleder. Ein Anhaltspunkt.
Im Flur ertönt das Windspiel, wie immer, wenn jemand die Wohnungstür öffnet. "Kann mal einer gucken gehen", ruft Pflegerin Dannewitz. Doch diesmal ist es nicht Frau Hübner, die zum Schwimmen in die Aue laufen will. Der Enkel von Frau Naujocks kommt herein. Wie alle Angehörigen besitzt er einen Schlüssel - damit die Pfleger in der WG nicht heimlich das Regiment übernehmen. "Na, Herr Wald, alles klar?" Freundlich grüßt er in die Runde. "Wie geht es meiner Oma?", fragt er. "Was hat der Arzt gesagt?" Getreulich berichtet Monika Dannewitz.
Am kommenden Tag schaut Marion Hübner nach der Arbeit noch in der Pohlstraße vorbei. Sie findet die Mutter in ihrem Zimmer vor dem Spiegel. Dort steht sie gern - umgeben von dem Sessel, den Bleikristall-Engelchen und der Stehlampe. Die Tochter hat alles so aufgebaut wie zu Hause. Selbst die Tapete hat den gleichen altrosa Farbton. Sachte fährt Frau Hübner mit der Handfläche über das Glas. "Ach die Herren", sagt sie zu ihrem Spiegelbild. "Verdammte Kiste. Das Leben kann so verschieden sein. Es geschieht immer alles anders, als man denkt." Dann erblickt sie die Tochter. "Ein Tänzchen gefällig?" Sie streckt dem Besuch die Hände hin. "Lustig ist das Zigeunerleben", singt sie, "faria, fa-ria ho. Nun zieren Sie sich nicht."
Ihr Kind tut ihr den Gefallen, nimmt die Mutter in den Arm und tanzt. Dann zieht die 49-jährige Frau ein Taschentuch. Verstohlen tupft sie ihre Tränen. Immer sei die Mutter lebenstüchtig gewesen, erzählt sie, sechs Kinder habe sie allein großgezogen - und trotzdem gearbeitet. "Sie war eine Dame." Es klingt wie ein Schwur. "Und mit einem Mal hockt sie sich sonntags in meinen Garten und uriniert." Eine persönliche Schmähung - jedenfalls empfand es die Tochter damals so. Dabei hatte sie so viel gelesen, dass sie den typischen Krankheitsverlauf wie aus dem Lehrbuch aufsagen konnte: Erst vergisst der Mensch Kleinigkeiten, dann verändert sich die Handschrift. Wochentage und Uhrzeiten verschwimmen, einst vertraute Gesichter wirken fremd - und schließlich erkennt der Demente niemanden mehr, erinnert sich nicht an die vorangegangene Minute und kann seinen Körper nicht mehr kontrollieren. Sieben Jahre dauert der Verlust des Ichs im Durchschnitt. Das Gehirn schrumpft in dieser Zeit um 20 Prozent.
Im wahren Leben half Marion Hübner alle Theorie nicht weiter. Sie zankte und zeterte, verlangte Rücksichtnahme und Entgegenkommen - und musste sich schließlich damit abfinden, dass sie ein völlig falsches Bild von der Mutter hatte: das alte. "Es war wie eine Trennung", sagt sie. "Der geliebte Mensch verlässt einen."
Noch immer glättet die Tochter, wo sie kann. Sie hängt Röcke und Blusen so in den Schrank, dass sie bei jedem Griff farblich aufeinander abgestimmt sind. Isst die Mutter zu viel, verordnet die Tochter weniger Kost. "Man kann ihr nicht alles durchgehen lassen", meint sie. "Und sie könnte auch mehr im Haushalt helfen."
Manchmal werkelt Frau Hübner in der Küche am Spülbecken herum. Dann hält sie die Teller ins Wasser, schwimmt mit ihnen im Schweriner See. "Angehörige akzeptieren nur schwer, dass der Prozess nicht aufzuhalten ist", sagt die Pflegerin Schilling mitleidig. "Wir können hier niemanden wiederherstellen."
Irgendwann, das weiß die Tochter, wird ihre Mutter so reglos daliegen wie die 95jährige Frau Altnow: hilflos wie ein Säugling, in einem bequemen Sessel mit verstellbarer Fußlehne, die Zehen von weichen Pantoffeln gewärmt, mitten im Wohnzimmer, im Zentrum eines Geschehens, das sie nicht mehr wahrnimmt. "Vielleicht kriegt sie ja doch noch etwas mit", sagt Pflegerin Dannewitz unverdrossen und flößt der Alten vorsichtig Tee ein. "Vielleicht merkt sie, dass sie nicht abgeschoben in irgendeinem Kämmerchen liegt." Auch Frau Hübner wird wohl in diesem Wohnzimmer sterben. Die WG soll allen bis ans Ende Heimat sein.
"Marie, Marie, ich bin verliebt in Sie", singen die Comedian Harmonists, der Zivi hat die Platte aufgelegt, und Monika Dannewitz zückt einen Stift. Die Altenpflegerin muss jeden Handgriff notieren - es gibt kein Menschenbedürfnis, dem sich nicht ein Preis zuordnen ließe. 11,66 Euro etwa kostet "Leistungskomplex 1": die "erweiterte kleine Körperpflege", inklusive "Hilfe beim Aufsuchen oder Verlassen des Bettes, An- und Auskleiden, Teilwaschen, Kämmen, Mund- und Zahnpflege". Zuwendung ist genauso teuer. "Gespräche führen und Unterhaltungen fördern" macht 11,66 Euro.
Rund 3000 Euro zahlt jeder Bewohner im Monat für Zimmer, Verpflegung und Betreuung. 921 Euro davon trägt die Pflegeversicherung in der Pflegestufe 2; für den Rest müssen die Alten, solange Rente und Ersparnisse reichen, selbst aufkommen. Das Leben in der Wohngemeinschaft kostet mehr als in einem durchschnittlichen Berliner Altenheim. Allerdings, davon ist der erfahrene Neurologe Rehbein überzeugt, lassen sich langfristig durch humanere Pflege teure Psychopharmaka einsparen.
Mutter und Tochter Hübner haben sich in den Innenhof verzogen, den die Bewohner als Terrasse nutzen. Duftend rankt der Blauregen an einer Pergola, durch die hoch gewachsenen Baumkronen sprenkelt Sonnenlicht. Frau Hübner betrachtet ihre Hände und tippt auf die Altersflecken. "Hässlich", sagt sie. "das kommt vom Alter." Erleichtert lächelt die Tochter über das ganz normale Problem einer Dame. "Guck mal, Herr Wald winkt dir", sagt sie - da ist der Moment der Verständigung auch schon wieder vorüber. "Herzlichen Glückwunsch", entgegnet die Mutter freundlich. "Den kenne ich aber nicht."
Inzwischen sind auch die anderen eingetrudelt. Selbst Frau Altnow liegt in eine Decke gepackt im Gartenstuhl, und die 86-jährige Frau Panitsch hat die fünf Treppenstufen sogar ohne Rollstuhl überwunden. Zehn Minuten hat sie an den Händen der Pflegerin gebraucht - eine kleine Ewigkeit. Eine willkommene Abwechslung. "Man muss die Ödnis eines langen Tages ja irgendwie füllen", sagt Pawletko. Ein Alzheimer-Kranker setzt sich nicht in die Ecke und liest ein gutes Buch.
"Kekse gefällig", ruft Monika Dannewitz aus dem Küchenfenster und reicht Getränke und Gebäck in den Hof. Dann kreist ein Stoffball - und die Pfleger haben zu tun wie Balljungen beim Tennisturnier. Am Fenster gestikuliert die Altenpflegerin mit dem drahtlosen Telefon. "Ihr Sohn", sagt sie und gibt an Herrn Wald weiter. Er strahlt. "Mein großer Bengel." Den Bengel, er ist 40, rührt der Stolz. "Jetzt erst", meint er wehmütig, "kann mein Vater Gefühle zeigen."
Die Sonne wandert, die Ersten frösteln. Tochter Hübner verabschiedet sich. Ihre Mutter zieht sich zurück, um die nächsten Gäste zu empfangen. Ausgelassen kichert sie mit den unsichtbaren Geladenen, dann fragt sie vorwurfsvoll: "Haben Sie die Kleinen denn gar nicht mitgebracht?" Vor vielen Jahren hat Frau Hübner vier ihrer Kinder monatelang vermisst. Sie galten während des Krieges als verschollen.
Im Bad läuten zwei Pflegehelferinnen die Nacht für Frau Altnow ein. Herr Wald läuft noch ein bisschen in der Wohnung umher. Frau Zabel schaut auf die Nachrichtenbilder im Fernsehen, und Frau Hübner, die ihre Gäste erst einmal verabschiedet hat, sitzt mit schlenkernden Beinen auf der Bettkante. Sie hat ihren Morgenmantel über das Kostüm gezogen und einen Hauch von Vanilleduft aufgelegt. "Riecht doch gut", sagt sie keck und schlägt die Rheumalind-Decke zurück.
Ein dick beschmiertes Butterbrot lagert da. Frau Hübner hat es schon beim Frühstück abgezweigt - falls die Kinderchen doch noch kommen. KATJA THIMM
Von Katja Thimm

SPIEGEL SPECIAL 4/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL SPECIAL 4/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 02:00

Kolumbien Mindestens zehn Tote bei Brückeneinsturz

  • Video "Held des Tages: US-Feuerwehrmann fängt Kleinkind" Video 01:29
    Held des Tages: US-Feuerwehrmann fängt Kleinkind
  • Video "Ein Jahr Trump: Das System hat versagt" Video 04:44
    Ein Jahr Trump: "Das System hat versagt"
  • Video "Busunglück in Eberbach: Unfall mit zahlreichen verletzten Schulkindern" Video 01:09
    Busunglück in Eberbach: Unfall mit zahlreichen verletzten Schulkindern
  • Video "Deutschlands Remis nach der Schlusssirene: Die kuriose Szene im Video" Video 02:30
    Deutschlands Remis nach der Schlusssirene: Die kuriose Szene im Video
  • Video "Seidlers Selbstversuch im Windkanal: Stehenbleiben!" Video 03:08
    Seidlers Selbstversuch im Windkanal: Stehenbleiben!
  • Video "Innenstadt von Sydney: Wallaby liefert sich Verfolgungsjagd mit Polizei" Video 01:21
    Innenstadt von Sydney: Wallaby liefert sich Verfolgungsjagd mit Polizei
  • Video "Eklat in Frankreichs erster Liga: Schiedsrichter tritt gegen Spieler nach" Video 05:04
    Eklat in Frankreichs erster Liga: Schiedsrichter tritt gegen Spieler nach
  • Video "Missbrauchsfall in Kalifornien: Eltern halten 13 Kinder jahrelang gefangen" Video 00:53
    Missbrauchsfall in Kalifornien: Eltern halten 13 Kinder jahrelang gefangen
  • Video "Wunderheiler-Gottesdienst in Berlin: Gefährliche Versprechen" Video 05:40
    "Wunderheiler"-Gottesdienst in Berlin: Gefährliche Versprechen
  • Video "Klimawandel: Schildkröten leiden unter Frauenüberschuss" Video 01:53
    Klimawandel: Schildkröten leiden unter Frauenüberschuss
  • Video "Volkswagen: Rekordjahr trotz Abgasskandal" Video 03:59
    Volkswagen: Rekordjahr trotz Abgasskandal
  • Video "Türkei: Flugzeug rutscht bei Landung fast ins Meer" Video 01:05
    Türkei: Flugzeug rutscht bei Landung fast ins Meer
  • Video "Videoreportage ein Jahr Trump: Die Obamas von der Grenze" Video 06:35
    Videoreportage ein Jahr Trump: Die "Obamas" von der Grenze
  • Video "CNN-Moderator Anderson Cooper: Emotionales Statement zu Trumps Drecksloch-Äußerungen" Video 02:38
    CNN-Moderator Anderson Cooper: Emotionales Statement zu Trumps "Drecksloch"-Äußerungen
  • Video "Kolumbien: Mindestens zehn Tote bei Brückeneinsturz" Video 02:00
    Kolumbien: Mindestens zehn Tote bei Brückeneinsturz